Forum: Kultur
ZDF-Dokudrama "Stunden der Entscheidung": Merkels Tag der Menschlichkeit
Hans-Joachim Pfeiffer/ ZDF

In seinem Dokudrama beleuchtet Christian Twente jenen Tag im September 2015, als die Bundeskanzlerin die Grenzen offen hielt. Er tut es mit Wohlwollen, aber nicht ohne Klischees und Taschenspielertricks.

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docschulze 03.09.2019, 18:56
1. Dieser dramaturgische Ansatz ...

... der Verdichtung auf einen Tag kann doch nur den Mythos bestätigen, Merkel habe am 04.09. 2015 mit einem kurzen Satz die Flüchtlingskrise ausgelöst. Dabei konnte man schon zu Beginn des Jahres 2015 nur selten eine überregionale Tageszeitung aufschlagen, ohne früher oder später auf eine Variante der Frage "Wann sagt Merkel endlich etwas zur Flüchtlingskrise?" zu stoßen. Ich erinnere mich noch sehr gut an die ersten Bilder von Flüchtlingen, die aus Budapest kommend am Münchner Hauptbahnhof klatschend empfangen wurden. Das war einige Tage vor dem 04.09. Merkels angeblich untrügliches Gespür für die Stimmung im Volk hat sie damals ganz offensichtlich in die Irre geführt. Vor allem ist solches Instinkthandeln aber nichts, was eine Politikerin oder einen Politiker auszeichnet. Verantwortungsbewusste Politik hätte ein Jahr zuvor, im Herbst 2014, auf die sich abzeichnende Gefahr einer Flüchtlingskrise reagieren müssen.

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anja-boettcher1 03.09.2019, 18:56
2. Man kann nur noch tief durchatmen...

Leute, die - wie ich - seit zwei Jahrzehnten intensiv mit den Menschen zu tun haben, die die aggressiv kriegerische und neoliberale westliche Politik der letzten beiden Jahrzehnten erlitten haben, und auch wissen, dass es in diesem Land geborene Jugendliche und Kinder gibt, die einfach nicht von dem bedrückenden Status des "Geduldetsein" erlöst werden, wird bei diesen penetranten und selbstbeweihräuchernden Inszenierungen des Berliner Parketts nur noch schlecht.

Trotz der katastrophalen Effekte für die Stabilität der Herkunftsgebiete und Europas gibt es immer noch keine Reflexion darüber, was sogenannte "westliche Werteeliten", die geopolitischen Partner eines Landes wie Saudi Arabien (!), zu den Fluchtgründen zugetragen haben. Auch nicht, wieso über Jahre Flüchgtlinge an den Küsten Italiens und Griechenlands hier ignoriert wurden. Ebenfalls nicht, warum, wenn man Leute mit Kindern aufnimmt, was man denen Jahre nach der Flucht Übles antut, wenn man ihnen keine klare Bleibeperspektive anbietet - egal wie gut sie sich hier entwickeln. Wer kann denn über Jahrzehnte ohne Schaden nur improvisiert und auf Abruf leben? Selbst die schäbigen Abkommen mit Erdogan und den derzeitigen Machthabern in Lybien werden nicht reflektiert.

Nein, es wird eine Jubelorgie wegen eines kurzen Showmoments permanent abgespielt, hinter der substanziell ohne die vielen von der Bundesregierung später im Stich gelassenen Aktiven in der Bevölkerung substanziell nichts steht.

Durch eine solche Politik mästet man Rechte. Denn durch den Mangel einer konsequenten ethisichen Haltung in unseren politischen (und medialen) Spitzen in Verbindung mit einer moralischen Hybris, die ihresgleichen sucht, ist Leuten, die keine Probleme mit Zynismus haben (wozu Doppelmoral ja erzieht), der offene lieber als moralinsaure.

Wem es wirklich um die Menschen geht, den macht sowohl die rassistische Aggression der Rechten wie die öffentliche Verlogenheit um eine Showeinlage von Frau Merke bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber den Gründen des Elends der Flüchtenden nur noch wütend. Wann zum Beispiel werden ehrlich die Folgen der grausamen Wirtschaftspolitik ("Sanktionen") gegen die syrische Bevölekrung thematisiert. Daran ist Frau Merkels Anteil gewaltig. Oder leidet nur Assad, wenn diabetiskranke Kinder in Syrien nicht mehr behandelt werden können?

Merkt endlich: Es gibt auch eine humanitäre und linke Kritik an Frau Merkels Flüchtlingspolitik. Und die geht in eine ganz andere Richtung als die von AfD-Klientel, deren Verachtung für die Geflüchteten gar nicht so weit von der bürokratischen Kälte der Regierung entfernt liegt - und von der der Journalisten, die immer noch nicht reflektieren, für wie viele Menschen auf diesem Globus NATO-Staaten die größte Gefahr für Leib und Leben darstellen.

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ghawdex 03.09.2019, 19:27
3. Tatsache ist,dass

das UNHCR Frau Merkel und die anderen europaeischen Regierungschefs, seit 2012
auf die sich abzeichnende Situation hingewiesen hat! Das UNHCR
hat insgesamt 12 mal geschrieben,ohne Erfolg!Frau Merkel und die
anderen haben die Koepfe in der Sand gesteckt und abgewartet ,
bis es zu spaet war!Kann jeder nachlesen,der will!

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larsmach 03.09.2019, 19:32
4. KRIEG - und keiner weiß, was das heißt!!??

KRIEG! - Menschen fliehen vor KRIEG! - Keine geplante Auswanderung, kein langgehegter Wunsch, nein: HALS ÜBER KOPF ...nur WEG! Die Wohnung ohne Glas, die Straße voller Körperteile - ...der Geruch! Nachts die Erschütterungen. Kein Schlaf. Die kleine Firma am Ende der Straße, mühsam aufgebaut - ...weg! -- Ja: Manch Wohlstandsdeutscher ist echauffiert: Die Kanzlerin habe eine "Flüchtlingskrise" herbeigeführt - nicht etwa ein kleptomanischer syrischer Milliardärsclan mit Foltergefängnissen, dessen die Menschen überdrüssig waren! Und... DA: Die Turnhalle wird vorübergehend umgewidmet - JETZT ist das Abendland in Gefahr! - Anderswo sind Menschen massenhafte Flüchtlingswellen gewohnt: In Entwicklungsländern wie Ghana, wo ganze Stadtteile ehemals geflohener Menschen aus der Elfenbeinküste entstanden sind... wo nach und nach Wasser- und Stromversorgung aufgebaut wird, und wo die Menschen wieder ihren normalen Geschäften nachgehen, Unternehmer wie Arbeiter. In Ghana: Kein Geschrei, keine Hysterie, keine Populisten, sondern Regierungswechsel zwischen gemäßigten Volksparteien mit haarscharfen Mehrheiten. -- Man muss sich schon fragen: Wie verweichlicht ist die Gesellschaft, in der eine relativ winzige Gruppe Hilfesuchender solchen politischen Tumult auslöst? Unsere Eltern und Großeltern... die die zerbombten Städte aufbauten - was müssen die denken beim Anblick der Jammerlappen und deren Wahnvorstellungen von "Invasion"?

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draco2007 03.09.2019, 19:42
5.

Zitat von anja-boettcher1
Leute, die - wie ich - seit zwei Jahrzehnten intensiv mit den Menschen zu tun haben, die die aggressiv kriegerische und neoliberale westliche Politik der letzten beiden Jahrzehnten erlitten haben, und auch wissen, dass es in diesem Land geborene Jugendliche und Kinder gibt, die einfach nicht von dem bedrückenden Status des "Geduldetsein" erlöst werden, wird bei diesen penetranten und selbstbeweihräuchernden Inszenierungen des Berliner Parketts nur noch schlecht. Trotz der katastrophalen Effekte für die Stabilität der Herkunftsgebiete und Europas gibt es immer noch keine Reflexion darüber, was sogenannte "westliche Werteeliten", die geopolitischen Partner eines Landes wie Saudi Arabien (!), zu den Fluchtgründen zugetragen haben. Auch nicht, wieso über Jahre Flüchgtlinge an den Küsten Italiens und Griechenlands hier ignoriert wurden. Ebenfalls nicht, warum, wenn man Leute mit Kindern aufnimmt, was man denen Jahre nach der Flucht Übles antut, wenn man ihnen keine klare Bleibeperspektive anbietet - egal wie gut sie sich hier entwickeln. Wer kann denn über Jahrzehnte ohne Schaden nur improvisiert und auf Abruf leben? Selbst die schäbigen Abkommen mit Erdogan und den derzeitigen Machthabern in Lybien werden nicht reflektiert. Nein, es wird eine Jubelorgie wegen eines kurzen Showmoments permanent abgespielt, hinter der substanziell ohne die vielen von der Bundesregierung später im Stich gelassenen Aktiven in der Bevölkerung substanziell nichts steht. Durch eine solche Politik mästet man Rechte. Denn durch den Mangel einer konsequenten ethisichen Haltung in unseren politischen (und medialen) Spitzen in Verbindung mit einer moralischen Hybris, die ihresgleichen sucht, ist Leuten, die keine Probleme mit Zynismus haben (wozu Doppelmoral ja erzieht), der offene lieber als moralinsaure. Wem es wirklich um die Menschen geht, den macht sowohl die rassistische Aggression der Rechten wie die öffentliche Verlogenheit um eine Showeinlage von Frau Merke bei gleichzeitiger Ignoranz gegenüber den Gründen des Elends der Flüchtenden nur noch wütend. Wann zum Beispiel werden ehrlich die Folgen der grausamen Wirtschaftspolitik ("Sanktionen") gegen die syrische Bevölekrung thematisiert. Daran ist Frau Merkels Anteil gewaltig. Oder leidet nur Assad, wenn diabetiskranke Kinder in Syrien nicht mehr behandelt werden können? Merkt endlich: Es gibt auch eine humanitäre und linke Kritik an Frau Merkels Flüchtlingspolitik. Und die geht in eine ganz andere Richtung als die von AfD-Klientel, deren Verachtung für die Geflüchteten gar nicht so weit von der bürokratischen Kälte der Regierung entfernt liegt - und von der der Journalisten, die immer noch nicht reflektieren, für wie viele Menschen auf diesem Globus NATO-Staaten die größte Gefahr für Leib und Leben darstellen.
Danke! Mehr ist zu dem Thema nicht zu sagen. Und dennoch wird die Diskussion in Deutschland in eine völlig andere Richtung gesteuert, wie man letzten Sonntag sehen konnte.

Es macht mich langsam hilflos zu sehen in welche Richtung sich unsere Welt entwickelt.

Vor Menschen wie ihnen haben ich größten Respekt!

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gunpot 03.09.2019, 20:46
6. Merkel handelte, als es keinen Ausweg mehr für die

hauptsächlich in Ungarn gestrandeten Flüchtlinge gab. Ach so, hier schreiben einige Schlaumeier, dass sie schon früher hätte handeln müssen, da ja die Katastrophe sich schon abzeichnete. Wenn jetzt so argumentiert wird, dann möchte ich mal wissen, warum immer nur Merkel, wo standen denn die zu dieser Zeit zählenden 28 EU-Mitgliedstaaten bzw deren Führung. Merkel handelte als es nicht mehr ging und hat somit eine menschliche Katastrophe verhindert. Vielleicht doch noch etwas von Pastorentochter. So sagte "Wir schaffen das". Für mich haben wir das geschafft. Bevor wir von Arbeitsplätzen, Einschulungen oder sozialer Integration sprechen, müssen doch erst einmal die humanen Grundvoraussetzungen geschaffen werden. Das heißt Unterbringung, Essen und Trinken, ärztliche Versorgung, Kleidung, etc...... Das ist gelungen. Das wurde geschafft!!! Tja, nun kommen diejenigen, denen die Aufnahme von Flüchtlingen aus einem anderen Kulturraum von Anfang an ein dorn im Auge gewesen ist. Die wollen sich nicht anpassen, sind kriminell, belästigen unsere Mädchen, wollen nicht arbeiten, etc.... Ja, da ist einiges dran und unser Rechtsstaat sollte hart durchgreifen, aber doch nicht auf Kosten der mehrheitlich Integrationswilligen. Nun sollte auch einiges nicht vermengt werden. Mit Abstand tun sich afghanische Männer als schwer integrierbar hervor. Da sieht man die brüske Ablehnung unserer Werte. Also abschieben. Ach so, da gibt es ja die Folter, wie angelich auch in Tunesien, Algerien und Marokko. Bis auf Afghanistan ist das Befinden hierüber falsch. Leider gibt es immer noch deutsche Gerichte, die einen Erkenntnisstand haben wie im Jahre 2008 oder 2009, also vor Ausbruch der Machtübernahme durch eine neue Generation. Wir sind gut beraten, weiterhin bei den Immigranten zu differenzieren. Wenn jemand aus Kamerun kommt, ein Land in dem ich hauptsächlich lebe, und behauptet er werde von der Regierung in Yaoundé unterdrückt, nur weil er zur anglophonen Minderheit gehört, dann sind somit begründete Asylersuchen mit höchster Vorsicht zu behandeln. Diejenigen, die sich von Kamerun abspalten wollen, haben bereits ihren Fall verloren, weil sie meinen, mit Vergewaltigungen, Morden von Andersdenkenden, Schulbesuchverboten und Hinrichtung von Geistlichen, die weiterhin die Kinder unterrichten, ihre Unabhängigkeit herbeiführen können. Weit gefehlt, aber unsere Behörden sind schnell geneigt, in solchen Fällen großzügig Asyl zu gewähren. Da ist noch ein langer weg vor uns, aber wir schaffen das, Spreu vom Weizen zu trennen. Also die Unterscheidung von integrationswilligen Immigranten und solchen, die nur bei uns bleiben wollen "to benefit from our welfare state....

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brux 03.09.2019, 20:50
7. Hinweis

Die Grenzen waren nie offen für illegale Migranten. Deren Grenzübertritt war 2015 illegal so wie er es auch heute noch ist.
Das ist eine Tatsache.
Merkel hat also die Grenze geöffnet und eben nicht offen gehalten.
Ich will das gar nicht bewerten, aber man muss schon präzise bleiben, wenn man etwas verstehen will.

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Schartin Mulz 03.09.2019, 20:51
8. Auch diese Diskussion

wird vermutlich nicht differenzieren.
Dass die Flüchtlinge aus Ungarn geholt wurden, war eine sehr gute Entscheidung. Was andernfalls gedroht hätte, möchte man sich nicht ausmalen.
Dass danach wochen- und monatelang der Eindruck erweckt wurde, Deutschland stände von nun an allen Menschen der Welt offen, das war verantwortungslos. Wenn nicht andere Länder gehandelt und zumindest die Balkanroute geschlossen hätten, wären die Flüchtlingsströme ungebremst weitergegangen.
Schon vor der Einwanderung von 1,5 Mio in 2 Jahren waren die zuständigen Behörden vollkommen überlastet. Dass es nach September 2015 zum Chaos kam, war nicht schwer voirauszusagen. Dass wir gar nicht mehr wussten, wer da eigentlich kommt, dass sebst ein biodeutscher AfDler sich problemlos als Flüchtling registrieren konnte, dass die Sonderregelung eigentlich aus gutem Grund für syrische Flüchtlinge eingeführt wurde, dann aber Menschen aus allen möglichen Ländern zu uns kamen, das gehört alles zur Geschichte dazu.

Es war ein Moment der Menschlichkeit, gefolgt von Monaten der Planlosigkeit. Mit der Folge, dass wir heute eine rechte Partei in fast allen Parlamenten sitzen haben.

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brux 03.09.2019, 20:53
9.

Zitat von larsmach
KRIEG! - Menschen fliehen vor KRIEG! - Keine geplante Auswanderung, kein langgehegter Wunsch, nein: HALS ÜBER KOPF ...nur WEG! Die Wohnung ohne Glas, die Straße voller Körperteile - ...der Geruch! Nachts die Erschütterungen. Kein Schlaf. Die kleine Firma am Ende der Straße, mühsam aufgebaut - ...weg! -- Ja: Manch Wohlstandsdeutscher ist echauffiert: Die Kanzlerin habe eine "Flüchtlingskrise" herbeigeführt - nicht etwa ein kleptomanischer syrischer Milliardärsclan mit Foltergefängnissen, dessen die Menschen überdrüssig waren! Und... DA: Die Turnhalle wird vorübergehend umgewidmet - JETZT ist das Abendland in Gefahr! - Anderswo sind Menschen massenhafte Flüchtlingswellen gewohnt: In Entwicklungsländern wie Ghana, wo ganze Stadtteile ehemals geflohener Menschen aus der Elfenbeinküste entstanden sind... wo nach und nach Wasser- und Stromversorgung aufgebaut wird, und wo die Menschen wieder ihren normalen Geschäften nachgehen, Unternehmer wie Arbeiter. In Ghana: Kein Geschrei, keine Hysterie, keine Populisten, sondern Regierungswechsel zwischen gemäßigten Volksparteien mit haarscharfen Mehrheiten. -- Man muss sich schon fragen: Wie verweichlicht ist die Gesellschaft, in der eine relativ winzige Gruppe Hilfesuchender solchen politischen Tumult auslöst? Unsere Eltern und Großeltern... die die zerbombten Städte aufbauten - was müssen die denken beim Anblick der Jammerlappen und deren Wahnvorstellungen von "Invasion"?
Das ist reiner Unfug.
Die meisten Syrer, die 2015 kamen, waren schon lange vorher in der Türkei oder im Libanon.
Diese kindliche Emotionalität ist nicht hilfreich.

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