Forum: Kultur
S.P.O.N. - Der Kritiker: Nur die Sünde macht selig

Können Sie sich ein Leben ohne Angst vorstellen? Ohne diese dumme Liebe zum Leiden und Verzicht, die uns das Christentum einredet? Wie eine Welt voller Freude und Genuss aussehen könnte, malt der US-Historiker Stephen Greenblatt aus - jetzt erhielt er dafür den Pulitzerpreis.

Seite 2 von 11
jüttemann 19.04.2012, 16:18
10. Der Haken bei der Sache

Ist dem Autor nicht aufgefallen, dass seine beiden "Nur die Sünde macht selig"- Propheten Greenblatt und Lukrez eben nicht für den Aufstieg, sondern für die Phase des inneren und äußeren Niedergangs ihrer beiden Weltreiche stehen?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
gankuhr 19.04.2012, 16:18
11. klick

Nach lesen der Arikel-Headline dachte ich zunächst, es wird interessant. Letztendlich geht aus dem Artikel aber irgendwie nicht hervor, was das konkret bedeutet. Vielleicht stehts im Buch - ich weiß es nicht.

Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen: ich bezeichne mich schon seit einigen Jahren als nicht-religiös. Ist einfach so aus dem logischen Denken heraus gewachsen. Wenn ich an irgendwas glaube, dann an die Evolution, an chemische Reaktionen bzw. elektrische Impulse im Gehirn, an den Urknall usw. An die Nagturwissenschaft halt.

An meinem Lebensgefühl hat das aber eigentlich nichts geändert. Wäre ich noch gläubig, was würde ich anders machen? Soviel schreibt die Bibel doch eigentlich garnicht vor. Sex vor der Ehe? Haben doch selbst diejenigen, die sich als religiös bezeichnen. Die 10 Gebote, allen vorran "du sollst nicht töten", sind auch weitesgehend durch unsere Moralvorstellung in unserer Gesellschaft, und damit auch in unseren Gesetzen, verankert. Dazu brauchts also auch keine Bibel.

Und nur, weil ich nicht an ein Leben nach dem Tod und nicht an eine Hölle glaube, heißt das nicht, dass ich nicht von Zeit zu Zeit Lust verspüre, anderen zu helfen oder mal nen Gefallen zu erledigen.

Natürlich gäbe mir ein Religionsloses Leben die Möglichkeit auf einen extrem egoistischen Lebensstil, aber irgendwie habe ich gar keinen Bedarf daran, und ob man damit in der Summe mehr Spaß hat, ist fragwürdig.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Apologet 19.04.2012, 16:22
12. Das Pfeifen im Walde

Dieser Artikel wirkt auf mich wie das Pfeifen im Walde.

Sich eine Traumwelt herbeiwünschen und denken, die es so nicht gibt.

Statt "Unser Vater im Himmel..." heißt es nun

Unser Wunsch nach Glück.
Kein Name werde geheiligt.
Das Reich der ewigen Glückseligkeit auf Erden komme.
Mein Wille geschehe hier auf Erden und das reicht mir.
Mein täglich Brot? Das sollen andere bezahlen.
Sündenvergebung brauche ich keine, weil ich keine Sünden habe.
Und das tiefe Tal des Todes - das gibt es nicht. Ausgedacht von Christen um uns einzuschüchtern.
Kein Stecken und Stab trösten mich im Angesicht meiner Feinde,
denn Feinde gibt es nicht mehr in einer Welt in der alle Menschen Brüder sind.
Eine Ewigkeit gibt es nicht, es zählt nur das Jetzt und Hier. Sofort.

Kein Amen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Obi-Wan-Kenobi 19.04.2012, 16:23
13. ...

Zitat von sysop
Suche den Genuss, sagte Lukrez, meide den Schmerz, und du wirst nicht nur ein glücklicher, sondern auch ein guter Mensch sein. Denn: Es gebe "kein höheres ethisches Ziel, als sich und anderen Genuss zu verschaffen. Alles andere, der Dienst am Staat, die Verherrlichung der Götter oder der Führer, die harten Prüfungen der Tugend durch Selbstaufopferung, ist zweitrangig, irregeleitet und betrügerisch." So fasst der amerikanische Historiker Stephen Greenblatt die Philosophie von Lukrez zusammen, in seinem klugen, neuen Buch "Die Wende: Wie die Renaissance begann", das gerade den Pulitzerpreis gewonnen hat und nächste Woche auf Deutsch erscheint.
so ähnlich konnte man das ja auch schon bei Crowley nachlesen :-)
"Do what thou wilt shall be the whole of the Law
Love is the law, love under will
Every man and every woman is a star"

Das erstaunliche an diesem Buch wird wohl sein, dass es dafür den Pulitzerpreis gab.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
qvoice 19.04.2012, 16:35
14.

Zitat von
Suche den Genuss, sagte Lukrez, meide den Schmerz, und du wirst nicht nur ein glücklicher, sondern auch ein guter Mensch sein.
So einfach ist das also?
Meide den Kummer und meide den Schmerz, dann ist das Leben ein Scherz?
Die Frage ist nur wie man das macht - das Leid vermeiden.
Für viele Menschen ist eben Religion genau dass, die Linderung des Schmerzes. Und das funktioniert sogar.
Und ständig Wein, Weiber und Gesang? Führt auf dauer in die Psychatrie.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Ylex 19.04.2012, 16:35
15. Beim Orgasmus sterben

Zitat: „Was wäre zum Beispiel, wenn wir uns die Welt als eine heitere, offene, freundliche vorstellen würden? Wäre sie dann auch heiterer, offener, freundlicher? Was wäre, wenn wir uns den Menschen als frei von Angst vorstellen würden? Wäre er dann auch frei?“

Versuch macht klug, würde ich sagen. Es macht Spaß, sich „die Welt als eine heitere, offene, freundliche“ vorzustellen, manche glauben sogar daran, für sich, nicht in religiösem Sinne. Besonders die drei abendländischen Religionen gehen seit Jahrhunderten mit menschlichen Beklemmungen erfolgreich hausieren – Angst, Sünde, Schuld, Beladenheit – jede Katharsis, auch die transzentale, bedarf der Niederungen und Abgründe im Menschen, sonst geht der seelischen Reinigung das Motiv ab, sonst wird der Aufstieg in göttliche Sphären unmöglich.

Doch die Gedanken des Lukrez führten schon vor 2000 Jahren nicht in die Freiheit und vermögen es heute auch nicht, denn Lukrez hatte eigentlich nur Hedonismus im Sinn, und wie es scheint, einen morbiden dazu – mir fällt „Das große Fressen“ von Marco Ferreri ein, hier ein Zitat aus Wilipedia zu diesem berühmten Film:
„Ugo bereitet anschließend eine große Torte aus verschiedenen Pasteten zu, die jedoch niemand außer ihm essen mag. Also beschließt er, sie alleine zu verzehren. Nach einiger Zeit kann er sich, auf dem Küchentisch liegend, nur noch von Philippe füttern lassen. Schließlich bittet er Andrea ihn sexuell zu befriedigen, um beim Orgasmus zu sterben.“
So kann es also nicht laufen – Völlerei führt nicht in die Freiheit, der Orgasmus ist nur die süße Ohnmacht einer leider zu kurzen psychosomatischen Verzückung, nach dem Genuss folgt der Verdruss, und der soll in einer heiteren, offenen, freundlichen Welt eigentlich nicht vorkommen.

Die Bedingung der Freiheit stellt das Wissen um die Unfreiheit – das größte denkbare Ausmaß von Unfreiheit erwächst uns im Tod. Alle Angst gründet im Tod, deshalb erleben wir Freiheit unbewusst, doch am intensivsten in weitestmöglicher Todesferne. Die Wahlfreiheit, so zu leben, dahin zu gehen, das zu tun, davon zu leben – diese äußere Freiheit folgt der innneren Freiheit, was erstere allerdings nicht weniger entscheidend für die Existenz macht. Es ist diese äußere Freiheit, die sich Herr Diez herbeiwünscht, bestimmt kein frommer Wunsch, wie er insistiert, aber ein ebenso unerfüllbarer.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
jberner 19.04.2012, 16:35
16. Danke...

Zitat von sysop
Können Sie sich ein Leben ohne Angst vorstellen? Ohne diese dumme Liebe zum Leiden und Verzicht, die uns das Christentum einredet? Wie eine Welt voller Freude und Genuss aussehen könnte, malt der US-Historiker Stephen Greenblatt aus - jetzt erhielt er dafür den Pulitzerpreis.
...für diesen Kolumnenbeitrag.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
wohingenau 19.04.2012, 16:39
17.

Zitat von mhilberg
Wenn das Christentum die Furcht erfunden hat, wie kommt es dann, dass Angst in Kulturen, die NICHT vom Christentum geprägt sind, eine mindestens genau so große Rolle spielt?
Das Christentum hat die Furcht nicht erfunden aber sich - wie andere Religionen auch - sehr gut darauf verstanden diese zu instrumentalisieren.
Von daher besteht natürlich auch kein Interesse daran Menschen ernsthaft dabei zu unterstützen sich Stück um Stück von der Angst freizumachen.
Angstfreie Menschen sind die größte Angst der Glaubenslieferanten und Regierenden.

Sich von der Angst zu befreien ist eine Lebensaufgabe und der Ausgang ist ungewiss, aber der Weg ist das Ziel!

Danke für diesen Artikel.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Olaf 19.04.2012, 16:50
18.

Zitat von sysop
Können Sie sich ein Leben ohne Angst vorstellen? Ohne diese dumme Liebe zum Leiden und Verzicht, die uns das Christentum einredet? Wie eine Welt voller Freude und Genuss aussehen könnte, malt der US-Historiker Stephen Greenblatt aus - jetzt erhielt er dafür den Pulitzerpreis.
Da stehen aber schon die Nachfolger des Christentums mit ihrer Religion des Ökologismus in den Startlöchern.

Auch da ist Freude und Genuß Umwelt- oder Klimaschädlich und der Mensch mit der Erbsünde belastet.

Da wird auch genug Kindern erzählt, dass ihre Zukunft schrecklich und voller Dreck und Angst sein wird und das allein ihr Dasein das Klima belastet.

10 Gebote haben die auch schon:

Zitat von Maxeiner und Miersch
Das erste Gebot: Du sollst dich fürchten! Das furchtbarste Szenario ist das wahrscheinlichste. Auch wenn es einmal gut ging, so kommt es beim nächsten Mal umso schlimmer. Das zweite Gebot: Du sollst ein schlechtes Gewissen haben! Wer lebt, schadet der Umwelt – alleine schon durch seine Existenz. Das dritte Gebot: Du sollst nicht zweifeln! Die Ökobewegung irrt nie. Wer daran zweifelt, dient den Ungläubigen. Das vierte Gebot: Die Natur ist unser gütiger Gott! Sie besteht aus Pandabären, Robbenbabys, Sonnenuntergängen und Blumen. Erdbeben, Wirbelstürme und Killerviren sind Folgen menschlicher Hybris. Das fünfte Gebot: Du sollst deine Gattung verachten! Der Mensch ist das Krebsgeschwür des Globus. Vor seinem Auftauchen war der Planet eine friedliche Idylle. Das sechste Gebot: Du sollst die Freiheit des Marktes verabscheuen! Der Planet kann nur durch zentrale Planung internationaler Großbürokratien gerettet werden. Das siebte Gebot: Du sollst nicht konsumieren! Was immer du auch kaufst, benutzt oder verbrauchst: Es schadet der Umwelt. Die Zuteilung von Gütern sollte den weisen Priestern des Ökologismus übertragen werden. Das achte Gebot: Du sollst nicht an ein besseres Morgen glauben! Verhindere Veränderungen und Fortschritte, denn früher war alles besser. Das neunte Gebot: Du sollst die Technik gering schätzen! Abhilfe kann allenfalls durch fundamentale gesellschaftliche Umsteuerungsprozesse kommen. Niemals durch die Erfindung technikgläubiger Ingenieure. Das zehnte Gebot: Wisse, die Schuld ist weiß, männlich, christlich und westlich! Die Unschuld ist eine Urwaldindianerin.
Die zehn Gebote der Öko-Religion

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Schizo-Gen 19.04.2012, 17:31
19. Opium

Zitat von qvoice
So einfach ist das also? Meide den Kummer und meide den Schmerz, dann ist das Leben ein Scherz? Die Frage ist nur wie man das macht - das Leid vermeiden. Für viele Menschen ist eben Religion genau dass, die Linderung des Schmerzes. Und das funktioniert sogar. Und ständig Wein, Weiber und Gesang? Führt auf dauer in die Psychatrie.
Ich denk auch, dass hier Ursache und Wirkung gründlich verdreht wurden. Die meisten Menschen heute leiden unter Ängsten, die mit Religion absolut gar nichts zu tun haben und diese Ängste sind es, die uns unfrei machen und uns leiden lassen. Die Religion hilft uns zu verstehen und erst dadurch befreien wir uns und hören auf zu leiden. Ich würd behaupten, dass man sich nur MIT Gott von allen psychischen Macken und Ängsten befreien kann. Das Leiden hilft uns zu reflektieren und nur über "Verständnis" haben wir Einfluss auf unsere Gefühle. Letzlich ist alles Leid der Welt nur Folge fehlenden Verständnises, d.h. "das Böse", welches Leid verursacht ist irgendwo nur unsere Dummheit. Es heisst ja auch richtiger Weise "Dummheit tut weh." - nur nicht unbedingt immer den "Dummen" selbst und deshalb haben auch die, die tatsächlich leiden, irgendwo auch die besseren Karten.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 2 von 11