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Toleranz in Deutschland: Homophob sind immer die anderen
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Was sind wir plötzlich tolerant! Aber ist die aktuelle Sympathie für Schwule tatsächlich ernst gemeint? Die Mehrheitsgesellschaft hat sich durch Thomas Hitzlspergers Coming Out wohl kaum sprunghaft modernisiert. Für junge Schwule hat sich dennoch etwas entscheidend verändert.

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handsome.devil 11.01.2014, 20:17
1. Abgesehen davon,...

...dass die Formulierung "Die Kanzlerin - die eine endgültige rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben verhindert" missverständlich ist - denn Schwule dürften Lesben doch gleichgestellt sein - halte ich diese Aussage nicht für einen Widerspruch zu Merkels warmen Worten. Denn heterosexuelle nicht verheiratete Paare sind Verheirateten etwa auch nicht gleichgestellt.

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freddygrant 11.01.2014, 20:20
2. Wenn das alles ...

... nur so einfach wäre. Wir leben ind einem freien Land, aber auch in einer vom christlichen Mittelalter mental geprägten und moralisch durch die Kirche/n verführten Gesellschaft. Diese greift immer noch mit ihrer "Macht" und Sonderrechten in unsere Verfassung und die Entwicklung einer mordernen, aufgeklärten und freiheitlichen Gesellschaft - mit außerirdischen Be- und Todesdrohungen - massiv ein, geduldet durch unsere segensreichen, christlichen Parteien.

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JKStiller 11.01.2014, 20:30
3. Ich begrüsse das Coming Out

und stehe dem Thema mit bald 47 Jahren eher gelassen gegenüber. Das war nicht immer so. Der Grund dafür ist ganz einfach: In meiner Jugend bis in die Zwanziger hinein wurde ich tatsächlich mehrfach von Homosexuellen angebaggert, was damals für mich peinlich und je nach Situation in der Öffentlichkeit auch belastend oder stressig war. Hier sehe ich einen der Hauptgründe für Homophobie: Anstatt mich damals darüber zu freuen, als attraktiv angesehen zu werden, war ich nur beschämt und um meinen guten Ruf besorgt. Totaler Blödsinn! Alles hatte sich immer schnell geklärt und es entstanden wunderbare Freundschaften. Deshalb mein Appell an alle, die solche Erlebnisse auch haben oder hatten: Keep it cool und nehmt es als Kompliment. Nicht mehr und nicht weniger. Angst davor, seinen ach so guten Heteroruf zu verlieren, braucht keiner zu haben. Gerade für die Jugend sollte das der Leitfaden sein.

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stockfisch1946 11.01.2014, 20:31
4. Ich bin da raus.

Ob jemand schwul ist oder nicht, wer seine Papiere abgestempelt hat (Nationalität), welche Hautfarbe er hat, ob er religiös ist oder nicht, alle diese Dinge sind für mich zweitrangig. Ich sitze jemandem gegenüber, und wir verstehen uns oder nicht. Jedenfalls können die Dinge, in denen wir uns unterscheiden, nicht der Grund für Ablehnung, Überheblichkeit, oder Hass sein. Die einfache Erkenntnis, ein Mensch unter vielen zu sein, verbietet etwas anderes.

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BlogBlab 11.01.2014, 21:06
5. Wunderliche Stellungnahme

Zitat von sysop
Die Kanzlerin - die eine endgültige rechtliche Gleichstellung von Schwulen und Lesben verhindert - lässt über ihren Sprecher freundliche Worte verbreiten: "Wir leben in einem Land, in dem niemand Angst haben sollte, seine Sexualität zu bekennen nur aus Angst vor Intoleranz."
Über dieses Statement des Regierungssprechers war ich zunächst auch verwundert - das fand ich ebenfalls ziemlich zynisch, bei Merkels intoleranten Haltung im letzten Jahr - bis mir einfiel, dass Seibert diesmal ja für die gesamte schwarz-rote Koalition spricht. Es dürfte klar sein, welche Partei ihn zu dieser Solidarisierungsansage gedrängt hat.

Merkel selbst hat sich zum Fall Hitzlsperger ja auch nicht geäußert, ganz im Gegensatz zu ihrem Kollegen David Cameron, der den Fußballspieler öffentlich für sein Outing gelobt hat. Cameron hatte schließlich letztes Jahr sogar die gleichgeschlechtliche Ehe in GB eingeführt, da waren die Tories in 'good old Britain' also fortschrittlicher als die spießige Union.

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kumi-ori 11.01.2014, 21:07
6. Vielen Dank, das hat mir die ganze Zeit gefehlt.

Seit Otmar Hitlspergers Coming out spürte ich es die ganze Zeit im Hinterkopf: irgendwie ist die ganze Sache noch nicht so richtig aufbereitet. Jetzt weiß ich es - es fehlte mir die Belehrung, dass ich als Normalspießer in meiner latenten Homophobie die Orientierung Hitzlspergers (und die Wowereits gleich noch dazu) gar nicht angemessen gewürdigt habe.

Irgendwann in ferner Zukunft werden die Menschen an Hitzlsperger einfach als Fußballer und an Wowereit einfach als VVollpfosten denken. Im Moment aber dürfen sie das nicht, sie müssen bei Hitzlsperger und Wowereit daran denken, dass Homosexualität eigentlich etwas ganz normales ist. Und sie müssen sich über das drängende Problem des Adoptionsrechts für Homosexuelle Gedanken machen und über die Frage, durch welches Türchen denn die Transsexuellen die öffentliche Toilette betreten. Nur die allerschlimmsten homophoben Spießer sagen, "ist mir doch wurscht, was der ist."

Also überleg ich mir jetzt fieberhaft, wie ich mir doch noch ein klein bischen Betroffenheit abdrücken kann, das ganze Theater für mich privat doch noch irgendwie zu einem Thema machen kann, aber mir will einfach nichts dazu einfallen. Was bin ich für ein Spießer.

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alfiberia 11.01.2014, 21:12
7. Homophobie braucht mehr Gegner

Endlich ein guter Beitrag, Gratulation SPON! Zu meiner Zeit gab es im Fußball keine schwulen Vorbilder, geschweige denn in anderen lebensnahen Lebensbereichen. Ich glaub zwar nicht dass ich als Fußballer dadurch besser gespielt hätte ;) aber mein spätes coming-out hätte unter Umständen eher stattgefunden; Zumindest wäre der Prozesse ein kürzerer und vielleicht einfacherer gewesen. Es gab zwar schon Schwule und Lesben in den Medien, etwa Hella von Sinnen, Freddie Mercury oder Alfred Biolek. Nur waren diese viel zu weit Weg von meinem Umfeld, als dass ich mich mit diesen vergleichen konnte, geschweige denn dass ich zu dieser Zeit gar nicht wahrnahm ich könnte auf Männer stehen. Daher ist ein prominenter coming-Out im Fußball so viel wichtiger, weil anders als z.B. beim Ballet eine viele größere Masse und damit auch potentielle Zielgruppe derjenigen erreicht werden kann, die sich ihrer Orientierung unschlüssig sind. In diesem Sinne wünsche ich mir in absehbarer Zeit mehr solcher coming-outs, wobei oder damit Thomas Hitzlsperger-wir er schon richtig angedeutet hat- nicht als Ikone herhalten muss

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zeitdiebin 11.01.2014, 21:44
8.

Diese Beweihräucherung des Coming Outs zeigt mir, dass die Leute überhaupt keinen normalen offenen Umgang mit der sexuellen Orientierung inne haben. Für viele mag es ja immens wichtig sein, einem Vorbild für die eigene sexuelle Orientierung zu folgen, indem es mit seinem Umfeld auch offen damit umgehen kann. Mir persönlich ist es egal, welche sexuellen Vorlieben oder Gesinnungen jemand auslebt, solange es für die Betroffenen okay ist. Und Außenstehende geht es letztlich nichts ein, weil es einfach eine intime Angelegenheit zwischen den Sexualpartnern ist.

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alexander.n. 11.01.2014, 22:15
9. Nichts ist hier locker und entspannt, wie auch?

Ein prominenter Ex Fußballprofi outet sich als schwul und die Republik reagiert neurotisch, bis hysterisch. Was sagt das über unsere Gesellschaft aus?

Gäbe es für homosexuelle Menschen in Deutschland kaum noch Benachteiligungen, Anfeindungen und Diskriminierungen, wie es einige Zeitgenossen ja ernsthaft behaupten, dann wäre das Coming-Out von Thomas Hitzlsperger nicht zu so einem Mega-Thema avanciert, sondern es wäre eine Randnotiz geblieben.

Und wenn es tatsächlich für die heterosexuelle Mehrheit so „uninteressant“ wäre, wie viele behaupten, dann würden nicht hunderte aufgeregte Kommentare von heterosexuellen Usern unter den Internet-Artikeln von Spiegel-Online, Zeit-Online, Telepolis, Tagesschau.de usw. zu finden sein, denn wenn mich etwas tatsächlich nicht interessiert, dann kommentiere ich es auch nicht. Punkt.

Insofern widerspricht das tatsächliche Verhalten dieser Mitmenschen ganz deutlich dem, was sie behaupten:
1. http://www.spiegel.de/sport/fussball/hitzlsperger-und-sein-coming-out-homosexualitaet-im-fussball-a-942544.html
2. http://www.zeit.de/sport/2014-01/thomas-hitzlsperger-homosexualitaet-fussball
3. http://www.heise.de/tp/blogs/foren/S-Hitzlspergers-Outing-ist-ein-wichtiger-Schritt/forum-272648/list/
4. http://www.tagesschau.de/inland/hitzlsperger122.html?r=&lid=298308&pm_ln=4

• Dass es auch im Jahre 2014 noch notwendig erscheint, darauf hinzuweisen, dass homosexuelle Menschen, genauso tüchtig, genauso beruflich oder sportlich erfolgreich sein können und es auch in großer Zahl sind, wie ihre heterosexuellen Mitmenschen („Hitzlsperger war ein großartiger Fußballspieler = „Hitz the hammer“ und zwar nicht „obwohl“ er schwul ist, sondern weil Talent und Können mit der sexuellen Identität nicht das geringste zu tun haben) ist ein Armutszeugnis für die Gesellschaft insgesamt. Zitat: Lothar Matthäus: „Homosexuelle können nicht Fußball spielen“, Zitat: ‚Manni’ Breuckmann (Ex Sportmoderator) „Es gibt keine schwulen Profifußballer, weil die das leistungsmäßig nicht durchhalten.“

• Wenn Thomas Hitzlsperger mit seinem Coming Out dazu beiträgt, dass sich das Verhältnis der heterosexuellen Mehrheitsgesellschaft zur, mitten unter ihr lebenden, homosexuellen Minderheit (also den schwulen Männern und lesbischen Frauen, die in allen Berufen und allen gesellschaftlichen Bereichen ein selbstverständlicher Bestandteil sind) entkrampft, hätte er viel erreicht.

• Würden Hitzlsperger jetzt viele, viele andere prominente und nicht prominente Zeitgenossen, aus allen Berufsbereichen folgen, wäre das ebenfalls ein großer Erfolg. Es würde deutlich machen, dass es sich bei homosexuellen Menschen eben nicht um eine „zu vernachlässigende Minderheit“ handelt, wie von Homophoben fälschlich behauptet wird, sondern, dass Schwule und Lesben (etwa 10 % der Bevölkerung) als arbeitende, Steuern zahlende und sich vielfältig gemeinnützig engagierende Mitmenschen diese Gesellschaft genauso ausmachen und mitprägen, wie das ihre heterosexuellen Nachbarn, Freunde und Verwandten tun.

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