Forum: Kultur
TV-Krimis: Im Blaulicht-Gewitter

Jeder Mordfall eine Kritik an den Zuständen der Gesellschaft, jede Sozialkritik ein Mordfall: Das deutsche Fernsehen hat sich den Zwang auferlegt, schwierige Milieus und komplizierte Charaktere nur noch in der Form des Krimis zu erzählen. Schuld ist die "Tatort"-Doktrin.

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puter73 18.11.2011, 16:35
10. Nichts Neues..

Dass man in Krimis soziale Probleme u. andere gesellschaftlich relevante Themen einbaut, ist akzeptabel.
Was wirklich nervt, sind die unsinnigen, oft belanglosen persönlichen Probleme der, im Gegensatz zur Realität, meist als geniale Einzelkämpfer oder höchstens als Double auftretenden Kriminalisten.

Dazu sind es die immer gleichen Darsteller(innen), die, bis auf wenige Ausnahmen, einem auf den Senkel gehen.
Da man über Jahrzehnte alle menschlichen Abgründe, Motive gesehen hat u. alle möglichen Todesarten kennt, nichts wirklich Neues mehr kommt, hat das Genre Krimi viel von seinem Reiz verloren, ist meistens langweilig u. wird daher von immer mehr Leuten ignoriert.

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manometer 18.11.2011, 16:42
11. Latte Macchiato Schaum

Diese pc-triefenden, nach dem immer gleichen Drehbuchschema abgearbeiteten: Dialoge stets mit vollem Mund schmatzend beim Essen - Tatorte, sind genau das, was uns ÖRR Untertanen gewährt wird.

Die Unsitte, bei 90 Minuten Krimis wenn's hoch kommt 30 Minuten dem Crime zu widmen, die übrigen 60 Minuten im filmischen Privatleben der Ermittler zu suhlen, vergällt einem das Zuschauen zusehend.
Undenkbar, etwas auch nur annähernd geniales wie "Breaking Bad" im ÖRR zu sehen. Stattdessen übernehmen jedes Mal die beiden Ermittler die jeweiligen, dumpfbackenen Pro und Contra Haltungen in ihre Dialoge, daß es zum davonlaufen ist.

Hauptsache, das Adels-Krankenhaus-Schmonzetten Publikum nicht zu erschrecken, sollte es sich mal zufällig in einen "Tatort" verirrt haben.

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gsm900 18.11.2011, 16:59
12. Oder man kennt es aus Polizeiruf 110

Zitat von Bondurant
daran, dass man in anderen Ländern analytisch noch nicht so weit ist wie hier bei uns: sämtliche verbrechen sind selbstverständlich Folgen der Manipulationen des Monopol. Diesen Zusammenhang kennt der deutsche Kulturschaffende seit seinem Studium in den frühen siebzigern bestens. Manche sind eben einfach weiter, gesellschaftskritisch.
aus Adlershof. Das war auch Agitprop in der Krimikruste.

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riccardo 18.11.2011, 17:25
13. ?

Wenn früher im ÖRR aufgeklärt wurde, gab es Sexfilme. Nachdem aber irgendwann alle aufgeklärt waren,wurde der politisch korrekte Gesinnungskrimi erfunden.Denn: Wo käme man hin, wenn die Leute sich mit einem Filmchen einfach nur vergnügen wollten? Erziehung zum richtigen Denken ist wichtig. Folglich laufen depperte Bullen rum, die mittels gestelzter Dialoge den Patienten über korrektes Denken informieren.Und über eine Welt, die mit der Welt, in der der Zuschauer lebt absolut nichts zu tun hat. Außerden haben diese Typen pubertierende oder sonstwie gestörte Kinder und sind selbstredend alleinstehend. Manchmal haben sie auch auf Sex beschränkte, zwischenmenschliche Beziehungen, die aber regelmäßig scheitern, weil der Kommissar Verbrecher fangen muß und zwar Tag und Nacht. Und zum Schluß kommt Jauch, was das Elend insofern weiter vergrößert, weil man sich plötzlich wieder nach dem Tatort sehnt.

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bkachler 18.11.2011, 17:56
14. Schluss mit den Prollkommissaren

Kann dem nur zustimmen. Ich sehne mich nach einem ordentlichen Kommissar wie den Tappert zurueck, ein Gentleman desses Privatleben im Krimi keine Rolle spielt.

Stattdessen muessen wir eine Sorte vom bartstoppeligen, lederjackentragenden, augenscheinlich oft ungewaschenen Proletenkommissaren ertragen, welche ihre kleinbuergleichen Beziehungsprobleme mit in den jeweiligen Fall einbringen. Also optisch kann man diese Kommissare oft gar nicht vom Milieu der Drogenhaendler usw. abgrenzen, in dem sie meist operieren.

Mein Vorschlag: in der Haelfte der Faelle ist ja der reiche wohlsituierte Fabrikant, Chefarzt, usw der Schuldige, warum koennte man dann als Ausgleich nicht auch mal einen gut angezogenen Kommissar mit Manieren und Stil haben? Oder geht das nicht, weil alles immer auf das Niveau des Kleinbuergers, wenn nicht gar des Proleten heruntergezogen werden muss?

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b42b 18.11.2011, 20:25
15. mit Klischees auf die Zukunft vorbereiten ...

Meistens schauen wir nicht erst und definieren dann, wir definieren erst und schauen dann.
Walter Lippmann "Die öffentliche Meinung"

http://de.wikipedia.org/wiki/Klischee

Wobei mir jegliches festschreiben, des JetztZustandes hier schon eine (notwendige) Vorstufe zum "eingefahrenen Denkschema" (->Erkenntnis?) beinhaltet. Den gedanklichen Schritt zum Vorurteil und daraus abgeleiteten Handlungskonsequenzen muss man nicht unbedingt den schlechten? Vorbildern noch anlasten???

Wieviele rechtsradikale Gewalttypen werden sich mit "Klingonen" messen wollen?

Es gibt auch andere FokusThemen welche aus TonBildübertragung gefiltert werden könnten: BacklookingTechnologie zB in "Deja vu"?
http://de.wikipedia.org/wiki/Déjà_Vu...gegen_die_Zeit
http://www.scienceblogs.de/astrodict...-das-licht.php

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Ylex 18.11.2011, 20:49
16. Nicht der Gärtner

Zitat: „Dabei ist es einfach die Verwandlung von gesellschaftlicher Wirklichkeit in eine Kultur des Verdachts.“

Diez performt – wunderbar, eine Kolumne, die überzeugt, zweifellos ein journalistisches Kleinod, mit chirurgischer Präzision wird die die Verlogenheit der netten deutschen Mordkultur entlarvt, die immer sozialpädagogisch optimal eingebettet ist. Mordsport, Death-Jogging nach ZDF/ARD-Gutsherrenart – tot muss gegangen werden, gewaltsam, regelmäßig, aber sozialverträglich, entscheidend bleibt die erzieherisch-emanzipatorische Komponente der Wertkost-Killerei am Wochenende. Der Tod ist nur noch situativ schrecklich, ein systemischer Basalplot, der Tod ist so unentbehrliche wie die abgründigen Gedanken des Schurken, der allen vorführt, dass man besser sauber bleibt. Das sind die Krimis der Intendanten, der Fernseh-Verwaltungsgremien, der angängigen Krimi-Kulturverweser, das sind die Thriller des Kleinbürger.

Ist es nicht nicht gemütlich im Leichenschauhaus? Aber wie – besonders wenn die kurvig-kompetente Pathologin ein Darmwurststück präsentiert, das den schlüpfrigen Lebenswandel des Vermordeten nachweist: Drogen, Damen, Dornfelder. Natürlich ist das Kommissar/Kommissarinen-Duo telegen angeekelt, aber nur mittelschwer, weil ja Profi, und sofort werden Schlüsse gezogen, deren kriminalistische Genialität dem Zuschauer den Atem stocken lässt: Der Mörder ist nicht der Gärtner – aber vielleicht der Hausmeister, dessen Tochter einen verdächtigen Freund hat, dessen undurchsichtiger Vater heimlich Cannabis anbaut.

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tubelayer53 18.11.2011, 21:17
17. Kiefermuskelkater

Deutsche Fernseh-"krimis" sind in ungefähr 105% aller Fälle lachhafteste Polizeischmonzetten. Es menschelt hier und da und sonst nichts. Tatort ist auch nicht besser, seh ich mir schon lange nicht mehr an.

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panzerknacker51 18.11.2011, 21:25
18. Und nun?

Zitat von Ylex
Zitat: „Dabei ist es einfach die Verwandlung von gesellschaftlicher Wirklichkeit in eine Kultur des Verdachts.“ Diez performt – wunderbar, eine Kolumne, die überzeugt, zweifellos ein journalistisches Kleinod, mit chirurgischer Präzision wird die die Verlogenheit der netten deutschen Mordkultur entlarvt, die immer sozialpädagogisch optimal eingebettet ist. Mordsport, Death-Jogging nach ZDF/ARD-Gutsherrenart – tot muss gegangen werden, gewaltsam, regelmäßig, aber sozialverträglich, entscheidend bleibt die erzieherisch-emanzipatorische Komponente der Wertkost-Killerei am Wochenende. Der Tod ist nur noch situativ schrecklich, ein systemischer Basalplot, der Tod ist so unentbehrliche wie die abgründigen Gedanken des Schurken, der allen vorführt, dass man besser sauber bleibt. Das sind die Krimis der Intendanten, der Fernseh-Verwaltungsgremien, der angängigen Krimi-Kulturverweser, das sind die Thriller des Kleinbürger. Ist es nicht nicht gemütlich im Leichenschauhaus? Aber wie – besonders wenn die kurvig-kompetente Pathologin ein Darmwurststück präsentiert, das den schlüpfrigen Lebenswandel des Vermordeten nachweist: Drogen, Damen, Dornfelder. Natürlich ist das Kommissar/Kommissarinen-Duo telegen angeekelt, aber nur mittelschwer, weil ja Profi, und sofort werden Schlüsse gezogen, deren kriminalistische Genialität dem Zuschauer den Atem stocken lässt: Der Mörder ist nicht der Gärtner – aber vielleicht der Hausmeister, dessen Tochter einen verdächtigen Freund hat, dessen undurchsichtiger Vater heimlich Cannabis anbaut.
Was für ein Glück - es gibt ja noch die Schweden-Krimis.

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catcargerry 18.11.2011, 21:30
19. Sehr schöne Ko-Kolumne

Zitat von Ylex
Der Mörder ist nicht der Gärtner – aber vielleicht der Hausmeister, dessen Tochter einen verdächtigen Freund hat, dessen undurchsichtiger Vater heimlich Cannabis anbaut.
Aber das ja meist doch nicht. Sondern meist ist es so ein Upper-Class-Fuzzi mit den Sekundärtugenden von Helmut Schmidt, aber außerdem noch Büro über den Wolken, Seeufer-Villa und 6er BMW oder Maserati, der vom messerscharfen Verstand des volkstümlichen Kommissars zu Reaktionen veranlasst wird, die an seinem oder des Autors Geisteszustand zweifeln lassen, aber auf jeden Fall denselben lösen und die sozial befriedende Erkenntnis rüberbringen: die da oben, das sind die Kriminellen. Und Couch-Potatoe ist aufgeklärt: nur deshalb haben die mehr als ich.

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