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Regisseur Lars Kraume: "Ich bin froh, dass ich kein Richter bin"
DPA

Ein Gerichtsfilm über einen Mord - und die Fernsehzuschauer fällen das Urteil. Regisseur Lars Kraume inszeniert "Terror" für die ARD. Hier plädiert er für mehr Demokratie-TV.

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al3x4nd3r 17.10.2016, 17:08
1.

Das, was hier als Demokratie-TV bezeichnet wird, ist pure Mob-Demokratie. Auf der Couch Entscheidungen zu fällen, ist leicht. Leider setzt man sich mit dem Zuschauer nicht auseinander.

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syracusa 17.10.2016, 17:20
2. schuldig

Denjenigen, der den Abschuss einer gekaperten Passagiermaschine befiehlt, muss man genau so schuldig sprechen wie seinerzeit den Frankfurter Polizeipräsidenten, als der in der Hoffnung, das Leben eines entführten Kindes retten zu können, dem mutmaßlichen Täter Folter androhte.

Das Recht hat kein Recht zur Abwägung ethischer Standards und zur Beurteilung, ob ein Leben weniger wertvoll ist als zehntausend Leben. In solchen Fällen ist der Bürger und noch mehr der Mensch auf einem Verantwortungsposten auf sich selbst zurück geworfen. Da ist ZIVILCOURAGE gefordert.

Zuallererst ist es Aufgabe der betroffenen Passagiere im Flugzeug selbst, Zivilicourage zu zeigen und die ihnen offensichtlich einzig verbliebene geringe Chance zur Rettung zu versuchen: die Terroristen zu überwältigen. Solange das zumindest eine denkbare Variante ist, haben sich alle Verantwortlichen auf dem Boden sowieso zurück zu halten. Wenn dann ein Militär in letzter Sekunde doch den Befehl zum Abschuss gibt, dann muss er sich auch der strafrechtlichen Konsequenzen bewusst sein. Er steckt in einem Dilemma, das er nicht auflösen kann. Entweder verstößt er gegen zentrale Rechtsgüter, oder gegen seine ethischen Werte. Mit den Folgen muss er leben. Immerhin kann er sich auf erheblich strafmindernde Umstände berufen und kann auf ein mildes Urteil hoffen. Für die (überlebende) Öffentlichkeit wird er dennoch ein Held sein, und zwar gerade deshalb, weil er sich in einem Dilemma dazu entschieden hat, lieber seiner Moral zu folgen als dem Strafrecht.

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mantrid 17.10.2016, 17:41
3. Populismus-TV

Ab welchen Verhältnis wäre eine Opferung Unschuldiger gerechtfertigt? Was ist bei nur 7.000 Geretteten, oder 700? Angenommen im Stadion fände gerade das Jahrestreffen der organisierten Schwerstkriminalität, der Terrorfürsten, Kinderschänder und Gewaltherrscher mit 70.000 Teilnehemern statt. Im Flugzeug säßen die Kongressteilnehmer eine medizinisches Kongresses, die kurz vor dem Durchbruch stehen, Heilung gegen Krebs, HIV, Alzheimer, Parkinson usw. zu ermöglichen. Was dann? Jetzt zum Argument, die Entführten sterben sowieso. Jeder Mensch stirbt irgendwann sowieso. Wäre es dann in Ordnung jemanden zwangsweise als Organspender zu nehmen, weil damit sechs oder sieben Menschen gerettet werden können? Ab welchen Verhältnis Restlebens-Erwartung Opfer/ Gerettete wäre dann die Opferung legitim? Genau die Fragen hat sich das BVG auch gestellt und ein Gesetz verworfen, das den gezielten Abschuss erlauben sollte. Auch wenn ich wahrscheinlich in dem fiktiven Fall wie der Pilot auf den Feuer-Knopf gedrückt hätte, könnte das Urteil nur schuldig wegen Mordes lauten. Die gute Tat und die gute Absicht rechtfertigen keinen Mord.

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b.v. 17.10.2016, 17:54
4. Vorsicht mit Vergleichen

Zitat von syracusa
Denjenigen, der den Abschuss einer gekaperten Passagiermaschine befiehlt, muss man genau so schuldig sprechen wie seinerzeit den Frankfurter Polizeipräsidenten, als der in der Hoffnung, das Leben eines entführten Kindes retten zu können, dem mutmaßlichen Täter Folter androhte. Das Recht hat kein Recht zur Abwägung ethischer Standards und zur Beurteilung, ob ein Leben weniger wertvoll ist als zehntausend Leben.
Die Abwägung ist nicht die gleiche. Beim stellvertretenden Polizeipräsidenten Daschner ging es um die Anwendung von Folter gegen den – schon seinerzeit geständigen – Entführer Gäfgen zur Erlangung von Informationen, die zur Auffindung und Rettung eines Kindes dienen sollten. Dort ging es auf Seiten des „Benachteiligten“, der zumindest freilich als unschuldig zu gelten hatte, aber seine Straftat gleichwohl eingeräumt hatte, also nicht um das Rechtsgut leben, sondern „nur“ um die körperliche Unversehrtheit. Im Übrigen konnte er die angedrohte Maßnahme abwenden, was ich letztlich ja auch getan hat. In der hiesigen Konstellation geht es um die Abwägung von Leben gegen Leben, wobei es letztlich nur um die Anzahl geht. Das ist ein klassisches Dilemma, für das es letztlich keine zufriedenstellende emotionale Lösung gibt. Die ganz nüchtern betrachtet richtige rechtliche Lösung ist gar nicht so kompliziert.

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Spiegelwahr 17.10.2016, 18:08
5. Ich bin froh, dass ich kein Richter bin

Das ist eine falsche Ansicht. Jeder richtet über Menschen, auch wenn er kein Richter ist. Ein Richter hat nach geltendes Recht bei der Bewertungen einer Handlung zu bewerten und sein Urteil zu bilden. Es wär für das deutsche Recht von Vorteil, wenn jeder jedes Recht von zwei Seiten betrachtet. Von der Seite des Opfers und aus der Seite des Täters bzw. unschuldiger Tatverdächtiger. Findet er als Täter die Strafe gerechtfertig und würde es ihn als Opfer angemessen erscheinen. Finden Richter die Wahrheit. Eindeutig nein. Die Justiz Deutschland ist voll von Fehlurteilen in jeder Richtung. Es sitzen Unschuldige in deutschen Gefängnissen auf Grund von Urteilen, die jeder Wahrheit und Tatverlauf widersprechen. Da werden Mörder zu lächerlichen Strafen verurteilt und Hühnerdiebe bekommen die ganze Härte der Rechtsprechung zu spüren. Wenn einer glaubt, Kachelmann wär ohne seinen teueren Anwalt ein freier Mann, denn kann man als Leichtgläubig bezeichenen. Woher will der Pilot mit der absoluten Sicherheit wissen, dass ein Flugzeug nach Verlust des Funkkontakts in ein Stadion stürzen will und würde er in diesen Flugzeug seinen eigenen Tod auf Grund einer Vermutung akzeptieren. Wer weiss schon, wenn er den Flughafen in München anfliegt, in der Nähe der Anflugroute ein Atomkraftwerk liegt. Was ist, wenn der Pilot ein paar Kilometer von Kurs abweicht bei Funkverlust. Abknallen oder weiterfliegen lassen und in München laden lassen. Wenn er Mord auf blosse Vermutung straflos machen will als Regisseur, dann spielt er sich als mehr auf, als jeder Richter, als Überrichter. Ich wünsche Jeden, nicht nur Piloten, dass er nie in so eine Situation kommt und dass er dann das Richtige macht. Es gibt keine strahlenden Helden und kein Superman. Ob Gefängnis oder Orden stellt sich immer hinterher raus. Richter richten und bilden Urteile, ob es Gerechtigkeit ist, ist eine andere Sache. Manchmal sind Urteile gerecht.

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ichliebeeuchdochalle 17.10.2016, 18:32
6.

Zur Forderung des interviewten Regisseurs: Gab es bereits: Hieß in der ARD "Pro und Contra" und im ZDF "Wie würden Sie entscheiden?" Eine moderne Neuauflage könnte einen Beitrag leisten zum Thema "die selbstgebastelte Wahrheit von Pegidisten und AfDlern.

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Tubus 17.10.2016, 20:18
7. Strafwürdig

Der alte Konflikt zwischen Gewissensethik und Verantwortungsethik. So vernünftig es ist, Menschenleben nicht gegeneinander aufzurechnen gilt es anzuerkennen, dass jedes vernünftige Prinzip in Extremsituationen ins Absurde abgleitet. Hier geht es darum, 70 000 Menschen zu retten oder 70150 zu verlieren. Das Recht auf Leben von 70 000 Menschen durch Unterlassung zu riskieren und damit zu missachten halte ich, ohne Jurist zu sein, durchaus für strafwürdig.

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Menschundrecht 17.10.2016, 21:16
8. Vox Populi, Vox Morituri

Merkwürdige Diskussion in einem Land, in dem im Falle von Flugpassagieren die Wahrung des Datenschutzes über dem Recht auf Leben steht. Andernfalls hätte Herr Lubitz wohl nicht ein Passagiergflugzeug in die Wand fliegen können. Es gibt Deutsche, die meinen, dass es die gleichen Gründe sind, die es der Frau Bundeskanzlerin erlauben, das Land lustvoll, beharrlich, alternativlos und mit full speed an die Wand zu fahren.

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poppei 17.10.2016, 21:38
9. Good Kill - Tod aus der Luft

Ist die Frage nicht schon lange von unseren Freunden beantwortet worden? In obigen Film jedenfalls waren der Tod von Unschuldigen normales Tagesgeschäft um Talibangrößen wegzubomben, die vielleicht Terroranschäge planen hätten können. Da dies unter militärischen Befehl geschieht, ist mir neu, dass dies unter eine zivile Gerichtsbarkeit fällt. Eher würde die Befehlsverweigerung bestraft.

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