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Politisches Engagement: Bitte wählen Sie!
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Vielleicht liegt es an der irren Individualisierung, vielleicht war es schon immer so: Bei politischen Fragen fühlen sich viele machtlos - dabei können wir doch mitbestimmen. Zum Beispiel bei der Europawahl.

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andre_36 28.04.2019, 14:56
110.

Zitat von moritz27
Als ich noch ein Kind war, da predigte der Pfarrer vor den Wahlen auch immer, dass man wählen gehen muss. Und er sagte der Gemeinde auch gleich noch dazu WEN, wenn man nicht in der Hölle landen wollte. Jetzt muss ich mir wieder selber Gedanken machen. Mist.
Keine Sorge; auch heute noch können Sie ständig irgendwo hören und lesen, wen man wählen sollte und wen nicht.

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caspiat 28.04.2019, 15:03
111. Der Schlüssel um die Welt zu verstehen ... ist Elias Canetti

Canetti wurde 1981 der Nobel Preis verliehen.

Es ist aber sehr schwer, Canetti als "Erzähler" zu bezeichnen.

Nehmen wir an, dass die obszessiven Themen Canettis (Sterblichkeit, Tod, Massenbildung, Machtgefühl) und die "zugespitzten" Beschreibungen zu denen er gelangt, glasklare Fakten sind ...

psychologische Zustände, die real existieren, und aus der "menschlichen Situation" entstehen, die beim Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit beginnt.

Das bedeutet für Dich und mich, dass in Wirklichkeit ganz üble Dinge in uns schlummern, und zum Glück der grösste Teil der Menschheit Psychopathie nie vollständig entwickelt.

Was wäre aber, wenn es einen bestimmten Zustand gibt, in dem es sehr wahrscheinlich wird, dass sich Psychopathie entwickelt? Nicht pathologisch, sondern als "Konsequenz" des eigenen Lebensumstandes?

Ich fange es zur besseren Darstellung so extrem wie nur möglich an:
Stellt Euch Gott vor! er ist sterblich, lebt maximal 100 Jahre, und ist an die Erde festgebunden!

Vermutlich driften die meisten ab. Bei ihnen wird Gott gut.
Sie haben überlesen, dass er sterben wird, und das weiss!
Gott ist praktisch allmächtig, bezieht seine Allmacht daraus, dass er erreichen kann was er will, unter der Voraussetzung, dass er sich nie dabei erwischen lässt, wie er die Hände ins Spiel setzt.
Und trotzdem wird er sterben!

Was sagt uns Canetti?
Dass die Wahrscheinlichkeit, dass Gott gut ist, praktisch zu Null tendiert, wenn er sterben muss!
Sterblichkeit und Macht potenzieren sich, und bilden den Teufel!

(Ich mache darauf aufmerksam, dass ich Atheist bin, und nur eine Bildersprache benutze, die mit wenigen Worten viel beschreibt).

Leiten wir von Canetti ab:
Wie erreichen wir eine Welt, die weniger der Hölle gleicht?
Indem wir Gott die Allmacht schwieriger machen!

Ist das möglich?
Natürlich!

Es reicht, ihn von seinen effizientesten Handlangern abzuschneiden!
Und das sind die, die wir wählen!

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vera gehlkiel 28.04.2019, 15:05
112. @eldoloroso

Wo ich Ihnen ausdrücklich recht geben muß: es ist ziemlich paradox, in einen kurzen Text eine Fundamentalkritik der konsumistischen Selbstueberschaetzung des gierigen Individuums und die ultimative Aufforderung "Geht Bitte Wählen!" direkt hintereinander zu setzen. Natürlich kann man es so sehen, dass gerade diese Paradoxie das Ziel der Uebung ist und das aufruettelnde Moment enthält. Die Wahrheit scheint mir aber eher zu sein, dass die Gefahr hoch ist, dabei in eine allzu gut geölte Selbstreferenzialitaet, sekundiert durch "The Happy Few, die sowas verstehen..." abzurutschen. Und aus Sprache Quantenphysik zu machen, indem man sozusagen eine "Houellebecqsche Katze" erzeugt. Die zugleich an dem eigenen Katzentisch mit ihrem eigenen Katzengesicht und zuverlässig wiedererkennbar sitzt, aber auch überall woanders, und zugleich auch noch nirgends. Was dann auf Abschnitt eins ihres Postings zurück verweist. Mein Geschmack ist doch eher die retuschierte Inkongruenz von so einem SPD-Plakat mit Katharina Barley und wie diese es sogar der guten Sache wegen aushält, sich bei "Böhmermann" und "Hayali" verwursten zu lassen.

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vera gehlkiel 28.04.2019, 15:37
113. @muzepuckel

Zitat von muzepuckel
Ich verweigere diesem Kasperletheater meine Zustimmung. Warum? Weil alleine schon die Stimmengewichtung im europäischen Parlament ein schlechter Scherz ist. Ein deutscher Abgeordneter vertritt 854167 deutsche Wähler, ein österreichischer 461111 und ein luxemburgischer 83333. (Zahlen von 2014, soviel wird sich im Missverhältnis da 2019 wohl kaum ändern.) Wie war das doch gleich mit dem demokratischen Grundsatz "One man, one vote"? Gibt für mich noch andere Gründe dieser Wahl fern zu bleiben, aber alleine damit ist für mich dieser Käse schon gegessen.
Sehr gut, sie haben ganz recht! Am besten gehen wir AOK-ler der Herzen oder per Verordnung auch nicht mehr, nie mehr, zum Arzt. Wegen der Bevorzugung der Privatpatient*innen. Und essen nichts mehr, wegen der Korruption der Food-Multis, die längst das Branding "Bio" auch schon usurpiert haben. Sex? Wo es Kerle wie Trump und Frauen wie Hedi Klumpen gibt, bitteschön?! Kinder?! Wozu denn bloß mit diesen Erstickungstoten oder Wirbelsturmopfern auf Urlaub noch spielen? Wieviel Unerträgliches verdeckt mein Lachen, wenn meine kleine Nichte einen Plastikpille mit vollem Anlauf voll über die Hecke donnert und sich dabei satt auf ihren süßen runden Poppes setzt?! Alles keine neuen Fragen übrigens. Wahrlich, wir leben in finsteren Zeiten. Fabulierte schon Brecht, dem aber schwungvoll gelingt, in seinem zurecht weltberühmten Gedicht am Ende des Tunnels eine kleine ganz warme Glühbirne in Betrieb zu nehmen. Unversehens, aber doch maßlos konsequent. Die Alternative wäre wohl Alfred Hitchcocks "Norman Bates" in der ebenfalls weltberühmten letzten Szene von "Psycho", transportfertig eingeschnuert in eine innerliche Zwangsjacke, die ihm noch nicht mal jemand hat anlegen müssen.

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vera gehlkiel 28.04.2019, 15:59
114. @syracusa

Zitat von syracusa
Wer nicht wählt, weil er keine Partei findet, die seine Überzeugungen so weit abbildet, dass er sie für wählbar hält, und sich dennoch für einen Demokraten hält, hat nur eine Möglichkeit, richtig zu handeln: eine eigene Partei zu gründen. Das ist bei uns ziemlich einfach möglich. Ich war schon mal in dieser Situation, und die von mir mit gegründete Partei war dann auch recht erfolgreich. Und ja: sie hat in der Regierung und in der Opposition unser Land zum - aus meiner Sicht - Besseren verändert.
Was man natürlich einfacher auch tun kann: wie beim ersten Date, wenn man sich noch nicht gut auskennt, erst mal eine explorative, freundlich zugewandte, aber entschieden gemäßigte Linie fahren. Wäre das Gebot des gesunden Menschenverstandes, der die allermeisten von uns doch in der Mehrzahl der Fälle erfolgreich anleitet. Nichwaehlen ist allerdings eine radikale Haltung, eben dezidiert keine indifferente. Den Eindruck vermittelt und sogar fest implementiert zu haben, dass Nichwaehlen in der Demokratie etwas gewisser Massen "natürliches" sein kann, war einer der fatalsten Irrtümer von Angela Merkel überhaupt. Bei der Übernahme des taktischen Konzepts "asymmetrische Demobilisierung" wurden kurzfristiger Vorteile wegen grundsätzliche demokratische Prinzipien mit einem Höchstmaß an Ignoranz und Betriebsblindheit mit Fuessen getreten. Merkel selbst hat diese "innere DDR" dann überwunden, das Schwarze Loch kreist aber weiterhin im Berlinnahen Orbit.

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latrodectus67 28.04.2019, 16:09
115. Demokratische Wahlen

One man, one vote. Es können knapp 750'000 Bürger Deutschlands mit doppelter Staatsbürgerschaft zweimal wählen, vgl Zeit-Chefredakteur. Problem bekannt? Ja! Was dagegegen gemacht? Ein Hinweis darauf, dass es verboten ist. Toll, Bürger wird auch nicht geblitzt, wenn Bürger Limits überschreitet? Doch!
Freie, geheime und gleiche Wahlen. Wieviel Wert hat eine Stimme in Malta verglichen mit einer in Deutschland? 12 zu 1! Nix gleiche Wahlen für Europa.
Wer die Jahrhunderte alten und bekannten Grundlagen von demokratischen Wahlen ignoriert, braucht sich nicht zu wundern, wenn Bürger solche Wahlen auch ignorieren.
Btw, das Problem der "Rechte kleiner Länder" wird seit Jahrhunderten durch eine weitere "Kammer" sichergestellt, vgl Senat in den USA.

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caspiat 28.04.2019, 16:25
116. radikale Haltungen auf der anderen Seite

Zitat von vera gehlkiel
Nichwaehlen ist allerdings eine radikale Haltung, eben dezidiert keine indifferente. Den Eindruck vermittelt und sogar fest implementiert zu haben, dass Nichwaehlen in der Demokratie etwas gewisser Massen "natürliches" sein kann, war einer der fatalsten Irrtümer von Angela Merkel überhaupt.
Aus zwei Ihrer Kommentare sehe ich, dass Sie nicht weniger radikal denken, als Sie Kritikern und Nichtwählern vorwerfen!

(Zur Klarstellung: Ich bin seit 35 Jahren Nichtwähler.)

Es ist allerdings ziemlich unwahr, dass das Nichtwählen einfach und grob beurteilt und bewertet werden kann, und darum sollten es Leute, die sich zu artikulieren wissen, eigentlich gar nicht versuchen, ausser sie betreiben es als Mission, Wähler blind halten zu wollen!

Ich nehme das im Falle des hiesigen Artikels an, weniger aber von Ihnen selbst.
Bei Ihnen vermute ich eher, dass Sie den Quatsch mit der Dualen Option geglaubt haben!

Ich tue es also um Ihre Denkkraft zu stimulieren, wenn ich Ihnen Kontra gebe:
Was wäre, wenn es ausser Wählen und Nichtwählen weitere Optionen gäbe, die eventuell sogar viel viel mehr bewirken könnten?
Sie nennen eine kleine Nichte.
Was wäre, wenn es wegen unser Nachkommenschaft extrem wichtig ist, dass wir unser Leben nicht damit verpennen, uns bei der Frage Wählen oder Nichtwählen zu halten, und bei der Tatsache anfangen, dass es keine Demokratie sein kann, und das eventuell korrigiert werden kann?

Wählen hat in einer Demokratie Sinn. Und Nichtwählen ist in einer Demokratie eine lebenswichtige Säule.

Mal sehen, ob Sie damit etwas anfangen können!

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thomas.kahne 28.04.2019, 16:37
117. Reformbedarf der Demokratie

Die aktuelle Demokratie mit dem imperativem Mandat, in dem ich alle 4 Jahre ein Kreuzchen setzen darf, wird so nicht weiter bestehen und führt zwangsläufig in die Systemkrise. Der einzige Ausweg zu mehr Akzeptanz und Identifikation mit der Demokratie ist die Stärkung de Basisdemokratie. Gerade durch die Digitalisierung wäre so etwas jetzt wirklich einfach machbar. Leider vertritt diesen Punkt in Deutschland nur die Partei, die in diesem Magazin grundsätzlich gebasht wird.

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caspiat 28.04.2019, 16:42
118. In einer Demokratie kann Nichtwählen nicht "unschädlich" sein!

Der Erfolg der Religionen beweist ganz einfach, wie leicht die Menschheit getäuscht werden kann, und wie Komplex ein Irrtum ausgebaut werden kann!

Wenn ich behaupte:
"In einer Demokratie kann Nichtwählen nicht "unschädlich" sein!"

gehen sehr viele in dieselbe Richtung wie Frau Berg.
Und das bedeutet, dass ich als Wähler Schaden anrichte, weil ich nicht wähle, und dadurch nicht genug Gegengewicht gegen AfD, Lega, Front Nationale oder Orban schaffe!

Das habe ich aber damit keineswegs gemeint.
Ich meine es wörtlich:
In einem System, in dem Nichtwählen ignoriert wird, kann keine Demokratie zustande kommen!

Die Prämisse der Demokratie ist nämlich die Selbstbestimmung und Souveränität.
Wo bleibt die integrale Übersetzung der Souveränität, wenn sie ausgeschaltet wird sobald sie eine Auswahl ablehnt, die aus "extremstes Übel" und "geringeren Übeln" besteht?
Wie soll eigentlich ein Wille eine Gesellschaft formen, wenn demselben Willen die Möglichkeit genommen wird, eine bestmögliche Gesellschaft anzustreben?

Klingelt es endlich?

Mit einer "Doppelten Bindung" ("double bind", Gregory Bateson, später dann Bandler und Grinder) schafft man die paradoxe Situation, Freiem Willen und Dürfen eine sehr enge Zwangsjacke aufzuzwängen, ohne das es auffällt.

Unser Fehler als Wähler ist, die Zwangsjacke nicht zu sehen.
Wir kennen Doppelte Bindungen im täglichen Umgang innerhalb der Familie, sind aber unfähig zu verstehen, dass eine Doppelte Bindung auch bestehen kann, wenn die Seiten nicht klar ausgeformt sind.

Eine Doppelte Bindung funktioniert nämlich, wenn sie nicht erkannt wird!
Wir wären sackdumm, wenn wir sie sähen, und sie nicht abschütteln wollten!

Die ganze Angelegenheit dreht sich also darum, in welchem Zeitraum die Wählerschaft begreifen wird, dass im Wahlprozedere ein Betrug steckt!

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Zeitwesen 28.04.2019, 16:42
119.

Wer nicht wählen geht wertet u.a. meine Stimme auf, von daher ist das in Ordnung, ich wähl für euch mit.

Nochmal:
Wer nicht wählt dem wäre scheinbar eine Diktatur oder Monarchie lieber.
Einen Diktator oder Monarch kann man aber nicht mehr abwählen wenn er Mist baut oder unfähig ist.

Wer mit den etablierten Parteien unzufrieden ist: es gibt ca 30 unetablierte Parteien und davon ca 20 die sich in der "politischen Mitte" befinden. Einfach mal informieren.
Wer meint er könne es selbst am besten kann dort auch viel beeinflußen, oder man gründet selber eine Partei.

Wer meint dass Nichtwählen irgendeinen Einfluß auf die Politik hat oder eine Form der Beschwerde wäre, der liegt nunmal falsch: Nicht wählen= nicht beschweren.

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