Forum: Kultur
S.P.O.N. - Der Kritiker: Deutschland, im Herbst des Lebens

Die deutsche Gesellschaft*wird immer älter*- wir wissen*das von den Demografen, wir*kennen die Zahlen, wir kennen die Alterspyramide. Aber wer*wirklich eine Ahnung davon bekommen*will, was*in der Seniorenrepublik*Deutschland auf uns zukommt, sollte ins Theater gehen oder einen Bestseller lesen.

Seite 1 von 3
Portugiese 20.05.2011, 17:42
1. Ihnen kann geholfen werden, Herr Anders

Zitat von Rudolf Anders
... Alles, was heute gedruckt wird und gesendet oder Online angeboten ist flach und unterkomplex. Niemand weiss mehr, was eine Analyse ist, geschweige denn eine pragmatisch sinnvolle politische, theoriegestützte Synthese. ..... Wir sollten vielleicht alle in ein Kloster gehen (ora et labora), vielleicht käme da mehr bei heraus.
Sehr geehrter Herr Anders, bevor Sie ins Kloster "wegmachen" (und dort sehr wahrscheinlich den Hampelmann Harpe Kerkeling und sonstige Pilger treffen), kann ich Ihnen die Lektüre des "Economist" ans Herzen legen - Spiegel habe ich seit bald einem Jahr nicht mehr gekauft und dort finden Sie noch wirkliche Meinung, gute Rechereche und Analysen, die einen monatelang beschäftigen.

Viel Spass - auch online (natürlich nicht umsonst) ist wesentlich mehr los - Spiegel ist für mich besseres Entertainment geworden + Tagespolitik.

Herzliche Grüsse aus Portugal.

Und in der Krise hier verkauft mein Kiosk mittlerweile wöchentlich 6-10 Economist (im Wohnviertel, keine Touristen!)

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Andreas Heil 20.05.2011, 17:48
2. Alles anders

Zitat von Rudolf Anders
... verstehe ich noch zu wenig, denn ich bin erst 82 Jahre alt und komme noch ganz gut mit meinem Computer zurande: Wovon ich aber etwas verstehe, das sind DER SPIEGEL, Das Deutsche Nachrichtenmagazin, und sein virtueller Ableger SPIEGEL-Online. Denn den ersten SPIEGEL habe ich im November 1947 gelesen, und SPIEGEL-Online verfolge ich seit (gefühlten) zehn Jahren. Die Folge ist: ich bin traurig und gelangweilt, denn ich möchte von beiden gesellschaftlich Kommunikationsorganen nicht unterhalten werden, sondern unterrichtet. Ich such hier Nachrichten, intelligente Kommentare und gut und mutig recherchierte Berichte. Was aber finde ich: unwichtige Meinungen zu unwichtigen Geschichten. Genau genommen weiss ich absolut nicht mehr, was in der Welt geschieht, denn es zeigt mir ja keiner und es erklärt mir auch keiner: "Sachliteratur ist keine Literatur mehr, und die Literatur verzichtet immer öfter auf eine Sache" hat 1968 mal einer geschrieben. Und er hat dann ergänzt: "Je länger je schärfer scheint sich Geschriebenes einzuteilen in wichtige Themen ohne Sprache und wichtige Sprache ohne Themen." Alles, was heute gedruckt wird und gesendet oder Online angeboten ist flach und unterkomplex. Niemand weiss mehr, was eine Analyse ist, geschweige denn eine pragmatisch sinnvolle politische, theoriegestützte Synthese. Ich folgere daraus: ich bin nicht allein, die Journalisten verstehen unsere moderne Welt nach dem Ende aller Aufklärung und der Abklärung der Aufklärung, genannt Postmoderne, auch nicht mehr. Wir sollten diese geldschneiderischen Propagandabemühungen, die heute laufen, alle entweder einstellen oder schlicht ignorieren. Heutzutage wird die Welt beherrscht von wenigen unbekannten und undurchschaubaren Grauen Eminenzen und von viel Propagandalügen oder von zusätzlichem und vollkommen überflüssigem Lärm (noise). Wir sollten vielleicht alle in ein Kloster gehen (ora et labora), vielleicht käme da mehr bei heraus.
Danke. Gerade wollte ich mich ärgern, dass ich doch auf einen Meinungs-Artikel der drei anderen außer Jakob Augstein geklickt hatte und fand dann Ihren Beitrag darunter.

Sonnige Grüße
Andreas Heil

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Bondurant 20.05.2011, 17:55
3. Fragen...

Zitat von
Und wo ist eigentlich der Individualismus hin, nicht der böse, kapitalistische, wie es das Klischee will, sondern der gute, den uns die Aufklärung geschickt hat?
die gleich erschöpfend beantwortet werden

Zitat von
Die Deutschen altern. Wir fangen gerade erst an zu verstehen, was das bedeutet.
Die post 68er Spaßgeneration merkt, dass auch sie nicht ewig lebt. Da tröstet der Individualismus nicht mehr so recht. Zurück in die Wärme der Gemeinschaft (und Religion).

Die Zukunft wird furchtbar.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
river runner 20.05.2011, 18:51
4. ...what Bremen's weirdness says about the rest of the country...

Zitat von Rudolf Anders
Allerherzlichsten Dank für diesen Zeitschriftentipp:....
Etwa jede zweite Woche schreibt der Economist auch über Deutschland, z.B. so:

Strange Bremen
Freedom doesn't come cheap
The odd arrangements of a small northern state may not last much longer
….Germans will ponder, briefly, what Bremen’s weirdness says about the rest of the country.....

http://www.economist.com/node/18713878

Beitrag melden Antworten / Zitieren
river runner 20.05.2011, 19:17
5. Statt dem Economist doch lieber das Vatican magazin abonnieren?

Zitat von Rudolf Anders
...von 1960 bis 1990 habe ich mal mit Gewinn DIE ZEIT gelesen, (vor allem das Feuilleton unter Rudolf Walter Leonhard und dann Fritz J. Raddatz; es war einmal),....
Ulrich Greiner gibt sich doch so viel Mühe:

http://www.matthias-matussek.de/wp-c...29-Artikel.pdf

Wollen Sie nicht gleich das Vatican magazin abonnieren?
Matthias Mattusek, Jetzt erst recht, Vatican magazin, Mai 2011

http://www.vatican-magazin.de/archiv.../essay0511.pdf

Beitrag melden Antworten / Zitieren
algoritmo 20.05.2011, 19:32
6. urbane gender-postgender Smarties

Nicht nur, dass die Gesellschaft dramatisch altert. Es gibt auch weder eine ordentliche Kultur des Altern, noch eine menschenwürdige Sterbekultur. Es trifft die Gesellschaft sehr unerwartet.
Was die "urbanen gender-postgender Smarties" (hrhr) betrifft. Sie sind das Produkt mittlerweile mehrerer Generationen, die im Würgegriff ihrer Eltern gross wurden und mittlerweile selbst altern.
Weitestgehend unfähig gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen. Nicht, weil sie es nicht wollten. Ihnen fehlt schlicht die Möglichkeit.
Demografisch/demokratisch sind sie gegen die Alten chancenlos. Dafür aber materiell versorgt / ruhig gestellt.
Die Erbfolge ist völlig aus dem Lot. Kam das Erbe früher grad passend zur Hochzeit, kommt es heute eher recht, um den eigenen Pflegeplatz zu finanzieren.
Im schlimmsten Fall werden es finanzielle "Alternativlosigkeiten" sein, die zum Schluss kommen lassen, dass die bisherige "Verwahrung-Behandlungs-und-Sterbeindustrie", (habe selbst mal in einer Abteilung für Altersdemenz gearbeitet) nicht nur den Platz für neue Generationen sondern verstellt, sondern auch ein Altern und Sterben in Würde verhindert.
Ich mag diesen Artikel, er hat etwas unaufgeregt dramatisches und ich mag auch diese "urbanen gender-postgender Smarties".

Beitrag melden Antworten / Zitieren
favela lynch 20.05.2011, 20:11
7. Was sagen denn Sie dazu?

Zitat von Rudolf Anders
Alles, was heute gedruckt wird und gesendet oder Online angeboten ist flach und unterkomplex.
Intellektuell ist zu einem Schimpfwort geworden. Warum? Weil Komplexität leider Anstrengung erfordert. Wäre Intellektualiät lediglich durch Entertainment ersetzt worden, müsste dies nicht zwangsläufig degoutant sein. Denn es gibt sehr anstrengende Formen der Unterhaltung. Intellektualität wurde aber durch Banalität ersetzt: durch das Verkaufsargument. Und dies in absolut jedem gesellschaftlich relevanten System. Wir zerstören uns durch unsere Bequemlichkeit.

"Ich brauch nicht Ihre Herleitung, sagen Sie mir, was rauskommt"!

"Es kommt aber immer etwas anderes heraus. Je nachdem, von welcher Warte..."

"Sie sollten meine Warte mittlerweile kennen."

"Dann empfehle ich Ihnen, es nicht zu tun."

"Warum?"

"Wenn Sie erlauben..."

"Was sagen denn Sie dazu? Sie haben noch gar nichts gesagt?"

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Iggy Rock 20.05.2011, 20:50
8. Nebel der Zeit

Wir Deutschen drehen Däumchen, während in Südeuropa die Jugend auf die Straße geht, sind derart in eine Angststarre verfallen, das sich niemand mehr rührt. Wahrscheinlich ist unsere ruhige Kanzlerin nur die Ikone dieser Alzheimerrepublik, wo schon den Jüngsten Angst eingeimpft wird, jene Angst vor dem alt werden und der Rente ebenso wie die Jugenddoktrin im Erwerbsleben.

Dabei ist im Gegenzug die heutige Rentnergeneration 65 Plus, erstaunlich jung geblieben. Alt wird man im Altersheim, wenn einen niemand mehr besucht, vorher spielt man Großeltern, mehr wie Tante und Onkel als Oma und Opa. Einzig Krebs kann dieses Glück zu schnell beenden, was dann den eigenen Kindern wiederum vor Augen führt, wie vergänglich das Leben sein kann.

Sieht jemand für die junge Generation, der auch ich angehöre, eine halbwegs kalkulierbare Zukunft, jenseits des "Augen zu und durch"? Ich sehe Nebel, den vermutlich meine Großmutter auch sah, als sie in Folge ihrer Demenz zunehmend in ihre Kindheit zurückwanderte. Glück muss irgendwo anders liegen, wahrscheinlich ist es dort zu finden, wo auch Sicherheit und Perspektive liegt.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
manometer 20.05.2011, 21:51
9. Chapeau, Diezi:

" ... dass das Therapiedeutsch durch ein anderes Erklärungsschema ersetzt wurde: das Pathologiedeutsch - Gegenwart als Krankheit."

Au jau. Danke für die treffende Positionsbestimmung :-)

Okay, man wird, wie auch ich, im Alter etwas ruhiger. Aber was hier abgeht, ist wirklich Wahnsinn.

Wenn ich die 60 bis 80 Jährigen, empört das Schauspielhaus (Düsseldorf) verlassen sehe, sie zu den Konzerten nur erscheinen, wenn irgendwo der Name Mozart im Programmheft steht. Zeitgenössische Philharmonie, außer in Köln, nur 'unter Ausschluss der Öffentlichkeit' stattfindet. (In 200 Jahren werden die Leute das mit Fassungslosigkeit zur Kenntnis nehmen.)

Dann frage ich mich immer – wo sind sie alle geblieben. Die coolen Leute, die Freaks und die totale Scene aus den 70-ern? Habe ich mir das damals alles nur eingebildet?

Was heute los ist, bringt Kathrin Röggla am besten:
"Wir sind doch abgerichtete Pudel, die nach Leckereien und Koseworten japsen ... "

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 1 von 3