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Produzent Tony Visconti: "Glaube fest daran, dass jede Generation einen Bowie zu biet
Jorgen Angel/ Redferns/ Getty Images

Auf dem Reeperbahn-Festival sucht Musikproduzent Tony Visconti nach neuen Ausnahmekünstlern. Hier erzählt er von seiner Arbeit mit David Bowie und über die Rolle von Popmusik in politisch bewegter Zeit.

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Papazaca 20.09.2019, 14:51
1. Nein, nicht jede Generation hat einen Bowie

Weil sich die Zeiten einfach verändern. Heute gibt es eine Greta, vielleicht wichtige Erfinder und Produzenten von Games etc. Es sind einfach andere Zeiten, in der Musik nicht mehr den Stellenwert hat. Und es ist oft auch andere Musik als zu Bowies besten Zeiten.

Trotzdem ein interessantes Interview. Das Visconti Bowie in einer Coverband spielt, wundert mich schon. Merkwürdig. Ansonsten sind seine Aussagen eigentlich sehr normal, nicht unsympathisch aber fallen auch nicht aus der Rolle.

Einzig sein Spruch, das jede Generation ihren Bowie hat. Das ist sicher nicht so. Eine Generation hat vielleicht 7 Bowie's und die nächsten Generationen keinen. Entwicklungen sind ganz sicher nicht linear. Aber über den one and only Bowie habe ich mich sehr gefreut und freue mich noch immer. Und Visconti war ein wichtiger Teil davon.

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Hudson, Jane 20.09.2019, 16:42
2. Song für Song

Natürlich hat jede Zeit ihren David Bowie. Jeden Tag gibt es einen. Sie werden nur nicht mehr entdeckt beziehungsweise wollen sie nicht mehr entdeckt werden. So kann man es mit Wohlwollen romantisch sehen. Ich sehe es aber anders: Bowie war grob genug über seine Leiche zu gehen. Wieder und wieder. Er war der Prototyp dessen, was sich heute unablässig in sich selbst verliebt. Song für Song.

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Vera Gemini 20.09.2019, 16:50
3. ...

"SPIEGEL: Sie haben auch mit Morrissey gearbeitet, der immer wieder mit kontroversen Aussagen für Aufsehen sorgt. Ändert es für Sie etwas, wenn ein potenzieller Klient sich politisch fragwürdig positioniert?"
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Wow, man kann eigentlich die Uhr danach stellen, wann bei SPON das Thema "rechts" mit allen nur denkbaren Facetten aufs Tapet gehoben wird.

2017, nach dem Terroranschlag von Manchester mit 22 toten und über 500 z.T. schwerverletzten Kindern und Jugendlichen, hat sich Morrissey die Freiheit genommen, mit den heuchlerischen Betroffenheitsparolen in Politik und Medien abzurechnen.

Namentlich hat er sich seinerzeit die Queen ("The Queen receives absurd praise for her 'strong words' against the attack, yet she does not cancel today's garden party at Buckingham Palace"), Theresa May ("She says such attacks 'will not break us', but her own life is lived in a bullet-proof bubble, and she evidently does not need to identify any young people today in Manchester morgues. Also, 'will not break us' means that the tragedy will not break her, or her policies on immigration"), den Londoner Bürgermeister Sadiq Khan ("Khan says 'London is united with Manchester', but he does not condemn Islamic State - who have claimed responsibility for the bomb”) und das Stadtoberhaupt von Manchester Andrew Burnham ("Manchester mayor Andy Burnham says the attack is the work of an 'extremist'. An extreme what? An extreme rabbit?“) vorgenommen.

Dass derlei Aussagen für einen Redakteur aus der Echokammer namens SPIEGEL-Universum "fragwürdige politische Positionen sind", überrascht jetzt nicht wirklich. Morrissey aber, der ein weit bedeutenderer Künstler ist, als die meisten SPON-Redakteure Journalisten sind, und der einen Herbert Grönemeyer vermutlich nicht einmal dem Namen nach kennt, in dem Interview mit der provozierten Aussage T.V's. als Nazi aussehen zu lassen, ist einfach armselig.

"Politisches Engagement" und "Unangepasstheit" werden offensichtlich nur goutiert, wenn sie der eigenen Meinung, will sagen dem linken Medien-Mainstream, entsprechen. Alles davon Abweichende wird mittlerweile als "rechts" diffamiert. Auch so kann man die Demokratie zu Grabe tragen.

N.B. Auch der Thin White Duke, an dessen Erfolg Visconti bis heute so grandios partizipiert, hat in seiner fast 50 Jahre umspannenden Karriere hin und wieder Positionen bezogen, für die T.V., zieht man seine heutigen Aussagen heran, eine Zusammenarbeit hätte ablehnen müssen.

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trafozsatsfm 21.09.2019, 00:53
4. @Vera Gemini

Ja, Bowie hat in seiner Kokain-Phase in den Siebzigern schon einigen Mist geredet... für den er sich später tausendfach entschuldigt hat!
Nur anders als Bowie, der offenbar später zu Verstand gekommen ist, driftet Morrissey immer weiter in ultrarechte Sphären ab: Er wirbt für die Partei "For Britain", die sogar Nigel Farage (!) als Partei für "Nazis und Rassisten" bezeichnet! Nur anders als Bowie hat Morrissey meines Wissens nach niemals eine Kokain-Phase gehabt. Der scheint das ernst zu meinen. :(

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g.eliot 21.09.2019, 06:52
5. SPON und das Thema "rechts"

Morrissey hat in dem verlinkten SPON-Interview Trump als Ungeziefer bezeichnet. Also ein extrem rechter Spinner wird er wohl eher nicht sein.

***
Habe gerade vorige Woche in meiner Musik Listening Session wieder David Bowie gehört. Aus der Zeit gehört er, neben Roxy Music/Bryan Ferry und Grace Jones zu meinen "Evergreens" aus dem Land des Brexit.

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kajoter 21.09.2019, 10:29
6. Über was wird hier geredet?

Über Politik? Über gesellschaftsbezogene Themen? Über das Glück, in der seichten Popwelt Erfolg zu haben?
Über Musik doch wohl nicht, denn rein musikalisch betrachtet war Bowie alles andere als überzeugend. Normalerweise lag er im Pop-Rockbereich im durchschnittlichen Mainstream und wenn er versuchte, modern zu klingen, war es unausgegoren. Oder möchte ihn tatsächlich jemand mit kompetenten Musikern wie Don Ellis, Fank Zappa oder Keith Emerson vergleichen?

Visconti ist ein typischer Popanhänger und Amerikaner und gerade die besitzen ein absolut kommerzorientiertes Kunstverständnis.
Eine Interviewreihe mit unterschiedlichen Kulturschaffenden aus USA und Europa auf Arte brachte dabei viel Erhellendes an den Tag. Befragte man Amerikaner nach den Arbeiten, auf die sie stolz wären, kam fast immer eine Aussage wie: Das war das Album "xyz", das sich 10 Millionen Mal veraufte und 3 Monate auf Platz Eins der Charts stand.
Fragte man europäische Künstler, lautete es meistens: Das war der Film "xyz". Da haben wir zum ersten Mal in der Filmgeschichte folgende Kameraeinstellung ausprobiert und die gab der entscheidenden Filmszene genau die Dramaturgie, nach der wir gesucht hatten.

Natürlich muss man im eigenen Urteil immer Platz für Ausnahmen lassen. Man kann es eben nicht vollkommen pauschal bewerten. Trotzdem sollte man diesen fundamentalen Unterschied bei Aussagen immer bedenken. Dann wird auch erklärbar, warum Menschen wie Visconti musikalischen Durchschnitt wie Bowie oder sogar deutlich Unterduchschnittliches wie T-Rex goutieren. Ihre künstlerische Messlatte liegt nicht nur deutlich tiefer, sie ist auch an einer vollkommen marktorientierten Stelle aufgebaut. Es geschieht aber nur in sehr seltenen Ausnahmefällen, dass künstlerische Wertigkeit und Massenerfolg zusammenfallen, und dazu gehört Bowie mit Sicherheit nicht.

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Hudson, Jane 21.09.2019, 10:36
7. Endlich entrückt

Lassen wir es mal dahingestellt, ob Grace Jones aus dem Land des Brexit kam. Man kann Bowie in jedem Fall einen großen Ästhetizimus unterstellen, der mit Let's dance ins Populäre schwappte und danach sanft auslief. Mit Black Star fehlte die Kraft. Lediglich mit Lazarus gab es noch einmal ein Sweet Thing. Eine Reprise, eingeleitet von The Next Day. Das ästhetische Wollen ist es dann auch, was den Unterschied macht. Nicht das technische Virtuosentum der Gitarrenonanierer. Die Wirkung, der Affekt, die Aura. Das Leuchtende. Am Ende das Opfer: Look up here I'm in heaven. Endlich entrückt. Aber dafür gab es nur noch den Markt der Nachrufe.

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toninotorino 21.09.2019, 13:24
8.

Bowie hatte mich lange nicht interessiert. Eines Tages hörte ich einen Song und war fasziniert von dem Gitarristen. Ein gewisser Stevie Ray Vaughan. Ich kaufte mir die LP Let´s Dance. Für mich war das damals moderner Blues. Klasse. Dann las ich ein Buch über Bowie´s Zeit in Berlin.: "Helden". Auch klasse. Später legte ich mir noch ein paar Alben von Bowie zu, die zu dieser Berliner Zeit passten (Box: "Zeit! 77 - 79"). "Heroes" kann ich immer hören. Bowie hat bei mir einen Stein im Brett. Ziggy Stardust und einige andere Alben von ihm kenne ich leider noch nicht, auch nicht sein letztes. .

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Papazaca 22.09.2019, 15:31
9. Das Schöne: Jeder kann zu fast allem seine Meinung haben.

Zitat von kajoter
Über Politik? Über gesellschaftsbezogene Themen? Über das Glück, in der seichten Popwelt Erfolg zu haben? Über Musik doch wohl nicht, denn rein musikalisch betrachtet war Bowie alles andere als überzeugend. Normalerweise lag er im Pop-Rockbereich im durchschnittlichen Mainstream und wenn er versuchte, modern zu klingen, war es unausgegoren. Oder möchte ihn tatsächlich jemand mit kompetenten Musikern wie Don Ellis, Fank Zappa oder Keith Emerson vergleichen? Visconti ist ein typischer Popanhänger und Amerikaner und gerade die besitzen ein absolut kommerzorientiertes Kunstverständnis. Eine Interviewreihe mit unterschiedlichen Kulturschaffenden aus USA und Europa auf Arte brachte dabei viel Erhellendes an den Tag. Befragte man Amerikaner nach den Arbeiten, auf die sie stolz wären, kam fast immer eine Aussage wie: Das war das Album "xyz", das sich 10 Millionen Mal veraufte und 3 Monate auf Platz Eins der Charts stand. Fragte man europäische Künstler, lautete es meistens: Das war der Film "xyz". Da haben wir zum ersten Mal in der Filmgeschichte folgende Kameraeinstellung ausprobiert und die gab der entscheidenden Filmszene genau die Dramaturgie, nach der wir gesucht hatten. Natürlich muss man im eigenen Urteil immer Platz für Ausnahmen lassen. Man kann es eben nicht vollkommen pauschal bewerten. Trotzdem sollte man diesen fundamentalen Unterschied bei Aussagen immer bedenken. Dann wird auch erklärbar, warum Menschen wie Visconti musikalischen Durchschnitt wie Bowie oder sogar deutlich Unterduchschnittliches wie T-Rex goutieren. Ihre künstlerische Messlatte liegt nicht nur deutlich tiefer, sie ist auch an einer vollkommen marktorientierten Stelle aufgebaut. Es geschieht aber nur in sehr seltenen Ausnahmefällen, dass künstlerische Wertigkeit und Massenerfolg zusammenfallen, und dazu gehört Bowie mit Sicherheit nicht.
Nur, man sollte dann nicht anfangen, so zu tun als wenn man allgemeine Wahrheiten zum Besten geben würde. Man gibt seine Wahrheiten zum Besten, mehr nicht.

Ganz klar ist Bowie einer der Großen der Rockmusik. Und das gilt für zum Teil ziemlich unterschiedliche Alben wie "Rise and Fall of Ziggy Stardust", Diamond Dogs, Station to Station, Low, Heroes, Scary Monsters und einige Singles.

Im Gegensatz könnte ich fragen, wer ist Don Ellis oder Keith Emerson. Gut, ich kenne sie, aber sie mit Bowie zu vergleichen??? Übrigens, meine Einschätzung zu Bowie teilt so ziemlich die gesamte Pop-Welt bzw. Ihre Kritiker bzw. die Fachpresse.

Sie haben natürlich recht auf Ihre Meinung. Aber Sie stehen damit eher allein da. Was mir aber nicht gefällt ist die missionarische
Tonalität ihres Beitrags. Den lege ich noch nicht mal an den Tag, wenn mir Musik garnicht gefällt. Weil: Missionare kann ich nun wirklich nicht ab. Bei Ihnen habe ich dazu den Eindruck, das Behauptungen und umfassende Kenntnisse von Musik sich nicht unbedingt entsprechen.
Aber wie gesagt, das ist nur mein Eindruck.

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