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West-Berlin in den Achtzigern: "Alles war geil"
DEF Media

Westbam, Nick Cave, David Bowie: Das West-Berlin der Achtzigerjahre hatte sie alle. Der Dokumentarfilm "B-Movie" reist zurück an diesen kreativen Schmelztiegel - und blickt darauf aus der Sicht eines Fremden.

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Hank Hill 21.05.2015, 09:28
1. Berlin

in den 80ern war megageil. Städte verändern sich. London war toll von 1965-1980. Carnaby Street, Marquee Club, Roundhouse, Hammersmith Odeon. Auch Amsterdam und Köln waren super in den 70ern und 80ern. Neonkneipen wie das Peppermint oder das Blue Shell in Köln gibt es heute nicht mehr in der Art. Der Satz: "was hinter der Mauer lag war den meisten egal" ist auch heute noch wahr. Wer in den 50ern, 60ern un 70ern im Westen sozialisiert worden ist kann mit der Mentalität im Osten in der Regel wenig anfangen. Zu fremd, zu bizarr, zu spießig. 2 Diktaturen haben halt ihre Spuren hinterlassen.

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Hamberliner 21.05.2015, 09:30
2. nicht repräsentativer Blickwinkel

Das kann nur unvollständig sein und ein Zerrbild. Offenbar wird diese glitzernde Traumwelt beschrieben, an die man als normaler Westberliner kaum herankam, weil man kein Geld und keine Zeit hatte, weil man arbeiten oder studieren musste oder beides. Nicht wenige mit einer Hinterhof-Wohnung ohne Bad und WC, das Klo auf halber Treppe, mit Briketts heizend. Ich würde bei dem Film wohl den Eindruck bekommen, wie die allermeisten Bewohner West-Berlins etwas unwiederbringliches versäumt zu haben. Wo heute das Kanzleramt steht war Park, später das Tempodrom-Zelt. Vorm verwaisten Reichstags-Gebäude grillten sonntags die Türken. Wo heute die Parlamentarier ihre Büros haben übten die Fahrschulen. Wo man heute die "Topologie des Terrors" besichtigt war ein Offroad-Übungsgelände, um auch ohne Führerschein Erdhügel 'rauf und 'runter zu fahren. Nie kam man an einem heißen Sommer-Sonntag in Verlegenheit, man fuhr ins Strandbad Wannsee, Alternativen gab es nicht, wenn man nicht vor der Mauer im Kanal schwimmen wollte. Man brauchte keine Hobby-Piloten zu beneiden, die durften da sowieso nicht fliegen. Paraglider durften nur am Teufelsberg wenige Meter über dem Boden üben, zum Gelächter der Neider. Die alles umschließende Mauer, die Vorhaut der Arbeiterklasse, dämpfte die Wahrnehmung für externe Probleme, man empfand Wärme unter dem Schutz der U.S.-Army, noch keine Wut auf US-Schandtaten weltweit, man hörte im Radio AFN mit Rik de'Lisle. Man sah staunend, wie am Zaun Ost-Grenzer und Westberliner Wasserschutzpolizei friedlich miteinander kommunizierten ("Wasserschutzpolizei West-Berlin an Wachturm DDR: Können wir bitte einen Offizier sprechen?"). Es gab bei Bilka oder Hertie einen kleinen Globus zu kaufen, für den Schreibtisch von mafiösen Bauunternehmern oder Entrümpelungsfirmenchefs, da war der Nordpol Lübars und der Südpol Zehlendorf. In dieser kleinen überschaubaren Welt war natürlich der GAU, der Weltuntergang, die Sperrung der Havelchausse für den KFZ-Verkehr und Momper's Tempolimit auf der AVUS. Tschüs, ollet Berlin, dich jibt's nich mehr, allet wech.

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Bin_der_Neue 21.05.2015, 09:43
3. Wer es nicht selbst einmal erlebt hat..

..dem kann man die besondere Aura des alten West-Berlin nicht erklären. Besser wie mit der im Artikel erwähnten Floskel kann man es nicht umschreiben. Die Tragik der deutsch-deutschen Grenze und alle Political Correctness einmal ausgeblendet, war West-Berlin ein ganz besonderer Ort, dessen Ende am 9. November 1989 besiegelt wurde. Heute kann man Berlin nicht mehr mit West-Berlin vergleichen. Sicher immer noch ein Schmelztiegel von Kreativität, Kunst und Kulturen, eine Weltmetropole und zugleich Landeshauptstat, aber dieser ganz besondere Zauber ist längst nicht mehr präsent.

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spon-facebook-1261351808 21.05.2015, 09:51
4. Und wieder nur Klischees

Und wieder ein Klischee-Bericht über das Berlin, diesmal eben der achtziger Jahre: Ja, diese Lebensformen gab es in den Achtzigern in einigen Stadtteilen. Die Mehrheit der Berliner in Reinickendorf, Lichtenrade oder Charlottenburg oder sonstwo hat aber nicht so gelebt, wie in dem Bericht dargestellt... Berlin in den Achtzigern hatte zum Beispiel die höchsten Löhne in der Industrie etc. Genauso wie heute Berlin nicht nur Friedrichshain oder Prenzlauer Berg oder Kreuzberg ist. Wann wachen die Journalisten endlich mal auf? Von denen ist wahrscheinlich noch nie einer in Buckow oder Frohnau gewesen...

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totak 21.05.2015, 09:56
5.

Mensch Jurek, da warst Du ja nicht mal geboren. Natürlich kann man diese Zeit nicht abbilden, da könnte der Film 12 Stunden lang sein. Es gab ziemlich viel geile Sachen zu erleben, mehr als normalerweise in ein ganzes Leben passt. Kaum einer aus dieser Szene ging arbeite, man holte sich sein Geld vom Amt, schlief bis zum Sonnenuntergang um bis zum Sonnenaufgang durchzumachen; die Piste von Charlottenburg nach Kreuzberg, das Risiko mittendrin.

Nicht Wenige haben diese Zeit aber auch nicht überlebt oder sind schlichtweg verrückt geworden an Speed, Tequilla und LSD. Da gab es auch diese unglaubliche Verranzung, besetzte Punkerhäuser, die systematisch zugemüllt und zugeschissen wurden, bis nur noch die beiden obersten Etagen bewohnbar waren; Neuköllner Bürgerwehren, die besetzte Häuser angriffen; Prügelorgien in der Bullenwanne und auf dem Revier, bis die Knochen brachen...

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meta_matze 21.05.2015, 11:15
6. na klar Post-Punk

West-Berlin der 80er war ja nicht nur Post-Punk. Warum kommen nicht mal die Kinder reicher eltern aus Zehlendorf zu Wort, die waren doch auch im Dschungel - und später im Linientreu. Ich bin mit so einer Clique rumgezogen. Von Blixa Bargeld keine Ahnung aber dennoch fester Teil von West-Berlin. Es mag sich jetzt komisch anhören, aber das Buch Christiane F. hat für mich mehr zum Verständnis von West-Berlin beigetragen als die David Bowie Platten. und überhaupt, was macht eigentlich Gerhard Seyfried?

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W. Robert 21.05.2015, 11:15
7. Andere Perspektive

Nun ja, der Brite sieht die Szene der damaligen Zeit eben durch seine Brille. Sicher, es gab ein paar Clubs, die besonders wild waren. Und ein paar sehr schräge Bands, die aber inzwischen mangels musikalischer Substanz wieder nahezu vergessen sind. Ich sehe die Epoche eher aus meiner privaten Perspektive, als jemand, der damals ein kleines Tonstudio betrieben hat und die Akteure der Szene kennt.

Relevant für Deutschland war doch das, was später als „neue deutsche Welle“ vermarktet wurde. Da war zuerst „Ideal“ mit ihrem Überraschungserfolg, die Nina Hagen Band, „Z“, wo auch Carlo Karges mitmischte, der später die Nena-Hits geschrieben hat, PVC mit Joy Rider, was die Berin-New York-Connection begründet hat, dann kam Trio, so entstand also eine neue deutsche Musik, die die Hitparaden fundamental verändert haben. Im Tempodrom spielten die Toten Hosen, da wurde plötzlich ziemlich viel Geld verdient, während David Bowie beispielsweise um eine Verlängerung seines Plattenvertrags kämpfen musste, bis ihn Nile Rodgers dann gerettet hat.

Wenn man in der Szene war, konnte man abends mit Iggy Pop einen saufen gehen, oder man stolperte über Dennis Hopper, oder konnte meinetwegen die Jungs von Depeche Mode treffen. Der heute so betonte „Punk“ war genau betrachtet nur eine Randerscheinung, beschränkt auf eine kleine Szene.
Richtig „cool“ war bald eher der New Wave, mit Bands wie The Cure etc. Die konnte man damals beispielsweise für kleines Geld im „Metropol“ bewundern, enorm wichtig waren auch die Veranstaltungen im“Quartier Latin“, man konnte praktisch jeden Abend preiswert Top-Acts sehen. Die Presse hat sich natürlich eher auf den Rummel im „SO36“ gekümmert, die „Dokumentationen“ aus jener Epoche verzerren jedenfalls das Gesamtbild. Die unglaubliche Vielfalt dieser Gesamtszene wird wohl so schnell nicht wieder erreicht.

Eine andere Szene war im Jazzkeller Quasimodo am werkeln, da konnte unerwartet mal Prince, Chaka Khan, Dizzy Gillespie, Ginger Baker oder Maceo Parker auftreten. Von dieser Vielfalt ist heute nur noch wenig zu spüren. Die Punks von früher haben wohl einen Kater und sitzen vor der Glotze, die alternative Musikszene wurde von den Plattenfirmen systematisch gekillt, den unzähligen Tonstudios fehlen die passenden Bands. Die neuen „Geheimtipps“ der Szene erweisen sich meist als Dilettanten, und international gesehen gilt die Szene als provinziell und unbedeutend. Wer heute relevante Popmusik hören will, der sollte sich eher in Skandinavien umhören.

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bietho 21.05.2015, 12:37
8. Veteranen

Als ich noch vor einiger Zeit über die Polizeigewalt bei der Trauer-Demo nach dem Tod von Rattay sprach, musste ich mir anhören "Veteranen sprechen gerne vom Krieg". Diese Doku scheint partiell so zu sein.

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ronald.68 21.05.2015, 13:26
9. Eine Stadt als Abenteuerspielplatz

Zitat von Hank Hill
Wer in den 50ern, 60ern un 70ern im Westen sozialisiert worden ist kann mit der Mentalität im Osten in der Regel wenig anfangen. Zu fremd, zu bizarr, zu spießig. 2 Diktaturen haben halt ihre Spuren hinterlassen.
Zustimmung. Das nach 1989 viel beschworene Zusammenwachsen hat nie wirklich stattgefunden. Als in den 70er und 80er Jahren in West-Berlin Aufgewachsener, den es nach Westdeutschland verschlagen hat, muss ich aber hinzufügen: Man kann auch mit der Mentalität der Westdeutschen wenig anfangen: Zu fremd, zu bizarr, zu spießig. 40 Jahre bundesrepublikanische Prägung hinterlassen halt auch ihre Spuren.
Viele Wessis sind ja damals oft nur für ein Wochenende in die "Frontstadt" gefahren, um da einen draufzumachen und sind dann wieder in ihre spießige westdeutsche Welt zurückgekehrt. Eine Stadt als Abenteuerspielplatz.
Es stimmt aber auch, dass es in den Außenbezirken West-Berlins ganz anders zuging als in der in dem Film beschworenen "Szene". Diese wurde übrigens ja auch von Westdeutschen mitgebildet, die dem Mief ihrer Heimat entfliehen wollten (sei es auch vielleicht nur, um keinen Wehrdienst leisten zu müssen).
Ich habe in so einem Außenbezirk gewohnt und daher kaum Berührungspunkte zu dieser Spezies gehabt. Daher werde ich "mein" West-Berlin in diesem Film wohl kaum repräsentiert finden.

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