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Siebziger-Epos "Die wilde Zeit": High sein, frei sein, alles muss gestylt sein
NFP

Molotowcocktails? Ja, aber bitte gepflegt! In seinem Film "Die wilde Zeit" zeigt Olivier Assayas die gesellschaftlichen Kämpfe der frühen Siebziger im Stil einer "Vogue"-Fotostrecke. Die Entscheidung zwischen Bourgeoisie oder Terrorismus ist hier eine Frage der Ästhetik.

filmforist 02.06.2013, 14:27
1. Hervorragender Film

Man fragt sich was, ob der Spon Autor im richtigen Kinosaal war, ausgerechnet diesem Film überzogenes "Styling" vorzuwerfen ist absurd. Die zurückgenommene, einfache, extrem trockene Auf-den-Punkt-Umsetzung lebt von präzisen Beobachtungen. In Deutschland wäre ein Film dieser Art völlig undenkbar, weil er nicht in das kleinbürgerliche Denken der Filmbehörden passt. "Die wilde Zeit" ist in der unendlichen Schwemme von Mickey-Maus-Styling und deutscher Sparkassen-Werbung eine filmgeschichtlich bedeutsame, rühmliche Ausnahme. Unbedingt angucken!

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sfb 02.06.2013, 15:24
2.

Schön geschrieben!

"Auch dreht "Die wilde Zeit" sich um historisch weniger spektakuläre, von Assayas Jugenderinnerungen (der Regisseur ist 1955 geboren) beeinflusste Geschehnisse im Pariser Umland des Jahres 1971."

Über die Schwemme der Pubertäts- und Jugendgeschichten in der Literatur der jüngeren Zeit hat mal jemand gesagt: Die Leute sehen auf ihr Leben zurück und stellen fest, dass das einzige Abenteuer, das sie erlebt haben, die eigene Pubertät war.
Eigentlich eine glückliche Generation, was aber der Kunst nicht unbedingt zugute kommt.

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Datenscheich 02.06.2013, 17:58
3. Realistischer

...ist es, solche Filme mit schon leicht angeschlagenen Autos zu produzieren. Wer von uns hatte damals schon Geld für einen NEUwagen? Und wer war daran interessiert, einen zu haben?! Niemand.

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Frankz 02.06.2013, 18:26
4. Retrostil, aber alles nur Fassade

Wenn es der Regisseur darauf angelegt hat, seine Protagonisten ohne jeden nonverbalen Ausdruck auszustatten, sie sozusagen als Marionetten durch künstlich gestylte Szenbilder tanzen zu lassen, dann ist ihm dies voll gelungen. Zusammen mit den abgelesenen Texten der Synchronsprecher ergibt dies ein selten blutleeres Stück Kino.

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sfb 02.06.2013, 18:32
5.

Zitat von Datenscheich
...ist es, solche Filme mit schon leicht angeschlagenen Autos zu produzieren. Wer von uns hatte damals schon Geld für einen NEUwagen? Und wer war daran interessiert, einen zu haben?! Niemand.
Eben! Das war äußerst uncool. Und Marken haben kaum eine Rolle gespielt. Aber natürlich kann es da Unterschiede zu Frankreich gegeben haben.

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analyse 03.06.2013, 07:11
6. Tatsächlich ist der veränderte Lebensstil der Jugend aus den 70ern

also: Antimode (genauso ernst genommen wie früher "modisch"),Musik,sexuelle "Revolution",Flower-power,Drogen,Leistungsverweigerung,antiautoritäre Bewegung der Grund für die Beteiligung vieler Jugendlicher gewesen.Die marxistisch kommunistischen Aktivitäten blieben auch an den Universitäten Minderheiten vorbehalten,hatten aber durch die Medien hohe öffentliche Wirkung ! da wurden unmenschliche Systeme als Vorbild gepriesen mit Argumenten aus dem 19.Jahrhundert erklärt.Gewalt befürwortet,Demokratie mit Füßen getreten,aber bis heute in den Medien sogar entstellend und lobend erwähnt,daß man sich bei einer solchen Geschichtsfälschung fragen muß:haben vielleicht Napoleon oder Bismarck gar nicht gelebt?

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bartholomew_simpson 03.06.2013, 16:57
7.

Zitat von Datenscheich
...ist es, solche Filme mit schon leicht angeschlagenen Autos zu produzieren. Wer von uns hatte damals schon Geld für einen NEUwagen? Und wer war daran interessiert, einen zu haben?! Niemand.
Schon richtig, aber heute wird sich ein Wagen aus den Siebzigern mit originaler Abnutzungspatina kaum noch finden lassen. Die sind mittlerweile verschrottet:-((.

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sfb 03.06.2013, 18:38
8.

Zitat von analyse
da wurden unmenschliche Systeme als Vorbild gepriesen mit Argumenten aus dem 19.Jahrhundert erklärt.Gewalt befürwortet,Demokratie mit Füßen getreten,aber bis heute in den Medien sogar entstellend und lobend erwähnt,daß man sich bei einer solchen Geschichtsfälschung fragen muß:haben vielleicht Napoleon oder Bismarck gar nicht gelebt?
Das kann auch damit zu tun haben, dass die 68er heut an den Schaltstellen der Macht sitzen.
Die "Masse" hat eben aus den "Idealen" vor allem herausgehört, dass man jetzt von allen möglichen Zwängen befreit ist:
"In jedem Menschen steckt ein Ferkel, und wenn die Zäune der Sittlichkeit fallen, springt es fröhlich grunzend heraus."
Die Kehrseite ist der Kinderschänder-Skandal der Grünen, der nun langsam aufgedeckt wird:
Cohn Bendit schwärmt...

Was bleibt als Haupterrungenschaft von '68?
Eine Theorie zur Rechtfertigung schlechten Benehmens.

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