Forum: Kultur
Tunis: Demonstration gegen TV-Film eskaliert in Gewalt

Ein angeblich blasphemischer Zeichentrickfilm hat in Tunis wütende Proteste ausgelöst. Tausende gingen nach der Ausstrahlung im TV auf die Straße, warfen dem Senderchef Gotteslästerung vor. Sein Haus wurde mit Brandbomben beworfen, die Polizei setzte Tränengas gegen die randalierende Menge ein.

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Juro vom Koselbruch 16.10.2011, 10:02
130. Tiefere Wurzeln

Zitat von Antje Technau
Daher dürfen wir erst über die "rückständigen" Tunesier und ihre Priester den Kopf schütteln, wenn wir bei uns in Deutschland keinen § 166 mehr haben. Und wenn Kinder bei uns in Deutschland nur noch im Religionsunterricht die biblischen Märchen erzählen. Wenn bei uns in D keiner mehr die Priester ernst nimmt. Dann dürfen wir anfangen zu lästern. Vorher nicht.
Mich erinnert das an ein Wort von de Stael. Sinngemäß erklärte sie damals, es könne Deutschen deutliches Unrecht geschehen, zuverlässig würde irgendwo ein deutscher Professor aufstehen und dann exakt die Deutschen in genau dieser Angelegenheit des Unrechts bezichtigen. Natürlich geschah in Tunesien nicht Deutschen ein Unrecht, sondern schlicht und einfach „den Menschen“ bzw. „der Menschlichkeit“. Aber die Kritik an der Kritik, die trifft hier die zumeist deutschen Teilnehmer des Forums.

Nur muss man so was nicht mit sich machen lassen. Zugespitzt formuliert wäre es merkwürdig, wir würden nicht den Kopf schütteln über entsprechende religiös motivierte Krawalle wie in Tunesien. Man kann nicht nur den Kopf schütteln, man sollte es sogar.
Man tut es erstens im Einklang mit nicht wenigen Moslems, die hierzulande Schutz vor genau solchen Dingen suchten und fanden und die sich über manche „Interpretationen“ der Religionsfreiheit hier doch sehr wundern. Man tut es zweitens auf dem Hintergrund historischer Erfahrungen. U.a. der 30-jährige Krieg zeigte, wie grauenhaft sich stark religiös mitmotivierte kriegerische Auseinandersetzungen auswirken, welches Elend sie mit sich bringen können. Die Geschichte des Christentums zog teilweise eine Blutspur. Und das lag nicht nur an Borgia. Der Besitz der „allein selig machenden Wahrheit“ war immer schon für schlimmste Gewalttaten „gut“. Was im islamischen Gottesstaat Iran abläuft, spricht auch Bände.
Spätestens die Phase des Dritten Reiches sollte uns klar gemacht haben, dass man jeglicher weltlicher oder religiöser gewalttätiger Intoleranz gegenüber sehr wachsam sein sollte. Wer dies nicht ist, handelt an unseren besonderen historischen Erfahrungen vorbei.

Wir haben anlassbezogen die Erinnerung an die tödlichen Krawalle wegen der Mohammedkarikaturen vor Augen. Die ganze Welt „stolperte“ zunächst über den scheinbaren Spagat zwischen Respekt vor religiösen Ansichten und dem Recht auf Religions- und Meinungsfreiheit, auf Kritik. Inzwischen dürften einige Vertreter des „Respekts“ peinlich berührt sein. Es waren erwiesenermaßen dänische Imame, die gefälschte Karikaturen rumreichten, um Krawall zu mobilisieren. Die Karikaturen zeigten z.B. Mohammed mit Bombe unter dem Turban. Ja bitte, wer pflegt denn die terrorbringenden Selbstmordattentate nach dem Motto „Ihr liebt das Leben. Wir lieben den Tod!“? Wie war das am 11.09., wie in Djerba, London, Madrid usw.?

Nein, es besteht kein Spagat zwischen Religionsfreiheit und dem Recht auf Meinungsfreiheit, Karikaturen und sogar Blasphemie. Wenn sich Religion oder ihre Vertreter gewalttätig zeigen, dann existiert für sie keinen Religionsfreiheit mehr in dem Sinne, dass man sie nicht kritisieren oder in ihre Schranken weisen darf.

Wie man angesichts dieser harten Fakten mit dem sehr weichen „Gotteslästerungsparagraphen“ argumentieren kann, bleibt dauerhaft schleierhaft. Aber dahinter verbergen sich vermutlich tiefere Wurzeln.

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