Forum: Kultur
S.P.O.N. - Der Kritiker: Nur die Sünde macht selig

Können Sie sich ein Leben ohne Angst vorstellen? Ohne diese dumme Liebe zum Leiden und Verzicht, die uns das Christentum einredet? Wie eine Welt voller Freude und Genuss aussehen könnte, malt der US-Historiker Stephen Greenblatt aus - jetzt erhielt er dafür den Pulitzerpreis.

Seite 7 von 11
reuanmuc 20.04.2012, 09:19
60.

Zitat von SpieFo
Von einem, der das Licht am Ende des Tunnels schon mal gesehen und das Begleitorchester gehört hat. Es ist eine Leichtheit und Unbeschwertheit, der Tod ist ein Leichter. Ich muß mal den Lukrez lesen.
Lukrez hat viel von Epikur und von den Atomisten (Demokrit) übernommen. Für Interessenten von Lukrez.

Der Tod ist für uns ein Nichts, denn was der Auflösung verfiel, besitzt keine Empfindung mehr. Was aber keine Empfindung mehr hat, das kümmert uns nicht.

Epikur (341-270 v.Null)

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Boone 20.04.2012, 09:30
61. Schmerz ist eine Tatsache, Leiden ist eine Ansicht

Zitat von qvoice
So einfach ist das also? Meide den Kummer und meide den Schmerz, dann ist das Leben ein Scherz? Die Frage ist nur wie man das macht - das Leid vermeiden. Für viele Menschen ist eben Religion genau dass, die Linderung des Schmerzes. Und das funktioniert sogar. Und ständig Wein, Weiber und Gesang? Führt auf dauer in die Psychatrie.
Schmerz ist eine Tatsache, Leiden ist eine Ansicht.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Boone 20.04.2012, 09:46
62. Wo Angst ist, kann keine Liebe sein

Jede Angst ist letztlich die Angst vor dem Tod. Und die Angst vor dem Tod kann nur überwunden werden, wenn es keinen Grund mehr für Angst vor dem Tod gibt. Dies bedeutet wiederum, das dass, was wir als angsteinflößend am Tod erkennen, sich sozusagen als falsch erweisen muss. Entweder ist der Tod also etwas schreckliches oder aber wir haben nicht verstanden, was der Tod ist. Dies hat eine geisteskranke Gesellschaft zur Folge, das kann man zum Beispield daran erkennen, dass es in unserem Alltag keinen Tod gibt, kein Sterben, keine toten Menschen. Viele Menschen, die mittlerweile 50 Jahre oder älter sind haben noch nie einen toten Menschen gesehen und das, obwohl ununterbrochen, jeden Tag unzählige Male, gestorben wird. Aber unsere Angst vor dem Tod ist so groß, dass wir ihn einfach zu ignorieren versuchen, ihn aus unserem Leben verbannen möchten. Wenn es ein Merkmal für unsere Gesellschaft gibt, dann ist es unsere alles beherrschende Angst vor dem Tod. Eine solche Gesellschaft kann niemals frei sein. Sie ist zwanghaft, eng, macht- und kontrollbesessen und das schlimmste ist:
Wo Angst ist, kann keine Liebe sein.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
auslaender101 20.04.2012, 09:54
63. Epikureismus

Zitat von reuanmuc
Lukrez hat viel von Epikur und von den Atomisten (Demokrit) übernommen. Epikur (341-270 v.Null)
Sie haben vollkommen recht! Lukrez ist kein originäner Philosoph (das zur Info des Autors) sondern leiglich ein Dichter, der ausschliesslich in den Spuren von Epikur wandelt. Genau wie Epikur ist er ein geistiger Nachfahre der Sokratiker in der Ethik (freilich auf der physichen Basis eines Demokrits). Der Artikelinhalt ist viel zu seicht und stellt nicht einmal ansatzweise das Wesen der Lehre Epikurs dar. Die Reduzierung auf Genuss (ich bin bereit zu wetten, der Autor weißt nicht so genau was ER selbst darunter versteht, geschweige denn was darunter Epikur und sein Schüler Lukrez gemeint haben) ist primitiv und trägt keinesfalls Rechnung dem gewaltigen Denkprozess, der die "HEDONE" legitimiert. Der Epukureismus weist bei einer profunden Analyse einige Unstimmigkeiten auf, jedoch keiner kann Epikur, diesem Titan der hellenistischen Epoche, die Genialität absprechen.
Das Christentum, bei allen seinen Absurditäten, Ungereimtheiten und Verdrehungen auf nur paar komprimierte Dogmen zu reduzieren ist genaus so verkehrt. Ich wuenschte mir, SPON wuerde bei solchen fundamentalen Themen etwas mehr inhaltliche Tiefe suchen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Phillsen 20.04.2012, 10:19
64. Seh ich nicht so

[QUOTE=foobar407;10046456]Ich habe schon gesehen wie verzweifelt Atheisten versucht haben, ihren Kindern den Sinn des Todes eines geliebten Menschen zu erklären. Da kam dann immer nur raus: Er ist jetzt im Himmel und schaut auf dich herab, oder sie ist jetzt an einem besseren Ort, wo wir sie alle wiedersehen werden.

Ich zähl mich zwar nicht zu den Atheisten, sondern zu den Agnostikern aber als mich mein 4 Jahre alter Cousin letztes Jahr beim Leichenschmaus gefragt hat was ich glaube wo wo seine Mutter jetzt ist (Krebs). Hab ich Ihm erklärt, dass ich glaube, dass Sie in den Kreislauf der Erde zurückgekehrt ist.
Er hat mich natürlich gefragt was das heisst und ich hab Ihm geantwortet, dass Sie in ganz viele winzige Einzteile zerfällt und diese zu vielen neuen Dingen werden. Zuerst einmal vielleicht Gras auf dem Friedhof oder Blumen. Und mit der Zeit werden sie weitergetragen von Tieren, dem Wind und den Menschen und können zu allen möglichen Dingen werden. Von Pflanzen über Tiere bis Menschen.
Er hat dann eingewendet, dass sie doch im Himmel sein muss wie alle immer wieder sagen.
Und darauf hab ich ihm geantwortet, das viele Menschen glauben, dass die Gedanken, oder das was wir Seele nennen, nach dem Tod weiterlebt und da diese Seele dann keinen Körper mehr hat, müsste sie ja eigentlich so leicht sein, dass sie schweben kann.
Er hat mich dann weiter gefragt ob ich das auch glaube. Und ich hab Gesagt, dass ich es nicht weiß, aber das es schon sein könnte, aber ich eigentlich eher vermute, dass ihre Seele zu den Dingen wird, zu denen ihre winzigen Einzelteile werden.
Mit dieser Antwort war er ob dus nun glaubst oder nicht zufrieden.
Und nach Gott hat er garnicht erst gefragt.

Es ist überhaupt kein Problem Kindern zu erklären, dass Gott nicht zwangsläufig existiert. Und es ist auch überhaupt kein Problem ihnen auf diese Weise zu erklären, dass sie Ihre Umwelt respektieren sollen, da sie aus auch aus den Menschen besteht, die wir vermissen und auch wir eines Tages dazugehören werden.
Und weiter find ich auch, das es nichts trostloses hat, wenn man Kindern erklärt, dass man nach dem Tod zum Kreislauf zurückkehrt und sich mit der Zeit über die ganze Welt verteilt und ein Teil von allem wird.
(und genau das werden Meine und eure Atome früher oder später)

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Soto 20.04.2012, 10:35
65.

Zitat von sysop
Können Sie sich ein Leben ohne Angst vorstellen? Ohne diese dumme Liebe zum Leiden und Verzicht, die uns das Christentum einredet? Wie eine Welt voller Freude und Genuss aussehen könnte, malt der US-Historiker Stephen Greenblatt aus - jetzt erhielt er dafür den Pulitzerpreis.
Eine Kurzfassung der genialen Erkenntnis aus diesem Artikel: Aua ist schlecht, Mmmh ist gut, wir brauchen mehr Mmmh und weniger Aua.
Überwältigend.
Dass man das Leben genießen und Schmerz vermeiden sollte ist wirklich keine neue Idee, keine große Offenbarung, löst keinen Aha-Effekt aus. Die wahre Frage ist, warum es nicht gelingt, eine bessere Welt zu schaffen, in der jeder Mensch sein Leben genießen kann.

Das Christentum ist der Versuch einer Antwort auf diese Frage und einer Lösung die sich auf Gottes Eingreifen in diese Welt stützt. Wem dieser Versuch nicht passt, der bringe etwas besseres, anstatt nur Grundprinzipien herunterzubeten, die bereits jedem Kleinkind klar sind.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
wahlossi_80 20.04.2012, 11:04
66.

Zitat von sysop
Können Sie sich ein Leben ohne Angst vorstellen? Ohne diese dumme Liebe zum Leiden und Verzicht, die uns das Christentum einredet? Wie eine Welt voller Freude und Genuss aussehen könnte, malt der US-Historiker Stephen Greenblatt aus - jetzt erhielt er dafür den Pulitzerpreis.
Ich gebe dem Autor recht, dass das Christentum Schuld und Vergebung mitunter missbraucht hat, um weltliche Machtansprüche zu sichern. Ich gebe ihm aber nicht recht, dass - wie Atheisten mit nahezu religiösem Eifer vertreten - die Religion niemals etwas anderes war als ein perfides Manipulationsinstrument. Ja, Lukrez war einer der wenigen Atheisten von damals, die den Mut hatten, seinen Unglauben zu bekennen. Aber auf der Gegenseite steht ein Heer von Philosophen, die auch ohne Kirche oder Tempel gläubig waren, etwa Platon und Aristoteles.
Aber niemals hat der Missbrauch des Religiösen so furchtbare Blüten getrieben wie heute. Die religiöse Fanatisierung wird ausschließlich aus weltlichem Interesse betrieben. Mit der virtuellen "Terrorgefahr" werden wir in Angst versetzt, die "Anti-Terrorgesetze" versprechen uns "Erlösung". Ein hässlich falsch glitzernder Materialismus und Geldglaube hat alle wahren Ideale pervertiert. Kurz und knapp dazu: Jenseits des Schleiers (1) « Civitas Libertatis

Beitrag melden Antworten / Zitieren
kaksonen 20.04.2012, 11:09
67. Zu spät?

Zitat von Oback_Barama
... Die Aufklärung des Herrn Diez bzw. des erwähnten US Autors, kommt vielleicht ca. 400 Jahre zu spät. Im Jahre 2012 muss man an nichts glauben und sich an keine Regeln halten. Niemand ist gezwungen gläubig zu sein. ...
Aber nicht für die USA!

Beitrag melden Antworten / Zitieren
foobar407 20.04.2012, 11:12
68. Es bleibt Metaphysik

Zitat von Phillsen
Ich zähl mich zwar nicht zu den Atheisten, sondern zu den Agnostikern aber als mich mein 4 Jahre alter Cousin letztes Jahr beim Leichenschmaus gefragt hat was ich glaube wo wo seine Mutter jetzt ist (Krebs). Hab ich Ihm erklärt, dass ich glaube, dass Sie in den Kreislauf der Erde....
Naja, keine Antwort ist auch eine Antwort. Er fragte nach seiner Mutter und Sie erklärten, was mit Ihrem Körper ist, bzw. was andere Menschen glauben. Warum haben Sie das Kind denn nicht getötet, damit es in den Kreislauf zurückkehrt und wieder ein Teil mit seiner Mutter und mit allem wird?
Würde man einen Naturwissenschaftler fragen, warum er der alten Oma auf der Straße mit den Einkaufstüten hilft, würde er antworten: Zuerst kamen elektrische Impulse aus meinem Gehirn, die zu einer koordinierten Kontraktion meiner Muskeln führten, so das eines meiner äußeren Gliedmaße nach der Tasche griff, die der gegenüberstehende Zellhaufen zuvor noch selber trug. Mich verwundert es nicht, dass das für viele Menschen, sowie für Ihren Cousin, eine unzufriedenstellende Antwort ist.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
reuanmuc 20.04.2012, 11:15
69.

Zitat von Soto
Das Christentum ist der Versuch einer Antwort auf diese Frage und einer Lösung die sich auf Gottes Eingreifen in diese Welt stützt.
So hat man im Altertum die Dinge erklärt, die anders nicht zu erklären waren. Heute wird diese Erklärung nicht mehr benötigt, man hat glaubwürdigere, zutreffendere und nützlichere Erklärungen.

Donnergrollen
Das bedeut’t weiter nix als ein Wetter, nix weiter als ein Wetter. In meiner Jugend haben uns die Götzenpriester g’lernt, das Donnern bedeut’t, daß s’im Himmel Kegel schieben; unsere Gelehrten aber sagen, da müßte man auch dann und wann bei „Alle Neune“ das Juchezen hören, da aber das nicht der Fall ist, so ist die alte Theorie durch den Fortschritt in der Wissenschaft geschlagen.


Johann Nestroy, 1862

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 7 von 11