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Sexuelle Übergriffe: Es könnte etwas lauter werden
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Die Debatten um sexuelle Gewalt werden von den immer gleichen Ruhigstellungs-Impulsen begleitet: Die Betroffenen seien selbst schuld und die Täter nur schwierige Typen. Das ist Teil des Problems.

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Icki 18.10.2017, 07:14
50. #metoo

Nur mal so zur Information: 1.) Ich war als Theaterregisseurin in der Situation, eine Nacht lang von einem Mitglied der Theaterleitung in dessen Wohnung (angebliche "Dramaturgiebesprechung") eingeschlossen und wurde massiv und brutal sexuell bedrängt. Am nächsten Tag meldete ich den Vorfall der Intendanz. Fazit: Hausverbot und ein verleumderischer Artikel in der lokalen Presse, ich habe die Arbeit niedergelegt, weil ich befürchte, den Anfordeungen nicht gerecht zu werden. Mein Anwalt erklärte: Klage aussichtslos. 2.) Als Schauspielerin wohnte ich temporär in einem Apartmenthaus, in dem auch ein TV-Regisseur, den ich aus einem anderen Projekt kannte, zeitweise eingemietet war. Er lud mich zum Essen ein und erzählte mir von einer Rolle, die er gern mit mir besetzen wolle; ob er mir das Drehbuch nachher eben vorbeibringen könne. "Okay, klar!" Er kam ohne Drehbuch, aber nicht mit leeren Händen: Mit der linken hielt er seine Hose hoch, in der rechten hielt er seinen Penis. Ich warf ihn raus und wurde nie wieder von ihm besetzt. 3.) Ein Bühnenkollege griff mir während einer Probe - auf Flüsteranweisung des Regisseurs - brutal zwischen die Beine, um mich "ein bisschen locker zu machen." Ich beschwerte mich bei der Intendanz. Der Intendant unternahm nichts und setzte postwendend eine weitere Inszenierung auf den Spielplan, in der ich jenem Regisseur ausgeliefert gewesen wäre. Ich habe dagegen protestiert, erhielt als Quittung Ensembleversammlungsverbot und wurde gekündigt. Ich könnte weitere Fälle aufzählen, aber ich glaube, das Prinzip ist klar. Wer behauptet, zu solchen Situationen gehörten immer Zwei, hat Recht: Ein Mensch mit Macht und einer ohne.

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Der_schmale_Grat 18.10.2017, 08:50
51. @10: Zustimmung und Zusatz und Antwort auf @6

Ich frage mich auch, was für eine Persönlichkeitsstruktur bei einer geschädigten Person vorhanden ist, die eine Anzeige nicht für nötig hält (keine Opferbeschuldigung, damit dies nicht falsch verstanden wird)? Meine Erklärung für einige der Frauen geht so: Der Mensch liebt den Verrat, aber nicht die Verräterin. Es bleibt gerade in so einer öffentlichen Debatte bei einer jungen unbekannten Frau extrem viel hängen, egal, ob sie Opfer war. Ich stelle mir vor, dass ich dem Traum von Hollywood so nahe bin, mein ganzes junges Leben darin investiert habe und dann muss ich es nur noch erdulden, dass ein alter, hässlicher, dicker Mann mich mit Gewalt sexuell benutzt und beschmutzt - und habe es dann hoffentlich endlich geschafft. Wenn ich den Vergewaltiger jetzt anzeige, verliere ich auch meine Hoffnungen usw. Wer glaubt mir, als Unbekannte? Ohnmacht, Hilflosigkeit, Scham und viele andere schreckliche Gefühle kommen in einem Opfer hoch, manchmal ein Leben lang, wenn ich ambivalent bin und keine Anzeige erstattet habe. Irgendwann rede ich mir vielleicht auch ein, dass es doch gar nicht so schlimm war, aber die Dämonen bleiben. Das Opfer entscheidet sich gegen eine Anzeige, weil es alleine ist. Es weiß nichts von den anderen Opfern. Wieso ist es gerade mir passiert, was habe ich falsch gemacht, dass er so etwas gemacht hat? Es muss an mir liegen, keine Anzeige! Was ich am Schrecklichsten finde: Ich habe wahrscheinlich noch nie einen Täter getroffen, der sich schuldiger oder beschämter fühlte als ein Opfer, wenn Täter (oder Täterin) entdeckt werden. Erst durch Therapie merken manche (und manche nie), was sie angerichtet haben.

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pittiken 18.10.2017, 08:51
52.

Zitat von mostly_harmless
Eigentlich kann das jeder halbwegs normale Mann ohne Probleme. Die Grenze ist exakt da, wo für die Frau sexuelle Belästigung beginnt.
Naja, ganz so einfach ist das jetzt aber nicht, da jede Frau diese Grenze anders zieht.

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fridericus1 18.10.2017, 09:49
53. Das ist genau ...

" Dass das Problem mit sexualisierter Gewalt ein "strukturelles" ist, heißt, dass bestimmte Erfahrungen, Szenen, Erzählungen sich wiederholen, immer wieder nach denselben Mustern - weil sie durch bestimmte Umstände begünstigt werden, wie zum Beispiel die Tatsache, dass manche Menschen sich sehr viel erlauben können, ohne dafür belangt zu werden, und andere so wenig Macht haben, dass sie nicht einmal gehört werden. "
der zutreffende Beitrag, den ich bislang vermisst habe. Dank, Frau Stokowski!

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pittiken 18.10.2017, 09:59
54.

Zitat von frietz
und wo genau ist das? die eine Frau fühlt sich durch zuzwinkern belästigt, die nächste, wenn man ihr nachpfeift, die dritte, wenn man sie ......
Zu meiner Sturm- und Drang-Zeit (ich weiß, ist schon ein paar Jahre her), wenn da ein Mann der Frau auf den Allerwertesten gefasst hat, dann hat der Typ eine geklascht bekommen, wenn Frau das nicht wollte und die Fronten waren geklärt, wenn nicht, dann gab es einen Tritt in die Weichteile. Auf blöde Bemerkungen hat man gar nicht reagiert, wenn man kein Interesse hatte.

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mostly_harmless 18.10.2017, 10:25
55.

Zitat von pittiken
Naja, ganz so einfach ist das jetzt aber nicht, da jede Frau diese Grenze anders zieht.
Sie interagieren nicht mit einem Automaten, sondern mit einem Menschen. Und natürlich reagieren - wie in jeder anderen Situation auch - verschiedene Menschen unterschiedlich.

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tomxxx 18.10.2017, 10:33
56. Ich kann den Frust der Autorin ja nachvollziehen...

aber ihre Annahme, dass es hier ein spezifisches Problem gibt ist komplett falsch. Das Verhalten ist bei jeder anderen Art von Übergriffen/Kriminalität (Arbeitssicherheit, ... oder was auch immer) ganz genau dasselbe. Opferschutz wird da ganz klein geschrieben. Und wenn es in die politische Richtung passt, dann ist genau dieses Verhalten dann angeblich die Krönung des Rechtsstaats (weil dann ja die Unschuldsvermutung gelten muss). Wenn sich an dieser Stelle etwas ändern soll, dann brauchen wir ein betrachter-unabhängige bessere Vorgehensweise bei allen Opfern!

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kratzdistel 18.10.2017, 10:45
57. sie übersehen etwas wesentliches

sie haben übersehen, dass in den USA die Frauen lange diskriminierte waren. sie durften auch ,wenn sie nicht folgsam waren, gezüchtigt werden. das können sie alles nachlesen im Internet.bei uns ist mittlerweile die sexuelle Belästigung ein Straftatbestand auch hat sich der tatbestand der Vergewaltigung geändert. in den USA war es auch vielfach schwieriger eine anzeiger wegen Vergewaltigung vor gericht durchzubekommen. es entscheiden ja laien.

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uban1 18.10.2017, 10:56
58.

Ichn männlich, finde dass Frauen (oder auch betroffene Männer) öfters sich zu Wehr setzen sollten wenn sie Opfer werden. Denn es bleibt immer etwas hängen und wenn es zu dem meist nur wenige Männer betrifft die 'ständig' von vielen Opfern beschuldigt werden dann bleibt da was im Hinterkopf, auch wenn es nicht zu strafrechtlichen oder diszplinarischen Folgen reihen sollte. Der stete Tropfen höhlt den Stein und irgendwann kommt die erhoffte Reaktion. die Ausnutzung von (geliehener) Macht zur persönlichen Lustbefriedigung, Korruoption, ... geht gar nicht, da gehört aber auch mehr Mut bei den Opfern diesen 'Schweine' das 'Leben' schwerer zu machen.

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roenga 18.10.2017, 10:59
59.

Zitat von solltemanwissen
Stellen Sie sich die Frage doch mal. Was wäre wohl passiert, wenn ne kleine Schauspielerin einen Multimillionär, der sich eine ganze Armee von Anwälten .....
Wie ich bereits gesagt hatte - eine Klage schafft Öffentlichkeit, selbst wenn Sie erfolglos sein sollte. Verhalten wird bekannt/aktenkundig. Andere Frauen werden dazu animiert, selbst an die Öffentlichkeit zu treten, was der Klage weitere Chancen eröffnet. Einfach mal den Fall von Bill Cosby verfolgen. Cosby ist zu recht als Vergewaltiger gebrandmarkt und als Persönlichkeit erledigt, trotz seines Reichtums und einer ganzen Armada von Anwälten.

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