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"Tannhäuser"-Skandal: Im Land der Täter und Sanitäter
DPA

Die Deutschen ermordeten sechs Millionen Juden, aber wenn man sie daran erinnert, rufen einige neuerdings den Arzt. Weil Zuschauern übel wurde, setzte die Düsseldorfer Oper eine umstrittene "Tannhäuser"-Inszenierung ab. Ob die wirklich ein Skandal ist? Mag sein. Ihre Absetzung ist sicher einer.

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johannes2000 10.05.2013, 21:18
40.

Zitat von trinityguildhall
Wir haben uns von 1945 bis 2006 schuldig gefuehlt. Dann kam die WM2006 und ploetzlich bin ich von drei deutschen Flaggen in jeder Himmelsrichtung umgeben wenn ich in die Gaerten meiner Nachbarn schaue. Doch dies ist nur das Symptom. Das Schlimme ist das viele tatsaechlich nicht mehr an den Schrecken erinnert werden moechten. Die alte deutsche Arroganz, das alte deutsche Gefuehl der Ueberlegenheit, des Beduerfnisses alle Menschen nach ihrem Ideal zu formen ist leider wieder auf dem Vormarsch.
Das oben beschriebene Phänomen ist fast schon eine zwanghafte Störung resultierend aus paar Jahrzehnten mit einer unmenschlich grossen Schuldlast, ich nenne sie "Nazi-Psychose". Die Reaktionen der Deutschen bezüglich ihrer Vergangenheit unterliegen fast immer dem gleichen Schemata.

Man braucht nur das Wort Nazi erwähnen, dann wird 5 Min runtergespult dass dies lange her wäre, das man damit garnichts zu tun hätte, dass andere Länder auch schlimmes getan haben etc. Egal worüber man eigentlich sprechen wollte.
Dies in einem sehr aggressiven Tonfall und mit Schaum vorm Mund, wütend darüber dass dies überhaupt erwähnt wurde. Eine komische Mischung aus der grossen Schuldlast und dem neu erwachsenden Nationalismus seit 2006.

Vor den NSU-Morden war das noch viel schlimmer und extremer, mittlerweile darf man wieder erwähnen dass es Nazis in diesem Land gibt die eine Gefahr für Leib und Leben darstellen und gegen die zuwenig gemacht wird ohne dass einem Antipathie gegen Deutschland unterstellt wird.

So findet man keine Lösungen für Probleme.

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Ballonmütze 10.05.2013, 21:19
41. ................................

Vielen Dank für den ersten klugen Beitrag zu diesem Vorfall in den deutschen Medien.
Ich arbeite selbst an einem großstädtischen Staatstheater, und ich fände solch ein Verhalten meines Intendanten einfach zum kotzen.

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willhelmb 10.05.2013, 21:20
42. willhelmb

Der Skandal ist, dass 10, oder nach anderen Quellen, 42 Zuschauer unter gesundheitlichen Vorwänden, es tatsächlich schaffen eine Opernproduktion abzusetzen.
Vielleicht war die Luft etwas stickig, oder die Heizung zu hoch eingestellt. --- "Der Schoß ist fruchtbar noch..."
Irgend wo in unserem Grundgesetz gibt es das Postulat der Freiheit der Kunst . Wenn heute schon ein paar Leute ausreichen, ein durch das GG postuliertes Freiheitsrecht
zu unterminieren, wird mir echt bang um unsere Demokratie. Sogar der Förder- und Freundeskreis der Oper war dafür die Inszenierung auf dem Spielplan zu lassen. Das sind die wirklichen Demokraten.

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teslar 10.05.2013, 21:22
43. optional

Die meisten Deutschen haben während der Naziherrschaft über die KZ und der Ausrottung der Juden gewusst - das ist mittlerweile nachgewiesen/belegt worden! Die wenigsten in Deutschland kannten aber die Details. Fronsoldaten hatten nicht immer geschwiegen und viele von denen, die unmittelbar Zeuge von babarischen Mordaktionen wurden, hatten in ihren Heimaturlaub oder in ihrer Feldpost oft Andeutungen über die Wahrheit gemacht.

Auch die genauen Vernichtungsdetails in den KZ wurden erts nach dem Krieg Stück für Stück bekannt. Die Nachkriegszeit hatte aber eine Eigendynamik - alles sollte verdrängt werden! Verständlich einerseits, denn die Menschen hatten in der Tat den Krieg satt und wollten ein neues Leben.

In der ganzen Erforschung zur Haltung der Deutschen muss man aber auch sagen, die Propagandamaschine des III-Reichs hat wirklich die Menschen im Kopf zum Täter gemacht - den meisten fiel dies erst auf, als alles zusammen brach. Und genau hier ist der Punkt - die fehlende Aufarbeitung der späteren BRD. Jetzt, wo viele Zeitzeugen tot sind, wo nur noch aus Archiven gelesen wird, wirkt die Konfrontation mit der Wahrheit des Tötens wie ein Schock.

Wagner hatte nicht für die Nazis komponiert - denn die kamen erst später - aber die Nazis haben seine geniale Musik in traurige reale Szene gesetzt und misbraucht. Und das tut uns weh - weil es uns erinnern muss! Wir müssen unserer Geschichte wahrnehmen - so leidvoll sie war.

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Janusz 10.05.2013, 21:30
44. Bravo

Zitat von sysop
Die Deutschen ermordeten sechs Millionen Juden, aber wenn man sie daran erinnert, rufen einige neuerdings den Arzt. Weil Zuschauern übel wurde, setzte die Düsseldorfer Oper eine umstrittene "Tannhäuser"-Inszenierung ab. Ob die wirklich ein Skandal ist? Mag sein. Ihre Absetzung ist sicher einer.
Danke für die klaren und deutlichen Worte. Es macht Spaß den Text zu lesen, denn er er kommt klar zum Punkt und bezieht Stellung.
Schade dass das Stück abgesetzt wurde, ich hätte mir gern selbst ein Urteil gebildet und wäre dazu erstmals in ein Wagner Stück gegangen.
Ich würde mir mehr solch engagierter Kommentare vom Spiegel wünschen.

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emeticart 10.05.2013, 21:30
45. Kunst, ...

... und da zähle ich das Theater eindeutig dazu, muss/darf/soll provozieren und gegebenenfalls aufrütteln. Wenn Theaterbesucher, das nicht aushalten- deren Pech! Falls sie danach irgendwie nachdenken- Ziel erreicht! Offenbar, gehen aber die Theaterbesucher mit der Erwartung hin, sich wie beim "Traumschiff" oder "Schwarzwaldklinik", einfach berieseln zu lassen. Unerträglich, finde ich den vorauseilenden Gehorsam, der einen sehr faden Geschmack von ZENSUR, gepaart mit ekelhafter political correctness hinterlässt. Falls sich sowas durchsetzt, wird es ganz dunkel in Deutschland. Hatten wir schon mal, wurden von Malern nur Bergszenen gemalt und im Theater nur leichte Operetten aufgeführt. MfG

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kannmanauchsosehen 10.05.2013, 21:41
46.

Zitat von nilaterne
Nein, nein,nein. Geschichtsaufarbeitung muss immer überall geschehen! ...
Mag ja alles sein, vielleicht habe ich mich ja nicht so gut ausgedrückt, also, noch einmal in Kurzform: Ich kaufe dem Herrn Kosminski diese Intention - Geschichtsaufarbeitung - einfach nicht ab.

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whoknowswhat 10.05.2013, 21:43
47. Skandal?

Ein sehr guter Artikel. Der eigentliche Skandal ist die Handlung des Intendanten ...

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sme3 10.05.2013, 21:50
48. Hauptsache Schlagzeilen

Für meine Begriffe handelt es sich bei solchen Inszenierungen um nichts Anderes als einen kalkulierten Tabubruch, wie er in der Popmusik schon immer gang und gäbe war und ist. Des einen Nazi-Inszenierung ist des Anderen Gangstarap.Insofern gibt der verantwortliche Regisseur den Bushido: Maximaler Skandal garantiert maximale Aufmerksamkeit. Wir haben das Gekacke, Gevögele und Gekotze längst durch, und wenn die Nazis auch keinen mehr hinter dem Ofen herlocken, muss wahrscheinlich die Sodomie an lebenden Tieren für die dringend benötigte Aufmerksamkeit sorgen. Dies alles natürlich nur im Sinne eines neuen, "unverstellten" Blickes auf das Werk des Meisters, und der Verdeutlichung zeitloser Aspekte, die dessen Relevanz auch in der heutigen Zeit belegen.

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note4shape 10.05.2013, 21:53
49.

ich schlage vor, die oeffentliche finanzierung von kultur in Deutschland ganz abzuschaffen. doll jedes kulturinstitut sich um das eigene fundraising kuemmern. Wo regietheater gemocht wird, also genug finanzierung bekommt, kann man hin und sich davon betreffen lassen.

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