Forum: Kultur
Sexualstraftäter: Warum "einfach anzeigen" nicht einfach ist
Julian Stratenschulte/ DPA

Nach einer Sexualstraftat wird Opfern oft geraten, Anzeige zu erstatten. Das ist verständlich - zeugt aber auch von einem naiven Glauben an Polizei und Beratungsstellen. Tatsächlich kann auch ein neuer Alptraum beginnen.

Seite 7 von 8
scoopx 04.09.2019, 12:41
60. Mir fällt da was auf...

Zitat von isar56
Auf mich kamen einige Male Mütter u.a. zu, mit dem Verdacht oder der Gewissheit ihr Kind sei sexuell missbraucht worden. In speziellen Supervisionen lernten meine Kollegen und ich: keine Panik, hilfreich ist eine kompetente Fachberatung zur Frage der nächsten Schritte - Anzeige, Schadensbegrenzung für das Kind, ggf die Frage ob der Verdächtige Zugriff auf weitere Kinder hat etc. Einer der schlimmsten Fehler besteht darin, das Kind zu befragen. Im Falle einer Anzeige wird u.a. geprüft (Kripo und Richter), ob das Kind beeinflusst wurde. Es ist nicht lange her, da erzählte ein kleines Mädchen, dass der Papa......... und dass die Mama das gesagt habe. Das Verfahren wurde eingestellt. Vor ca 15 Jahren dasselbe. Das 15jährige Opfer sagte bei Gericht auffallend strukturiert und gewählt aus. Als der Richter fragte, warum sie alles so...... schildern kann, sagte sie prompt, das habe ihr die Anwältin so erklärt. Mit Hilfe einer erfahrenen und kompetenten Therapeutin haben wir es mehrfach geschafft Familien halbwegs heil aus solch hoch belastenden Situationen zu führen. Bevor wir Anzeige erstatten holen wir uns immer fachliche Unterstützung, um vor allem dem Betroffenen Kind so gut es geht zusätzliche Belastungen zu ersparen.
...in Ihrem Beitrag: "Mütter" sind auf Sie zugekommen, "Mama hat das gesagt", "die Anwältin hat das so erklärt".

Ist es wirklich so, daß stets Frauen die Helfer und Antreiber solcher Verdächtigungen sind? Also auch stets Psychologinnen und Therapeutinnen? Daß Frauen die Mißbrauchshysterie immer weiter treiben? Und daß sie auch männliche Vertreter ihres Fachs auf ihre Seite ziehen?

Andererseits schreiben Sie, daß Familien "mit Hilfe einer erfahrenen und kompetenten Therapeutin" aus solchen Anschuldigungen wieder rausgekommen sind. Ich würde gerne wissen, ob das die Ausnahme oder die Regel ist.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
muellersusanne 04.09.2019, 13:03
61. Antwort auf 53

Zügige Anzeigenerstattung mag ein Indiz sein, aber wofür ist das sexuelle Vorleben des Angeklagten ein Indiz? Das ist die Einführung des Täterstrafrechts durch die Hintertür

Beitrag melden Antworten / Zitieren
willem_vonwegen 04.09.2019, 13:08
62.

Ich, Mann, nicht Opfer von sexueller Gewalt, finde das dieser Beitrag wichtig ist - aber der entscheidende Teil fehlt. Man fragt sich wirklich wie es sein kann, dass staatliche und gemeinnützige Strukturen, die zur Opferhilfe und Verbrechensaufklärung geschaffen wurden, so wenig Kontrollinstanzen aufweisen, dass es für dort Angestellte möglich ist, Hilfesuchende zu belästigen und so lange damit durch zu kommen. Aber ich möchte trotzdem einen Kritikpunkt anbringen. Warum kritisieren sie diese Opferschutzeinrichtungen ohne Verbesserungsvorschläge einzubringen oder ersatzweise bereits vorhandene Konzepte vorzustellen? Gerade wenn es um so ein sensibles Thema geht, muss Kritik konstruktiv sein und Verbesserungsvorschläge oder Alternativen aufweisen - ansonsten ist es nur destruktives Gemeckere. Auch wenn Meckerei durchaus berechtigt scheint, das sollten Sie als Kolummnistin mit grosser Reichweite via SPON vermeiden, sie schrecken ansonsten hilfesuchende ab und nehmen ihnen Hoffnung. In diesem Fall sollte man das Gemeckere im Privatleben mit einem Gesprächspartner seiner wahl praktizieren, aber doch um himmels willen nicht auf einer öffwntlichen Kolummne! Bitte werden Sie sich ihrer medialen Verantwortung bewusst und unterlassen Sie solche Beiträge in Zukunft, damit machen Sie ungewollt mehr kaputt als dass Sie helfen. Ich hoffe inständig dass diesen Beitrag niemand liest der ernsthaft gerade in solch einem Fall hilfe sucht.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
interessierter Laie 04.09.2019, 13:20
63. ...es gibt da leider keine 100-prozentige Lösung

denn natürlich kann jeder bei der Polizei oder einer Beratungsstelle an die falsche Person geraten. Auch können selbst mitfühlende und sensible Mitarbeiter nicht umhin, unangenehme Fragen zu stellen. Das ist natürlich furchtbar, aber anders lässt sich der Vorwurf nicht aufklären. In der Regel steht ja Aussage gegen Aussage. Es ist also extrem wichtig, zumindest die Spuren (wenn es welche gibt) zu dokumentieren und idealerweise die Polizei zu einem frühen Zeitpunkt aufzusuchen, in dem sich Abläufe noch rekonstruieren lassen. Leider tragen natürlich auch gewisse Fälle zum Misstrauen gegenüber Opfern bei. Man erinnere sich nur mal an Fall Lisa.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
rosengregor 04.09.2019, 13:47
64. Abhilfe?

Richtig, die Anzeige kann eine Frau in neue Schwierigkeiten bringen und die Strafe für den Täter beinhaltet nicht für jedes Opfer auch eine Genugtuung oder jedenfalls keine, die ihr so wichtig wäre, dass sie dafür das erlittene Leid in einem Verfahren noch einmal aufwühlen will.

Aber ohne Strafanzeige fallen auch andere Zwecke der Strafe weg, Generalprävention z.B. also Abschreckung. Wenn Täter darauf vertrauen und offenbar gibt es solche negativen "Lerneffekte" ja bei Wiederholungstätern, dass die Anzeige für die Frau kein gutes Mittel ist und deshalb auch gar nicht gewählt wird, dann wird diese Gesellschaft einfach nur gefährlicher.

Was wäre eine Lösung? Wie wäre es, wenn JEDE Frau, die eine solche Anzeige erwägt, eine professionelle Beraterin an die Seite gestellt bekäme, eine Ärztin oder Sozialtherabeutin z.B., die dann alle Wege mit dem Opfer gemeinsam machen würde: gemeinsam zur Polizei, gemeinsam zur Anhörung bei der StA, gemeinsam zum begutachtenden Arzt, gemeinsam zu den Gerichtverhandlungen. Und wenn dann dort wirklich ein unangemessenes Verhalten auftaucht, dann kann die Beraterin eingreifen und die nächsten Schritte wie z.B. Dienstaufsichtsbeschwerden übernehmen. Und wenn es vielleicht wirklich nicht für eine Verurteilung reicht, dann kann die Beraterin das auch gleich mit dem Opfer besprechen.

Die Anzeige ist und bleibt unverzichtbar, wie sollen wir sonst diese Form der Gewalt irgendwann aus der Gesellschaft herausbekommen? Aber dass die Opfer nicht ein zweites Mal das Gefühl erleiden müssen, ausgeliefert und allein zu sein, dafür könnten wir als Gesellschaft durch Bereitstellung von geeigneten Strukturen schon Sorge tragen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
TLB 04.09.2019, 16:03
65.

Zitat: Alle diese Aufforderungen sind verständlich, aber aus allen schreit auch die Unwissenheit, was es bedeuten kann, eine solche Tat zur Anzeige zu bringen. Ende. Nein aus diesen Äußerungen schreit keine Unwissenheit. Da ist zunächst mal ein gewisser Selbstschutz, mit dem Wissen um diese schrecklichen Vorgänge nicht allein gelassen zu bleiben. Wende Dich an eine offizielle Stelle! Lass das nicht auf Dir sitzen! Hol Dir Hilfe! Vielleicht ist der Satz ja auch noch gar nicht zu Ende sondern wird ergänzt mit, ich komme mit und stehe Dir bei. Wenige werden denken, dass das jetzt einfach wird, sehr wenige werden das denken. Und deshalb müssen viel mehr ermutigt werden, diese Ungerechtigkeit zur Sprache und zur Anzeige zu bringen und nicht die oder einen Teil der Schuld bei sich selbst zu vermuten.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
medium07 04.09.2019, 16:21
66. Liebe Frau Stokowski,

Als elternlos aufgewachsenes Nachkriegskind hätte ich vermutlich mehr Anlass, mich über die Widrigkeiten des Lebens und die Abgründigkeit des Menschengeschlechts zu beklagen. Ich habe es jedoch vorgezogen, in mir einen wehrhaften Melancholiker zu sehen. Jedenfalls hätte der Psychoanalytiker Viktor Frankl , der als junger Mann als einziger seiner Familie das Konzentrationslager überlebte, erheblich mehr Berechtigung zur Klage. Das weltweit erfolgreiche Buch, in dem er seine Erlebnisse verarbeitet hat, heißt jedoch nicht: „Warum die Welt so schlecht ist“, sondern „Trotzdem Ja zum Leben sagen“. Es sei Ihnen wärmstens anempfohlen.-
Als Gott noch lebte, hat man die Klage über den Übelstand der Welt unter dem Hashtag „Theodizee“ himmelwärts geschickt. Da dieser Ort nun verwaist scheint, macht man das „System“ verantwortlich, das besonders unter den von einem ebenso gnädigen wie unverdienten Schicksal Begünstigten in immer neue Opfergruppen aufgegliedert wird. Die einzige Tragik Ihrer Kolumne, Frau Stokowski, vermag ich darin zu sehen, dass Ihnen die Shoppingmall, zu der sich die Welt in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt hat, ein Berufsbild bereit hält, dank dessen Sie Selbstmitleid und sonstige luxuriöse Grundausstattungen werdender Opfer en gros und en detail feil bieten können. Die wachsende Nachfrage besteht und befördert nach den geltenden systemimmanenten Marktgesetzen das gleichfalls stetig wachsende Angebot.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
muellersusanne 04.09.2019, 17:51
67. Das Niveau ist ja erschreckend.

Wer versteht denn meinen Beitrag so, dass es keine Beweise braucht? Es geht um die Zeugenaussagen von Frauen. Warum müssen hier immer Glaubwürdigkeitsgutachten angefordert werden?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
quark2@mailinator.com 04.09.2019, 17:59
68.

Zitat von muellersusanne
Zeigen Sie einen Diebstahl an, wird kaum ein Psychologe darüber urteilen, ob sie eine psychische Störung haben, die dazz führt, dass sie nicht zugeben wollen, dass sie den Gegenstand in Wahrheit verschenkt haben. Anders in Vergewaltigungsprozessen. Nicht nur die Frau, sondern auch der Täter und, wie wir im Kachelmannprozess gesehen haben, seine weiteren Geschlechtspartnerinnen werden von Psychologen begutachtet und das Ergebnis wird von der Presse in der Öffentlichkeit breit getreten. Dank einer Rechtsprechung, die an die Glaubwürdigkeit für die Glaubwürdigkeit der Opfer einen eigenen (hohen )Maßstab anlegt. Warum? Weil die Opfer in der Regel Frauen sind und Frauen in unserer Gesellschaft und vor Gericht nach wie vor als nicht ganz ernst zu nehmen gelten, quasi wie ein Kind behandelt werden
Wir sind uns 100% einig, daß es besser wäre, die Medien würden die Beteiligten erst nach einem Urteil outen. Allerdings läuft #me2 gerade über die Schiene, daß die weibliche Seite öffentlichkeitswirksam Männer beschuldigt, oft genug ohne Beweise. Wenn man das tut, kann man kaum Vertraulichkeit für die eigene Seite fordern, oder ? Aber ja, ich wäre sehr dafür, daß niemand öffentlich durch den Schmutz gezogen wird, weder Mann noch Frau. Was nun die Beurteilung durch Psychologen angeht: Ohne diese Beurteilung gilt "im Zweifel für den Angeklagten". D.h. wenn die Aussagen sich widersprechen, ist der Fall zuende. Der miese Weg über "Der/Die Sachverständige glaubt, ..." ermöglicht Verurteilungen von Männern ohne Beweise. Persönlich finde ich das absolut grenzwertig (Einzelfälle ausgeschlossen). Man entsinne sich, wie viele Menschen sich nun aufgrund DNA als unschuldig erweisen. Das wird auch hier wieder so sein. Ich würde mich auf Ihre Seite schlagen und diese psychologischen Untersuchungen ausschließen. Aber dann gäbe es noch weniger verurteilte Männer. Allerdings mMn. auch weniger zu Unrecht verurteilte Männer. Ihrem Kausalschluß, man würde Frauen als Kinder ansehen, kann ich nicht folgen und zumindest in meinem Umfeld beobachte ich das auch nicht. Vielleicht gibt es das anderswo ... aber wir haben ne Bundeskanzlerin und ne Verteidigungsministerin (aber keinen Familienminister). Nahezu jede Partei hat eine Chefin. Insofern ...

Beitrag melden Antworten / Zitieren
fr.ber 04.09.2019, 18:00
69. Opfer haben Angst vor den Konsequenzen einer Anzeige

@Pfaffenwinkel

Zitat: "In der Regel steht für Sexualdelikte eine Kriminalbeamtin zur Verfügung, die besonders geschult wurde für solche Fälle. Das Thema wurde nicht gut recherchiert."

Worauf basiert Ihre Aussage? Ich habe die Polizei einmal wegen eines sexuellen Übergriffs durch einen mir Unbekannten und Stalking durch eine mir namentlich bekannte Person eingeschaltet und kann Ihre Behauptung in keinster Weise bestätigen! Ich hatte ausschließlich mit männlichen Polizisten zu tun, die mir im erstgenannten Falle den Rat gaben, auf mich aufzupassen, da der Mann mich vermutlich beobachtet. Im Stalkingfall sagte der Polizeibeamte mir, ich solle mir das mit der Anzeige gut überlegen, da sie den Stalker zusätzlich provozieren könne. Aus Angst davor, mich in noch größere Gefahr zu begeben, habe ich damals in beiden Fällen keine Anzeige erstattet, sondern bin umgezogen und habe meine Telefonnummer geändert. Zurück blieb ein Gefühl der Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins. Ich weiß, dass es sehr vielen Frauen ähnlich geht. Hierfür scheint es bis heute keine echte Lösung zu geben, und es ist nicht Pflicht der Autorin, diese zu finden, sondern Gesellschaft und Politik müssen auf die Missstände aufmerksam gemacht und sensibilisiert werden, damit Frauen in solchen Situationen endlich ernst genommen und geschützt werden.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 7 von 8