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Zwiebelfisch - Ist unsere Sprache ein schwerer Pflegefall?

Sprache wandelt sich, doch Regeln sorgen für bessere Kommunikation. Die "Zwiebelfisch"-Kolumne von SPIEGEL ONLINE spießt seltsame Blüten und krasse Fehler des täglichen Sprachgebrauchs auf, klärt Fragen und informiert. Wie beurteilen Sie heute den allgemeinen Umgang mit der Sprache: Stark pflegebedürftig, oder ist er bewusster und kreativer als früher? Woran orientiert sich Ihr Sprachgefühl? Welche Sprachsünden ärgern Sie am meisten?

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LurchiD 31.07.2007, 12:54
12940.

Zitat von hjm
Dahinter steckt ein Grundkonzept, wonach die Atome der Sprache die sind, und ein geschriebenes Wort eine Einheit bildet, die man nicht trennen darf. Wie sehr dieses Prinzip bei vielen Schreibern verinnerlicht ist, sah man an der Reformdiskussion und den Behauptungen, durch verordnete Getrenntschreibung würden Wörter vernichtet und damit würde die Sprache verarmen.
Da ich kein Sprachwissenschaftler bin, sondern Informatiker, möchte ich einmal aus dieser Welt etwas berichten.

Seit geraumer Zeit gibt es das Konzept der "Objektorientierten Programmierung, OOP". Hier werden bestimmte abgeschlossene Funktionalitäten in kleine Einheiten zerlegt, den sogenannten Klassen. Die Klassen sind gekapselt, das heißt, daß sie nur über eine definierte Schnittstellen augesprochen werden und die innewohnende Implementierung nicht angetastet werden darf. Das ist vergleichbar mit den Wörtern in einer lebendigen Sprache.

Jeder Entwicker kann nun diese Klassen in seinem Code verwenden und daraus eigene Klassen bauen, die eine komplexere Funktionalität besitzen und wieder gegen äußeren Zugriff gekapselt sind. Das ist vergleichbar mit den zusammengesetzten Wörtern in der deutschen Sprache.

Daß eine derartig mächtige Spracheigenschaft, nämlich die durch die Zusammenschreibung bestehender Wörter zur Verfügung gestellte Möglichkeit, neue Begriffe (den aus Basisklassen zusammengesetzten Klassen in der Informatik entsprechend) zu bilden und damit ein Verfahren zu benützen, das den modernsten Erkenntnissen in der Projektentwicklung entspricht, durch die Reform aufgegeben werden sollte, offenbart das Niveau dieser Operation.

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hjm 31.07.2007, 13:43
12941.

Zitat von LurchiD
Daß eine derartig mächtige Spracheigenschaft, nämlich die durch die Zusammenschreibung bestehender Wörter zur Verfügung gestellte Möglichkeit, neue Begriffe (den aus Basisklassen zusammengesetzten Klassen in der Informatik entsprechend) zu bilden und damit ein Verfahren zu benützen, das den modernsten Erkenntnissen in der Projektentwicklung entspricht, durch die Reform aufgegeben werden sollte, offenbart das Niveau dieser Operation.
Gerade als Informatiker sollten Sie erkennen, dass das Unsinn ist. Ich werde Ihnen gerne "informatisch" antworten.

In einer OO-Sprache erfolgt die Definition neuer Klassen durch eine speziell für die jeweilige Programmiersprache entwicklte Syntax. Diese Syntax ist immer eine Konvention, die manchmal auch einschränkend wirkt. Eine "freiere" Syntax hat oft zur Folge, dass die Möglichkeiten steigen. Außerdem bedeutet eine "kurze" Syntax (also der Versuch, wichtige semantische Unterscheidungen durch winzige Änderungen der Schreibweise wie etwas dem Weglassen von Leerzeichen auszudrücken), dass Programme unleserlich und fehleranfällig werden.

Nun zu natürlichen Sprachen, also beispielsweise Deutsch und Englisch. Die deutsche Syntax-Regel für zusammengesetzte Begriffe ist, sagen Sie, das Zusammenschreiben, und wenn man sie aufgeben würde, würde man der Sprache dieses Mittel rauben. Aber die englische Sprache kennt dieses Mittel gar nicht. Die Syntax-Regel für gewöhnliche Komposita ist das Hintereinanderschreiben (was für ein Ungetüm, aber so ist es eben!). Englische Beispiele:

Elvis Presley Fan Club

America's Cup Winner

Bitte übersetzten Sie diese (oder original deutsche, äquivalente) Beispiele für Komposita und benutzen Sie dabei die deutsche Syntax-Regel, also das Zusammenschreiben. Sie werden feststellen, dass diese Syntax-Regel ein wenig einschränkend wirkt. Und wenn Sie eine Lösung gefunden haben, machen Sie doch mal der "Johannes Gutenberg-Universität" einen Vorschlag, wie man ihren Namen schöner schreiben könnte.

Die englische Syntax-Regel ist (in diesen Fällen!) offenbar flexibler. Damit will ich aber keinesfalls sagen, dass die englische Regel grundsätzlich besser ist. Es sollte nur klar sein, dass die Syntax-Regel des Zusammenschreibens eine reine Konvention und keine notwenige Voraussetzung dafür ist, Komposita zu bilden. Es ist ja auch keine Voraussetzung für OO-Programmieren, dass man die Basisklassen durch Kommas getrennt zwischen Deklaration und Definition der abgeleiteten Klasse schreiben muss.

Im Sinne der OO-Programmierung sind übrigens auch "das große Haus" und das "das kleine Haus" aus der Oberklasse "Haus" abgeleitete Klassen. Offenbar funktioniert das perfekt ohne das Instrument des Zusammenschreibens.

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tok1 31.07.2007, 14:09
12942.

Zitat von hjm
… machen Sie doch mal der "Johannes Gutenberg-Universität" einen Vorschlag, wie man ihren Namen schöner schreiben könnte.
Ich würde der "Johannes Gutenberg-Universität" dringend vorschlagen, sich Johannes-Gutenberg-Universität zu schreiben. Peinlich, peinlich, wie es derzeit dasteht.

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thedirtydozen 31.07.2007, 14:18
12943.

Zitat von tok1
Ich würde der "Johannes Gutenberg-Universität" dringend vorschlagen, sich Johannes-Gutenberg-Universität zu schreiben. Peinlich, peinlich, wie es derzeit dasteht.
Nein, nein, Johannes Gutenberg hat in späteren Jahren Brunhilde Universität geheiratet, wollte aber seinen Geburtsnamen behalten. So erklärt sich der Doppelname. Johannes Gutenberg-Universität steht einträchtig neben Sabine Leutheuser-Schnarrenberger. Man muß es nur richtig lesen!

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Tenor 31.07.2007, 15:00
12944.

Zitat von thedirtydozen
Nein, nein, Johannes Gutenberg hat in späteren Jahren Brunhilde Universität geheiratet, wollte aber seinen Geburtsnamen behalten. So erklärt sich der Doppelname. Johannes Gutenberg-Universität steht einträchtig neben Sabine Leutheuser-Schnarrenberger. Man muß es nur richtig lesen!

Wieder etwas gelernt. Als Jünger der Schwarzen Kunst wurde mir eingebläut, dass sein Familienname Gensfleisch war und das Gutenberg von einem nahegelegenem Berg herrührt.

Natürlich ist Johannes-Gutenberg-Universität korrekt. Sonst
müssten zigtausend Straßenschilder ausgewechselt werden. Wohne in der Albert-Schweitzer-Straße.

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LurchiD 31.07.2007, 15:30
12945.

Zitat von hjm
Gerade als Informatiker sollten Sie erkennen, dass das Unsinn ist. Ich werde Ihnen gerne "informatisch" antworten.[..]
Wollen Sie mich nicht verstehen?

Es ging mir keineswegs um internen Programmcode (der einen externen Verwender von Klassen ja auch einen feuchten Kehricht interessiert), sondern um die Kapselung dieser Klassen.

Und zusammengesetzte deutsche Wörter sind ideal gekapselte Klassen, die einen bestimmten Bedeutungsinhalt zur Verfügung stellen.

Das englische Modell, Komposita zu bilden, ist anders, wie Sie sagen. Man kann irgendwelche Wörter nebeneinanderschreiben, aber darüber, ob sie dadurch einen neuen Bedeutungsinhalt bekommen oder nicht, muß erst eine stillschweigende Übereinkunft hergestellt werden. Die Kapselung ist eben im Englischen nur gegeben, wenn man sich auskennt, im Deutschen bereits formal durch die Zusammenschreibung.

Das englische Modell mag also flexibler sein, aber es erfordert gerade dadurch viel mehr Übereinkunft als das in der Eindeutigkeit überlegene Deutsch (vielleicht ist das eine Mentalitätsfrage, denn auch das angelsächsische Recht ist viel mehr ein Übereinkunftsrecht als unser Recht mit eindeutigen Paragraphen).

Ihre Beispiele zeigen das deutlich:

Elvis Presley Fan Club
Ist das ein Club der Fans von Elvis Presley oder ein Föhnclub, der Elvis Presley heißt oder ein Club, der Elvis-Presley-Föhns zum Inhalt hat?

America's Cup Winner
Ist das der Gewinner des America's Cup, oder sind das Americas Cupgewinner?

Flexibilät wird also erkauft mit Uneindeutigkeit.

Wie man also auf die oberfreche Schnapsidee kommen kann, im Zuge einer Rechtschreibreform(!) für die deutsche Sprache englische Kompositionsregeln einführen zu wollen, das wird mir ein ewiges Welträtsel bleiben.

Zitat von hjm
Und wenn Sie eine Lösung gefunden haben, machen Sie doch mal der "Johannes Gutenberg-Universität" einen Vorschlag, wie man ihren Namen schöner schreiben könnte.
Das ist in der Tat die Meenzer Panne schlechthin, heile, heile Entchen, wird schon widder jut.

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tok1 31.07.2007, 16:25
12946.

Zitat von LurchiD
Das ist in der Tat die Meenzer Panne schlechthin, heile, heile Entchen, wird schon widder jut.
Ich muß korrigieren; es heißt: "Heile, heile Gänsje, ´s wird alles widdä gut"! Der Interpret hieß Ernst Neger und würde heute vermutlich „Ernst Mitbürger afrikanischer Abstammung“ heißen. Außerdem – gemessen an der Tatsache, daß er für dieses Lied von einem Volk geliebt wurde, das kurz zuvor die halbe Welt verwüstet und Millionen von Menschen massakriert hatte, ist eine Universität, die den eigenen Namen nicht schreiben kann, doch harmlos!

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thedirtydozen 31.07.2007, 16:52
12947.

Zitat von tok1
Ich muß korrigieren; es heißt: "Heile, heile Gänsje, ´s wird alles widdä gut"! Der Interpret hieß Ernst Neger und würde heute vermutlich „Ernst Mitbürger afrikanischer Abstammung“ heißen.
Ich wollte es erst wirklich nicht glauben, aber Schülern wird heute mancherorts tatsächlich eingetrichtert, daß es »Schokokuß« zu heißen habe, nicht »Negerkuß«. Da hilft nur ein wehmutsvoller Blick in die Bücher Kästners und in ältere Lindgren-Übersetzungen, die zu Zeiten entstanden sind, als »Neger« noch ein unschuldiges und unverdächtiges Wort war. (In meiner Alltagssprache benutze ich es auch nicht mehr und sage »Farbiger«, bin mit dieser Alternative aber sehr unzufrieden, da ich sie mindestens ebenso herabsetzend finde.) Die Grammatik- und Sprachreform, betrieben von politisch korrekten frömmelnden Christen und gutmenschelnden Pädagogen, sie ist längst in vollem Gange.

Wäre ich heute Student, ich würde bei der Institutsleitung vorstellig werden und darauf bestehen, einen »Studentenausweis« und keinen »Studierendenausweis« zu erhalten -- selbst als Frau! Ich schreibe ja auch nicht »Programmierender« oder »Entwickelnder« auf meine Visitenkarte . . .

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Handy Udy-Oyne 31.07.2007, 18:00
12948.

Zitat von hjm
... dass wir einen starken Trend zum Zusammenschreiben haben. Gerade die Englisch sprechende (und schreibende) Welt schmunzelt ja ein wenig über unsere Bandwurmwörter. ... Konflikt zwischen den Grundfesten der Sprache (Wörter sind Einheiten) und der etwas verqueren Satzstellung (die dazu zwingt, gegen diesen Grundsatz zu verstoßen), ...
Versuch einer Antwort:
1) Nach meiner Auffassung ist die Tiefenstruktur der Zusammensetzungen im Deutschen und im Englischen identisch, solange man sich auf die Wortebene beschränkt: Ob man 'Atom Waffen Sperr Vertrag' schreibt oder 'nonproliferancetreaty' ist zunächst eine Frage des Geschmacks. Doch nun tritt die Grammatik hinzu: Im Deutschen wird der Genitiv durch den vorangestellten Artikel und durch die Endung angezeigt (des Atomwaffensperrvertrags), was eine Klammerwirkung erzeugt. Fügt man in diese Klammer Leerzeichen ein, wird ihre Wirkung zunichte gemacht (*des Atom Waffen Sperr Vertrags), weil man nicht weiß, wo die Klammer endet (z.B. *des Atom). Das Englische markiert oft nur den Anfang (of the...), weshalb kein Grund zur Zusammenschreibung besteht. Allerdings wäre es manchmal sinnvoller, denn die Wortfolge 'pull lever' lässt sich deuten als 'Hebel ziehen' und als 'Zughebel'.
2) Die Klammerwirkung liegt auch dem Trennen von Komposita zugrunde, denn in ein getrenntes Kompositum (hier meine ich auch abgetrennte Vorsilben) lässt sich alles packen, z.B. bei 'auffallen': "Das FIEL dem Präsidenten nach Beginn der Sitzung um Viertel vor neun nach reiflicher Überlegung und Absprache mit seinen Sekretären schon vor ersten Reaktionen seitens der Presse AUF.". Das ist ja das Argument (?) vieler Getrenntschreib-Extremisten, die behaupten: Man sagt 'es fällt auf', also kann man 'auf fallen' schreiben. Denen sei die Lektüre von Punkt 1) angeraten.
3) Vielen Deutschen scheint der Sinn für Wortzusammensetzungen vollkommen abhanden gekommen zu sein. Heute las ich im Kindergarten: "Freiwillige gesucht zum Puppen und Vorhänge waschen". Irgendwo stand sogar mal eine flektierte Form wie "trotz des Früh aufstehens". Mich schüttelt's dabei.

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Reklov 31.07.2007, 18:08
12949.

Zitat von tok1
Ich würde der "Johannes Gutenberg-Universität" dringend vorschlagen, sich Johannes-Gutenberg-Universität zu schreiben. Peinlich, peinlich, wie es derzeit dasteht.
Diese bindestrich-restriktiven Peinlichkeiten gibt's aber werbefritzen-verursacht zuhauf: Hier in FR: Karl Rahner Haus, in HH: Marion Gräfin Dönhoff-Preis und so fort, fort, fort ...

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