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Roman über Amerikas Ureinwohner: Blut, das an Federn klebt
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Tommy Orange erzählt in seinem Debütroman "Dort, dort", wie das Trauma das Leben von Native Americans prägt - und spiegelt zugleich die Massaker unserer Zeit.

ruhepuls 20.08.2019, 15:49
1. Offene Wunde Amerikas (und Europas..)

Die Eroberung Amerikas brachte den neuen "Amerikanern" Wohlstand - und Europa die Demokratie, denn ohne die amerikanische Unabhängigkeit hätte es die französische Revolution vermutlich nie gegeben. Den Preis für amerikanischen und europäischen Wohlstand und Freiheit bezahlten die Ureinwohner, die ihre Freiheit und ihr Land verloren. Daran ändert auch nicht, dass die europäischen Eroberer ebenfalls einen hohen Blutzoll bezahlten, denn sie trafen auf Menschen, die sich wehrten und ein Land, das für Europäer Wildnis war - und ebenfalls wehrhaft.
Daher gibt es in den USA (mindestens) zwei Geschichten, eine weiße und eine rote (und ein schwarze und eine gelbe...). Und auf allen Seiten offene Wunden. Diese schließen sich nur sehr langsam und es wird wohl noch Generationen dauern, bis sie verheilen.

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hw7370 20.08.2019, 18:33
2. Oh nein !

Sehr geehrte Mituser, Sie schrieben:
" (......) . Den Preis für amerikanischen und europäischen Wohlstand und Freiheit bezahlten die Ureinwohner, die ihre Freiheit und ihr Land verloren. Daran ändert auch nicht, dass die europäischen Eroberer ebenfalls einen hohen Blutzoll bezahlten, denn sie trafen auf Menschen, die sich wehrten und ein Land, das für Europäer Wildnis war - und ebenfalls wehrhaft."

Zitat: “In den ersten 50 Jahren nach der Entdeckung Amerikas durch die katholischen Spanier waren bereits eine Million Indianer im karibischen Raum zugrunde gegangen . (…) . Nach 150 Jahren waren in ganz Amerika 100 Millionen Menschen gestorben - über 90 Prozent der Bevölkerung (Südwestpresse, 2.5.92).”

Sie wollen doch nicht wirklich die mehr als 100 Millionen tote Indigene, mit den toten der Eindringlinge vergleichen? Ich habe in meinem Buch “Die Pumaschildkroete, sein Jaguargesicht” (6000 Jahre Mittelamerika, Amazon,2017) die Geschichte der indigene Voelker zwischen Mexiko und Peru aufgeschrieben. Es ist meines Wissens nach das einzige Buch, das sich mit der gesamten indigene Historie Mittelamerikas auseinandersetzt, (von den Legenden und Goettern, der indigenen Denkform, ueber die Kunst, den religioesen Hintergruenden , bis zum Widerstand der Indios ) und hierbei auch die grauenhaften Graeueltaten der Eroberer beschrieben. Deren Bluthunde, die darauf trainiert wurden die Weichteile der Ureinwohner zu zerfleischen, die indigene Frauen, denen die Brueste abgeschnitten, Indios die lebenden Leibes ueber dem Feuer geroestet wurden, abgehackte Haende und Fuesse , Kleinkinder die an Helebarden gespiesst und deren Koepfe an Baeumen zerschmettert wurden, das war kaum an Sadismus zu ueberbieten. Pedrarias Davila zum Beispiel, wuetete ueber 16 Jahre im heutigen Nicaragua mit grosser Grausamkeit. Am Ende waren nur noch 20 % der Ureinwohner am Leben.. Ganz Latainamerika watet im Blut der abgeschlachteten Ureinwohner.
Ich selber bin sei 20 Jahren mit einer indigenen Frau verheiratet und lebte teils Jahre im Busch bei Indios, und erfahre die Demuetigungen und Verachtungen, die den Ureinwohnern heute noch entgegen gebracht werden.
Wer kennt schon die Schamhaftigkeit der Indios, die tiefe Religioesitaet, die Zwangschristianisierung? “Die Seele des Indios muss vernichtet werden” befahl Cortez in Mexiko und so wurden als erstes alle Chamanen und Caciquen, Kuenstler und Wuerdentraeger umgebracht, damit nur noch unwissendes Volk uebrig bleibt. Es gab in ganz Mittelamerika eine ueberreiche hohe Kultur, der Architektur, der Astronomie, der Medizin, alles wurde vernichtet. Erst recht die heiligen Buecher, da sie “heidnisch” waren. Diese Geschichte der Indios Mittelamerikas (und nicht nur Mexikos) wurde bislang nie aufgearbeitet. All das Leid, all die Demuetigung. All den Tod, den die Europaere gebracht haben. Noch heute partizipiert Europa teilweise von den Raubguetern.
Durch mein Leben bei und mit den Ureinwohnern erfuhr ich Dinge, die kein Aussenstehender kennt. Ich schrieb es auf, damit es nicht vergessen wird.

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anotherprelude 20.08.2019, 20:15
3. Besten Dank, hw7370.

Besten Dank, hw7370, fuer den detaillierten Beitrag. Als Mitteleuropaeer, der seit 3o Jahren in Kalifornien lebt und sich eng verbunden fuehlt mit der Kultur der Ureinwohner, sehr beruehrend. Trotzdem, und trotz der gegenwaertigen schaendlichen Administration, komme ich nicht umhin, festzustellen, dass die Amerikanische Kultur, die entstanden ist, grossartige und ausserordentliche Aspekte ueber viele Hundert Jahre hervorgebracht und verbreitet hat. Aspekte, die heute die westliche Welt praegt und auszeichnet. Und wo waere Europa heute, wenn es nicht von den alliierten und Amerikanischen Kraeften befreift worden waere? Wo waere der Westen heute, wo waere die Welt heute? Ebenfalls: viele der Staemme der Ureinwohner hatten Eigenschaften, die grausam waren und an die Isis erinnern.

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ruhepuls 21.08.2019, 08:51
4. #hw7370 / Aufrechnen? Sicher nicht

Es ging mir nicht darum "Köpfe aufzurechnen", sondern darum auf das "psychologische Bild" einer Nation hinzuweisen, in der praktisch jede Bevölkerungsgruppe "verwundet" ist - aus deren subjektiver Sicht. Und im Verhältnis zwischen Menschen, auch Völkern, zählt "gefühlte Geschichte" mehr als dokumentierte.

Wenn Ihre Ururururgroßmutter von Natives vergewaltigt und umgebracht worden wäre, hätte das - gefühlt - ein größeres Gewicht, als die Millionen von Ureinwohnern, die durch eingeschleppte Seuchen und Vertreibung vorher umkamen.

Wenn die Amerikaner jemals so etwas wie "ein Volk" werden wollen, werden sie sich um alle offenen Wunden kümmern müssen, denn von den Verursachern lebt heute keiner mehr.

Ich kenne die amerikanische Geschichte recht gut, inklusive aller Massaker und Kriegshandlungen, nicht zuletzt durch persönliche Kontakte zu weißen, wie indigenen Amerikanern - weiß daher, wie unterschiedlich Geschichte dort wahrgenommen und die eigene Rolle in Mythen idealisiert wird (Stichworte: Mutige Pioniere vs. friedliebende Indianer).

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ruhepuls 21.08.2019, 08:58
5.

Kleine Ergänzung: Mir sind die Gräueltaten der Konquistadores bekannt. Allerdings waren derartige Praktiken auch unter den indigenen Völkern durchaus verbreitet.
Die Irokesen waren "Meister der Feuermarter" und schafften es beispielsweise einen Gefangenen über Tage hinweg stückchenweise lebendig zu verbrennen. Und mitzuerleben, wie rote Ameisen das eigene Gesicht nach und nach abnagen, während man bis zum Kopf neben einem Ameisenhaufen eingegraben ist (eine Methode der Nde bzw. Apachen), war sicher auch kein Vergnügen.
Brutalität und Grausamkeit war kein Import der Europäer. Sie war schon vorher da. Es gibt keine Heiligen - nirgends.

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permissiveactionlink 21.08.2019, 09:50
6. "Fünfhundertjährige Völkermordkampagne"

Es besteht kein Zweifel an den unermesslichen Grausamkeiten, die den Indios widerfuhren. Neben den Folter- und Exekutionsmethoden gab es auch schon die "Vernichtung durch Arbeit" in den Bergwerken der Konquistadoren. Ich möchte dennoch auf einen bekannten Aspekt hinweisen, dessen Ausmaß aber oft unterschätzt wird : Die Europäischen Eroberer brachten Seuchen mit auf den Kontinent (und vermutlich auch eine neue mit zurück nach Europa, die Syphilis), denen die Indios aufgrund ihrer jahrtausendelangen immunologischen Abgeschiedenheit nichts entgegensetzen konnten : Influenza, Masern, Pocken, um die Hauptschuldigen zu nennen. (Mit afrikanischen Sklaven kamen dann später auch geeignete Vektoren der Malaria in Form von Anopheles gambiae-Mücken sowie das gelbe Fieber aus Westafrika auf den amerikanischen Kontinent. Bereits 100 Jahre nach der Entdeckung durch Christoph Kolumbus bzw. Amerigo Vespucci waren 90 % (!!!) der amerikanischen Ureinwohner ausgerottet. Dies geschah nicht absichtlich, und war den Eroberern auch nicht gleichgültig, da ihnen dadurch die von den christlichen Würdenträgern zur Versklavung willig überlassenen, auszubeutenden Arbeitskräfte fehlten. Die Azteken nannten die mit den Europäern angekommenen tödlichen Seuchen "Huey cocoliztli". Das bedeutet "Das große Leiden". Näheres unter : "Ursula Thiemer-Sachse : Das große Leiden * Stabsstelle Presse und Kommunikation * Freie Universität Berlin"

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menschgottich 21.08.2019, 14:41
7. Ist das Kevin Großkreutz auf dem Foto;)

Aber das war mein erster Gedanke bei dem Foto, ich musste selbst so lachen als ich dann den Artikel gelesen habe. Aber diesen Miment des lachens wollte ich teilen;)

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sowas66 22.08.2019, 10:34
8. noch immer

in weiten Teilen des amerikanischen Kontinents geht der Mord an der Ureinwohnern bis zum heutigen Tag weiter, nur geschieht das meist nicht mehr so offen wie in den Zeiten der aggressiven Eroberung des Kontinents. In Brasilien tötet man sie ohne Hemmung wegen der Abholzung, in Rest Süd und Mittelamerika werden sie diskriminiert und kriminalisiert. Aber on Top off it kommen die USA ,wo die indigenen Völker bis heute in POW Camps (reservate) Leben, in denen Dritte Welt Zustände herrschen . Ob man nun das Pine Ridge reservat (Sioux) nimmt in dem die höchste Selbstmord rate unter jungen Menschen
in den Staaten herrscht oder z.b. die reservate der Navajo nation nimmt in den es zum grössten Teil bis heute kein Strom oder fliessend Wasser gibt. Ich könnte hier eine Aufzählung bis ins endlose führen. Was machen wir den für die indigenen Völker Amerikas? Nix! Die USA ,bleiben die Verteidiger der freien Welt!! ein schlechter Witz.

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