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Streit über Identitätspolitik: Und wo stehst du?
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Diskussionen über Indianer-Faschingskostüme und Gendersternchen werden mittlerweile hochaggressiv geführt. Das Buch "Trigger Warnung" analysiert aktuelle Identitätspolitik - und will verhärtete Fronten wieder aufbrechen.

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dasfred 26.05.2019, 12:54
20. Muss ich jetzt eine neue Sprache lernen?

Identität zu beschreiben geht nur im Verhältnis zu anderen. Ich kann mir und jedem anderen eine Reihe von Adjektiven zuordnen, die, mal mehr, mal weniger wertend sind. Es ist eine Frage der Peergroup, was als positiv oder negativ angenommen wird. Als alter weißer Mann passe ich in keine Schublade mehr, sobald ich als alter, weißer, schwuler Mann auftrete. Kein Sternchen, kein Euphemismus kann etwas an meiner Selbstwahrnehmung ändern. Für diese bin ich vollkommen selbst verantwortlich. Wenn ich mich durch eine Äußerung getroffen fühle, dann darf die Frage für mich nicht sein, was der Redner damit bezwecken will, sondern woher die Betroffenheit rührt. Was ist in mir, was machen bestimmte Worte mit mir, warum und woher rühren diese Empfindungen? Sobald ich das für mich geklärt habe, verschwindet das Unbehagen. Ich bleibe auch weiterhin dabei meine Sprache der Situation und dem Gegenüber anzupassen. Jeder Begriff, jeder Satz, hat seine Zeit, seinen Ort und seinen Zuhörer. Das einzig wichtige ist, dass die Kommunikation ohne Missverständnis abläuft, nicht das sie genderneutralisiert wird. Jeder Mensch hat Anspruch darauf gehört zu werden. Nicht aber, von jedem Ernst genommen zu werden.

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cassandra66659 26.05.2019, 13:41
21. Machtkonzeption der Identitätspolitik unterkomplex

Um einmal ein rein theoretisches Problem dieses Modeaktivismus aufzuzeigen: Die amerikanisch geprägte Identitätspolitik ist stets verknüpft mit einer kritischen Rhetorik über "Machtbeziehungen", die im Kern einer ganz vulgären Lesart weitläufig wissenschaftlich umstrittener poststrukturalistischer Konzeptionen folgt. Es gibt eine Vielzahl von politik- und sozialwissenschaftlichen Ansätzen, die versuchen, sich einer vernünftigen theoretischen Operationalisierung von "Macht" zu nähern, Foucault et al. sind hingegen schon immer auch von linken Theoretikern dafür kritisiert worden, dass mit so einem vagen Machtkonzept keine empirische Forschung zu machen ist; am Ende ist dort jeder sozialer Kontakt irgendwie ein Macht- oder heimliches Unterdrückungsverhältnis. Dieses Problem wird in den intersektionellen Ansätzen noch auf die Spitze getrieben, weil dieser bewusst verschwommen gehaltene Machtbegriff noch pauschal auf gesellschaftliche Gruppen übertragen und dort sogar fixiert wird.

Wenn man näher hinschaut, ist natürlich klar, warum man so etwas macht. Man möchte für bestimmte Gruppen, die historisch benachteiligt waren und sind, aus traditionellen Präferenzen heraus Partei ergreifen - und bedient sich dafür einer künstlichen Kampfrhetorik, die eben dafür entworfen ist, Schwierigkeiten und Komplexitäten in zeitgenössischen gesellschaftlichen Streitfällen und Diskussionen schlicht beiseite zu wischen, wie bei einem gordischen Knoten. Wo schwierige Diskussionen über Eigenverantwortung einsetzen, die Lagerstrukturen zwischen historisch Benachteiligten und historisch Privilegierten auf der Mikro-Ebene heute gerade manchmal verschwimmen, soll der "guten Sache" mithilfe einer künstlichen Kampfrhetorik zu Seite gesprungen werden. Theoretisch ist das alles aber, mit Verlaub, Beschiss, und im Grunde eine philosophisch reaktionäre Bankrotterklärung vor der Komplexität der Gegenwart.

Dass die kritischen Stimmen gegen bestimmte Ausformungen klassich emanzipatorischer Minderheitenpolitik oder Feminismus oft von reaktionären Motiven und Aktivisten unterwandert bleiben: natürlich, geschenkt! Aber die Art, wie an amerikanischen und zunehmend auch an europäischen Universitäten mit dieser Gefahr umgegangen wird, ist das genau Falsche, was man in so einer Situation machen kann. Wie man in den USA sieht, wird so eine schwächliche und dumme Reaktion am Ende Mehrheiten ins reaktionäre Lager treiben.

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luciust 26.05.2019, 14:00
22. Meinungstotalitarismus...

...ist aber nunmal der Zeitgeist. Und nicht nur unserer Zeit. Jahrelang habe ich mich ohne zögern stolz als „Feminist“ bezeichnet und überzeugt ebensolche Positionen vertreten. Heute weiss ich, dass man als Mann, zumal als mittelalter weißer Mann, das nicht sein kann. Nicht ohne sich lächerlich zu machrn. Und schon gar nicht, wenn das Leben einen aus Verantwortungsbewusstsein in eine relativ unfreie Rolle gebracht hat. Das Meinungsschiff zerschellt dann an den Sächzwängen, denen man entweder dann entwder entspricht oder entflieht. In beiden Fällen findet man sich in der Rolle des Paria wieder. Mittlerweile widert mich die ganze Selbstgerechtigkeit und Scheinheiligkeit, die im rechten, wie im linkem politischen Lager herrscht nur noch an. Die wenigstens kämpfen noch für Lösungen. Und der Zug für versöhnliche Töne ist längst abgefahren.

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ruhepuls 26.05.2019, 14:04
23. Pluralismus - mal negativ gesehen...

Früher war alles viel einfacher, denn jeder wusste, wo "der Feind" stand, wer richtig lebte, wer ein Heide war und wer nicht. Und natürlich auch, wer die Guten waren - nämlich wir selbst. Aber mit dem modernen Pluralismus ist das alles nun hinfällig. Nun definiert jede*r für sich selbst was mensch für richtig hält und was nicht. Und weil jede*r doch an irgendwas glauben will, gibt es jetzt jede Menge Gläubige, die an irgendwas glauben -. und sei es die neueste Diät.. Und wenn jemand beispielsweise in den USA ein Indianerreservat besucht hat - und dort erfahren hat, dass es den "Indianern" nicht so gut gefällt, wenn man sie im Fasching nachmacht (bzw. das, was man für indianisch hält), dann wird daraus zuhause eben eine "Message".
Und da überall auf der Welt Vorurteile verbreitet sind (ich mag es auch nicht, wenn man mich in den USA fragt, ob ich Schuhplattler tanze...) ist das ein endloses Betätigungsfeld.
Allerdings heucheln die "Minderheitenschützer", denn sie haben beispielsweise kein Problem damit, ein "indianisches" Ritual abzuhalten - obwohl die "Indianer" auch dieses als Missbrauch ihrer Kultur ablehnen.

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Schartin Mulz 26.05.2019, 14:19
24. Ich finde es immer wieder interessant,

auch in manchen Kommentaren hier kommt das zum Ausdruck, dass Menschen, was ja legitim ist, der Meinung sind, z.B. Sprache verändern zu wollen, dann aber wie Mimosen reagieren, wenn jemand das nicht gutfindet.
Diese Logik, entweder man ist für Gendersternchen etc oder man ist ein Reaktionär oder schlimmer, ist mir zu einfach.
Die meisten Menschen, mt denen ich rede, finden künstliche Sprachveränderungen, Verbote von Indianerkostümen etc, lächerlich. Und ich habe in meinem Bekanntenkreis keine Rechten.
Es ist nicht der Kampf für Gleichberechtigung, gegen Diskriminierung etc, der die Abwehrhaltung erzeugt. Es ist der missonarische Eifer, der manchmal an eine Religion erinnert. Da gibt es nur noch Gläubige und Ketzer.
Und das Problem, dass sich Menschen da angegriffen fühlen und überhaupt nicht wissen, warum. Die meisten haben z.B. ein sehr positivs Bild von Indianern. Spätestens seit Winnetou. Warum sollen sie ihren Kindern kein Indianerkostüm kaufen? Das versteht keiner. Daselbe ist ja bei dem zuletzt noch unter der Fleischhauer-Kolumne heiß diskutierte Thema der Fragen nach Herkunft. Die ja auch aus wohlwollendem Interesse gestellt werden. Ich glaube kaum, dass diese Fragen in erster Linie von PEGIDA-Leuten kommen.
Jetzt kann man ja nachvollziehen, dass die Fragen für die Betroffenen lästig sein können, aber daraus dem Frager einen Vorwurf zu machen, ist absurd.
Man gewinnt eben den Eindruck, dass hier Eiferer am Werk sind, deren völlig übertriebene Reaktion vor ellem dem eigenen Ego nutzt. Auch das in de Geschichte der Religionen nichts neues.

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kumi-ori 26.05.2019, 14:54
25.

Ein kluger und gut verständlicher Post. Ich möchte noch weiter gehen. Wir sind von unserem Entwicklungsstadium her immer noch ein Stück weit Affen und atavistische Verhaltensmuster, die mal dem einzigen Ziel des Daseins in der Biologie, nämlich der Verbreitung des eigenen Erbguts, dienten, werden wir nicht so einfach los. Deshalb liegt in unserer Natur ein Stück weit das reaktionäre Verhalten, also die Ablehnung fremder Ethnien, die Reduktion der weiblichen Hälfte der Gesellschaft auf Sex und Brutpflege und die Unterdrückung nicht-reproduktiver Lebensformen wie Homosexualität oder Intersexualität, verankert und deshalb wählen wir heute Personen wie Strache, Frauke Petry, Boris Johnson und Osama bin Laden. In den finsteren Zeiten des Altertums, des Mittelalters und der Steinzeit war es sicher nicht von vornherein verpönt, vorbeiziehende Fremde erst mal vorsichtshalber zu erschlagen, allenfalls war es eine Frage der Machtverhältnisse, ob es klug war.

Seit dem Zeitalter des Humanismus' ist unser Streben, über unsere ererbten Verhaltensmuster hinauszuwachsen, wissend, dass eine tolerante und vorurteilsfreie Welt für alle gleichermaßen von Vorteil ist. Und je höher der Bildungsgrad und je höher der Lebensstandard sind und je ferner die Gefahren des Hungers, des Kriegs, des frühen Todes, kurz je ferner das Risiko des Aussterbens der eigenen Gene ist, desto mehr erkennen und schätzen wir die Wohltaten der offenen Gesellschaft für uns wie für andere. Offene Kulturen, Reisen, neue Geschlechterrollen, offene Partnerschaften und sich auflösende Ethnien sind sicher ein Ziel, das die Menschheit weiterbringt, aber die alten Denkweisen sitzen immer noch irgendwo im Unterbewusstsein. Wir wollen uns nicht von ihnen leiten lassen, aber wir sollten uns darüber klar sein, dass sie bei jedem vorhanden sind.

Ich wage indes zu behaupten, dass gerade die Exponenten des Neusprech in besonderem Maße die atavistischen Eigenschaften unserer Spezies verkörpern. Diese Alpha-Männchen und -Weibchen unterscheiden sich von unseren keulenschwingenden Vorfahren nur dadurch, dass sie das Objekt ihrer Ablehnung zeitgemäß anpassen, so dass sie rein äußerlich wieder in den Mainstream zurückfinden. Vor einiger Zeit schrieb auf diesen Seiten eine "Professorin für Genderstudien" einen viele Kilobyte langen Artikel, in dem sie Anweisungen erteilte, wer in Zukunft was wie zu schreiben habe, eine Impertinenz, die selbst ich als der Hauptverdächtige und Hassobjekt Nummer 1 (weiß, alt, männlich, heterosexuell, biodeutsch) mich nie getraut hätte. Die wenig zielführende Symbolik und Änderung von Sprachregelung unter der Fahne einer gerechteren Welt ist genau das Gegenteil dessen, was sie vorgibt.

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k70-ingo 26.05.2019, 15:12
26.

Zitat von David_K_79
Die "Aggression" rührt eben daraus, dass diese Themen ausschließlich in der linken Filterblase diskutiert werden. Und sobald sie diese verlässt, reagiert die normale Bevölkerung mit Unverständnis, weil die Ideen mitunter grotesk sind. Einfacher Test: Wenn das Gendersternchen in der Bevölkerung akzeptiert wäre, warum liest man es dann nicht selbst in linken Mainstreammedien?
Dazu kann eine Anekdote vom ersten SPIEGEL-Dinner beisteuern, an dem ich das Glück hatte, teilnehmen zu dürfen:

Beim allgemeinen Begrüßungsgespräch durch den Chefredakteur Klaus Brinkbäumer (es waren 100 Leute im Raum) meldete sich eine Dame aus Wien und beschwerte sich, daß im SPIEGEL nicht gegendert wird - worauf spontan unisono ein Aufstöhnen aus etwa 60 Kehlen erklang, zuzüglich einem knappen Dutzend "facepalm"-Gesten.
Dem Chefredakteur entglitten kurz die Gesichtszüge, er fing sich aber schnell und stellte ausdrücklich klar: "Wir gendern nicht. Das macht die Texte unlesbar." - worauf donnernder Szenenapplaus erfolgte.
Die düpierte Dame schaute giftig in in die Runde und zischte: "Hier ist ja wohl Hopfen und Malz verloren."
Eine einzige weitere Dame versuchte noch, ihr beizuspringen, wurde aber ausgelacht.
Eine Begebenheit, die meine These, daß Gendergedöns eine Ablehnungsquote von 98% hat, eindrucksvoll belegt hat.

P.S. bei bento und Zeit online wird ziemlich konsequent gegendert.
Da versteht man absolut keinen Spaß - Leserkommentatoren, die sich darüber mokieren, werden konsequent rausgeschmissen.

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marenghi 26.05.2019, 15:58
27.

Zitat von kumi-ori
Deshalb liegt in unserer Natur ein Stück weit das reaktionäre Verhalten, also die Ablehnung fremder Ethnien, die Reduktion der weiblichen Hälfte der Gesellschaft auf Sex und Brutpflege und die Unterdrückung nicht-reproduktiver Lebensformen wie Homosexualität oder Intersexualität,
Zustimmung zum Rest des posts, bei der Homosexualität allerdings: Diese kommt nicht nur beim Menschen der Neuzeit, sondern bei ca. 10.000 Arten seit Hunderttausenden von Jahren vor. Es muss also irgendeinen Vorteil geben, den der n. vorhandene reproduktive Nachteil mit sich bringt, sonst wäre Homosexualität schon längst evolutionär verschwunden.
Die beste Erklärung bisher ist, dass Homosexuelle im Leben eines Menschen früher meist nahe Verwandte waren. Diese trugen nicht zur Verbreitung ihrer eigenen, aber der Gene der Verwandten bei, indem sie die Familien unterstützten (sie wurden von diesen nicht ausgeschlossen). Stichwort "the selfish gene".

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kumi-ori 26.05.2019, 18:37
28.

Zitat von marenghi
Zustimmung zum Rest des posts, bei der Homosexualität allerdings: Diese kommt nicht nur beim Menschen der Neuzeit, sondern bei ca. 10.000 Arten seit Hunderttausenden von Jahren vor. Es muss also irgendeinen Vorteil geben, den der n. vorhandene reproduktive Nachteil mit sich bringt, sonst wäre Homosexualität schon längst evolutionär verschwunden. Die beste Erklärung bisher ist, dass Homosexuelle im Leben eines Menschen früher meist nahe Verwandte waren. Diese trugen nicht zur Verbreitung ihrer eigenen, aber der Gene der Verwandten bei, indem sie die Familien unterstützten (sie wurden von diesen nicht ausgeschlossen). Stichwort "the selfish gene".
Das war mir so unbekannt. Ich weiß nur, dass es einen Fadenwurm gibt, bei dem das Männchen nach der eigenen Fortpflanzung andere Männchen begattet und so zeugungsunfähig macht.

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marenghi 26.05.2019, 19:22
29.

Zitat von kumi-ori
Das war mir so unbekannt. Ich weiß nur, dass es einen Fadenwurm gibt, bei dem das Männchen nach der eigenen Fortpflanzung andere Männchen begattet und so zeugungsunfähig macht.
Das war mir jetzt unbekannt :) , danke für die Info, und ist wohl ein Beispiel für einen direkten Kampf (bei begrenzten Ressourcen) um das Überleben der eigenen Gene gegenüber nicht eng verwandten anderen.

Ja, die naturwiss. Forschung bei der Homosexualität des Menschen kommt langsam ins Rollen, generiert zur Zeit noch mehr Fragen als Antworten (naja, ist ja eigentlich oft so). ZB hat man gemessen, dass, bei der gleichen Frau/Mutter nach der Geburt eines Jungen die Chancen für Homosexualität für den jeweils folgenden Jungen stark ansteigen. Sehr mysteriös, deutet womöglich auf Epigenetik hin: Als ob bildlich gesprochen die Gene zufrieden wären damit, dass sie einmal sicher überleben - und dann dieses einzelne Überleben lieber durch folgende Homosexuelle sichern. Anstatt mehrere Heterosexuelle ins Rennen zu schicken. Aber das ist wilde Interpretation meinerseits. Die Daten sind allerdings sehr gut reproduziert in mehreren Studien.

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