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Theaterpremiere: Land unter nach heftigem Storm
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Als wahre Texflutwelle schwappte Theodor Storms "Der Schimmelreiter" in neuer Hamburger Bühnenversion ins Publikum. Das Ensemble des Thalia Theaters schlug sich tapfer, konnte aber nicht alle Längen überdecken.

zauberfrau63 26.11.2016, 20:36
1.

Ich war skeptisch, ob man eine Novelle wie den Schimmelreiter auf die Bühne bringen kann. Ich bin restlos überzeugt, es geht. Was für eine wunderbare Vorstellung! Mit einem simplen, aber wirkungsvollen Bühnenbild und einem großartigen Ensemble, das Kraft und Intensität mitbrachte, wurden die Bilder erzeugt, die bei diesem Text so wichtig sind. Die Schauspieler - jede/r für sich - haben die Aussagen des Stücks ohne erhobenen Zeigefinger und Moralisierung transportiert. Und Jens Harzer spielte die Überzeugung, die Zerrissenheit und Verzweiflung des Hauke Haien mit einem Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Gerade die Wiederholungen der angesprochenen Textpassagen, die sich ja auch von Mal zu Mal verlängerten, ließen bei diesem textgewaltigen Schauspiel innehalten und jedes Mal war für mich etwas anderes an diesen Passagen je nach Betonung besonders eindringlich. Die Wiederholungen bildeten eine Art Klammer um den ganzen Text, der wahrlich keine leichte Kost ist. Der gewaltige Abgang von Hauke Haien, nackt, beraubt seiner Frau, seines Kindes, allen irdischen Gütern und vorallem seiner Träume und Visionen, hätte deutlicher nicht sein können. Warum es immer noch so einen Unmut gibt, wenn ein Schauspieler nackt, entblößt auf der Bühne steht, ist mir schleierhaft, wir leben ja schließlich nicht mehr im 19. Jahrhundert. Die Musik war sehr laut und hat erschreckt, für die ältere Generation sicher etwas heftig, aber sie untermalte treffend die Tragik und Düsternis dieser Novelle.

Schade nur, dass es manche im Publikum gab, die meinten mit Buh-Rufen ihrem Unmut über das Stück kundtun zu müssen. Die Inszenierung polarisiert, keine Frage und man muss sie nicht mögen, aber die Buh-Rufe treffen auchvor allem die Schauspieler, für deren Leistung an diesem Abend und den endlosen Proben, Diskussionen, Änderungen, Versuchen zumindest Respekt gezollt werden sollte. Buh für diese Gäste im Publikum! Das ist schlechtes Benehmen!

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cl_lechner 28.11.2016, 18:59
2. Schade

Selten gehe ich verärgert aus dem Theater, aber bei dieser Inszenierung war das leider der Fall. Was toll begonnen hat mit einem imposanten, kargen Bühnenbild, von phantastischen Schauspielern getragen wird, fühlt sich am Ende nur quälend an und dass nur, weil der Regisseur es für nötig befunden hat, eine Passage von ca 15 Minuten Länge tatsächlich sieben Mal die Schauspieler spielen zu lassen. Rechnet man die Zeit zusammen, dann versteht man auch, warum das Stück ca. 3 Stunden lang ist plus Pause, die zahlreiche Zuschauer (am Sa 26.11.) genutzt haben, die Aufführung vorzeitig zu verlassen. Theater muss nicht immer unterhalten und darf auch unbequem sein, aber sollte nicht dazu führen, dass man bei jeder Textwiederholung nur darauf hofft, sie möge gleich vorbei sein, was sie aber nicht ist, denn 15 Minuten können sehr, sehr lang sein. Und so bekommen die Schauspieler am Ende nur verhaltenen Applaus, obwohl sie mehr verdient hätten für ihre tollen Leistungen. Dem Regisseur gebührt jedoch Kopfschütteln (und durchaus auch ein lautes "Buh") für diese "Quälerei". Schade!

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