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TV-Krimis: Im Blaulicht-Gewitter

Jeder Mordfall eine Kritik an den Zuständen der Gesellschaft, jede Sozialkritik ein Mordfall: Das deutsche Fernsehen hat sich den Zwang auferlegt, schwierige Milieus und komplizierte Charaktere nur noch in der Form des Krimis zu erzählen. Schuld ist die "Tatort"-Doktrin.

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Bre-Men 18.11.2011, 13:11
1. Selber schuld

Ich will Krimis sehen und keine Sozialdramen. Deshalb schau ich schon lange keinen Tatort mehr an. Zum Glück gibt es Alternativen. Gekünstelte PC ist keine Unterhaltung sondern Indoktrination. "Könnten Sie mir mal die Salzsträuerin geben, Frau Kommissarin"?

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Bondurant 18.11.2011, 13:14
2. Das liegt

Zitat von sysop
Jeder Mordfall eine Kritik an den Zuständen der Gesellschaft, jede Sozialkritik ein Mordfall: Das deutsche Fernsehen hat sich den Zwang auferlegt, schwierige Milieus und komplizierte Charaktere nur noch in der Form des Krimis zu erzählen. Schuld ist die "Tatort"-Doktrin.
Zitat von
Natürlich wird auch in anderen Ländern viel im Fernsehen gemordet, aber der Unterschied zu Deutschland scheint mir, dass niemand dort denkt, dass ein Krimi eine sozialaufklärerische Funktion erfüllen kann. Das ist deutsche Romantik. Wenn die Amerikaner morden, geht es entweder darum, gut auszusehen ("Hawaii 5-0"), oder es geht darum, die Technik, die Schönheit, die Schnelligkeit der kriminalistischen Logik zu feiern ("CSI: Miami"). Und wenn die Franzosen mordeten, früher, in den großen Filmen der polar-Reihe, dann ging es darum, kalte, existenzialistische Todesengel zu zeigen, die Gesellschaft war immer nur das Panorama für diese Belmondohafte Selbstfindung oder Selbststilisierung.
daran, dass man in anderen Ländern analytisch noch nicht so weit ist wie hier bei uns: sämtliche Kapitalverbrechen sind selbstverständlich Folgen der Manipulationen des Monopolkapitals. Diesen Zusammenhang kennt der deutsche Kulturschaffende seit seinem Studium in den frühen siebzigern bestens. Manche sind eben einfach weiter, gesellschaftskritisch.

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Gerdd 18.11.2011, 14:10
3. Also, am Anfang war ...

... das mal genau umgekehrt. Und das darf man durchaus die "Tatort-Doktrin" nennen: Sozialkritische Fernsehspiele waren gerade in, gingen aber dem breiten Fernsehpublikum durchaus auf den Keks mit dem hohen Anspruch. Man könnte meinen, die Autoren hätten Reich-Ranickis Preis-Ablehnungs-Tirade vorgeahnt und bemühten sich in voaruseilendem Gehorsam, ihm und anderen Kritikern alles möglichst recht zu machen. Aber die Quoten, die Quoten ...

Und dann kam eben die rettende Idee: Wir schreiben einen Mord und ein paar Kommissare in die Sozialkritik hinein und nennen es Krimi - speziell Tatort. Aber auch bei anderen Serien wurde die selbe Masche geritten. Deswegen war ein Kottan oder auch ein Schaminski so herzerfrischend - da war der Anspruch entweder nicht vorhanden oder halbwegs gut getarnt. Nur weil Schimanski gerne und für damalige Verhältnisse sehr oft von "Scheiße" redete, darf man nicht glauben, daß die Serie keinen sozialkritischen Anspruch bediente - gelegentlich auch als Alibifunktion.

Noch besser: Fernsehkrimis aller Art waren auch Vorreiter bei der Frauenquote. Nach Anfangsschwierigkeiten kam man schließlich zu dem Punkt, wo die Kommissarinnen - und hier und da auch die Kriminaldirektorinnen - fast schon in der Überzahl sind. Das hat natürlich auch den Vorteil, daß es für die Damen in dem schwierigen Alter, wo sie nicht mehr mit Yvonne Catterfeld konkurrieren und noch nicht mit Inge Meysel, eine gute Übergangsbeschäftigung gibt. (Pardon, die Damen, ich meine das nicht despektierlich, aber auch in Hollywood fürchten siech die meisten vor der Zahl 40, weil den Schreibern die Fantasie fehlt. Und sie können ja nicht alle die Luftanhalten, bis sie eine Rolle wie in "Africa Queen" bekommen.)

Heute glaube ich allerdings, daß die Fernsehkrimis eigentlich diesen "Anspruch auf Niveau" getrost fallen lassen können. Es scheint, daß die Billigproduktionen von Sat1 letztlich auch ihr Publikum finden - ohne jeden Anspruch.

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Absurdistan-Veteran 18.11.2011, 14:40
4. Endlich !

Endlich sagt es mal einer !

Macht Schluss mit diesem Tatort-Schwachsinn.
Wenn ich diesen Mist sehe, denke ich zuerst immer, das wäre Satire. In Wirklichkeit ist es dann Ersatzhandlungs-TV für Phobiker.
Von mir aus absetzten, ersatzlos. Vielleicht hole ich dann auch wieder meinen Fernseher vom Dachboden.

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Zazzel 18.11.2011, 15:02
5. Es IST Satire.

Zitat von Absurdistan-Veteran
Endlich sagt es mal einer ! Macht Schluss mit diesem Tatort-Schwachsinn. Wenn ich diesen Mist sehe, denke ich zuerst immer, das wäre Satire. In Wirklichkeit ist es dann Ersatzhandlungs-TV für Phobiker. Von mir aus absetzten, ersatzlos. Vielleicht hole ich dann auch wieder meinen Fernseher vom Dachboden.
Holen Sie den Fernseher JETZT, und schauen Sie mit gleichgesinnten Freunden! Wir haben dieses Jahr schon bei Tatorten mit den danach geschalteten Anne-Will-Verarbeitungssendungen ("Wie wir gerade im Tatort gesehen haben,...") SO herzhaft gelacht, das mag ich nicht mehr missen.

Und worüber man dabei alles lacht: Die grottigen schauspielerischen Leistungen, die agitprop-artigen Drehbücher, aus denen das Rot der Parteibücher nur so heraustropft, die Absurdität der nachgeschalteten Anne-Will-Sendung, die den Müll wirklich ernstzunehmen scheint, die "Freunde" bei Facebook, die danach Statusupdates über den "tollen neuen Tatort" abgeben - man kommt sich vor wie ein Alien. Nein, besser noch - man kommt sich vor, als hätten Aliens die Welt erobert. Die Körperfresser sind schon da!

Mehr davon!

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charlybird 18.11.2011, 15:04
6. Von mir aus können alle Tatörtchen entsorgt werden,

aber Thiel und Börne sind Kult, vor allem mit Staatsanwältin Wilhelmine Klemm.
Einer der wenigen Lichtblicke im GEZ-Entertainment.

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Spiegelkritikus 18.11.2011, 15:06
7. Mords Aufklärung

Zitat von sysop
Jeder Mordfall eine Kritik an den Zuständen der Gesellschaft, jede Sozialkritik ein Mordfall: Das deutsche Fernsehen hat sich den Zwang auferlegt, schwierige Milieus und komplizierte Charaktere nur noch in der Form des Krimis zu erzählen. Schuld ist die "Tatort"-Doktrin.
Aber Herr Diez, Mord und Sozialkritik gehen doch Hand in Hand, das ist kein Zwang, sondern eine ganz harmonische Sache, die sich gerdadezu aufdrängt! Gerade schwierige Milieus und komplizierte Charaktere sind seit jeher besonders mordanfällig, egal ob es nun um Banker, Bauern, Prostituierte, Junkies oder verwahrloste Jugendliche geht.

Wie wollten Sie dem breiten deutschen Publikum schmackhaft machen, auf die Konkurrenzprodukte bei den Privaten zu verzichten und bei den Öffentlich-Rechtlichen zu verharren, wenn nicht durch einen Mord oder besser noch mehrere? Da steckt natürlich Kalkül und Strategie hinter, vor allem wenn am Sonntagabend der Tatort direkt in die kritische Jauch-Sendung einmündet. Man muss dem Affen bekanntlich Zucker geben, damit er sich auf das einlässt, was ihn ansonsten gar nicht interessiert! Ganz ähnlich verhält sich das beim Fernsehpublikum: Als Nebeneffekt der Spannung wird es - meist ohne zu ahnen, wie ihm geschieht - mit Gesellschaftskritik konfrontiert.

Unsere Krimimacher sind also ganz schön raffiniert und betreiben quasi hinterrücks Erziehungs- und Aufklärungsarbeit, nach dem Motto: Ausser dem Mord bleibt auch sonst noch einiges hängen!

Fazit: Ohne Tatort-Doktrin wäre die deutsche Gesellschaft bei weitem nicht so auf- und abgeklärt, wie sie sich heutzutage darstellt!

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steinaug 18.11.2011, 15:43
8. Treffer

Treffer ! Tatort versenkt !

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WolfHai 18.11.2011, 16:09
9. Zustimmung!

Richtig erkannt und nett erzählt, Herr Diez. Ich bin jetzt erst etwa 10 Monate aus den USA wieder zurück, und mir geht das jetzt schon auf die Nerven. Deutschland sieht sich das schon 10 Jahre lang oder länger an - mein Beileid.

Auf der anderen Seite scheint die Tatort-Doktrin auszudrücken, was das Land auch politisch so fühlt: das Leben ist schlecht, äußerst ungerecht, die da oben sind nur gemein, die Männer auch, die Zukunft ist aussichtslos (Umweltkatastrophe, Nahrungsmittelknappheit, China, Bildungskatastrophe - ich kratze hier an der Oberfläche), alle sind irgendwie Opfer müssen einem irgendwie Leid tun, und wer das nicht empfindet und dauernd sagt, ist ein schlechter Mensch. Warum bringt sich das Land nicht einfach an einem Stichtag kollektiv um? November wäre genau der richtige Monat dafür.

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