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RAF-Aufarbeitung: Die deutsche Geschichte ist kein "Tatort"
SWR/ Sabine Hackenberg

Mit dem RAF-"Tatort" werden die Verschwörungstheorien wieder laut: Der Staat habe die Stammheimer Gefangenen umgebracht. Das ist unverantwortlich, schreibt der frühere Innenminister Gerhart Baum.

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Frank Zi. 17.10.2017, 15:41
1.

"Sogar seriöse Beteiligte wie der Ensslin-Anwalt Otto Schily äußerten Zweifel an den Selbstmorden. Heute erklärt er entschuldigend, er hätte sich nicht vorstellen können, dass Waffen in die Zellen gelangt waren."

Ich bin zu jung um mich damit gut auszukennen, aber wurden die Waffen nicht von den Anwälten in das Gefängnis geschmuggelt?

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angst+money 17.10.2017, 15:44
2.

Muss man sich an Leuten orientieren, die nach einem Tatort an solche Verschwörungstheorien glauben? Dass es solche Gemüter gibt lässt sich nicht abstreiten, aber wenn man die als Maßstab nimmt dürfen wir in Zukunft alle nur noch Teletubbies und Sandmännchen schauen.

Für mich gaben in diesem Tatort die RAF-Sympatisanten ein eher klägliches Bild ab, und wenn jetzt jemand die Aufnahmen oder die dazugehörenden 'Theorien' für bare Münze nimmt dem kann ich nur empfehlen, zu lesen. Keine reißerischen "Die Wahrheit über..." oder "Die ...-Lüge", sondern dröge, langweilige Geschichtsbücher und Akten.

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zeichenkette 17.10.2017, 15:45
3. Naja

Dass Gerhart Baum das so sieht, ist nachvollziehbar. Dass andere es anders sehen bzw. dass da Zweifel bleiben, ist aber auch nachvollziehbar, wenn man sich die Details ansieht. Angefangen von der ausgerechnet an diesem Tag ausgefallenen Videoüberwachung auf den Fluren bis hin zu der Frage, warum weder die Waffen noch die selbstgebastelte Gegensprechanlage in einem Hochsicherheitsgefängnis entdeckt wurden muss man kein Paranoiker sein, um da Zweifel zu haben. Zumal in den Untiefen dieses Staats auch Dinge passieren, von denen Innenminister vielleicht gar nichts erfahren. Noch beim NSU-Skandal wurde überdeutlich, dass da ganze Teile des Staates offenbar glauben, sie stünden über dem Recht. Also, Herr Baum: Wie können Sie sich da so sicher sein? Dass dieser Staat sich beim Umgang mit der RAF lange Zeit nicht gerade mit dem Ruhm der Rechtsstaatlichkeit bekleckert hat, ist mehr als offensichtlich.

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charliehebdomadaire 17.10.2017, 15:53
4. Herr Baum sagt, er schätze die künstlerische Freiheit, ...

... aber den Tatort findet er "unverantwortlich". Und fordert Beweise für die im Film dargestellten Theorien von der Verwanzung der Zellen der Terroristen und der daraus resultierenden These vom staatlicherseits assistierten Suizid.
Geforderte Beweise dafür oder dagegen wird es wohl niemals geben, da solche bekanntermaßen unter Verschluss gehalten werden.
Im Übrigen hat die Blöd-Zeitung Baums Warnung vor diesem "gefährlichen" Tatort mit ganz ähnlichen Begründungen und reißerischer Schlagzeile ausgesprochen.
ich persönlich bin froh, in einem Staat zu leben, in dem ein Film wie dieser ausgestrahlt werden kann. Wir sind hier nicht in der Türkei.

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barbierossa 17.10.2017, 15:55
5. Ein guter, spannender Tatort

Herr Baum scheint den normalen Tatort-Gucker für sehr naiv zu halten. Dass die Ermordung der Stammheim-Insassen als eine von mehreren Narrativen gezeigt wurde, über die sich zu informieren und deren Plausibilitäten gegeneinander abzuwägen man als Zuschauer angeregt werden sollte, war mir eigentlich ziemlich klar.
WENN Herr Schily sich damals nicht vorstellen konnte, dass Waffen in's Gefängnis hätten geraten sein können, dann lag für ihn - wie für jeden anderen - der Verdacht, dass die RAF-Leute ermordet wurden, doch auf der Hand. Ihm daraus einen moralischen Vorwurf zu machen nach dem Motto: "Was erlaubt der Mann sich, den deutschen Staat einer Mordtat für fähig zu halten?!" ist schon ziemlich moralisierend. Grundsätzlich war einem Staat, in dem der Mörder von Benny Ohnesorg so glimpflich davonkam, und der angesichts immer neuer Terrorakte, die darauf zielten, die Stammheim-Insassen freizupressen, sehr wohl zuzutrauen, dass man ganz nüchtern überlegte: sollen wir weitere Freipressungs-Entführungen, Botschaftsbesetzungen, Bombenanschläge risikieren - oder entledigen wir uns des Hauptmotivs der Täter, indem wir die Gefangenen umbringen und es als Selbstmord darstellen? Keine Stammheiminsassen - kein Motiv für Terror mit dem Ziel, sie freizubekommen.
Ehrlich gesagt würde ich mich unwohl bei dem Gedanken fühlen, dass solche Überlegungen den Verantwortlichen in der damaligen Regierung und bei den Fahndungsbehörden _nicht_ gekommen wären.
Hätte Herr Schily zugunsten des Staates annehmen sollen, dass dieser zwar nicht "zu einem höheren Zweck mordete", dafür aber extrem inkompetent mit den wichtigsten politischen Gefangenen umging? Möchte man lieber Versager oder lieber Zyniker auf den relevanten Posten vermuten? Als jemand, der beim Konflikt gefangene RAF-Mitglieder vs. Staat schon rein aus beruflichen Gründen auf Seiten Ersterer stand, war es geradezu Schilys Pflicht, den Gegner eher als Lügner denn als Idioten zu betrachten. Den Gegner zu unterschätzen ist in der Regel dumm. Auch wenn es in diesem Fall womöglich den Tatsachen angemessener gewesen wäre.

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tim_struppi 17.10.2017, 15:57
6.

Hier kann ich Herrn Baum nicht so recht folgen. Zum einen ist die Kunstfreiheit ein ziemlich hohes Rechtsgut und gerade ein liberaler Geist wie Herr Baum hält die Grundrechte doch sonst immer sehr hoch. Zum anderen ist unsere Gesellschaft sicher in der Lage, den Unterschied zwischen Realität und Fiktion zu erkenne bzw. damit umzugehen.

Die beste Möglichkeit eventuellen Verschwörungstheorien zu begegnen wäre übrigens, die zum Teil immer noch als Geheim erklärten Akten über die Vorfälle dieser Zeit endlich zu veröffentlichen und den damals beteiligten Personen zu erlauben, sich zu äußern.

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mirror66 17.10.2017, 15:58
7. Bitte lüften!

Man musste in den 70ern wahrlich kein RAF Sympathisant sein, um das kalte Grauen zu bekommen angesichts der ideologischen Vernebelungen und gesamtgesellschaftlicher Denkverbote.
Wer dem auferlegten Konsens nicht folgte, war schon verdächtig. Für nicht wenige hatte das erhebliche Folgen. Dass einer der besten und renommiertesten Theaterregisseure sich verdächtig machte, weil er für eine Zahnbehandlung von Ensslin sammelte, ist bei weitem kein Einzelfall. Man muss sich das alles auch mal im Kontrast zu NSU und islamistischen Anschlägen auf der Zunge zergehen lassen.
Wenn dann 40 Jahre später (!) jemand kommt und etwas Luft in diese schwer verkapselten Räume reinlässt, so ist das immer noch ein mutiger Akt. Und im Tatort sehen das endlich mal nicht nur informierte Insider-Kreise!

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Manitou-01@gmx.de 17.10.2017, 16:00
8.

Der überführte Verschwörer kräht immer laut "Verschwörungstheorie", wenn er den, der ihn ertappt hat, zum Lügner, Spinner oder Geisteskranken stempeln will.
Verschwörungstheorie ist für mich eher eine Art journalistische Wissenschaft, Verschwörungen zu enttarnen und aufzuklären. Und wenn man die fragwürdigen Methoden des Stammheim-Prozesses (Anwendung rückwirkender Gesetzesänderungen) sieht, dann kann man in diesem Zusammenhang niemandem Glauben.
Wissen werden wir, was damals war nur, falls Einestages westdeutsche Akten nach Vorbild der Stasiakten aus der DDR offengelegt werden.
Die offizielle Theorie mit den Pistolen in den Akten klingt nicht sehr glaubwürdig. Und bei den RAF-Mitgliedern wurden die Zellen sicherlich gründlicher und häufiger gefilzt, als bei anderen Häftlingen (oder nur dann nicht, wenn bestimmte Dinge nicht gefunden werden sollten).

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Chilango 17.10.2017, 16:02
9. Qui Bono

Auf jeden Fall gab es danach keine Freipressungsversuche mehr. Das DER STAAT die Häftlinge ermordet hat ist auch sehr unwahrscheinlich. Da hätten dann zu viele davon gewusst. Das es aber verdeckte Organisationen mit Verbindung an Entscheider gibt ist zumindest nicht unwahrscheinlich. Man siehe sich nur die NSU-Problematik an. Soweit ich weiss sind bisher 5 Zeugen ganz plötzlich eines "natürlichen Todes" gestorben worden. Die Staatsanwaltschaft, die dem Innenminister untersteht, wie auch die Nachrichtendienste, bescheinigte überall kein Fremdverschulden.
Das auch nach dienstlicher Anweisung von "ganz oben" noch Dokumente vernichtet worden sind, hatte ebenfalls keine Konsequenzen (Pensionierung mit vollen Bezügen oder anderer Schreibtisch ist keine Konsequenz) nach sich zog, ist auch bezeichnend.
Beweise hab ich keine das aber unsere Nachrichtendienste, wie überall in der Gesellschaft, auch Charakterschweine beschäftigen ist auch mehr als wahrscheinlich. Irgendwer muss ja die Drecksarbeit machen.

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