Forum: Kultur
Reminiszenz an den DDR-Soul: Der Westen verneigt sich vor dem Osten
Julia Steinigeweg/Kampnagel

In den Sechziger- und Siebzigerjahren kam die aufregendere und coolere Musik oft vom sozialistischen Nachbarn. Eine Revue in Hamburg feiert den DDR-Pop. Etwas schrullig zwar, aber ganz und gar aufrichtig.

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Jor_El 08.08.2019, 15:53
1.

DDR-Pop: Soviel Fremdschämen ist unerträglich. Bekomme greade eine Griebe, nur weil ich daran denke.

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im_ernst_56 08.08.2019, 16:31
2.

Am Ende des Beitrages hätte ich mir eine Erklärung dafür gewünscht, warum es eben nur Frank Schöbel, Karat, die Phudys und City waren, die es mit wenigen Hits in den Westen schafften und warum die Pop-Musik in den 1980ern der NDW hinterher hinkte. Und warum Veronika Fischer und der inzwischen verstorbene Holger Bieger nach ihrem Wechsel in die BRD keinen Erfolg mehr hatten, wenn die Musik von "drüben" so cool war. Das fundierteste Buch über die Rock- und Popszene in der DDR ist übrigens nicht in der DDR erschienen, sondern im Westen (Olaf Leitner, Rockszene DDR - Aspekte einer Massenkultur im Sozialismus, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1983).

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Emderfriese 08.08.2019, 16:59
3. Sounds

Mitte der 70er Jahre kam ich von der Emsmündung nach Berlin, verwöhnt von britischen und holländischen Sendern, die nun wirklich progressivste Titel und Bands "all the time" spielten. Und war höchst überrascht, was die DDR-Gruppen auf die Beine stellen konnten. Wo in der BRD allenfalls ein Udo Lindenzwerg sein "Andrea Doria" schrammelte oder vergessene wirklich gute Musiker ein Schattendasein führten (The Can), da kam per DT64 wirklich ein DDR-Sound über die Mauer, dass ich mich erstaunt fragte, warum solche Bands wie "Berluc" oder die "Sterncombo Meißen" nicht längst Verkaufsschlager im Westen waren. Da hätte so manche Blabla-Truppe der deutschen Welle - Westberliner eingeschlossen - einpacken können.

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chico 76 08.08.2019, 17:09
4. Weniger vor Pop,

mehr vor den Menschen, die eine friedliche Revolution bewerkstelligten sollte man sich verneigen.

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im_ernst_56 08.08.2019, 17:14
5.

Zitat von im_ernst_56
Am Ende des Beitrages hätte ich mir eine Erklärung dafür gewünscht, warum es eben nur Frank Schöbel, Karat, die Phudys und City waren, die es mit wenigen Hits in den Westen schafften und warum die Pop-Musik in den 1980ern der NDW hinterher hinkte. Und warum Veronika Fischer und der inzwischen verstorbene Holger Bieger nach ihrem Wechsel in die BRD keinen Erfolg mehr hatten, wenn die Musik von "drüben" so cool war. Das fundierteste Buch über die Rock- und Popszene in der DDR ist übrigens nicht in der DDR erschienen, sondern im Westen (Olaf Leitner, Rockszene DDR - Aspekte einer Massenkultur im Sozialismus, Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1983).
Noch eine Ergänzung: Ob man die kryptische Poplyrik der DDR mit den versteckten Botschaften zwischen den Zeilen geil findet, ist eine Geschmacksfrage. In der BRD konnten Ton,Steine,Scherben texten "Macht kaputt, was euch kaputt macht". Auch BAP und Lindenberg & das Panikorchester (beide in den 1970ern gegründet) mussten kein Blatt vor den Mund nehmen. In der DDR wurde Bands mit etwas aufmüpfigen Texten schon mal verboten (Renft, Hansi Biebl Band, Magdeburg). Erst gegen Ende der 1980er Jahre wurde die Kulturzensur etwas großzügiger. Da durfte Pankow in "Langeweile" schon mal texten "Das selbe Land zu lange gesehn,`dieselbe Sprache zu lange gehört. Zu lange gewartet, zu lange gehofft, zu lange die alten Männer verehrt." Dafür wären sie zehn Jahre früher aufgelöst worden und die Musiker zur NVA eingezogen oder in den Bau gegangen. Unter den Bedingungen des real existierenden Sozialismus überlebt zu haben ohne sich zu sehr gegenüber der Kulturadministration verbogen zu haben, ist das eigentlich Bemerkenswerte. Die Popmusik in der DDR ist unter den Laborbedingungen des Sozialismus entstanden, zuerst von der Kulturadministration abgelehnt, dann geduldet und immer argwöhnisch überwacht. Ich weiss nicht, ob die Revue in Hamburg das rüber bringt.

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FurzHimmel 08.08.2019, 17:29
6.

Zitat von Emderfriese
da kam per DT64 wirklich ein DDR-Sound über die Mauer, dass ich mich erstaunt fragte, warum solche Bands wie "Berluc" oder die "Sterncombo Meißen" nicht längst Verkaufsschlager im Westen waren. Da hätte so manche Blabla-Truppe der deutschen Welle - Westberliner eingeschlossen - einpacken können.
Ich hatte das Glück im unterfränkischen Schweinfurt groß zu werden, wo es dank Rotorantenne meines Vaters auf dem Dach kein Kunststück war, DT64 zu hören. Während man also in der DDR heimlich "Westfunk" hörte empfand ich die punkig-rockigen Deutschtöne aus dem Osten als echten Lichtblick - verglichen mit Bay City Rollers, Kenny und Penny McClean, die die Westsender rauf und runter feierten. Auf die Idee gebracht hat mich übrigens die Bayern3-Hitparade, die eines Abends wiedermal so furchtbar war, dass ich mich vors Radio setzte und "was gscheites" suchte - und über DT64 stolperte. Diesen Sender vermisse ich übrigens. Der hatte sowas von Zündfunk auf Bayern2 - jede Woche 1h lang und - meine ich - 1 Sonntag nachmittag im Monat. Nicht 7 Tage die Woche ...

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im_ernst_56 08.08.2019, 18:44
7. Gern auch mal abgekupfert

Zitat von Emderfriese
Mitte der 70er Jahre kam ich von der Emsmündung nach Berlin, verwöhnt von britischen und holländischen Sendern, die nun wirklich progressivste Titel und Bands "all the time" spielten. Und war höchst überrascht, was die DDR-Gruppen auf die Beine stellen konnten. Wo in der BRD allenfalls ein Udo Lindenzwerg sein "Andrea Doria" schrammelte oder vergessene wirklich gute Musiker ein Schattendasein führten (The Can), da kam per DT64 wirklich ein DDR-Sound über die Mauer, dass ich mich erstaunt fragte, warum solche Bands wie "Berluc" oder die "Sterncombo Meißen" nicht längst Verkaufsschlager im Westen waren. Da hätte so manche Blabla-Truppe der deutschen Welle - Westberliner eingeschlossen - einpacken können.
Vielleicht war ihr Blick auf die Westmusik etwas limitiert. Die Rockmusik wurde nicht in der DDR erfunden. Vielmehr bediente fast jede Band in der DDR ein Genre der Westmusik. Die Sterncombo Meißen, die sich später Stern Meißen nannte, orientierte sich an Emerson, Lake & Palmer u.a. mit Klassikadaptionen (Vier Jahreszeiten), Lift sollte etwas wie YES oder Genesis klingen und Electra klang teilweise wie Jethro Tull. Die Puhdys orientierten sich irgendwie an Uriah Heep. Berluc, für mich nicht unbedingt der hellste Stern am DDR-Rock- und Pophimmel, sollte irgendwie nach Hardrock klingen. Bei aller Liebe zur DDR-Musik (ich - Wessi - habe meine alten Amiga-Platten noch), die DDR-Bands hätten gegen die Originale aus dem Westen keine Chance gehabt. Teilweise wurde auch übel geklaut. Das "Ich beobachte Dich" der Band Jessica weist textlich wie musikalisch unverkennbare Parallelen zu "Every breath you take" von Police auf. Durch die Beschränkung des Musikmarktes auf die DDR hat das Sting & Co. aber wohl nicht gestört.

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Emderfriese 08.08.2019, 19:42
8. Überblick

Zitat von im_ernst_56
Vielleicht war ihr Blick auf die Westmusik etwas limitiert. Die Rockmusik wurde nicht in der DDR erfunden. Vielmehr bediente fast jede Band in der DDR ein Genre der Westmusik. Die Sterncombo Meißen, die sich später Stern Meißen nannte, orientierte sich an Emerson, Lake & Palmer u.a. mit Klassikadaptionen (Vier Jahreszeiten), Lift sollte etwas wie YES oder Genesis klingen und Electra klang teilweise wie Jethro Tull. Die Puhdys orientierten sich irgendwie an Uriah Heep. Berluc, für mich nicht unbedingt der hellste Stern am DDR-Rock- und Pophimmel, sollte irgendwie nach Hardrock klingen. Bei aller Liebe zur DDR-Musik (ich - Wessi - habe meine alten Amiga-Platten noch), die DDR-Bands hätten gegen die Originale aus dem Westen keine Chance gehabt. Teilweise wurde auch übel geklaut. Das "Ich beobachte Dich" der Band Jessica weist textlich wie musikalisch unverkennbare Parallelen zu "Every breath you take" von Police auf. Durch die Beschränkung des Musikmarktes auf die DDR hat das Sting & Co. aber wohl nicht gestört.
Ich denke, ich hatte einen ganz guten Überblick, vor allem über die musikalischen Entwicklungen im "Westen". Was Sie schreiben, ist einerseits richtig, andererseits geht es an meiner Intention vorbei. Meine Hörgewohnheiten lagen damals eindeutig im sogenannten "progressiven" Bereich, d.h., die Gruppen Yes, Genesis, Tull oder ELP waren fast schon Mainstream in meinen Ohren. Was mich überraschte war der Vergleich eben dieser für die Mehrzahl der West-Konsumenten schon ausgefallenen Bands mit gerade denen in der DDR. Jawohl, sie versuchten zu kopieren, nachzumachen... aber das Wichtige war eben: Es gelang ihnen! Mit deutschen Texten!
Die westdeutschen Rocker hatten dagegen zumeist den Zwischenschritt Adaption "auf deutsch" nicht gemacht, sondern nach dem schlichten "Nachmachen" der 60er versucht, buchstäblich einen Deutschrock zu kreieren. Ich will nicht sagen, dass das völlig daneben ging, es gab in den 70/80ern auch erstklassige Westgruppen mit eigenen Sounds! Aber zu viele klangen tatsächlich wie einstürzende Neubauten. Vor allem diese unsägliche "Neue deutsche Welle"... aber was solls. Unter den Bedingungen der DDR-Welt haben die Bands im Osten Großes vollbracht.

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mallekalle 08.08.2019, 19:48
9. Beides hatte gute Saiten und Texte

Die 80-ziger empfand ich in der deutschen Musiklandschaft viel entspannter und nicht so verkopft wie die 70-ger. Vor allem im Osten kamen immer mehr Bands aus der Deckung, formulierten direkter, die Musik wurde poppiger und genauso ruppiger.
Die Texte im Osten waren sicher in der Gesamtheit poetischer, im Worte ausgefeilter. Man musste halt um die Ecke denken, oder es gab genug Texter mit abgeschlossenem Studium. Viele Lieder sind heute noch völlig zeitlos in der Aussage.
Im Westen war die Sprache einfach direkter und manchmal zeitgerechter. Auf beiden Seiten gab es trotzdem hervorragende Liebeslieder, Rocksongs und Pop. Ein Spiegel der Zeit und der Sozialisierung. Berluc, Karussel, Rockhaus, Karat genauso meine Favoriten, wie Heinz Rudolf Kunze, BAP, Klaus Lage, Ulla Meinecke und der Udo. Wer Lust hat, ich habe auf spotify meine Ostperlen aufgereiht. Einfach Playlist Ossi Ostborn eingeben. Gute Unterhaltung.

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