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"Team Wallraff" bei RTL: Undercover in der psychiatrischen Steinzeit
TVNOW

Das "Team Wallraff" bei RTL suchte verdeckt nach Missständen in psychiatrischen Einrichtungen und wurde fündig. Ein erschütternder Bericht - mit zweifelhaft montierten Bildern.

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Sleeper_in_Metropolis 19.03.2019, 11:45
1.

Die Wallraff-Reihe ist schon alleine wegen dem Sender, auf dem sie läuft mit Vorsicht zu genießen. Ich frage mich, wieso ein einstmals recht angesehener Reporter sein Renommee durch Zusammenarbeit mit diesem Trash-Sender selbst derart verschleudert ? Es ist doch klar, das RTL auch hier das macht, was es bei seinen Produktionen immer macht : Überzeichnen, überdramatisieren, und effektheischerisch zusammenschneiden um sein Stammpublikum vor der Glotze zu halten. Nur leider geht dabei wie immer sowohl die Glaubwürdigkeit als auch tlw. die Wahrheit unter, und das schadet den ernsten Themen, um die es in den Wallraff-Reportagen geht.

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dasfred 19.03.2019, 11:58
2. Sich an der Montage des Berichts aufzuhalten ist billig

Natürlich produziert RTL reißerischer als ARD und ZDF, aber das tut dem Inhalt keinen Abbruch. Zur Fensterszene übrigens, so wie ich mich erinnere war der Junge zuerst am Fenster ohne Vordach, wurde dort zurückgehalten und ist dann erst vom Nebenraum aus übers Dach geflohen. Vielleicht hätte der Artikel eher darauf eingehen sollen, dass der Junge nach Wiedereinlieferung durch die Polizei mit Nahrungsentzug bestraft wurde. Ich war jedenfalls ausreichend schockiert über die Zustände, die man, nach jahrelanger Diskussion über die Unterbringung der 50er bis 70er geführt hat, heute immer noch antrifft. Kein Artzt wird mir erklären können, dass diese Zustände zum Wohl der Patienten sind. Es sind nur Verwahranstalten, in denen der Chemie statt der Therapie der erste Rang eingeräumt wird. Solange dort noch nach Tagessätzen und nicht Fallpauschalen abgerechnet wird, besteht kein wirtschaftliches Interesse diese Zustände zu ändern.

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freigeistiger 19.03.2019, 12:22
3. Die Persönlichkeit ist der entscheidende Faktor, Korrektur

Die Persönlichkeit von Ärzten und Pflegepersonal ist der entscheidende Faktor. Ebenso wie die Persönlichkeiten der Leitung. Dass macht den "Geist" eines Betriebes und die Unternehmenskultur aus. Festgestellt wurde das etwa bei Lernuntersuchungen. Der entscheidende Faktor ist die gute Persönlichkeit des Lehrenden. Das kann auf alle anderen Bereiche übertragen werden.

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alfredo24 19.03.2019, 12:24
4. Der Sender, der es ausstrahlt, ist das unbedeutendste Detail.

Ich habe mir die Sendung angesehen. Mir ist ganz klar, dass sowas nicht in den Regierungssendern ARD oder ZDF kommt. Dort wird nur die heile Welt vorgemacht oder man zeigt ein scheinbares Problem, an dem auch die Politik nichts machen kann oder aus Geldmangel eben nichts macht. Natürlich gibt es bei ARD und ZDF auch Diskussionsrunden, damit die Wähler auch vermeintlich eine Wahlmöglichkeit haben. Dann natürlich noch den Krimi am Sonntag. Doch die Zustände und nicht nur als Einzelfälle, wie das Wallraff-Team es aufdeckt und klar unmissverständlich dokumentiert und mit der Kamera zeigt, ist natürlich nicht gewünscht in Deutschland. Was nicht sein darf, kann offenbar auch nicht sein, so wünschen sich dies unsere Politiker. Wallraff zeigt das Gegenteil.

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klappermaus 19.03.2019, 12:26
5. Was alle wissen

RTL skandaliert stümperhaft was in der Branche ohnehin alle wissen: Dass in den Psychiatrien dieses Landes heute wieder Zustände herrschen, die nicht viel besser sind als sie vor einem halben Jahrhundert gang und gebe waren.
Dabei haben engagierte Psychiater zusammen mit Pfleger/innen und Sozialkpädagogen/innen zahlreicher sozialpsychiatrischen Institutionen bereits in den 70ern und 80ern des letzten Jahrhunderts reihenweise Reforme erzwungen, die in psychiatrischen stationären und ambulanten Diensten sowohl intramuros als auch extramuros eine wesentlich humanerere und de facto wirksamere psychiatrische Versorgung quer durch die Republik sicher stellte. Aber unter der Kohl- und Schröder-Kanzlerschaft bzw. deren Gefolgschaft in den Bundesländer wurden die meiste dieser Fortschritte rückgängig gemacht.
Wer damals an diesen fortschrittlichen Reformen aktiv mitgewirkt hat, kann heute nur mit Staunen und Trauer zusehen, wie die psychiatrische Versorgung sich seit dem zu einer in vielen Psychiatrienen des Landes unwürdigen, wirkungslosen und menschenverachtenenden Verwahrung hilfloser Menschen wieder zurück entwickelt hat. Es ist ein Jammer.
Ein senstioneller Bericht auf RTL wird daran nichts ändern. Ändern können das nur die Menschen, die dort arbeiten, indem sie sich wieder auch ihren wirklichen Auftrag besinnen. Wenn sie nicht wissen wie man das macht, sollten sie sich mal bei jenen informieren, die das in den 70er und 80er Jahren schon mal gemacht haben. Die meisten davon sind noch am Leben.

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virtuteetanimo 19.03.2019, 12:32
6. Der Pfleger als Monster

Als Gesundheits- und Krankenpfleger, der selbst jahrelang in Forensik und geschlossen Psychiatrien gearbeitet hat, habe ich mir die Reportage gestern auch in der Hoffnung angesehen, dass die Öffentlichkeit sich mal einen Eindruck über die tatsächlich teilweise unsäglichen Verhältnisse in geschlossenen Psychiatrien machen kann. Was ich tatsächlich gesehen habe, war eine Diffamierung des gesamten medizinischen und therapeutischen Personals als solches. Natürlich gibt es sie, die menschenverachtenden, machtbesoffenen Schließertypen. Ich habe wegen solcher Kollegen auch schon den Arbeitsplatz gewechselt. Wer überhaupt nicht zur Sprache kam, waren die Kollegen, die unter vollem Bewusstsein therapeutisch unmöglicher Rahmenbedingungen unter höchstmöglichem persönlichen Einsatz versuchen, diese Rahmenbedingungen für die Patienten so erträglich wie möglich zu gestalten. So wie der Großteil meiner Kollegen und ich selbst auch. Die fachlichen Kommentare waren zutreffend, sämtliche gezeigten Macht- und Gewaltexzesse wären vermeidbar. Und zwar bei entsprechender Personaldecke, bei der die Bezeichnung der Psychiatrie als "sprechende Medizin" ihren Namen auch wieder verdienen würde. Mein Eindruck ist allerdings jener, dass dieses aufgrund der hierfür nötigen Kosten gesellschaftlich nicht gewünscht ist. Hr. Wallraff hat diesem Aspekt jedenfalls anscheinend keinerlei Bedeutung beigemessen. Lieber wird der billige Skandal gesucht als aufzuzeigen, dass die Gesellschaft keinerlei Interesse am Schutz der schwächsten seiner Mitglieder zu haben scheint.

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manicmecanic 19.03.2019, 12:50
7. der böse Bote

Der Unterton des Artikels wie auch in einigen Kommentaren hier ist der mittelalterliche Reflex den Boten der miesen Nachricht zu töten.Es ist mir egal auf welchem Sender Wallraff diese unterirdischen Zustände zeigt.'Pfleger' die sich so aufführen,oder über Medikamente so reden : die bunten Pillen aus der großen Dose o.ä.?Da gibt es nichts mehr zu relativieren,was man da teilweise sehen konnte sind Straftaten an den Patienten.Und diese Praktiken eingebettet in ein allgemein menschenverachtend gemachtes System.

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teletubbi 19.03.2019, 12:50
8.

Die "Reportagen" Wallraffs sind bei RTL genau richtig aufgehoben. Kein seriöser Sender würde inzwischen mehr mit ihm zusammenarbeiten. Nicht nur seine Stasi-Verstrickungen, sondern auch mehrere Ghostwriter-Gerichtsverfahren haben offenbart, was von seinem "Journalismus" zu halten ist.
Schon seit dem Ghostwriter Skandal seines Bestsellers "Ganz unten" hat Wallraff jegliche Glaubwürdigkeit verloren.
Seine Geschäftsidee, mit der Not und dem Elend anderer Geld zu machen, ist schon von der DDR tatkräftig unterstützt worden.

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friggs 19.03.2019, 12:53
9. Weggehen und Wegsehen

Zitat von virtuteetanimo
Was ich tatsächlich gesehen habe, war eine Diffamierung des gesamten medizinischen und therapeutischen Personals als solches. Natürlich gibt es sie, die menschenverachtenden, machtbesoffenen Schließertypen. Ich habe wegen solcher Kollegen auch schon den Arbeitsplatz gewechselt. Wer überhaupt nicht zur Sprache kam, waren die Kollegen, die unter vollem Bewusstsein therapeutisch unmöglicher Rahmenbedingungen unter höchstmöglichem persönlichen Einsatz versuchen, diese Rahmenbedingungen für die Patienten so erträglich wie möglich zu gestalten. So wie der Großteil meiner Kollegen und ich selbst auch.
Die Situation erträglicher für die Patienten zu machen setzt doch voraus, dass diese sich zumindest sicher fühlen können und halbwegs gut aufgehoben.

Das Problem sind nicht nur diese Schließertypen sondern auch die Ärzte und Pfleger, die diese gewähren lassen.

Den Arbeitsplatz zu wechseln ist aus wirtschaftlicher Hinsicht bestimmt der sicherere Weg um nicht weiter in so ein System mitzuarbeiten. Dummerweise ändert sich für die Patienten so gar nichts. Außer dass irgendwann nur noch die Pfleger dort sind, die sich mit dem System arrangieren können oder aktiv daran mitwirken.

Da strafrechtlich relevantes Verhalten anscheinend nie - von Seiten des Personals - angezeigt wird, gibt es doch für die "Schließertypen" gar keine Veranlassung ihre Verhaltensweise zu ändern. Die Patienten sind oft nicht in der Lage entsprechende Schritte einzuleiten. Sei es, weil sie gesundheitlich gar nicht dazu in der Lage sind und/oder weil ihnen sowieso niemand glaubt.

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