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"Tannhäuser" bei den Wagner-Festspielen: Eine kalkulierte Zumutung
Enrico Nawrath/ Festspiele Bayreuth/ DPA

Bayreuth-Debütant Tobias Kratzer inszeniert den "Tannhäuser" als bunten Reigen mit Witz und doppelten Bildebenen. Mit den großen Emotionen in Wagners romantischer Oper tut er sich aber schwer.

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klmo 26.07.2019, 16:55
1.

Probates Mittel: Privat in den eigenen vier Wänden über eine gute Anlage nur die Musik von Wagner hören, Vorstellungen und Bilder generieren sich von selbst.
Vorteil: Eintritt bzw. Preise, wenn überhaupt machbar, kann man sich sparen. Die Zumutung in nicht-klimatisierter Umgebung und auf engsten Raum Stunden durchhalten zu müssen, ist ebenfalls ein Gewinn. Und dann die unüberbrückbare Diskrepanz, wo ständig absurde Bilder und Szenen auf der Bühne jeden Hörgenuss beeinträchtigen und stören, wie hält man das über Stunden aus?! Und zuletzt schon fast eine Gnade, an diesen ständig wiederkehrenden Eitelkeiten einer Prominenz nicht teilnehmen zu müssen.
Höhepunkt via Publikum: Die neue Frau von Schröder (progressive Intendanten würden hier den Namen "Gas-Gerd" bevorzugen), Soyeon Schröder-Kim, wollte unbedingt ein Selfie mit der Kanzlerin, was ihr freudestrahlend genehmigt wurde. Für BILD waren die Festspiele in Bayreuth sekundär, die größte Sorge gipfelte in der Frage: "Wo war der Ehemann von der Kanzlerin, Herr Sauer?"
Die Vermutung liegt nahe, dass beim Herrn Sauer die physikalischen Grenzen in Bayreuth schon längst überschritten sind und er die Abstinenz bevorzugt.
Dagegen auffallend eine aufgeblühte Kanzlerin, die auch in diesem Jahr ihr legendäres Durchstehvermögen unter Beweis stellen konnte.
Eine positive Botschaft gibt es zu vermelden: Völlig unmöglich, unsere Kanzlerin ist niemals krank!

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mpitt 26.07.2019, 17:59
2. Nichts verstanden

Es ist im Musik- wie im Sprechtheater. Der völlig sinnfreie Umgang von Regisseuren und Dramaturgen mit den Vorlagen ist nichts anderes als eine Zumutung für das Publikum. Provokation um ihrer selbst willen! Man muß Wagner nicht mögen, aber das hat selbst er nicht verdient. Was ist der Unterschied zwischen dem Namensgeber des Fritz-Kortner-Preises und den weitaus meisten Preisträgern? Kortner hatte die Stücke, die er inszeniert hatte, wenigstens verstanden.

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In effigie 26.07.2019, 18:27
3. Profis und Dilettanten

Zitat von klmo
Probates Mittel: Privat in den eigenen vier Wänden über eine gute Anlage nur die Musik von Wagner hören, Vorstellungen und Bilder generieren sich von selbst. Vorteil: Eintritt bzw. Preise, wenn überhaupt machbar, kann man sich sparen. Die Zumutung in nicht-klimatisierter Umgebung und auf engsten Raum Stunden durchhalten zu müssen, ist ebenfalls ein Gewinn. Und dann die unüberbrückbare Diskrepanz, wo ständig absurde Bilder und Szenen auf der Bühne jeden Hörgenuss beeinträchtigen und stören, wie hält man das über Stunden aus?! Und zuletzt schon fast eine Gnade, an diesen ständig wiederkehrenden Eitelkeiten einer Prominenz nicht teilnehmen zu müssen. Höhepunkt via Publikum: Die neue Frau von Schröder (progressive Intendanten würden hier den Namen "Gas-Gerd" bevorzugen), Soyeon Schröder-Kim, wollte unbedingt ein Selfie mit der Kanzlerin, was ihr freudestrahlend genehmigt wurde. Für BILD waren die Festspiele in Bayreuth sekundär, die größte Sorge gipfelte in der Frage: "Wo war der Ehemann von der Kanzlerin, Herr Sauer?" Die Vermutung liegt nahe, dass beim Herrn Sauer die physikalischen Grenzen in Bayreuth schon längst überschritten sind und er die Abstinenz bevorzugt. Dagegen auffallend eine aufgeblühte Kanzlerin, die auch in diesem Jahr ihr legendäres Durchstehvermögen unter Beweis stellen konnte. Eine positive Botschaft gibt es zu vermelden: Völlig unmöglich, unsere Kanzlerin ist niemals krank!
Wer kein Vermarktungsanliegen hat, bleibt natürlich daheim. In USA handhabt man das anders: Bring mich maximal rein und nach 5 Minuten minimal raus. Profis wissen das.

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frantonis 26.07.2019, 18:38
4. Merkels Mann ist wohlweißlich dieser Aufführung

fern geblieben. Aber Frau Merkel musste aus Staatsraison diese Aufführung über sich ergehen lassen. Die Digitalstaatssekretärin ist vermutlich deshalb gekommen, um ihre extgravaganten Stöckelschuhe zu zeigen. Letztere hätte besser zur AKKs Vereidigung eine Videoschaltung organisiert, damit die Abgeordneten wegen diesen paar Minuten nicht anreisen mussten.

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klmo 26.07.2019, 19:35
5.

Zitat von In effigie
Wer kein Vermarktungsanliegen hat, bleibt natürlich daheim. In USA handhabt man das anders: Bring mich maximal rein und nach 5 Minuten minimal raus. Profis wissen das.
Also Ihren Satz müssen Sie mir erklären. Lassen Sie mich einmal nur teilhaben, wie Profis in den USA denken, wenn es um die Vermarktung von Kunst, hier von Wagner, geht.

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Floh.Rita 26.07.2019, 21:12
6. @klmo

[Zitat von In effigie]
Wer kein Vermarktungsanliegen hat, bleibt natürlich daheim. In USA handhabt man das anders: Bring mich maximal rein und nach 5 Minuten minimal raus. Profis wissen das.
Also Ihren Satz müssen Sie mir erklären. Lassen Sie mich einmal nur teilhaben, wie Profis in den USA denken, wenn es um die Vermarktung von Kunst, hier von Wagner, geht.

Sie haben ihn (In effigie) nicht verstanden. Er meint Selbstvermarktung, nicht Vermarktung von Kunst/Wagner. Mit maximalem Tamtam und öffentlicher Aufmerksamkeit (gesehen werden) rein in die Veranstaltung, und nach ein paar Minuten unauffällig davonschleichen.

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klmo 27.07.2019, 11:49
7.

Rita, danke für den Hinweis.

Neueste Nachrichten aus Bayreuth via Bild: "Warum applaudieren unsere Spitzenpolitiker einem Schwulenhasser?" Gemeint ist der Dirigent und Freund Putins, Valery Gergiev. Offenbar hat Gergiev etwas gegen Schwule, entsprechend die Antipode auf der Bühne, wo man demonstrativ die Regenbogenfarben als ein freiheitliches Fanal installierte. Das gespannte Verhältnis von Dirigent und Intendant hat in Bayreuth schon fast Tradition. (Siehe unten.)
Auch der Ehemann von der Kanzlerin, welch eine Erleichterung, soll gegen Abend im Hotel aufgetaucht sein. Das Kanzlerpaar wird am Montag noch einmal die Gelegenheit haben, sich den viel gelobten "Tannhäuser" gemeinsam anzusehen. Zumindest, so weiß Bild zu berichten, "sind beide für die Aufführung angemeldet".
Wenn am Montag tatsächlich unsere Kanzlerin erneut die Bayreuther Szene beherrscht, dann dürfte der Mythos Wagner auf der Bühne nur noch eine Fata Morgana sein.
Fazit: Wir produzieren ständig unsere eigenen Mythen und stülpen sie dem Wagner einfach über.
Zum Glück ist die musikalische Komposition im Original unantastbar und von jeder Divergenz befreit.

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Karsten Kriwat 28.07.2019, 00:06
8. Nichts für Wagner-Traditionalisten!

Habe mir "Tannhäuser" gerade bei "3Sat" angeschaut. Für mich war die Regie nichts! Bin halt Traditionalist und war schon vor einem Vierteljahrjundert bei den Bayreuther Festspielen. Aber ich lasse ja jedem seinen "modernen" Geschmack... Für mich muss Richard Wagner eben irgendwie altmodisch sein!

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klmo 28.07.2019, 11:49
9.

Zitat von Karsten Kriwat
Habe mir "Tannhäuser" gerade bei "3Sat" angeschaut. Für mich war die Regie nichts! Bin halt Traditionalist und war schon vor einem Vierteljahrjundert bei den Bayreuther Festspielen. Aber ich lasse ja jedem seinen "modernen" Geschmack... Für mich muss Richard Wagner eben irgendwie altmodisch sein!
Mythos ist und war ja immer der Versuch, durch Metaphern oder Gleichnisse sich der Wahrheit zu nähern. Was ist Wahrheit – diese Frage ist so alt wie die Menschheit und entsprechend alt sind auch deren Mythen.
Wagner bedient sich der alten Mythen und lässt sie neu aufleben in musikalischen Dramen.
Nehmen wir den Parsifal, Wagners wichtigstes Werk. Der Suchende symbolisiert der Parsifal, der Leidende, der am Leben verzweifelt, symbolisiert Amfortas, und als dritte Säule das erlösende Element, die Gralsburg (Heiligtum), Gral gleich Kelch als das erlösende Symbol, noch heute erkennbar in der christlichen Liturgie.
Die Moderne (Säkularisierung) bzw. Spätmoderne haben die alten Mythen weitgehend neutralisiert. Und genau in dieses Vakuum versucht nun die Kunst, einen (faulen) Kompromiss herzustellen. Es ist der Versuch, das Alte mit dem Neuen zu vermischen. Und hier offenbart sich eine Problematik, die eher Divergenzen generieren, statt zu vereinen.
Was Mythen und Bilder betrifft, so spricht schon C.G. Jung von einem kollektiven Unterbewusstsein, die in jedem Menschen, bewusst oder unbewusst, sich über die Jahrtausende als eine Symbol- und Bildsprache manifestiert haben. (siehe Archetypus bei Jung)
Und wer meint, diesen Fundus umwerten oder ersetzen zu können, irrt fundamental. (Siehe auch Ödipus, Odysseus oder die Geschichte vom Verlorenen Sohn, die ebenso vom Tenor her dem Parsifal entsprechen.)
Ergo, unsere Spätmoderne versucht etwas, was sie nicht erfüllen kann. Es ist der dilettantische Versuch, den alten Mythos umzuschreiben, um ihn so besser in die Neuzeit zu integrieren.
Doch schon die Bibel weiß zu berichten, dass neuer Wein in alten Schläuchen den Wein verderben.

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