Forum: Kultur
Universität in der Krise: Monster, die nur auf Selbsterhalt aus sind

Kein Wille zur Veränderung, keine neuen Strukturen, keine zupackenden Gestalter: Was eine soeben erschienene Streitschrift den Universitäten attestiert, lässt sich problemlos auf andere Institutionen in diesem Land übertragen.

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molokai 05.12.2014, 17:32
1.

Der Nobelpreisträger 2014 Hell, Göttingen, wurde anfänglich für einen Spinner gehalten und hat wesentliche Arbeiten in Turku, Finnland gemacht. In D hat ihn keiner fördern mögen. Bezeichnend.

Steven McKnight, Präsident der Amercian Society of Biochemistry and Molecular Biology, hat es so ausgedrückt:

Zitat:
.... let’s consider what might be expected from a grant review committee composed largely of secondtier scientists with limited knowledge of the breadth of biology and medicine. .... these committees are equally good at ensuring that the worst and best applications never get funded. They can see a terrible grant ....... These committees are, unfortunately, equally good at spotting and excluding the most creative proposals — .... coming from inspired scientists whose research is damned because it is several steps ahead of the curve"

So ist es eben. Wissenschaft ist per Definition eigentlich progressiv, fast revolutionär, weil das stete Infragestellen des Vorhandenen, stetes Lernen inhärent ist. Persönliche Karriere und Macht sind per Definition konservativ. Man weiss es, lernen hinderlich.

Naja, in einem Land, wo es eigentlich fast nur noch konservative Parteien gibt, oder Parteien sich als volksverbessernde Lehrer definieren, wen wundert's?

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eisbaerchen 05.12.2014, 17:37
2. Wie heisst es so schön...

der Fisch stinkt vom Kopf...ein wesentliches Problem ist die absolute Allmacht der Professorenschaft. Teilweise wird nach Gutsherrenart agiert. Einmal einen Professorenposten ergattert können sie schalten und walten wie sie wollen und mit dem wissenschaftlichen Personal mit Zeitverträgen Schach spielen und so grossen Druck ausüben und Angepasstheit fördern. Ein kritischer Mitarbeiter wird dann eben beim nächsten Stellenpoker aus Drittmitteln nicht mehr berücksichtigt. Es fehlt komplett jede Kontrolle der Professorenleistungen, dagegen muss sich der Mittelbau ständig neu beweisen. Viel Hoffnung dass sich da mal was ändert kann man nicht haben; die Institution "deutscher Professor" ist unantastbar...

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genugistgenug 05.12.2014, 18:21
3. 1 stimmt 2 etwas fehlt

Zitat von eisbaerchen
der Fisch stinkt vom Kopf...ein wesentliches Problem ist die absolute Allmacht der Professorenschaft. Teilweise wird nach Gutsherrenart agiert. Einmal einen Professorenposten ergattert können sie schalten und walten wie sie wollen .......Es fehlt komplett jede Kontrolle der Professorenleistungen,
stimmt, doch es fehlen keine Kontrollbehörden, sondern es fehlt die ANSTÄNDIGKEIT und das uralte 'das macht man nicht, basta' - doch zu beidem gehört eine gewisse Größe die man im Land der Scheinriesen seit Jahrzehnten nicht mehr findet.

.........Unterstützt von einer "Politik der warmen Türklinke", wonach das Geld dorthin fließt, wo jemand sitzt, der einem wiederum auch Geld zuschieben kann, und gedeckt von einem "Fluch der akademischen Omertà", wie Avanessian das nennt, ein Schweigegelübde, das weniger klösterlich ist als mafiös.............
Sie haben den 3. Mann vergessen - den Gutachter der alles absegnet und für das nächste Projekt werden die Rollen ausgetauscht damit jeder mal ran kommt.

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Immanuel_Goldstein 05.12.2014, 18:28
4. Sehr geehrter Herr Dietz

so etwas kann nur jemand schreiben, der die Universitäten dieses Landes nicht kennt, oder sie längst verlassen hat. Tatsächlich gibt es an den Universitäten derzeit viel mehr Neuerungen, als in den ganzen letzten 200 Jahren zusammen.

Nur falls es Ihnen entgangen sein sollte:

1. Die Universitäten sind längst in der Pflicht, gute Lehre anzubieten. Alle haben Qualitätssicherungssystem installiert und das auch noch ohne auch nur eine einzige Stelle dazu zu erhalten. Sie mussten (fast) alle Studiengänge mühsam und teuer akkreditieren lassen.

2. Die Universitäten gestalten mit propädeutischen Programmen den Übergang zwischen gymnasialer Oberstufe und Studieneingangsphase, damit jeder besser ins Studium findet.

3. Die Universitäten bilden ihr Lehrpersonal didaktisch weiter, fordern Lehrnachweise bei Berufungen, bieten Preise für gute Lehre an.

4. Die Universitäten bieten ihren Studierenden Tutoren- und Mentorenprogramme sowie teilweise irrwitzige Hilfestellungen, niemand wird mehr allein gelassen.

5. Die Universitäten erleichtern den Einstieg für bislang benachteiligte Gruppen mit Gender- und Diversitätsprogrammen. Heute dürfen auch beruflich Qualifizierte, Schwerstbehinderte, selbstverständlich Ausländer etc. weit problemloser studieren als jemals zuvor.

6. Viele Universitäten haben ihre Strukturen geändert, die Professorenallmacht und -willkür gibt es längst nicht mehr.

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machorka-muff 05.12.2014, 18:31
5. geschenkt

geschenkt, wenn avanessians kritik genau so schlapp daher kommt. dietz macht rhetorik ohne fakten.

klar, die uni ist kaputt, aber das hat erst einmal mit dem bologna prozess zu tun, mit bürokratisch verblödeten research zwang, mit überfüllten seminaren und vorlesungen, mit currikularer inkompetenz, mit der profitorientierten ausrichtung der lehre, dh von bildung zur ausbildung.

das alles ist erst mal den ministerien geschuldet und der dahinter schlummernden neoliberalen politik. die hochschulen hatten im herbst 2009 eine chance als sie besetzt waren, da konnte sich kritik artikulieren, aber das verpuffte dann wieder in der politik der versprechungen. eine kritik an der hochschule muss mit einer gesellschaftskritik zusammen gedacht werden, sonst ist es ewiges gebastel an strukturen, das braucht der lehrbetrieb nicht mehr, wir hatten genug davon.

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machorka-muff 05.12.2014, 18:35
6. geschenkt

geschenkt, wenn avanessians kritik genau so schlapp daher kommt. dietz macht rhetorik ohne fakten.

klar, die uni ist kaputt, aber das hat erst einmal mit dem bologna prozess zu tun, mit bürokratisch verblödeten research zwang, mit überfüllten seminaren und vorlesungen, mit currikularer inkompetenz, mit der profitorientierten ausrichtung der lehre, dh von bildung zur ausbildung.

das alles ist erst mal den ministerien geschuldet und der dahinter schlummernden neoliberalen politik. die hochschulen hatten im herbst 2009 eine chance als sie besetzt waren, da konnte sich kritik artikulieren, aber das verpuffte dann wieder in der politik der versprechungen. eine kritik an der hochschule muss mit einer gesellschaftskritik zusammen gedacht werden, sonst ist es ewiges gebastel an strukturen, das braucht der lehrbetrieb nicht mehr, wir hatten genug davon.

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jakam 05.12.2014, 18:54
7.

Kritisches Denken an der Uni fand ich auch eher wenig vor, es war eine Hatz, wer die lächerlich riesige Masse an Stoff überhaupt auswendig lernen kann, Zeit für freiwillige Vertiefung - was ein Studium eigentlich mal ausgemacht hat früher - gibt es schlicht keine.
Ok, vielleicht, wenn Mama und Papa die Lebenshaltungskosten latzen, aber wer hat das Glück schon? Und dann kommt da so ein Professurkasper und sagt "lernen sie nicht auswendig, sie müssen es verstehen", um genau danach in den Prüfungen NUR auswendig Gelerntes abzufragen, was mit "verstehen" nichts mehr zu tun hat. Kein Wunder, daß man mit einem Uniabsolventen erstmal absolut nichts anfangen kann. Wer mit Passion und Interesse an das Studuium rangeht, ist verloren, es werden nur noch Auswendiglernmaschinen gefördert und gezogen.

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laurismauris 05.12.2014, 20:57
8. Selbst die Exzellenz-Initiative ist nur Show

Ja, die Universitäten in Deutschland haben sich an die Vergangenheit gekettet. Offensichtliche Fehlentwicklungen werden durch die Hochschulleitungen ignoriert und durch dreiste Verdrehungen zu einer genehmen Wahrheit zurechtgebogen. So erleben wir z.B. in der LMU wie eine Bewerbungsfarce ablief. Ein Bewerber auf eine W3-Professur verwendete in seinem Bewerbungsvortrag Inhalte eines unveröffentlichten Fachartikels eines Kollegen. Er gibt das zu und wird dennoch vom Präsidenten berufen. Alle Ungereimtheiten führten nach dem Ruf nicht zur Selbstkritik, sondern zur absoluten Informationsblockade. Zeugen wurden diskreditiert. Beweise werden zurückgehalten. Der Fall ist so eindeutig, dass in jedem Unternehmen der Welt die Führungskräfte eine vollkommen ergebnisoffene Überprüfung einfordern würden. In der LMU soll Schweigen die Aufarbeitung ersetzen. Wenn die LMU das Vorbild für deutsche Universitäten sein soll, dann verabschieden wir uns besser von dem bisschen Anspruch, den wir dort erwartet hätten.

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jasuly 06.12.2014, 00:12
9.

Immanuel_Goldstein: "Heute dürfen auch ... selbstverständlich Ausländer etc. weit problemloser studieren als jemals zuvor." *** Das bezweifle ich: Immer mehr Studienkollegs (an denen ausländische Studenten vor ihrem Studium Deutsch lernen, und Nicht-EU-Ausländer eine "Feststellungsprüfung" ablegen können, um bei nicht anerkanntem eigenen Abitur die deutsche Hochschulzugangsberechtigung zu erwerben) werden geschlossen. Zuletzt in NRW, als nächstes wohl das Studienkolleg der Universität des Saarlandes. Für Nicht-EU-Ausländer wird es immer schwieriger, in Deutschland zu studieren.

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