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Terrorismus: Wie eine Journalistin die RAF-Rentner finden wollte
LKA Niedersachsen

Seit der Wende leben die Ex-RAFler Staub, Klette und Garweg im Untergrund. NDR-Autorin Patrizia Schlosser fahndete anderthalb Jahre nach dem Trio - mit ihrem Vater, der früher Terroristen töten sollte.

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nordschaf 12.09.2019, 16:29
40. mal einen Schritt weiter denken..

Ich finde den Beitrag eigentlich gar nicht so daneben. Es erscheint mir viel mehr sinnvoll, dass sich auch die heute junge Generation (also alles < 30) mit diesem Teil der Geschichte näher befasst, wirft er doch ein interessantes Licht auf unseren Staat. Ich selbst bin Mitte der 60er geboren und in (West-) Berlin aufgewachsen. Mit den großen Überschriften zu Straftaten der RAF in den Zeitungen habe ich meine Lesefähigkeiten über die Texte der ersten Klasse hinaus erweitert. Meldungen über RAF-Aktivitäten in den lokalen Abendnachrichten gehörten fast täglich dazu, genauso wie das Wettern meines Alt-Nazi-Opas gegen die "langhaarigen Bombenleger, die ins KZ gehören" und "unter Adolf hätts das nicht gegeben, da hätte man kurzen Prozess gemacht!".
Das hat mich später neugierig gemacht und ich habe mit der wenigen off-Lektüre, die es Ende der 80er gab, versucht, die Geschichte der RAF zu verstehen. Dies zu einem Zeitpunkt, wo ich selbst mit anderen Studierenden Streikaktionen organisiert hatte und darüber in Kontakt zur Berliner Antifa-Szene kam. Einiges fand ich nachvollziehbar, anderes völlig abgedreht. Bei Andreas Baader hatte ich z.B. irgendwann den starken Eindruck, er hat zu oft Bonnie und Clyde im Kino gesehen. Die Radikalisierung von Ulrike Meinhof fand ich eher skuril. Die zweite Generation der RAF schien mir zwischen Heldenverehrung und Abenteuerlust zu schwanken. Man verzeihe mir meine scheinbare Naivität, aber ich kann hier keine 20 Seiten lang differenziert über die RAF und ihre Protagonisten schreiben, dazu müsste man die Diskussion woanders hinverlegen.

Schockiert hat mich hingegen eine filmische Doku über die Stammheim-Prozesse, in denen der damalige Verteidiger Otto Schily - offenbar gläubiger Anhänger eines demokratischen Systems Bundesrepublik - verzweifelt versucht hat, für seine Mandanten dieselben Rechte einzufordern, wie sie jedem Alt-Nazi selbstverständlich vor Gericht eingeräumt wurden. Es ist aus späterer Position nur allzu offensichtlich, dass die damalige Bundesrepublik so viel Angst vor dem Sozialismus und der Sowjetunion hatte, dass sie gegen Linksradikalität sehr viel härter einschritt, als gegen damals durchaus vorhandene rechtsnationale Gruppierungen.
Mitte der 90er war ich dann dabei, als ein älterer Kommilitone von mir die Einstellung seines Berufsverbotsverfahrens bekam, das noch aus der Zeit herrührte, als er temporär mal in der Kommune 1 gewohnt hat. In den 90ern kam uns das an der Uni unglaublich anachronistisch vor und das war es wohl auch. Wenn ich mir aber heute anschaue, dass ein Hr. Höcke Kinder unterrichten darf, dann komme ich wieder ins Grübeln.
Wie dem auch sei: wenn ein solches Buch Auftakt dazu ist, die Geschichte der Bundesrepublik Deutschland kritisch zu reflektieren, dann ist es in meinen Augen gar nicht schlecht. Irgendwo muss man ja anfangen mit dem Lesen.

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