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Volksbühne Berlin: Begrüßung in Boxhandschuhen
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Der Belgier Chris Dercon soll die Berliner Volksbühne übernehmen. Nun ätzen Techniker und Künstler des Theaters in einem Offenen Brief gegen den zukünftigen Intendanten: Dercon habe kein Konzept. Doch dafür ist es zu früh.

Newspeak 22.06.2016, 15:44
1. ...

Es ist üblich, daß neue "Chefs" die Mitarbeiter ihres Vorgängers meistens loswerden wollen. Manchmal ist das tatsächlich im Sinne der Sache auch bitter notwendig, weil sich z.B. nach 26 Jahren viele Dinge eingeschliffen haben, die nicht in Ordnung sind. Aber genausooft werden wirklich fähige Menschen bestraft und durch Nieten ersetzt, die aber Lieblinge des neuen Chefs sind. Für mich bedeutet diese Zweideutigkeit, daß es mal so oder so sein kann, im Grunde, daß man diese ganze Hierarchie in Frage stellen sollte. Wozu braucht es Intendanten? Wozu braucht es "Chefs"? Versagen tun sie oft genug. Kollateralschäden verursachen sie oft genug. Und der große Heilsbringer sind sie selten genug. Man sollte noch sehr viel demokratischer werden, in diesem Land, nicht nur politisch, sondern eben auch in Kunst, Wissenschaft und Wirtschaft.

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Pusteblume68 22.06.2016, 16:18
2. Schon beim Casting kann man klare Vorstellungen haben.

Wieso muss der neue Intendant erst 2017 liefern? Auf welcher Basis hat er denn den Job gekriegt? Image? Vergangenheit? Denkzettel für die schon vor Ort Seienden?

Jeder Wissenschaftler muss bei der Beantragung von Geld durchgestylte Forschungsvorhaben formulieren, nur ein hochbezahlter Intendant kommt mit lauwarmen Sprüchen durch? Je schneller und klarer er sich äußert und je eher er offen kommuniziert, desto größer die Chance, die Konflikte abzuräumen...

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mue_ca 22.06.2016, 16:49
3. strategisch unklug

Es ist Dercons Recht mit der Veröffentlichung seiner Vorhaben zu warten. Persönlich finde ich es aber strategisch unklug, dass er sich auch jetzt zurückhaltend verhält. Es gilt nicht mehr die unbedarfte Atmosphäre der 90er. Viele Projekte in der Stadt, ob politisch, wirtschaftlich oder kreativ, wurden in den Sand gesetzt- nicht zuletzt wegen mangelnder Kommunikation. Vertrauen wurde missbraucht. Zudem ist Dercon Quereinsteiger (was ich nicht uninteressant finde). Die Summe dieser Tatsachen begründet jedoch das Misstrauen. Die Volksbühne ist eine der letzten Institutionen, die überhaupt Auskünfte von Verantwortlichen einfordern kann. Es ist schade, dass das so öffentlich passieren muss.

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gemihaus 22.06.2016, 17:44
4. Der 'Volksaufstand' wg. CHRIS DERCON

Die tendenzielle Hysterisierung unsrer Gesellschaft macht auch vor dem Theater nicht halt, das sich, aktuell die Volksbühne in Berlin, von bevorstehenden Veränderungen durch eine neue Intendanz bedroht fühlt in seiner angestammten Substanz. Jedoch, wer weiß wirklich was kommt, über Vermutungen hinaus?
Chris Dercon ist sicherlich kein unbeschriebenes Blatt, sondern ein ausgewiesen fundiert studierter und erfahrener Mann der (darstellenden) Künste, ein seriöser Kulturmensch, der immerhin von 2003-2011-2016 solche Institutionen wie das Haus der Kunst in München und die Tate London leitend und prägend bespielt hat. So jemand ist nicht unfähig und kann allemal über den Bühnenrand eines konventionell-progressiven Schauspieltheaters schauen und denken, wider auch schlampert tradierte Besitzstände.
Wer den aus der Berliner Volksbühne generierten Theater-Klamauk sowie den letztlich kühn verpopten Bayreuther Ring des VB-Intendanten kennt, muss doch erstaunt lesen, mit welch fragwürdiger Argumentation von Bunkermentalität hier ein anderer, designierter Chef
diskreditiert wird. Dass so altvordere Theaterleute wie Peymann, der sich ja auch simpler, angesagter Popkultur bedient, hier mit ins verstimmte Horn bläst, spricht eigentlich für die Person Dercon, die womöglich zu viel frischen Wind suggeriert im angestaubten Getriebe.

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