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S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Die Letzten ihrer Art

Auf einem Fest des Hanser Verlags standen sie beisammen, saßen am Boden, rauchten, tranken, freuten sich an Manuskripten: Die Vertreter einer versinkenden Welt der Bücher, die mehr sind als Bestseller und Stapelware. Prost auf den Untergang!

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GinaBe 13.10.2012, 16:38
50. Der Traum ist noch nicht ausgeträumt!

Die letzten Buchläden rüsten um, beschildern großartig einzelne Sparten und stellen restbestände in den Keller.
Dichtern wird nachgereist, Hotels beworben, mit Oskar Wilde in einem Bette schlafen...;))))
Die Top 6 Schriftsteller-Hotels: Schlafen wie Goethe und Hemingway
Aus der Traum, mit staubigem Gesicht und schmutzigen Händen Stunden später aus einem verschlafenen Antiquariatskeller wieder aufzutauchen, in Gedanken noch inmitten dieser bis an die Decke hochgestellter Regale, an Lesungen teilzunehmen, in denen ZUGEHÖRT wird, nein, das wird es alles nicht mehr geben, WENN nicht, ja wenn doch...?

Es gibt sie doch noch, diese kleinen, spezialisierten Buchläden, versteckt, in einer Stadtnische, Berlin, Wien, sogar hier im kleinsten Friemersheim hat wieder ein Buchladen eröffnet.Zu umständlich erscheint es dem Bücherfreund, lediglich auf Empfehlung oder auf Grund der Bestsellerlisten ein Buch zu bestellen, es dann kaufen zu müssen, selbst wenn das Hineinblättern oder Lesen der ersten und letzten Seite vielleicht nicht den gewünschten Sog anbietet.
Wie lustvoll ist das Stöbern in unaufgeräumten Läden und Sälen, wo überall plötzlich ein Schatz in oder unter einem Regal auftauchen kann.

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Ylex 13.10.2012, 16:43
51. Karl May weniger

Zitat von nurich666
Ach ist das schön wenn man sich irgendeiner geistig übelegenen Gesellschaft zuordnen kann. Was für ein Geflenne, als wenn "Leser" die besseren Menschen wären und "Literaten" wohl die Welt geformt haben wie sie ist. Man kann es sehen wie man will, Bücher, ausser Sachbücher, dienen einfach nur der Unterhaltung, nicht mehr und nicht weniger. Ob man nun Goethe oder Karl May liest hat wohl nicht direkt Auswirkung darauf ob man nun intelligent ist oder nicht. Hat wohl eher was mit Vorlieben zu tun. Was soll mir bitte das Lesen eines Romans der russischen Weltliteratur bringen, wenn es mich nicht interessiert? Haben irgendwelche Literaten neue Erkenntnisse auf die Welt losgelassen die heute nur diejenigen kennen die diese Bücher gelesen haben? Was abseits der Sprache macht denn Goethe besser als Karl May?
Goethe saß nicht im Knast.

Sie verreißen die bibliophilen und auch die nachdenklichen Menschen, das ist Ihr gutes Recht. Aber diese Menschen brechen nicht in „Geflenne“ aus, sie fühlen sich, jedenfalls was mich angeht, weder besser noch überlegen. Es geht in erster Linie um Interesse an der Sprache und um Interesse an Literatur – den Vorwurf, dass die Ausbildung dieses Interesses stark vom Elternhaus abhängt, lasse ich nur bedingt gelten, aber natürlich ist da etwas dran. Dass Bücher nur der Unterhaltung dienen, ist ein merkwürdiger Satz – ich denke da an den sogenannten Betonkalender, ein dickes Buch mit lauter Formeln, nur begrenzt unterhaltend. Goethe geht mir auch auf die Nerven, Karl May weniger – Goethe der große deutsche Geist der Germanisten, fürchterlich – aber was Goethe so geschrieben hat, lohnt sich wirklich zu lesen, zumindest teilweise, ich empfehle Ihnen „Die Leiden des jungen Werthers“, das könnte Ihnen gefallen.

Finden Sie es denn unterhaltsam, vor der Glotze zu sitzen und „Das Quiz der Tiere, „Brisant“, „Die Schicksalsklinik in der Wetterau“ oder „Der Superstar“ mit Dieter Bohlen anzugucken? - das ist, wenn Sie gestatten, doch alles gequirlte Scheiße, und wer der das überheblich nennt, der muss eben selbst damit klarkommen. Es gibt eine sehr unangenehme Penetranz des Bildungsbürgertums, das stimmt, es gibt aber auch eine Tendenz zur Flucht aus dieser kommerziell überdrehten Gesellschaft, es gibt die Sehnsucht nach einer Ruhe, die trotzdem unterhaltend und animierend ist – beim Lesen kommen viele Menschen zu dieser Ruhe.

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nurich666 13.10.2012, 16:57
52.

Zitat von Sam_Vimes
Das ist wie mit Rock'nRoll: Wem man's erklären muss, der wird es nicht verstehen.
Das ist die natürlich die leichteste aller Antworten, die einen auch von allem entbindet. Und so schön nichtssagend und den anderen als Deppen hinstellend, ach einfach schön. Und was will einem denn der Rock'n Roll denn so wahnsinnig wichtiges vermitteln? Ach, ich vergass, wenn man es erklären muss ist es ja Quatsch.

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fgemein 13.10.2012, 17:02
53. Gelegentliche Perspektivwechsel

... sind durchaus anzuraten. Wie war es mit der CD. Hat sie das Vinyl verdrängt? Im Augenblick steigen die Zahlen verkaufter Platten. Das Haptische, die Kunstform Plattencover, all das wird es noch lange geben.
Was sich aber ändert, betrifft die Literaten nicht einen Deut mehr, als es ebenso die gesamte Gesellschaft transformiert. Und das hat weder mit Verblödung ( moderne Medien sind genauso wenig per se Transporteure dummer Inhalte, wie Bücher per se Wertvolles transportieren ) , noch mit Verflachung zu tun. Das hat mit Polarisierung und Kommerzialisierung zu tun.Da bieten aber gerade die neuen Medien, abseits der Verwertbarkeit, Möglichkeiten, Inhalte an den Menschen zu bringen, ohne auf das Mäzenatentum selbstherrlicher kultureller Eliten angewiesen zu sein.
Dass es den Literaten ähnlich ergeht, wie anderen Mitgliedern einer in der Auflösung befindlichen (eben auch gehobenen) Mittelschicht, dafür sind neue Medien und Urheberrechtsverletzung nur Sündenböcke. Auch der Literaturmarkt ist 'neoliberalisiert', auf optimale Verwertbarkeit getrimmt worden. Und da führen die Traumumsätze Harry Potters zu Desinteresse gegenüber anspruchsvollerer Kost. Ein paar Superstars, viele absteigende Äste.

Ich empfehle zum Thema:
Copyright Math
Rob Reid: The $8 billion iPod | Video on TED.com

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simon23 13.10.2012, 17:12
54.

Zitat von Ylex
. Dass Bücher nur der Unterhaltung dienen, ist ein merkwürdiger Satz – .
Es ist aber genau das, was uns die großen Filialisten zurzeit beibringen wollen. Überall schreit dir die Stapelware entgegen, umflort von irgendwelchem Nippes.
Das gut geschriebene Romane einem Leser eine durchaus philosophische Lebens- und Verständnishilfe für sich und seine Umwelt sein könnten, scheint gar nicht mehr in Betracht gezogen zu werden.
200 Seiten lang: wer war der Mörder? - und wieder ist ein Tag umgebracht. Wobei ich flüssig zu lesende Literatur durchaus vorziehe, aber dies ist ja nicht gleichbedeutend mit seicht.

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croco_deal 13.10.2012, 17:14
55. Bravo, Fr. Berg!!!

Zitat von sysop
Auf einem Fest des Hanser Verlags standen sie beisammen, saßen am Boden, rauchten, tranken, freuten sich an Manuskripten: Die Vertreter einer versinkenden Welt der Bücher, die mehr sind als Bestseller und Stapelware. Prost auf den Untergang!
Höchstfeinsinnig. Une fine plume (wenn Sie Flaubert schon erwähnt haben). Und die implizierte hochphilosophische, sozialkritische Frage erst: "Wann ist mancher Fortschritt ein Rückschritt?"
Ich habe Ihre hochintellektuelle Speise genossen, Fr. Berg.
Danke!

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Listerholm 13.10.2012, 17:22
56. Eine Bibliothek der Weltliteratur

Zitat von sysop
Auf einem Fest des Hanser Verlags standen sie beisammen, saßen am Boden, rauchten, tranken, freuten sich an Manuskripten: Die Vertreter einer versinkenden Welt der Bücher, die mehr sind als Bestseller und Stapelware. Prost auf den Untergang!
so nannte Hesse mal ein kleines Büchlein, das bei Philipp Reclam (ein Schatz für sich) veröffentlicht wurde. Reich-Ranicki hat es vor nicht allzulanger Zeit versucht, neu zu formulieren.
Alles, was Hesse empfohlen hatte, habe ich damals -hörig wie ein Jünger- gelesen und verschlungen.
Mir wurde bewusst, dass es unter der Oberfläche des Erzählten eine Struktur der Sprache gibt, die poetisch ist - hervorbringend, bezaubernd, die Welt verändernd.
Das wurde mir zum ästhetischen Maßstab.
Und ja, ich habe irgendwann in den letzten 5 Jahren aufgehört Neues zu lesen und habe mich immer wieder ergötzt an Gottfried Keller, Gabriel Garcia Marquez und anderen, die noch mit ihrer Sprache und dem Klang bezaubern können und dennoch eine spannende Geschichte erzählen (Kehlmann, Süskind etc.)
Mein erstes in dieser Hinsicht tief frustrierendes Erlebnis war, dass eine von mir sehr geliebte Frau am allerliebsten Rosamunde Pilcher las.
Da kann und komme ich nicht hin.
Wie dem auch sei!
Ich liebe Literatur, die die Sprache, ihr Medium, nicht nur als Werkzeug betrachtet, sondern als Kunst sui generis.
Ich mache allerdings auch dem Buchhandel Vorwürfe. Wirklich Lesenswertes präsentiert er allenfalls in den Winkeln und Ecken und kaum einer der Verkäufer ist auskunftsfertig, wenn man ihn fragt, was er empfehlen kann. Die Bestsellerlisten repräsentieren eben in der Regel nur, was sich, genau, am besten selled.
Oder haben wir im 50. Todesjahr Hesses etwa eine dahingehende Empfehlung z.B. seines "Glasperlenspiels" oder seines "Siddharta", seiner "Morgenlandfahrt" oder "Unterm Rad" gelesen oder gehört?
L.

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christian simons 13.10.2012, 17:25
57.

Zitat von waldlergeist
Ja, ein Hauch von "Zauberberg" weht durch den Artikel. Der Abgesang einer längst verflossenen Epoche. Als Leser noch lesen wollten und Schreiber noch schreiben konnten.
Und auf ewig verloren sind die Zeiten, in denen der literarische Novize im Feuerzangenbowlen-Lyzeum mit den edlen, kackgelben Folianten des Reclam-Verlages zum Haptiker geformt wurde.
Vom Winde des digitalen Zeitalters verweht ist der Papierduft eines bibliophilen rororo-Taschenbuchs, dessen Buchdruckkunst unisono mit der Glut des Kaminfeuers das Herz des Lesekundigen erwärmte.
Und wenn das Pathos der "letzten Tinte" (G. Grass) nur noch von Hanser-Verlagsfossilien bei Absynth und Savinelli-Pfeifen gepflegt wird, dann steht uns wahrlich ein dunkles Zeitalter der Barbarei bevor....

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Sam_Vimes 13.10.2012, 17:29
58.

Zitat von nurich666
Das ist die natürlich die leichteste aller Antworten, die einen auch von allem entbindet. Und so schön nichtssagend und den anderen als Deppen hinstellend, ach einfach schön. Und was will einem denn der Rock'n Roll denn so wahnsinnig wichtiges vermitteln? Ach, ich vergass, wenn man es erklären muss ist es ja Quatsch.
Nee, Quatsch nicht, nur vermutlich sinnlos.

Sie sagen, dass Sie Goethe nicht gelesen haben (so steht es in Ihrem Beitrag) und stellen infrage, dass der jetzt besser sein soll als Karl May.
Heißt: Sie haben sich weder mit Literatur im Allgemeinen noch mit Goethe im Besonderen beschäftigt.
Hauen aber Urteile über beides raus.... Nunja..

Ist wie der Typ bei Ikea, der vorm Billy Regal steht und lauthals über Schreiner klagt, die für ihre Schränke viel Geld haben wollen, weil - Regal ist Regal.

Aber sei's drum.
Ich fahre einen alten Golf, habe noch nie in einem Porsche gesessen und frage mich, was die Schnösel behaupten, der sei irgendwie besser als der Golf. Kann nicht sein, ich komm' ja auch von A nach B...

Jetzt verstanden?

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jensmaul 13.10.2012, 17:30
59.

Zitat von simon23
Es ist aber genau das, was uns die großen Filialisten zurzeit beibringen wollen. Überall schreit dir die Stapelware entgegen, umflort von irgendwelchem Nippes.
Genau so sieht's aus! Ich habe doch heute nur noch die Wahl zwischen den "50 besten Tütensuppenrezepten" oder irgendeinem Comedy-Quatsch - dazwischen Tassen mit Lokalkolorit und anderem nutzlosen Krempel.

Ich bin für ebooks, glaube aber dennoch, dass echte Bücher in einer kleineren, aber feineren Nische überleben werden. So wie LPs. Bücher werden eines Tages das "besondere" Geschenk sein.

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