Forum: Kultur
Zwiebelfisch - Ist unsere Sprache ein schwerer Pflegefall?

Sprache wandelt sich, doch Regeln sorgen für bessere Kommunikation. Die "Zwiebelfisch"-Kolumne von SPIEGEL ONLINE spießt seltsame Blüten und krasse Fehler des täglichen Sprachgebrauchs auf, klärt Fragen und informiert. Wie beurteilen Sie heute den allgemeinen Umgang mit der Sprache: Stark pflegebedürftig, oder ist er bewusster und kreativer als früher? Woran orientiert sich Ihr Sprachgefühl? Welche Sprachsünden ärgern Sie am meisten?

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tok1 29.07.2007, 20:57
12890.

Zitat von hjm
Kommt drauf an. Ja, wenn ich ganz konkret den Vorgang des Schlagens (z.B. mit der Faust), der zum Tode führte, beschreiben will. Allerdings hat "totschlagen" (dann würde ich es zusammen schreiben) ja auch eine übertragende Bedeutung, also nicht mehr die eines reinen Schlagens, und letztlich leitet sich daraus auch der "Totschlag" ab, den man auch mit dem Messer verüben kann. Wenn "totschlagen" also gleichermaßen "tot schlagen" oder "tot treten" oder "tot stechen" bedeuten kann, es also gar nicht auf die konkrete Ausführungsart ankommt, dann ist die Resultativa-Regel nicht mehr anwendbar, und man kann über eine Zusammenschreibung nachdenken. Denn der Tod ist jetzt nicht mehr das Resultat des Schlagens, sondern durch den Zusatz "tot-" wird die Bedeutung des Wortes "schlagen" modifiziert.
Hab das gerade erst genau gelesen. Donnerwetter! Totschlagen hat die übertragende Bedeutung „tot stechen“? Weil der juristische Begriff „Totschlag“ davon abgeleitet ist? Demnach darf ein Anwalt ausnahmsweise (zusammen-)schreiben, der Angeklagte habe sein Opfer nicht ermordet, sondern nur mit dem Dolch totgeschlagen: es sei zwar tot, jedoch nicht infolge des Dolchschlages, sondern weil der Tod die Bedeutung des Wortes „schlagen“ modifiziert habe. Welch ein erstaunlicher Stuß.

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doc__attack 29.07.2007, 21:00
12891.

@gimme: Sehr schöne Ausführung, der ich spontan eigentlich nur wenig hinzufügen kann. Höchstens vielleicht, daß ein Graphem nicht einfach ein Buchstabe ist - spielt aber keine Rolle und wahrscheinlich wissen sie das ohnehin.

@thedirtydozen: Keine Ursache :)

Ich möchte hier nochmal die "höhere Abstraktionsebene" der Phonologie betonen. Ich hoffe das kam einigermaßen raus auch bei meinen Ausführungen. Phonetisch wird <x> übrigens tatsächlich mit [ks] verschriftet.

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jensh 29.07.2007, 21:03
12892.

Zitat von tok1
Auch läßt sich hübsch akzentuieren: "Ich kann den roten Schlips nicht mehr sehen. Ich werd ihn blaufärben." Oder (wiewohl resultativ!): "Wozu brauchst du einen neuen Schlips? Wenn du unbedingt einen blauen willst, kannst du doch den alten blau färben."
Ich sehe hier den Unterschied nicht. In beiden Fällen würde ich zusammenschreiben. Blau färben kann man in angetrunkenem Zustand, von mir aus auch rot-.

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Tenor 29.07.2007, 21:10
12893.

Zitat von jensh
Ja, wobei das eine Ausnahme von der Regelmäßigkeit ist. Hier sind zwei Endungen, -ist und -ik, in Analogiebildung (zu z.B. Germanistik) zu einer neuen Verschmolzen. Ein ähnliches Bsp. sind Süßigkeiten, das Wort süßig gibt es nicht, vgl. aber Habseligkeit, Wenigkeit u.ä.

Bin ebend ein einfacher Sprachbenutzer und suche immer nach logischen Regeln. Mir fällt hierzu noch Statistik ein.
Statist kann es ja wohl nicht sein, wohl aber Statistiker.
Und auch noch Ballistik. Oder ist hier Ballist richtig.

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Tenor 29.07.2007, 21:15
12894.

Stärkung der Verben

Werd immer sprachverwirrter. Bin durch Zufall auf die Gesellschaft zur Stärkung der Verben gestoßen. Gegen das was die dort anbieten, sind ja die Streitpunkte in diesem Forum reiner Pipifax.

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jensh 29.07.2007, 21:37
12895.

Zitat von Tenor
Mir fällt hierzu noch Statistik ein. Statist kann es ja wohl nicht sein, wohl aber Statistiker.
Sehr gutes Beispiel! Kluge schreibt, es komme von fr. statistique (von Status (Zustand (eines Staates, ...))). Also dort schon eigene Endung. Statist von statisch und dies ebenfall von status (Perfektpartizip zu stare (stehen))
Zitat von Tenor
Und auch noch Ballistik. Oder ist hier Ballist richtig.
Auch gut. Hat übrigens nichts mit dem Ball zu tun, der vielleicht durch de Luft fliegt, sondern kommt von gr. ballein - werfen. Ein Ballist, also Werfer wäre also denkbar, ist mir aber nicht bekannt. Nein, Ballistiker als Fachmann ist natürlich auch hier richtig.

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tok1 29.07.2007, 21:42
12896.

Zitat von hjm
dich frei gesprochen. (Blödsinn, also muss es "freisprechen" heißen, denn "frei" ist nicht das Resultat von "sprechen". Es ist das Resultat von "freisprechen". Aber das ergibt sich aus der Bedeutung des Wortes "freisprechen", nicht jedoch aus dem Satz "Ich habe dich freigesprochen".)
Ein Freispruch ist ebensowenig das Resultat eines beliebigen Spruchs wie der Tod das Ergebnis eines beliebigen Schlages ist. Für das gewünschte Resultat muß schon freigesprochen oder totgeschlagen werden.

Zitat von hjm
Die Resultat-Regel kann natürlich nur greifen, wenn man das Resultat auch weglassen kann und trotzdem einen sinnvollen Satz bekommt, der eben nur den Vorgang ohne Resultat beschreibt.
Das klingt knallhart zugegriffen, doch begründet ist es durch rein gar nix.

Zitat von hjm
Es bleibt bei Getrenntschreibung immer die Ambiguität, dass sich das Adverb entweder auf den Vorgang (Wie habe ich das gemacht?), das Subjekt (In welchem Zustand war ich, als ich das getan habe?) oder auf das Objekt (Welche Eigenschaft hatte das Objekt als Resultat des Vorgangs?) bezieht. Das ist eine allgemeine Eigenschaft der deutschen Sprache, die keine besondere Kennzeichnung von Adverbien kennt. (Das englische "-ly" löst das Problem teilweise, aber so etwas gibt es im Deutschen eben nicht.
Ei freilich gibts das. Zumindest hier und da noch. Man muß schon blindlings schreiben, um das Gegenteil zu behaupten.

Zitat von hjm
Oder um noch einmal eine exotische Spache beizusteuern: Das Finnische kann die drei Fälle ganz klar trennen, da das Adjektiv jeweils in einem anderen Kasus erscheint.)
Finnisch ungemein eindrucksvoll.

Zitat von hjm
Der Versuch, diese Ambiguität durch systematische Rechtschreibregeln aufzulösen, ist aus den genannten Gründen zum Scheitern verurteilt. Deshalb sollten solche Regeln, wenn überhaupt, in erster Linie ein einheitliches Schriftbild zum Ziel haben, und nicht jeden möglichen Zweifelsfall aufzulösen versuchen.
Demnach spinnen die Finnen?

Zitat von hjm
Wenn's nach mir ginge, gehören übrigens weder Zeichensetzungs- noch Zusammenschreibregeln in ein (sei es amtliches oder nicht-amtliches) Regelwerk für Rechtschreibung. Wenn überhaupt, dann gehören solche Regeln in ein Werk über "gutes Schrift-Deutsch", in dem der Autor dann ganz nach Geschmack auch andere Regeln des schriftlichen Ausdrucks aufstellen darf. So wie wir das hier gerade tun.
Da stimme ich Ihnen jetzt mal von Herzen zu.

Zitat von hjm
Der Satz "Das Haus hast du gutgemacht" wäre nach der "Zusammenschreibung bei Resultat"-Regel wieder zweideutig. Er könnte bedeuten, dass das Haus, das du gebaut hast, schön geworden ist, oder, dass du es geschafft hast, den Verlust des Hauses auszugleichen. Auch hier natürlich wieder mit sehr viel bösem Willen.
Also bitte - ein Haus kann man mit noch so viel „bösem Willen" nicht gutmachen. Da gibts nicht den Hauch einer Zweideutigkeit. Man kann einen Fehler gutmachen, aber keine Arbeit (allenfalls eine schlechte). "Gutmachen" bedeutet nun mal bereinigen, entgelten, entschädigen, richtigstellen, rückvergüten, wettmachen. "Gut machen" bedeutet dagegen nichts anderes als "gut machen". Und zwar getrenntgeschrieben.

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thedirtydozen 29.07.2007, 21:42
12897.

Zitat von jensh
Ich sehe hier den Unterschied nicht. In beiden Fällen würde ich zusammenschreiben. Blau färben kann man in angetrunkenem Zustand, von mir aus auch rot-.
Mit diesem neuen Einwurf wäre eindrucksvoll belegt, daß wir uns hier tatsächlich in einer Terra incognita aufhalten, die, dem Bestreben der Lexikographen zum Trotz, keine allgemeingültigen Gesetze kennt. Jeder hat da so seine eigenen Vorstellungen.

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tok1 29.07.2007, 21:48
12898.

Zitat von jensh
Auch gut. Hat übrigens nichts mit dem Ball zu tun, der vielleicht durch de Luft fliegt, sondern kommt von gr. ballein - werfen. Ein Ballist, also Werfer wäre also denkbar, ist mir aber nicht bekannt. Nein, Ballistiker als Fachmann ist natürlich auch hier richtig.
Das bringt mich jetzt ins Grübeln. Heißt es "der Ballist rund" oder "der Ballistiker" ist rund? Oder heißt es "der Ballistiker als der Ballist?"

Au, ich merke gerade, es geht schon auf zehn.

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hjm 29.07.2007, 22:35
12899.

Zitat von tok1
Hab das gerade erst genau gelesen. Donnerwetter! Totschlagen hat die übertragende Bedeutung „tot stechen“? Weil der juristische Begriff „Totschlag“ davon abgeleitet ist? Demnach darf ein Anwalt ausnahmsweise (zusammen-)schreiben, der Angeklagte habe sein Opfer nicht ermordet, sondern nur mit dem Dolch totgeschlagen: es sei zwar tot, jedoch nicht infolge des Dolchschlages, sondern weil der Tod die Bedeutung des Wortes „schlagen“ modifiziert habe. Welch ein erstaunlicher Stuß.
Sie haben mich vielleicht absichtlich, vielleicht auch unabsichtlich missverstanden. Jedenfalls scheinen Sie Gefallen daran zu haben, mich misszuverstehen. Ich gönne Ihnen diese Gelegenheit der Freude von ganzem Herzen!

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