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ZDF-Zweiteiler "Die Pilgerin": Mittelalter trifft Mittelerde
ZDF

Männer sind Schufte oder Trottel, Frauen sind Huren, Hexen oder Heilige und im Herzen natürlich total emanzipiert. Der ZDF-Historienschinken "Die Pilgerin" bietet moderne Sinnsuche im stilvoll kaputten Kuttenlook - als hätte Hape Kerkeling den "Hobbit" mit der "Wanderhure" verrührt.

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knaake 02.01.2014, 13:59
1. Kein Karate?

Schade das der Produzent sich nicht auch noch entblöden konnte ein paar asiatische Kampftechniken einzubauen; wie sie vor nicht allzu langer Zeit bei einem Streifen über Störtebecker zu bewundern waren.
Aber was regen Sie bzw. was regen wir uns auf: Die Historie selbst ist die wahre Wanderhure. Spätestens seit ägyptische Könige ihre göttlichen Urahnen anoncierten; und aller spätestens seit sich die frühe Kirche die Worte des eigenen Gottes in der Bibel staatstragend zurecht schnitzte.
Dagegen ist die momentane Verwurstung eine ziemlich harmlose.

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kumi-ori 02.01.2014, 14:00
2. optional

Ich werde es Umberto Eco nie verzeihen, dass er vor knapp einem halben Jahrhundert mit seinem genialen "Name der Rose" solch einen unsäglichen Rattenschwanz von Nachahmern angelockt hat, die tonnenweise Papier und Zelluloid mit triefendem Mittelalterkitsch verschmutzen. All Ihr Wanderhuren, Wanderärzte, Pilgersleut' und Landsknechte, Dompröbste, Kräuterweiblein, fette Mönche und notgeile Nonnen: bleibet in Eurer Gruft, Ihr könnet es nicht!

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Barath 02.01.2014, 14:05
3. ...

Zitat von sysop
Männer sind Schufte oder Trottel, Frauen sind Huren, Hexen oder Heilige und im Herzen natürlich total emanzipiert. Der ZDF-Historienschinken "Die Pilgerin" bietet moderne Sinnsuche im stilvoll kaputten Kuttenlook - als hätte Hape Kerkeling den "Hobbit" mit der "Wanderhure" verrührt.
So amüsant wie diese pointierte, bissige Kritik, kann ein ZDF-Zweiteiler beim besten willen nicht werden.
Danke dafür.

Auch wenn ich den Film nicht kenne (und auch nicht sehen werde) passt die Kritik auch auf viel anderen Müll den man mit Blick auf Mittelalter und Historie vorgesetzt bekommt. Viele der genannten Kritikpunkte scheinen also regelrechte Modeerscheinungen zu sein. Oder auch nicht: Die Menschen des Mittelalters haben die Antike ja auch nur in den Grenzen ihrer Geisteswelt interpretieren können. Bei uns ist es halt nicht anders.

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Galgenstein 02.01.2014, 14:18
4. Gibt es einen Impact Factor für den Deutschen Film?

Wohl eher als geheime Verschlusssache dürfte die Frage nach der Bedeutung von derlei Produktionen gehandhabt werden. Welche ausländische Fernsehanstalt würde wohl freiwillig diesen Streifen erwerben wollen?
Das ärgerliche an solchen Produktionen ist, dass sie weder etwas mit Kunst, noch mit Historie am Hut haben. Sie sind nichts weiter als teure Unterhaltung. Ärgerlich ist, dass den Menschen ein Bild vom Mittelalter eingepflanzt wird, das mit dem tatsächlichen Mittelalter herzlich wenig gemein hat. Letztlich handelt es sich um Volksverdummung für welche der Gebührenzahler aufkommen darf.

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kaynchill 02.01.2014, 14:27
5. optional

Ich kenne zwar den beschriebenen Film nicht, jedoch trifft die Rezension auf eine Vielzahl von derartigen Filmen zu.
Gute Historiendramen, sei es Mittelalter oder was auch immer, sind sehr selten.
Meine beste Erfahrung ist und bleibt die Serie "Die Tudors". Aber eine Serie bietet natürlich auch viel mehr Möglichkeiten.

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moev 02.01.2014, 14:35
6.

Zitat von kaynchill
Ich kenne zwar den beschriebenen Film nicht, jedoch trifft die Rezension auf eine Vielzahl von derartigen Filmen zu. Gute Historiendramen, sei es Mittelalter oder was auch immer, sind sehr selten. Meine beste Erfahrung ist und bleibt die Serie "Die Tudors". Aber eine Serie bietet natürlich auch viel mehr Möglichkeiten.
Wobei Tudors zwar eine gute Dramaserie sein mag, die historische Genauigkeit lässt vorsichtig gesagt zu wünschen übrig

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eknoes 02.01.2014, 14:39
7. ...

Zitat von Galgenstein
Das ärgerliche an solchen Produktionen ist, dass sie weder etwas mit Kunst, noch mit Historie am Hut haben. Sie sind nichts weiter als teure Unterhaltung. Ärgerlich ist, dass den Menschen ein Bild vom Mittelalter eingepflanzt wird, das mit dem tatsächlichen Mittelalter herzlich wenig gemein hat. Letztlich handelt es sich um Volksverdummung für welche der Gebührenzahler aufkommen darf.
Die zu erwartenden Einschaltquoten dürften ein weiterer Beleg dafür sein, wie wenig 'Michel' es etwa um seriös dargebotene Geschichte, Volksverdummung oder Gebühren geht. Entscheidend für ihn ist einzig, kritiklos zwischen Abendbrot und dem Schlafengehen rüber dösen zu können.

Von Robert Lembke stammt der Satz: "Wenn es so etwas wie einen 'Sinn des Lebens' geben würde, gäbe es keine Fernbedienungen"

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jboerner 02.01.2014, 14:51
8. Miesepetrige Mediävisten

Was für eine kreuzdämliche Aussage ist denn das:
" mangelnder Akkuratesse im Detail aber sollten sich nur miesepetrige Mediävisten oder fanatische Rollenspieler stören. Natürlich malt auch "Die Pilgerin" an einem "idealisierten" Bild des Mittelalters. "

Nein, eben nicht. Erstens ist man nicht miesepetrig, wenn man Dinge an ihrer Plakatierung misst- und der Film kommt eben als ach so historisch daher. Und zweitens ist er eben nicht idealisiert. Er ist falsch. Kreuzfalsch. Er zeigt eben kein idealisiertes Mittelalter, er zeigt garkeines, er zeigt eine Fantasiewelt, in der Frauen keine Rechte haben, und "weise Kräuterfrauen" als Hexen verfolgt werden. Das gab es so zu keiner Zeit der Geschichte, das ist der Punkt. Das ist keine Idealisierung, sondern Klischee.
Die vom Autoren als nächstes gestellten Fragen kann man leicht beantworten:

"Ja, was denn sonst?"
-> einmal es halbwegs realistisch zeigen. Die meisten wären überrascht, und die Andersartigkeit wäre mal spannend.

"Zeichnet denn der "Tatort" ein "realistisches" Bild unserer Gesellschaft?"
- Der Tatort behauptet aber nicht, akkurat zu sein.

" Hat uns Regisseur Philipp Kadelbach zuvor mit seinem kontrovers diskutierten Weltkriegsdrama "Unsere Mütter, unsere Väter" etwa gezeigt, wie es "wirklich war"?"
- Nein, aber er behauptete genau das. Und viele glauben genau das. Paradebeispiel: das oft diskutierte Schild mit dem Tanzenverbotsschild nimmt gerade seinen Weg in das Bild der Menschen.

Der Witz ist, dass sogar der Autor dem auf den Leim geht:

"sondern gewährt auch den einen oder anderen Einblick in Politik und Wirtschaft einer Stadt im Mittelalter"
Dieser Film gewährt Null Einblick in das Mittelalter, das ist doch verdammt nochmal genau eben der Punkt!

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moev 02.01.2014, 14:52
9.

Zitat von Galgenstein
Welche ausländische Fernsehanstalt würde wohl freiwillig diesen Streifen erwerben wollen?
Nun sollte das auf der Kriterien Liste der deutschen ÖR, wenn überhaupt, auch ganz hinten stehen.

Das eingetriebene Geld dient nicht zur Produktion von Unterhaltung des internationalen Publikums.
Zitat von Galgenstein
Das ärgerliche an solchen Produktionen ist, dass sie weder etwas mit Kunst, noch mit Historie am Hut haben.
Die Definition von Kunst ist breit, schließt nicht sie aus das Mist nicht auch Kunst sein kann und wird zum Glück auch nicht von Ihnen festgelegt.
Zitat von Galgenstein
Sie sind nichts weiter als teure Unterhaltung.
Wenn sich der deutsche Gebührenzahler davon unterhalten fühlt, dann war es jeden Cent wert, egal wie wenig sich eventuelles ausländisches Publikum dafür erwärmen kann.

Wäre ja noch schöner wenn die Zwangsabgabe nicht mal mehr für die eigene Zwangsunterhaltung abgeknöpft würde, sondern für die Unterhaltung des ausländischer TV-Märkte (wenn das als Nebenprodukt abfällt weil das produzierte so gut ankommt dann schön, aber es sollte nicht mal als Nebenzweck auf der Liste stehen)

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