Forum: Kultur
Retro-Manie: Endlich Gegenwart!

Unser Jahrzehnt ist außer sich: Der Stil der Jetztzeit sucht Halt in der Vergangenheit, fast alles ist Retro, viele haben ihre Zeit aufgegeben. Dabei gäbe es so viel Spannendes zu entdecken, schreibt Niklas Maak von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung".

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firstart 30.12.2007, 08:36
1. Erschreckend

Es ist in der Tat zu beobachten, das es kaum Neues gibt. Selbst die im Artikel zitierte Architektur ist nur ein Abklatsch ewig wiederholter Entwürfe aus der Stahl und Betonära, bestenfalls geeignet gestalterische Monstren wie die Hamburger Hafencity zu gebären und ganze Innenstädte gleichzuschalten. Damit der H&M und Fielmann Kunde in jeder unserer ruinierten Städte seinen Laden findet.

Die andere Seite ist - wo soll es herkommen? Früher - so, haben wir zumindest geglaubt - war ALLES politisch und Rebellion. Vom Natoparka über das Palestinensertuch bis zu David Carson und orangen Ufolampen. Immer war neues Rebellion! Wie sie feststellen werden, rebelliert heute niemand mehr, sondern möchte überwacht werden und vorgekauten und längst verdauten ungefährlichen Brei konsumieren.

Wenn es eine "neue" Strömung gibt ist das Gewalt, Abstumpfung und die Wiederauferstehung totgeglaubter Rechter. Heute ist es nicht mehr "cool" zu sagen "Ich bin dagegen und mache es besser" heute ist es cool jemanden den Schädel einzuschlagen und sich mit brutalen Handyvideos über die eigenen Schandtaten bei den Klassenkameraden abzuheben. Leider ist diese "Szene" die einzige die ich ausmachen kann, in der noch eine Menge Power steckt. Die "Bessergestellten" geilen sich lieber an Aktiengewinnen und dem BWL Studium des gepamperten Nachwuchses auf. Zum Nachdenken und vor allem zum Gestalten - im weitestens Sinne - kommt dieser auch nicht. Dazu braucht man Zeit. Bei den heutigen Studienvorgaben und der Karrieregeilheit fehlt diese völlig.

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R.G. 30.12.2007, 09:49
2. Nix mitgekriegt?!

Da hat wohl der Herr Maak auf unterschiedlichen Ebenen nichts mitgekriegt:

Erstens - und wenn er schon Gestaltung mit äußerer Formgebung gleichsetzen muss - hätte er am Beispiel der Automobilindustrie merken können, dass sich da außer Retro eben auch eine neue, eigenständige und damit "gegenwärtige" Formensprache etabliert hat. Man schaue sich einfach einmal das - anfangs heftig geschmähte - Design von BMW an, (außen und innen!) dessen geschwungene Flächen sich zusehends in den Produkten der anderen Hersteller wieder findet. (Und - ahemm - die kristallinen Formen, die er als von den Stealth-Bombern inspiriert findet, sind selber schon wieder "retro", weil der damals begrenzten Rechnerkapazität geschuldet. Heute sind Stealth-Formen schon wieder gerundet.)

Das bringt mich zu Punkt Nummer zwei: Mir scheint, er sucht nach der "formalen Revolution" bei den Außenseitern und übersieht, dass die formalen Impulse heute auch von den großen Herstellern ausgehen (vielleicht ist ihm das zu sehr Mainstream, so dass er es gar nicht registriert). BMW wurde schon genannt. Apple wäre ein anderes Beispiel.

Vor allem ist Apple das Beispiel für Punkt drei, den er übersieht: Dass sich Form und Funktion heute so stark entkoppeln lassen, dass eine Kritik der äußeren Formgestaltung einfach zu kurz greift. Nicht umsonst ist das iPhone so schnell zum Kult-Objekt geworden. Die Formgebung zu bewerten, greift bei dem Ding zu kurz. Hier muss man die Funktion nicht nur gesehen, sondern erlebt haben. Sonst versteht man nicht, worum es geht.

Das iPhone wäre mein Tipp, wo Herr Maak beginnen könnte, nach dem "Gefühl von Gegenwärtigkeit" zu fahnden: In der vernetzten Funktion von Produkten, die über die äußere Formgestaltung hinausgeht (und von ihr vielleicht mehr oder weniger gut getragen, aber nicht mehr bestimmt wird). Das hat es noch nicht gegeben.

Das ist das Neue. Da ist die Gegenwart.

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Dalangsatu 30.12.2007, 10:08
3. ausklingende Postmoderne

Möglicherweise ist der Retrostil nur ein Teil des orientierungslosen Eklektizismus der ausklingenden Postmoderne.
Hoffentlich, möchte man sagen, denn in ästhetischer Hinsicht hat sie oft fragwürdige Ergebnisse hervorgebracht.

Die Stilgeschichte zeigt, dass auf orientierungslos-eklektizistische Phasen meist eine erneuernde und sehr stringente Phase folgt.
Wo deren ästhetische Wurzeln liegen sollten, ist noch nicht klar absehbar, jedoch steht zu vermuten, dass die derzeit reichlich entwickelten neuen Technologien zu einem neuen futuristischen Geist führt(analog zum Konstruktivismus/Futurismus der 20er), der einen optimistischen Blick auf die Zukunft hat, statt sich ängstlich vor ihr ins Hippieschneckenhaus zurückzuziehen.

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schere 30.12.2007, 10:25
4. Retro-Manie

Restauration alter Zustände überall. Der Staat zwingt den Leuten die Rechtschreibung einer Handvoll von Leuten auf, und diese Reform ist die Rückkehr zur Schreibung von vor 1960, was kaum einer weiß. Jeder Dummkopf beeilt sich, den Schwachsinn mitzumachen. Der Staat zwingt den Menschen den Überwachungsstaat auf; überall technische Spione. Untertanengeist hält wieder Einzug, man hält sich für wehrlos, der Antrieb versiegt, man läßt sich manipulieren. Aus der Not wird eine Tugend gemacht: Mitläufermentalität. Manager bereichern sich ungestraft wie ehedem die Feudalherren; marxistische Analysen sind verpönt, ihre treffenden Analysekategorien verschwunden - Rückkehr zu den alten und völlig unzureichenden Begriffen, die die Bezeichnung Begriffe nicht verdienen. Wem nützt es? Tja, wem nützt es … Politiker haben der Solidargemeinschaft der Sozialbeitragszahler das Selbstbewußtsein als Be-Recht-igte genommen, sie zu Almosenempfängern und Bittstellern (Sozialhilfeempfängern) degradiert, sie demoralisiert. Die Rentenunsicherheit und der zukünftige inflationsbedingte Wertverlust der eventuellen privaten Vorsorge (nominell gleichbleibende Rentenbeträge, Daumenregel: in zwanzig Jahren nur noch die Hälfte wert) lassen einem die Haare zu Berge stehen. Schwafelnde, unglaubwürdige Politiker, deren verbaler Eiertanz der Lüge gleicht, wo sie nicht offenkundig lügen. Westliche Kriegszüge, auf Lügen aufgebaut. Wem nützen sie? Den Kriegsgewinnlern. Das war dann auch der Zweck der Übung. Und wer weiß, wo diese Machenschaften eines Tages hinführen. Dritter Weltkrieg? Ist überhaupt noch die Zeit dafür? - Identifikation mit „Heimatland“ oder dem „demokratischen Westen“ - zunehmend verunmöglicht. Überall zahlreiche und immer zahlreichere kleine und große Zeichen einer unfaßbaren Klima- und Ressourcenkatastrophe, die jahrelang - wider die vielen Anzeichen - verniedlicht oder geleugnet wurden. Mit aller Selbstverständlichkeit wird von kommenden Kriegen - z.B. um Wasser - gesprochen. Und, und, und. Die Angst ist längst zur Hydra geworden mit vielen Köpfen, und wird einer abgeschlagen, wachsen neue nach. Die übergroße Angst vor der Zukunft lenkt den Blick unweigerlich nach hinten, zurück. Reaktionär, restaurativ, rückwärtsgewandt - wie immer man’s nennen will. Der Kongreß tanzt. Aber diesmal wie in den goldenen Zwanzigern - vor der großen Katastrophe. Und die nächste wird sie unendlich toppen. Die Hoffnung stirbt zuletzt - das ist nicht wahr. Sie ist schon so gut wie tot, man kann die Hoffnungslosigkeit überleben. Als bleiches Monster.

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Artax 30.12.2007, 10:38
5. Was bringt die Zukunft ?

Ohne mich jetzt großartig in der Welt des stilbildenden Designs auszukennen frage Ich mich in den letzten knapp 10 Jahren ebenso, was für künftige Generationen einmal die typischen 90er bzw . 00er reräsentieren wird. Ich kenne Trends, die die Medienlandschaft für die Gesellschaft aufbereitet, meist nur als Retro.

Wie wir uns an alten Autos, der Vespa oder Möbeln aus den 50-70er Jahren fixieren, wird es in der Zukunft vielleicht das Apple Computer Design ab 1998 sein oder Elektronik Gimmicks. Die Zeit verschiebt sich - war früher der Käfer der erste Schritt in die Unabhängigkeit (an die sich die heute zahlungsfreudige Kundschaft gerne erinnert und mit Kauf des NewBeetle dieses Gefühl zurückholen möchte) ist es heutzutage das erste Handy.

Ob dieser Vergleich etwas stilbildendes für die Geschichtsbücher hat sei dahingestellt.

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MikeNaeheHamburg 30.12.2007, 10:51
6. Naja ...

„Halt in der Vergangenheit“? Das halte ich für Blödsinn. Eher ist es doch so, dass der Mensch versucht, sich den Vorgaben von Teherani und IKEA, H&M und VW zu entziehen. Das gab es immer - heute wird es gleich zum Trend, weil oben genannte gleich drauf einsteigen. Leider merken sie nicht, dass eine Stadt, die mit Glas-Stahl-Klinker-Kolossen überzogen wird, überteuerte, nachgemachte Möbel, Billigklamotten oder ein Golf mit einer Blumenvase am Amaturenbrett nicht besonders hip sind. Der Konsument ist heute in der Lage, sich aus allem das beste - und für ihn passende - rauszupicken. Was ihn natürlich nicht besonders berechenbar macht. Gut so!

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freelance 30.12.2007, 11:15
7. Die Kritik kommt etwas spät, oder?

Zitat von sysop
Unser Jahrzehnt ist außer sich: Der Stil der Jetztzeit sucht Halt in der Vergangenheit, fast alles ist Retro, viele haben ihre Zeit aufgegeben. Dabei gäbe es so viel Spannendes zu entdecken, schreibt Niklas Maak von der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagzeitung".
Naja, all die Designer werden sich bei Herrn Maak bedanken.
Der Artikekl ist sehr tendenziös und ungenau. Ein paar Beispiele:
1. Der Stealth Bomber z.B. ist auch ein Produkt der 70er bzw. 80er. Nicht unbedingt nur die Oberflächenform machen ihn relativ unsichtbar für's Radar, sondern auch spezielle Lacke und Oberflächenmaterialien und Metalle, die ebenfalls aus den 70ern stammen.
2. Weltraumfuturismus: Gibt es den? Ja, sicherlich. Aber dieser kam ja nicht aus dem Nichts, sondern war eine Überspitzung/Pointierung und Weiterentwicklung(eben vorwärts gedacht) aus der damaligen Designsituation heraus. Da fallen einem übrigens nicht nur Scifi ein oder Clockwork Orange, auch Fassbinder u.a. Filmemacher(wie hätten sie's auch anders können), die einen ausgeprägten Hang ins Designdetail hatten. Aber zugegeben, was am eindruckvollsten hängenbleibt ist das Scifidesign, aber vielleicht weil es im All soviel Raum gibt, der zu gestalten war.
3. Ist klar, daß Herr Maak das 'Theatre of Immanence' der Architekten Ben van Berkel u. Johan Bettum preist, da er mit der Städelschule in Frankfurt verbandelt ist. Wer einmal im Portikus war, und sich nicht von dem digitalen Heruntergeriesel einfangen hat lassen und ernsthaft versucht hat einem Vortrag auf der Ballustrade zu lauschen dem kommt das Grausen, aber nicht nur in akkustischer Hinsicht, sondern weil der Raum eben nicht nur von oben funktionieren kann, sondern auch vom Boden muß, und da sind wir leider im Schatten und Unraum der neuzeitlichen Arena mit Gitternetzstruktur geraten. Das ist wohl hinreichend als Vogelperspektiven- oder Modellbauproblem bekannt.
4. Abschliessend sei kritisch erwähnt, daß derlei gepriesene Gitter- und Schaumideen schon lange in den Köpfen der Menschen wabern. Allein digitale Berechenbarkeiten und damit einhergehende Fortschritte in der Materialforschung machen sie jetzt auch technisch umsetzbar, jedenfalls in komplexen Formen.
Und Buckminster Fuller war dem Gitternetz auch sehr verschrieben, aber der gehört ja in die von Herrn Maak geöffnete Klassikerschublade.

Es gibt sicherlich gute zeitgenössische Ansätze, wobei ich es sehr bedenklich finde, daß die Ästhetik immer mehr von(programmierten) Softwarealgorhythmen diktiert wird. Hier verschenken die Gestalter wertvollen Freiraum!
Die meiste Retroästhetik ist scheußlich, da stimme ich mit Herrn Maak eindeutig überein.

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baninchenrenner 30.12.2007, 11:37
8. "Nullerjahre"

Der Autor des Artikels entlarvt sich – und damit ganz unbewusst – als "Kind seiner Zeit", in dem er selbst nur eine krude Wortschöpfung – die "Nullerjahre" – als verlegene Bezeichnung für unser aktuelles Jahrzehnt parat hat.

Und hier liegt womöglich einer der Gründe für die derzeitig empfundene Identitäts- und Stillosigkeit verborgen: Was keinen wirklich gebrauchsfähigen Namen hat, hat scheinbar auch keine Form und keinen Inhalt.

Auch das 20. Jahrhundert scheint nach wie vor ästhetisch und kulturell erst mit den (gleich als "golden" verklärten) Zwanzigern zu beginnen. Von da an hatte alle Jahrzehnte ihren eigenen "Namen" und gleich auch ihre Stile und Moden: die Dreißiger, Vierziger (in Europa etwas unterbelichtet wegen des 2. Weltkriegs), Fünfziger, Sechziger, Siebziger, Achtziger und Neunziger.

Tja und nun? Wieder ein Jahrhundertbeginn, bei dem die ersten beiden Jahrzehnte wohl erneut namenlos bleiben dürften und das interessanterweise in anderen Sprachen ebenso, selbst im sonst so erfindungsreichen Englischen.

Wie heißen denn nun - verdammt noch mal - unsere ersten beiden Jahrzehnte? Ganz einfach: Die "Einer" und die "Zehner". Klingt zugegebenermaßen gewöhnungsbedürftig (wie bei allen neuen Wortschöpfungen), wäre aber mathematisch allemal korrekter als die immer wieder phantasielos kolportierten ewigen "Nuller", "Nulziger" oder was weiß ich für sprachlicher Unsinn.

Vielleicht sollte sich der SPIEGEL beeilen, endlich sinnfeste Begriffe für die beiden namenlosen Jahrzehnte zu etablieren, wird er sie doch alsbald dringend benötigen als Chronist unserer Zeit. Dann unterstützt er auch seine unzähligen Texteschreiber, die anscheinend Wortfindungsschwierigkeiten haben.

Im Übrigen haben die "Einer" des vorigen Jahrhunderts trotz Namenkosigkeit dennoch eine unverwechselbare eigene Ästhetik hervorgebracht: den Jugendstil. Der entwickelte sich genau genommen bereits ab Mitte der Neunziger des 19. Jahrhunderts. Womit auch klar wird, dass die jeweiligen Stilformen nicht zwingend immer in Jahrzehnt-Spannen gepfercht werden müssen.

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sam clemens 30.12.2007, 11:37
9. Nicht übel

Gegenwart und Zukunft ohne Vergangenheit gibt es nicht - selbst die Negierung der Vergangenheit bezieht sich auf diese - indem sie sie - bzw. ihre Formen, Konventionen usw. zu vermeiden sucht. Die beschriebenen Bauwerke sind meiner Meinung nach stilgeschichtlich immer noch postmodern, da sie eben keine "normale" Architektur sind, sondern immer Welt- und Gesellschaftsentwürfe abbilden sollen. Interessanter als die Gegenwartsanalyse und die Zukunftsvision finde ich die Bemerkungen zu den Retrotrends an sich. Neue Bürgerlichkeit einschließlich politischer Anleihen an das frühe 20. Jahrhundert, die Wiederkehr der Pilotenbrille oder Paris Hiltons gräßliche Outfits sind wirklich beunruhigend! Trotzdem - war denn die Welt um 1970 wirklich so idyllisch? Diese Idealisierung beruht doch wohl auf zeitgenössischem Tunnelblick. Wir sollten stattdessen versuchen, die Geschichte seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert gesamthaft zu betrachten - wir entdecken möglicherweise, dass wir bisher Zäsuren (z.B. Wende, deutsche Einheit, Zerfall der SU, 11. September) gesehen haben, wo gar keine sind. Vielleicht sind ganz andere Ereignisse und Entwicklungen entscheidend gewesen? Trotz der Schwächen des FASZ-Textes - viel besser als Franz Walther oder der - inzwischen zum Glück auch in SPON kritisierte - schwachbrüstige Horx!

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