Forum: Kultur
S.P.O.N. - Fragen Sie Frau Sibylle: Seien Sie froh, dass Sie noch wütend sind!

Ich rege mich immer öfter auf. Über Dinge, die mir früher egal waren. Werde ich immer empfindlicher - oder die Welt immer blöder?

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baninchenrenner 06.02.2011, 11:17
50. Ein Fall von tragischer Hochmütigkeit?

Sehr geehrte Frau Berg,

anscheinend befinden Sie sich in einer Denkfalle, aus der Sie nicht allein herausfinden und demzufolge Magenschmerzen bekommen. (Zumal so viele andere doch genauso denken und fühlen wie Sie!)

Eigentlich ist es aber nach meiner Lesart ganz einfach: Prüfen Sie doch nur mal etwas gründlicher Ihre Kernaussage "Immer läuft alles anders, als man es sich vorstellt." Wenn ich diesen Satz kritisch hinterfrage, fällt mir als erstes die Selbstgerechtigkeit auf, die Sie zur Richterin darüber aufschwingen lässt, was alles auf dieser Welt in Ihren Augen "gut" und was "schlecht" zu sein hat.

Und genau von dieser Art zu denken habe ich mich weitestgehend emanzipiert. Ich bin deutlich vorsichtiger bei meinen Festlegungen, was ich als "falsch" verurteile. Meine oftmals sture und vorschnelle Haltung, dass so viele Dinge angeblich genau anders laufen, als ich sie mir "angeblich" wünsche, habe ich durchschaut, als ich erkannte, dass ich meine eigene Haltung kritisch betrachten kann, ohne mich dabei aufgeben zu müssen. Es ist die Erkenntnis, dass ich durch das Relativieren von Sachverhalten, die mich früher furchtbar aufregten, sehr viel (künstlichen!) emotionalen Druck herausnehmen konnte. Ich fühlte mich erleichtert und gelassen.

Und sofort fiel mir auf, dass ich in vielen Dingen selbst "falsch" lag oder aber gar kein ausreichendes Wissen hatte! Ich begann, beispielsweise jene Themen, die mich emotional aufwühlten, aus anderen Blickwinkeln zu betrachten und sehr schnell "verrauchte" meine Wut. Denn - oha! - diese Wut war meistens fremderzeugt: Durch Medien und subjektive Erzählungen meiner Mitmenschen, merkwürdigerweise aber viel weniger durch eigenes Erleben.

Könnte es nicht sein, dass Sie sich die "Wut anderer Leute" aufladen, ohne es zu bemerken? Wenn jemand mit einem "hehren Anliegen" auf mich zukommt, um mich mit seiner Empörung emotional vereinnahmen zu wollen, schütze ich mich heute mit skeptischer Distanz und genau so viel Misstrauen, dass ich mich nicht ungewollt aufheizen lasse.

Fällt Ihnen nicht auf, dass Sie sich über so viele Dinge ärgern, mit denen Sie eigentlich gar nicht unmittelbar in Berührung kommen? Was wäre, wenn Sie eine Nachprüfmöglichkeit hätten und womöglich festellen müssen, so fies und mies ist der diabolisierte "Bankster" gar nicht; so furchtbar, grausam, tödlich und schlimm sind die Regenwaldrodungen doch wieder nicht ... usw. Wahrscheinlich würden Sie tiefenentspannen und Ihr Magen hätte endlich seine verdiente Ruhe.

Ich gebe Ihnen einen "Rollenspiel"-Tipp: Angenommen, Sie hätten so viel Macht, um nur eines dieser schlimmen Dinge auf dieser Welt eliminieren zu können, meinetwegen den Hunger in der 3. Welt. Wie würden Sie denn da konkret vorgehen? Ich wette, Sie würden sich ganz schnell in ein scheinbar planloses Chaos verrennen - und am Ende wären Sie keinen Schritt weiter, gerechtfertigt mit der albernen "Erkenntnis", "hinterher ist man immer schlauer". Denn die Welt ist komplexer als man wahrhaben will, da sollte man ganz demütig sein mit den eigenen Revolutionsplänen, und sollten sie noch so klein sein.

Vorsicht also mit der hochtrabenden Attitüde, was man alles besser machen würde, wenn man doch nur könnte: Ganz schnell kann man da als jämmerlicher Versager da stehen, womöglich mit Blut an den Händen. Meine Mahnung zu Ihrer Kolumne: Mit Selbstgerechtigkeit ist es wie mit Mundgeruch, an einem selbst ist beides verdammt schwer auszumachen.

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Heramano 06.02.2011, 11:45
51. Danke für die Fragen.

Zitat von aug apfel
Nun erklären Sie mir nur noch schnell das "ignoranterweise"... Ich finde es immer wieder belustigend, dass diejenigen, die sich in Artikeln oder Foren über etwas beschweren, bei Leuten wie Ihnen automatisch den Status von nicht-handelnden Sesselfurzern kriegen. Ersichtlich würde das ja dann genau deswegen, weil diese Leute ja ihre Zeit mit schreiben verbringen, anstatt "zu handeln". Dass dies diejenigen, die sich dann, schreibend, über Letztere aufregen, ja selber zu Schreibtischaktivisten macht, fällt irgendwie niemandem auf, oder? ich würde mal vorschlagen, keinem auf die schnelle etwas zu unterstellen. Wer sagt Ihnen denn, dass die Meckerer nicht "draussen" genauso aktiv an ihrer Sache arbeiten wie Sie ( jedenfalls stellen Sie sich ja mal als einer von den "Aktiven" dar)? Fakt ist, beide, Sie und wir Meckerer, schreiben uns in irgendwelchen Foren was von der Seele. Warum sind "wir" denn jetzt in Ihren Augen die nur warme Luft versprühenden Defätisten, und Sie im Camp der "wir packen's an"-Fraktion??
Warum ich mich über die Meckerer lustig mache? Das hat weniger damit zu tun, ob jemand in Foren schreibt oder nicht. Und da muss ich Ihnen recht geben, das eine schließt das andere nicht aus. Aber dieses ganze Gemeckere (euphemisitsch seit Neuestem mit "Wut-" betitelt) kommt mir genau so vor wie die Lichterketten gegen Ausländerfeindlichkeit in den 90ern. Man geht halt hin, zündet ein Kerzchen an, kommt sich toll vor, weil man auch dabei war, geht wieder nach Hause und...hat nichts bewegt. Weder bei anderen noch bei sich selbst, schließlich will man ja nach wie vor keinen Schwarzafrikaner als Nachbarn haben, vom Asysbewerberheim vor der eigenen Haustür ganz zu schweigen.
Und dieses Bigotte, zumindest ist das mein Eindruck, wiedeholt sich gerade wieder und kommt schlimmer denn je daher (beim Thema Ausländerfeindlichkeit gab man vor, wenigstens noch für die Interessen anderer zu sein, jetzt schimpft man meistens nur noch für die eigenen Interessen). Man schimpft über alles und jeden, scheut sich dabei nicht, dies dann auch noch in Blogs oder Foren öffentlich zu machen. Die Schimpfthemen sind an Banalität oft kaum noch zu unterbieten, aber es sie klopfen vermeintlich heftig an die eigene (und sowieso schon riesige) Komfortzone: Fazit: Kleine Egos reiben sich an kleinen Themen und messen dem Ganzen dann proportional umgekehrt größte Wichtigkeit bei. Willkommen in der apolitischen Gesellschaft, wo jeder recht und alle nichts Relevantes mehr zu sagen haben!

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raumzeit3000 06.02.2011, 12:03
52. Sibylle Berg

Vielen Dank für Ihre Arbeit, ich verehre Sie.

(Und danke an den Spiegel, dass er die Kolumnen von Frau Berg veröffentlicht.)

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löffelweise 06.02.2011, 12:08
53. ich bin nicht wütend!

Wut ist die Voraussetzung für alle möglichen Krankheiten. Neid, Hass, Eifersucht und Gier sind auch gute Möglichkeiten, sich hohen Blutdruck, Magengeschwüre, usw. einzufangen. Immerhin waren wir früher längst tot in dem Alter, in dem wir all die angesprochenen Sorgen und Wüte heute haben. Also was solls? Entweder gleich tot oder erst mal ordentlich wüten! Man nennt das "Jammern auf hohem Niveau".

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toskana2 06.02.2011, 12:50
54. wenn das jeder tun würde

Zitat von barmec
weil einen mal wieder keiner fragt, wo's lang gehen soll. Könnt ja jeder kommen und mitreden wollen. Höchstens bei der Farbe Deines Kaffees - mit Milch oder ohne - darf man noch wählen. Ballast abwerfen, schön und gut. Soll ich meine Kinder der Fürsorge des Saates überlassen? Soll ich mich ins Private und meinen Garten zurückziehen? Das machen schon viel zu viele, die mir alle Nase lang erzählen, da könnte man ja eh nichts machen - bei der Verschmutzung der Umwelt - bei Hungerlöhnen, von denen niemand leben kann - bei der täglichen Gewalt - bei den ungleichen Zugängen zu Bildung und Kultur - und und und Dieses Schulterzucken ist ja schon zum Reflex geworden. Und dann richtet man es sich wieder gemütlich ein, mit all dem Geheule über die miesen Zustände. Seien wir ehrlich, auch Unglücklich sein kann glücklich machen.

Sicher kann man sich zurückziehen
und sich im eigenen Elend gemütlich einrichten.
Tun wohl auch viele.
Andere nutzen ihre kleinen Freiheiten, um etwas zu bewirken.
Im Privaten oder im öffentlichen Bereich.
Wahrnehmungs- und Einstellungssache.

Es dürfte auch kein Zufall sein,
dass es Schwarzseher UND Optimisten gibt.
Kindheit oder Gene scheinen dabei ein Rolle zu spielen.
Aber kleine Spielräume der Freiheit gibt es wohl.

Wenn ich in meinem Leben einen einzigen Menschen beglücken konnte,
habe ich Großes für die Menschheit und für mich getan
... wenn das jeder tun würde!

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mainzelmännchen 1 06.02.2011, 13:06
55. Einfach toll...

...weil es auch mir so geht. Deshalb gehe ich jetzt Motorradfahren - und morgen abend auf die Montagsdemo in Stuttgart. Ach ja, und ein Buch von Ihnen lesen.

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narrensyndrom 06.02.2011, 13:07
56. Vielleicht doch!

Zitat von blogvormkopf
... staubtrockene und deprimierende Sicht auf die Welt. Man kann sich so fühlen, wie Frau Berg es beschreibt, sicher. Aber der Schluss stimmt nicht. Der Tod ist beileibe nicht die einzige Alternative. ...
Hierzu ein treffender Aphorismus von EURIPIDES:
"Wer weiß denn, ob das Leben nicht das Totsein ist und Totsein Leben?
Denken Sie doch mal nach - für mich ist das ein "schöner" Gedanke.

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thepunisher75 06.02.2011, 13:08
57. Gehören sie auch dazu oder....

Zitat von Heramano
Fazit: Kleine Egos reiben sich an kleinen Themen und messen dem Ganzen dann proportional umgekehrt größte Wichtigkeit bei. Willkommen in der apolitischen Gesellschaft, wo jeder RECHT und alle NICHTS RELEVANTES mehr zu sagen haben!
..hören sie sich einfach nur gerne hier reden Heramano ? Und was die "Wutbürger" betrifft, mir gefallen eher Leute die sich wie in Stuttgart21 für etwas einsetzen indem sie eine "Kerze" anzünden als Leute wie sie die ihr Ego und das Gefühl Recht zu haben hier auf einem Online Forum verbreiten. Nur weil man nicht protestiert oder reagiert heißt es noch lange nicht das man im Recht ist. Oder die richtige Meinung vertritt. Auch wenn das bei manchen Gutbürgerlichen Foristen die Denkweise zu sein scheint.

Moderat und zurückhaltend = Im Recht !
Protestiertend und wütend = Im Unrecht !
Ach, wenn die Welt doch bloß so einfach wäre.

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Alexander Berg 06.02.2011, 13:39
58. Weg vom Denken in Problemen, hin zum Denken in dynamischen Systemen

Wenn wir nicht jetzt und heute damit beginnen uns auf morgen auszurichten, wird der kollektiv verabschiedete Prozess - der 1995 begann - sich künftig exponentiell weiterentwickeln.

Wir stehen bereits heute vor der Frage: „Wie definieren wir in zehn Jahren Begriffe wie Stress und Hektik?“

Wie gehen wir 2020 mit dem Vielfachen an Belastungen um? Wie sehen dann Arbeitswelt, Gesundheitswesen und Lernkulturen aus?

Fragen, mit denen sich zurzeit kaum jemand auseinandersetzt. Warum?

Weil die Mehrheit sich nicht mit der unumkehrbaren Realität weltweiter Zusammenhänge auseinandersetzen will und kann. Mit dem verfügbaren Wissen und den Mittelstrukturen nicht annähernd in der Lage ist, sich den zeitgemäßen Anforderungen zu stellen und sich nicht vorstellen kann, aus der zur Gewohnheit gewordenen Hektik ein für alle Male auszubrechen.

Der Mensch schuf sich durch das gelernte Bedarfsdeckungsprinzip (Bdp) selbst die Komplexität, die ihm nun um die Ohren zu fliegen droht. Denn er lernte, Probleme überall dort lösen zu wollen, wo sie sensuell in Erscheinung treten. Anfänglich funktionelle Systeme degenerierten so zu altersschwachen "Pflegefällen".

Und randvoll beschäftigt zu sein, kann auch heißen, hinter allem nur deswegen herzurennen, damit sich überhaupt noch etwas bewegt (Denken wir hierbei auch an die Geldmittel).

Der Ursprung des Bdp finden wir in der gelernten Vorstellung, man habe es mit einer Welt einzelner Dinge und scheinbar voneinander unabhängiger Probleme zu tun. Dieses „Hamsterrad“, in dem sich die Mehrheit kollektiv bewegt, hat an einer Seite ein Öffnung. Zeit den Blick für eine andere Sichtweise einzunehmen.

In Wirklichkeit besteht die Grundordnung, wie wir sie zur Definition real existierender Strukturen brauchen aus dem Regelwerk dynamisch vernetzter Beziehungsmuster und wechselseitiger Abhängigkeiten innerhalb ökonomischer und sozialer Systeme.

Denn Denken und Handeln in systemisch, ökonomischen Zusammenhängen unterscheidet sich grundlegend vom repetitiv gelernten „Dingdenken“.

Wir müssen diese falschen Leitbilder, die ursächlich unsere Probleme erzeugen, endlich hinter uns lassen.

Die Situation macht mehr als deutlich, dass wir uns in der Zukunft nicht nur mit unbekannten Herausforderungen auseinandersetzen, sondern auch von Erb- und Altlasten verabschieden müssen.

So werden wir uns auf Zeiträume vorbereiten, in der ganzheitliche Denk- und Verhaltensmuster und friedliche Koexistenzen zum neuen Alltag gehören. Selbstregelmechanismen schaffen, die Auswüchse und Fehlhandlungen als signifikante Regelverletzungen erkennen und aufgrund kausaler Wirkmechanismen auf erforderliche Maßnahmen verweisen, damit Krisen und großräumige Konflikte erst gar nicht entstehen.

Und das durch ganzheitliches Denken und Handeln: Verstehen dynamisch vernetzter Beziehungsmuster und wechselseitiger Abhängigkeiten, kybernetischer-, synergetischer-, kausaler und symbiotischer Wirkmechanismen.

So gelingt es, die „Probleme“ als Symptome unzeitgemäßer Systemstrukturen zu erkennen und wie man die tatsächlichen Ursachen (miteinander in Wechselbeziehung stehende Engpässe) reguliert.

Letztlich leben wir in einem dynamischen System und das gelernte Bdp schafft nur weitere Unzulänglichkeiten, mit denen wir uns wieder herumschlagen müssen: Wie ein Don Quixote, der den Kampf gegen Windmühlen gewinnen will.

Erkennen wir die tatsächlichen Ursachen und regulieren diese, lösen sich die vermeintlichen "Probleme" von selbst auf.

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narrensyndrom 06.02.2011, 15:06
59. Eine UTOPIE!

Zitat von Alexander Berg
... Erkennen wir die tatsächlichen Ursachen und regulieren diese, lösen sich die vermeintlichen "Probleme" von selbst auf.
Da ist mit der Masse der Menschen dieser Welt einfach nicht machbar. Träumen Sie ruhig weiter - ich will da gar nicht auf Einzelheiten, wie beispielsweise Religion, eingehen und dann ist da noch der Machtpöbel ...
Es gibt einen schönen Aphorismus von Oscar Wilde:
"Leben - es gibt nichts Selteneres auf der Welt. Die meisten Menschen existieren nur."
Es ist einfach "Das Narrensyndrom"!

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