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Zivilisationsstress: Wir hetzen uns zu Tode

Mail-Fluten, unbezahlte Projekte, Nachtschicht auf Nachtschicht, immer im Modus der Selbstausbeutung - die Zeit rast dahin. Und trotzdem jetzt: Schönen Urlaub!

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PeBe123 16.08.2014, 15:49
1. Weniger ist mehr.

Das gilt vor allem fuers Geldausgeben.
Muss es eine grosse Wohnung in der Naehe des Stadtzentrums sein, muss schon wieder einen neue Familienkutsche her, muss man jedes Jahr im Urlaub einen neuen Kontinent entdecken?
Wer seine Ansprueche zurueckschraubt, muss dafuer auch weniger arbeiten und hat damit mehr vom Leben.

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t.o`malley 16.08.2014, 16:05
2. Die Not zur Tugend machen

Diese Kolumne hat die Situation sehr treffend beschrieben, ich konnte auch mich persönlich darin wiederfinden. Ich bin seit (ich weiss bald nicht , seit wie vielen) Jahrzehnten Unternehmer und habe erst kürzlich wieder erschüttert festgestellt, daß ich meinen letzten Urlaub in den Achtigern(!) hatte. Jede Woche 7 Arbeitstage, keine Woche unter min. 75 Stunden. Ich zahle solcherart viel Steuern, daß ich mich zuweilen frage, ob es nicht cleverer sei, komplett alles hinzuwerfen, mich zum Empfänger staatlicher Leistungen zu machen und endlich, endlich, endlich zu leben. Zeit zu haben für Dinge, die mich interessieren und glücklich machen. Bei Regen barfuss über eine saftige Wiese laufen, endlich einmal wieder das Meer zu sehen, ein paar der tollen Bücher zu lesen, die sich mittlerweile in Unmengen ungelesen im Schrank türmen. Das Handy endlich abschalten zu können, nicht mehr den dienstlichen "Nachstellungen" ausgeliefert zu sein. Ich möchte gerne einmal ausschlafen, wirklich ausschlafen, und nicht nach den üblichen vier Stunden völlig übermüdet auf dem Zahnfleisch aus dem Bett kriechen müssen. Diese Aufzählung lässt sich beliebig fortsetzen - allerdings weiss ohnehin jeder, worauf ich hinauswill, zumal die Kolumne ins gleiche Horn stösst. Vor (ich glaube) etwa zwanzig Jahren wurde mir dann klar, daß all mein Einsatz einen tieferen Sinn haben sollte, wenn ich mein Leben schon verfeuere. Ich habe dann die Mittel, die das Unternehmen abwirft, seitdem in den Tierschutz gesteckt. Ich selbst lebe sehr bescheiden, ich fahre z.B. keinen Sportwagen sondern einen Mittelklasse-Kombi eines Massenherstellers. Ich kaufe in völlig normalen Läden ein, trage Wald- und Wiesenbekleidung und leiste mir auch sonst keinen nennenswerten Luxus. Ich habe damals begriffen, daß ich dies weder will noch brauche. Ich bedaure die armen Menschen, die sich selbst quasi bei der Arbeit umbringen, bloß um 5 PS mehr im Auto zu haben als der Nachbar oder die ihre Kinder arbeitsbedingt ewig nicht wach gesehen haben, weil sie für die dritte Nobeluhr im Büro übernachten.
Ich will damit sagen, daß es durchaus gut sein kann, wenn man sich richtig(!) reinhängt - der Zweck muss ein guter sein!!! Gier und Geltungssucht sind erschütternd primitiv und dämlich; wer es deshalb macht, ist eine arme, eine ganz arme Sau.
Ich habe noch nie die (mittlerweile fast dreistellige) Mitarbeiterzahl betriebsbedingt reduzieren müssen, habe damals schon für Hilfskräfte Löhne gezahlt, die über dem heutigen Mindestlohn liegen. Und ich habe in Südost-Europa bis heute den Bau von vier privaten Auffangstationen für gequälte und misshandelte Tiere bezahlt und diese sodann an die jeweiligen, örtlichen Tierschutz-Organisationen gespendet.
Ja, ich verbrenne auf dem Scheiterhaufen unserer heutigen Zeit, inkl. des irrsinnigen Stresses und der inneren Leere, die sich immer weiterfrisst. Aber wenn ich mir anschaue, was ich effektiv damit bewirken konnte, bin ich sehr glücklich. Ich habe damals in mir das Bedürfnis entdeckt, ein guter Mensch werden zu wollen.
Wenn man sich für die gute Sache reinhängt, rechtfertigt dies jede erdenkliche Mühe.
Mein Lebenslicht wird nicht lange leuchten, aber dafür hell.

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AmokSchleicher 16.08.2014, 16:09
3. So langsam bekomme ich ein Gespür...

Zitat von sysop
Mail-Fluten, unbezahlte Projekte, Nachtschicht auf Nachtschicht, immer im Modus der Selbstausbeutung - die Zeit rast dahin. Und trotzdem jetzt: Schönen Urlaub!
Wer so jammert, hat die Wende noch vor sich - oder den Burn Out. Man verlasse sich darauf: das persönliche Stresssystem ist nicht unendlich belastbar. Es kommt der Moment, in dem alle Ziele sich im Licht übergroßer Belastung prüfen lassen müssen - und dann, wenn man systematisch Stress abbaut, wird man auf einmal produktiv, wie man es vorher nicht kannte.
Wer vor Problemen und Zielen die Lösungen nicht erkennt, wer bei ruhigem und konzentrierten Arbeiten keine Lusterfahrung macht, wer die Oberfläche des Respekts anderer nicht von der Basis des Respekts sich selbst gegenüber unterscheiden kann, der wird nur dann nicht scheitern, wenn er/sie monothematisch ausgerichtet ist, ein Trottel also.
Und das hat nur wenig mit Ü30/U70 zu tun. Ich habe hyperventilierende Teenager und bettnässende Vierziger gesehen. Nebenbei: ist es wirklich so ertaunlich, mit welchen seelischen Verwundungen Soldaten aus dem Krieg zurückkehren? Da ist das Zivilleben ein Kindergeburtstag.

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jewiberg 16.08.2014, 16:21
4. Den Stress macht sich jeder selbst!

Was Sie lieebe Frau Berg da beschreiben ist entweder kein Grund für Stress (Nachbar verklagt mich wg. Blumentopf) oder der Mensch mit dem Projekt aus dem nichts wird macht sich den Stress selbst. Projekt erst planen und auf Erfoögsaussicht prüfen und dann geordnet anfangen. Auch ist es ziemlich sinnlos 60 Mails mit Rechtschreibfehlern rauszuschicken. Ich bin in der Gruppe Ü30/U70 und ich hab es mir einfach bgewöhnt mir Stress zu machen oder mir von anderen Stress machen zulassen gemäß den kölschen Gesetzen: Es kommt wie es kommt und es ist noch immer gutcegangen. Und nichts wird so heiß gegessen wie es gekocht wird.

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unaufgeregter 16.08.2014, 16:27
5. Seltene Exemplare

Zitat von sysop
Mail-Fluten, unbezahlte Projekte, Nachtschicht auf Nachtschicht, immer im Modus der Selbstausbeutung - die Zeit rast dahin. Und trotzdem jetzt: Schönen Urlaub!
Gestern in vollen Innenstadt rannten alle Leute hektisch um mich herum. Da schritte ich gemächlich durch die Straßen und traf nur EINEN Menschen, der mir verstehend zulächelte. Er ging ebenfalls ruhig und gelassen. Es gibt sie also noch, die Menschen die nicht auf der Flucht vor was auch immer sind.
Interessant finde ich die Tatsachen, dass viele dem Job, dem anstregenden Privatleben und notfalls der Sonnenfinsternis die Schuld an der eigenen Hetze geben. Nein, das ist ein Hetze, die sich die Menschen selbst verordnen. Sie laufen weg. Wovor nur? Vor sich selbst?

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Asgard46 16.08.2014, 16:30
6. Sehr guter Artikel

Wir lassen uns verzwecken, falsche Idealsetzungen aufoktroyieren, verschleißen im Konkurrenz-Wettlauf
und warten auf das Rentnerdasein, wo dann Zeit ist, sinnlos Geld auszugeben, welches man im Arbeitsleben nicht
ausgeben konnte, weil die Zeit fehlte, die gekauften Dinge auch wirklich zu benutzen.
Wir müssen dahin kommen, dass der Mensch zwecklos da sein darf, so wie ein Kind, das spielt. Wo
dann die Zeit anders verläuft - nicht gehetzt und fremdgesteuert.

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sitiwati 16.08.2014, 16:53
7. Zeichen der Zeit

oder falschen Bekanntenkreis, das Schöne in alten Zeiten haben die Menschen 48h/ Woche gearbeitet und hatten Zeit für ihre Feiern, Sonntags gings in die freie Natur usw, heute arbeiten viele weniger, natürlcih geben sie vor, ganz toll beschäftigt zu sein, kein Politiker arbeitet weniger wie 100h die Woche, aber vielleicht kommts auch daher, dass sich die Menschen früher Zeit liessen, die Sache ruhiger angingen, aber schon mal der Partyrythmus, in den alten Zeiten ging man gegen 8Uhr zu einer Feier, ob im Verein oder so, heute gehts vor 23 Uhr überhaupt nicht los, Fussballspiele gegen 21 Uhr, früher am Nachmittag oder frühen Abend, die ganze Welt hat sich gedreht und wenn manche ihre Terminkalender mal durchforsten würdem könnte sie garantiert 50% aller Termine streichen, ein französischer Künstler hat Steno gelernt und schrieb nun die Gespräche seiner Bekanten mit, wies ich herausstellte waren 60% nur hohles Geschwätz!

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wernerwenzel 16.08.2014, 17:26
8. Ich habe das Glück,

dass ich von zuhause arbeiten kann. Arbeit und Leben ist damit eins. Praktisch seit er lebt, verbringt mein Junge viel Zeit auf dem Sofa im Büro. Ich arbeite, wir quatschen über alles mögliche, ich weiss alles, weil ich jede seiner Wissensfragen mit einem Wikipedia cluck beantworten kann, wenn er nervt, fliegt er eben raus, aber das kennt er ja. So "arbeite" ich jeden Tag, auch samstags oder sonntags. Wenn wir Lust haben, fahren wir in den Wald oder ins Freibad oder gucken einen Film oder spielen Fußball auf dem Rasen das geht ja alles "nebenbei".. So arbeite ich in der Familie. Natürlich nervt das auch oft, da ich jeden Mist mitkriege. Urlaub brauchen wir eigentlich gar nicht
und wenn fahren wir für 2-3 Tage spontan irgendwo hin.
Die Zeit vergeht allerdings auch für uns sehr schnell.
Seltsamerweise auch für meinen Jungen (11 Jahre),
ich meine mich erinnern zu können, dass für mich die Zeit oft sehr sehr lang(weilig) war, als ich so alt war wie er.

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Bellerophon 16.08.2014, 17:44
9. Recht haben Sie ja meistens, Frau Sibylle. Aber ...

diesmal sind Sie echt genau drauf. Wir jagen dem Konsum hinterher, den Freunden, die auf den Malediven diven, dienen dem Chef, der Karriere machen will. Wir sind Kinder des Systems. Effizienter, schneller, sparsamer. Manche schicken ihre Kinder (so man sich zu Kindern überhaupt durchringen konnte) in den Vorschulunterricht. Wir wohnen zentrumsnah und schimpfen über fehlendes Grün. Wir rasen auf der Autobahn um Zeit zu gewinnen. Zeit für Unsinn, zwischen jetzt und aus.
Wenn wir all das nicht machen, fühlen wir uns schlecht. Wir wissen, dass es ganz falsch ist, dass das Leben gerade jetzt ganz woanders spielt.
Nun, barfuß über saftige Wiesen gehen soll anderen vorbehalten bleiben. Aber: "Das Leben verfeuern." Das ist ja ein großes Wort von Nr. 2 t.o`malley und sagt ziemlich alles. Sind wir wirklich alle meschugge???

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