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"Tannhäuser"-Skandal: Im Land der Täter und Sanitäter
DPA

Die Deutschen ermordeten sechs Millionen Juden, aber wenn man sie daran erinnert, rufen einige neuerdings den Arzt. Weil Zuschauern übel wurde, setzte die Düsseldorfer Oper eine umstrittene "Tannhäuser"-Inszenierung ab. Ob die wirklich ein Skandal ist? Mag sein. Ihre Absetzung ist sicher einer.

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twaddi 10.05.2013, 20:51
30.

Es gibt kaum ein saturierteres Theaterpublikum als das in Düsseldorf . Bringt die Inszenierung nach Berlin. Vielleicht findet sie hier ein Publikum, das sich darauf einlässt.

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mdp 10.05.2013, 20:51
31. Fremdschämen

Zitat von sysop
Die Deutschen ermordeten sechs Millionen Juden, aber wenn man sie daran erinnert, rufen einige neuerdings den Arzt. Weil Zuschauern übel wurde, setzte die Düsseldorfer Oper eine umstrittene "Tannhäuser"-Inszenierung ab. Ob die wirklich ein Skandal ist? Mag sein. Ihre Absetzung ist sicher einer.

Hallo SPIEGEL-Kabinettler,

ich bin 45, hab' im Düsseldorfer Schauspielhaus Ende der 70er eine 'skandalöse' Inszenierung des King Lear gesehen. Die Darsteller flitzen splitternackt über die Bühne. Da kamen auch Buhrufe aus den Sitzen.
Einigen beschlugen die Brillengläser. Ich fand's geschmacklos.
Kurz darauf in der Tonhalle in Düsseldorf: Dante Alighieris Göttliche Komödie wurde tonkünstlerisch - unterbrochen durch Lesungen - dargeboten. Der Lärmpegel ließ bei den meisten Anwesenden Schweiß ausbrechen. Ich hatte totale Schiß vor dem nächsten monströsem Lärm aus den Lautsprechern.

Bis hierhin aber ist das alles noch kein richtiges Problem. Kunst muss sich reiben, sehe ich ein; finde ich auch richtig.
ich habe wirklich keine Ahnung von Theaterkunst, weiß aber sicherlich, wann schlechter Geschmack anfängt.
Einen Tannhäuser zu nazifizieren ist so ziemlich das geschmackloseste, was man lesen kann.

Ich bin dafür, diesen fantasielosen Provokateuren Nachhilfe zu geben. Dazu würde ich sie gern in die Kampfzonen unserer Gegenwart: Bagdad, Islamabad, Damaskus, etc. senden und sie dort für vier Wochen dalassen. Sie könnten ja einmal versuchen, dort etwas zeitgenössisches zu inszenieren, falls sie überleben.

Diese bedauernswerten, realitätsfernen Theoretiker des Lebens drücken mit ihrer 'Kunst' ihre Kleingeistigkeit und Menschenverachtung aus. Wenn solche Regisseure auch nur einen Funken Anstand hätten, würden sie niemals auf solche Geschmacklosigkeiten kommen. Niemals.

Wieso haben eigentlich alle im Ensemble mitgemacht? Dürfen die nicht mitdenken. Der eigentliche Skandal besteht doch darin, dass es willige Helfer gab, diesen Tannhäuser-Unfall überhaupt zum Leben zu erwecken.
Schämt Euch - würde ich gern zurufen, wenn diese Leute noch wüßten, was Scham ist.

mdp

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nilaterne 10.05.2013, 20:55
32. Nein

Zitat von kannmanauchsosehen
Es geht dem Herrn Regisseur nicht um die Aufarbeitung deutscher Geschichte, sondern um den schlagzeilenträchtigen Skandal. Und dass gelingt in Deutschland neben einem kräftigen Griff unter die Gürtellinie noch am besten mit den Symbolen des dritten Reiches. Um es kurz zu machen, die Verwurstung von Kunst zur Skandalhascherei ist der eigentliche Skandal, nicht die Reaktion des Publikums und die Absetzung. Geschichtsaufarbeitung geschieht am besten in Schulen, Gedenkstätten, Museen und speziellen Gedenkveranstaltungen - eigens komponierte Opern wären hier auch zu begrüßen. Die Absetzung ist daher zu begrüßen.
Nein, nein,nein. Geschichtsaufarbeitung muss immer überall geschehen! Bei anderen Themen sind wir ja auch nicht so zimperlich!
Oper auszuklammern, damit Frau Reich und Herr Neurreich keine Konfrontation erleiden müssen? Und leider ist es inzwischen so, daß Provokation plakativ erscheinen muss, damit sie wahr genommen wird. Den Stücken die extra zu diesem Thema geschrieben werden, (natürlich dem Thema angemessen...das ist jetzt Ironie!!) solchen Stücken kann man ja prima aus dem Weg gehen. (Weil man sich das nicht antuen will)

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mnbvc 10.05.2013, 21:00
33. Danke

Zitat von andreas.spohr
Geschmacklos ist eine Bühnen-"Show" Die Den Schrecken der Vernichtungslager und Gaskammern effekthaschend ausnutzt. Da wird einem nicht schlecht von den gezeigten Szenen, sondern von der Geschmacklosigkeit. Dies ist nicht zu vergleichen mit sachlichen Dokumentationen oder ersnshaft hinterfragenden Spielfilmen. Bei den dort oft viel realistischeren Darstellungen kommt den Zuschauern weniger das Kotzen als hier....
Das sehe ich ähnlich. Wenn das in Trashfilmen gemacht wird, rümpfen die Kulturbesserwisser verächtlich die Nase und sprechen im Feuilleton von "Gewaltpornographie" usw., aber wenn es nur im Theater/ der Oper geschieht, soll es automatisch fortschrittlich sein. Ein Ort adelt kein Handeln. Zudem ist das grundlegende Vorgehen ("Das verlegen wir ins Dritte Reich!") schon mehrfach dagewesen (schreibt der Autor ja selbst) und so billig wie ausgelutscht. Diese Aufführung muss also einfach brutaler und drastischer in der Darbietung gewesen sein. Aber was soll daran zeigenswert sein?

Der Autor disqualifiziert sich dann mit folgender Passage gleich noch selbst: "Die Deutschen haben in ihrer jüngeren Geschichte sechs Millionen Juden umgebracht, aber wenn sie im Jahr 2013 auf einer Opernbühne daran erinnert werden, rufen sie nach dem Onkel Doktor."

Soso. "Die Deutschen". Und die sind dann deckungsgleich mit den Leutchen in dieser Opernvorstellung? Wenn man für all die Täter des Dritten Reiches ein Mindestalter von 16 Jahren ansetzt, dürfte bei der Vorführung niemand unter 84 Jahren gewesen sein. Oder ist hier eine Variante der Erbsünde im Spiel? Deutscher = schuldig, egal, ob bereits geboren oder nicht? Wie ist das dann mit einem Migranten mit deutscher Staatsbürgerschaft ;)

Ganz konkret: meine Eltern waren 1945, also am Ende des Dritten Reiches, nicht einmal in der Altersklasse, die krabbeln kann - was ist dann meine Schuld am Dritten Reich?

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criticos 10.05.2013, 21:01
34. Ohne Nazis, Scheisse und Blut

geht auf deutschen Bühnen wenig. Irgenwie doch ein ganz schön sado-masochistisch verkommenes Völkchen, welches sich selbst allerdings für "kritisch" hält.

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blue.sky 10.05.2013, 21:02
35. Die Unfähigkeit

im unbelasteten Umgang mit deutscher Kultur nimmt immer erschreckendere Ausmaße an. Die durch alle Schichten des öffentlichen Lebens schleichende political correctness stranguliert jeden noch so sensiblen Versuch einer Vergangenheitsbewältigung schon im Ansatz. Die Auswirkung dieser konsequenten Selbstverleugnung wird schon seit langem als hochgefährlich angesehen, da sie im Kern die Identität einer Kultur zerstört. Hier sollten Verantwortliche endlich selbstbewusst einen Schlussstrich unter kulturhistorischer Bevormundung ziehen.

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einzel haft 10.05.2013, 21:04
36. ... eklig schöne Musik ...

"In Hollywood und im deutschen Kino wurden Auftritte nationalsozialistischer Oberschurken und Bilder von den Massendeportationen der Juden mit schwelgerischen Wagner-Klängen unterlegt"

Nicht nur da, auch bei Spiegel TV war gerne und oft das Thema seiner mutmaßlichen Lieblingsoper "Rienzi" zu hören, da passt das Nazithema hervorragend.

Tannhäuser: Eva Braun als Venus und Magda Goebbels als Elisabeth, die Herren Himmler und so als Minnesänger oder wie habe ich mir das vorzustellen?

Konzertant fehlen natürlich einige schöne bildlich-erotische Szenen, auch hier gab es schon ärztliche Behandlungen nach dem ersten Teil.

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mendorvaldez 10.05.2013, 21:08
37. Verweichlichung des Bürgertums

Dass einige zart besaitete Bürgerliche, die sich abends ausnahmsweise mal etwas Intellektuelles gönnen wollen, nunmehr völlig verstört einen Arzt aufsuchen müssen, weil sie nicht den Charakter und die Stärke besessen haben, um Kunst auszuhalten - DAS ist doch der eigentliche Skandal! Die Zeiten, in denen Kunst nur geistig stimulierende Unterhaltung war, ist vorbei. Wie letztendlich auch der Autor feststellt, ist die Provokation und die psychische Zumutung schon längst ein wesentliches Merkmal der deutschen Kunstlandschaft. Jeder halbwegs informierte Bürger - und nur ein solcher sollte auch Kunstveranstaltungen besuchen! - muss sich dessen bewusst sein. Ansonsten wird aus einer stets durch avantgardistische Ideen befeuerten Kunst ein müdes und langweiliges, sich selbst immerzu zitierendes Glasperlenspiel. Und dies wäre dann wahrlich ein Grund, um den Arzt aufzusuchen!

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friedrich1954 10.05.2013, 21:09
38. schlechtes Marketing

Wenn ich ins Theater gehe, dann will ich einen Positiven Abend verbringen und mich nicht mit grausamen Dingen auseinandersetzen, die weder mit dem Stück noch mit mir irgend etwas zu tun haben.Sonst kann ich auch zur Vergangenheitbewältigung eine Kurs an der Volkshochschule belegen.
Mit der Absetzung dieser blödsinnigen Inszenierung will man wohl den Regisseur ein noch nicht vorhandenes Image verpassen.Zudem sparen die Theater Kosten,die alten Schinken in die neue Zeit zu beamen, weil die Kulissen ärmlicher, sprich sparsamer, sind.
Muß ich alles nicht haben, geh ich lieber in ein Opern-Kino.

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kannmanauchsosehen 10.05.2013, 21:16
39. Entschiedener Widerspruch

Zitat von Luscinia007
Die Verdrängung solcher unwillkürlicher Erregungszustände durch Absetzung der Oper ist den Zuschauern noch abträglicher. Wie schon Aristoteles bemerkte, soll die Tragödie Mitleid und Furcht und ähnliche Affekte hervorrufen, damit sich der Zuschauer von ebendiesen Affekten reinigen kann. (Katharsis). Dies wird dem Zuschauer nun verweigert...
Na, hier werfen Sie aber etwas durcheinander. Das Regietheater in dieser Form steht nicht in Analogie zu Aristoteles, sondern zum von der Neuberin vertriebenen Hanswurst (oder Harlekin). Auch hier geht es um das ins extreme gesteigerte Derbe und Groteske, mit dem man um Zuschauer und um den Skandal wirbt.

Der einzige Unterschied zwischen Hanswurst und dem Regietheater à la Kosminski ist, dass sich Macher und Zuschauer beim Hanswurst nicht so furchtbar ernst nehmen.

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