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"Wo die wilden Kerle wohnen"-Verfilmung: Gut gebrüllt, Kind!

Mit der Geschichte vom ungehorsamen Max, der unter die wilden Kerle ging, schuf Maurice Sendak einen Kinderbuch-Klassiker. Jetzt hat ihn Hipster-Regisseur Spike Jonze kongenial verfilmt. Aber Vorsicht: Zuschauer könnten nach Ende des Films zu Wolfsgeheul neigen.

dsiemon 16.12.2009, 13:45
1. Zähmen wilder Gefühle

Seine Gefühle bekommt dann gezähmt, wenn es einem gelingt körperliche Aggression in u.a. verbale umzuwandeln, und sei es auch nur in einem zur Schau gestelltem Überlegenheitsgefühl. Anstatt beim Gegenüber das unangenehme Gefühl des Schmerzes durch körperliche Gewalt auszulösen, löst man beim Gegenüber anderweitige unangenehme Gefühle aus, z.B. durch Tabus verletztende Zeichnungen, oder durch Zeichnungen welche die Wertvorstellungen der "erwachsenen" Leser anderweitig verletzen. Dies ist legitim, dies ist der zivilisatorische Fortschritt. Gekniffen ist man nur, wenn man nicht solche Fähigkeiten besitzt. Und ob Kinder ohne eine derart stützende Haltung der Eltern solch einen Film positiv verarbeiten können? Ich weiß nicht.

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Sheherazade 16.12.2009, 14:32
2. Magie de Bilder

Ich hatte als kleines Kind das Bilderbuch und habe es geliebt. Ich habe nicht das Gefühl gehabt, dass die einzelnen Szenen besonders brutal waren (vielleicht wirkt das in einem Film aber anders), allerdings könnte ich mir vorstellen, dass ich die Geschichte als solche heute womöglich langweilig finden würde, das Buch besteht auch mehr aus Bildern, als aus Text.

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Milder Kerl 16.12.2009, 15:41
3. Der actionreichste Filmstart aller Zeiten?

Besonders viele Filme kann die Rezensentin in ihrem Leben noch nicht gesehen haben, wenn sie vom actionreichsten Filmanfang aller Zeiten spricht. Geht's noch? Das bisschen Kameragewackel, als wolle Spike Jonze den John-Cassavetes-Gedächtnispreis gewinnen? Ohne der Emphase der Kritikerin entgegentreten zu wollen, aber wir wollen doch auf dem Boden der Tatsachen bleiben. Auch hatte ich nach dem Film nicht im geringsten das Bedürfnis, wie ein Wolf zum Heulen oder mit Dreckklumpen zu werfen... Oder Moment, vielleicht doch. Mir war zum Heulen zumute, und die Klumpen hätte ich gerne in Richtung Leinwand geschleudert. Natürlich ist es zu begrüßen, dass Jonze und Eggers das Buch für sich deuten - künstlerische Freiheit und all das. Aber von Sendaks Vorlage bleibt doch nicht so viel übrig: Das geniale an dem Buch ist doch, dass Max eine allgemeingültige Figur ist, er ist ein Otto Normaljunge, der - so würde ich das deuten - eben gerade mal über die Stränge schlägt und mit seiner unbändigen Energie alleingelassen wird: Kraft seiner Fantasie lässt er in seinem Zimmer einen Dschungel wachsen. In Jonzes Film ist Max viel zu klar definiert und psychologisch verankert: Ein ratloser, aggressiver, allein gelassener Junge, der sich missverstanden fühlt und deshalb zu gewaltsamen Ausbrüchen neigt. Als Identifikationsfigur taugt dieser Bengel nur bedingt. In dem Kino, in dem ich den Film mit vielen Kindern sehen durfte, herrschte alsbald geschlagene Langeweile. Hin und wieder mussten die lieben Kleinen lachen, wenn mal wieder eine Kerbe in einen Baum geschlagen wurde, ansonsten war Ratlosigkeit: Wer sind diese neurotischen Wombels und warum glauben sie, ihre Therapiesession ausgerechnet in einem Kinderfilm abhalten zu müssen. Der Film war bestenfalls langweilig und eintönig, schlimmstenfalls ein Ärgernis. Den Trailer fand ich übrigens brillant. Schade, dass Jonze diese überschäumende Lebensfreude nicht auf den Film übertragen konnte.

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