Forum: Kultur
Zwiebelfisch - Ist unsere Sprache ein schwerer Pflegefall?

Sprache wandelt sich, doch Regeln sorgen für bessere Kommunikation. Die "Zwiebelfisch"-Kolumne von SPIEGEL ONLINE spießt seltsame Blüten und krasse Fehler des täglichen Sprachgebrauchs auf, klärt Fragen und informiert. Wie beurteilen Sie heute den allgemeinen Umgang mit der Sprache: Stark pflegebedürftig, oder ist er bewusster und kreativer als früher? Woran orientiert sich Ihr Sprachgefühl? Welche Sprachsünden ärgern Sie am meisten?

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Merlinroy 05.08.2007, 22:52
13090. Regionale und historische Grauzonen

Zitat von Tenor;1361182[…
Der falsche Einsatz von haben und sein fällt mir besonders bei unregelmäßigen Verben auf. Und jetzt begebe ich mich auf dünnes Eis. Der Partizip II zeigt doch klar ob der Perfekt mit sein oder haben gebildet wird. Fast alle mit haben, einige mit sein und haben und wenige mit sein. Da kann ich einfach nicht begreifen, wie 90% dieser Verben, sprachlich und schriftlich, mit sein gebildet werden. Meine Haare kräuseln sich, wenn die Zuschauer an der Strecke gestanden sind. Oder er auf der Bank gesessen ist. […]
Sie irren sich bei Ihrer Definition von »richtig« und »falsch«. Das ist in Ihren Beispielen eine Grauzone, die durch regionale und historische Unterschiede entstanden hat … äh, nein … ist:
nämlich zwischen »normalem« Hochdeutsch und dem »preußischen« Deutsch nördlich des Mains (breites Schmunzeln!)

Zitat von
Zu bemängeln ist das ständige Auftauchen des Intransitivums zur Beugung von südhochdeutschen Verben wie „stehen“, „sitzen“ und „liegen“. Die Beugung dieser Wörter im korrekten Hochdeutsch in Süddeutschland (sowie in Österreich, Südtirol und der Schweiz) erfolgt mit dem Hilfsverb „sein“ und nicht „haben“ – also „ist gestanden“, „ist gesessen“ und „ist gelegen“. In allen österreichischen Zeitungen, im Radio, im Fernsehen etc. ist die korrekte südhochdeutsche Grammatik zu lesen resp. zu hören, in den bayerischen leider aber nur selten. Was sagt der Duden? Sogar der Duden zitiert zu diesem Punkt: „Bei liegen, sitzen und stehen hängt sie von der Zugehörigkeit des Sprechenden/Schreibenden zu einem bestimmten Sprachgebiet ab. Während nördlich der Mainlinie das mit »haben« gebildete Perfekt als standardsprachlich gilt („Ich habe in der letzten Reihe gesessen“), überwiegt in Süddeutschland, Österreich und in der Schweiz die sprachgeschichtlich ältere Umschreibung mit »sein« (Wir sind auf der Bank gesessen).“
http://www.bayerische-sprache.de/Ind...e_gesessen.htm

Viele Grüße aus Baden! ;-)

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Reklov 06.08.2007, 23:15
13091.

Zitat von Tenor
Mir ist oft genug vorgeworfen worden, nicht mit dem Duden zu schwenken. Ist doch alles falsch was die schreiben.
Sie übersehen, dass der RS-Duden und der Gramm.-Duden zwei verschiedene Dinge sind. Die DuGra 2006 referiert den gegenwärtigen Stand des Deutschen und gibt somit Antwort auf alle Grammatikfragen, z.B. bei welchen Verben im Perfekt sein bzw. haben steht; auch regionale Unterschiede sind erwähnt. Wie wollen wir hier diskutieren, wenn wir nicht eine "Instanz" als Beleg heranziehen können? Da gerade dieses Thema ein weites Feld ist, sollte jeder seine Information sich selbst beschaffen und davon absehen, eigenes Sprach"gefühl" als den Stand des Deutschen misszuverstehen.

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DarmSpiegel 06.08.2007, 03:45
13092.

Zitat von Tenor
Ich gebe mich geschlagen... (...) ...Sorry. (etc.)
Lieber Tenor,
Sie beleben das SPON-Forum als großer Meister des antiarroganten Entschuldigungsverhaltens.
Das fiel mir nur gerade so auf beim Überfliegen der Beiträge. Nehmen Sie's als Kompliment. Andere mögen es als Lehrbeispiel nehmen.
Ich auch.

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beeblebronx 06.08.2007, 05:58
13093.

Zitat von jensh
Jetzt aber mal wieder was sprachliches. Woher kommt das zweite t in Zeitläufte? Warum nicht Zeitläufe? Ist das künstlich eingesetzt worden, um Verwechslungen zu vermeiden?
Keine Ahnung. Für mich klingt es nach Philosophendeutsch, aber es ist doch ein wunderschönes Wort, oder etwa nicht? Adorno hat freilich noch einen draufgesetzt: »Verstört ist der Weltenlauf.« Vielleicht gibt es sogar »Zeitgeläuft«? Wir könnten ja auch einmal versuchen, eine Top Ten der schönsten deutschen Wörter aufzustellen. Ein Wort gibt es, bei dem ich mich spontan in meine Sprache verlieben könnte, und das heißt Sternschnuppe. Man vergleiche das einmal mit Shooting star -- da ist die ganze Romantik futsch.

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Tenor 06.08.2007, 21:51
13094.

Zitat von beeblebronx
Keine Ahnung. Für mich klingt es nach Philosophendeutsch, aber es ist doch ein wunderschönes Wort, oder etwa nicht? Adorno hat freilich noch einen draufgesetzt: »Verstört ist der Weltenlauf.« Vielleicht gibt es sogar »Zeitgeläuft«? Wir könnten ja auch einmal versuchen, eine Top Ten der schönsten deutschen Wörter aufzustellen. Ein Wort gibt es, bei dem ich mich spontan in meine Sprache verlieben könnte, und das heißt Sternschnuppe. Man vergleiche das einmal mit Shooting star -- da ist die ganze Romantik futsch.

Eine schöne Idee. Könnte man wahrscheinlich ein ganzes Buch
mit füllen. Aber alles ist auch nicht so schön. Fairy tale
gefällt mir besser als Märchen.

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olrik 07.08.2007, 23:58
13095.

Zitat von Reklov
Grammatikbegriffe sind Neutra, also das Partizip und das Perfekt, bitte
Da knurrt der alte Schulmeister ...

Und was ist mit "die Gegenwart", "die Zukunft", ;-)

Oder, um wieder bei den alten Römern auf- bzw. nachzuschlagen: futurus, infinitivus, und, am allerwichtigsten, der casus Reclovi, der imperativus.

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Reklov 07.08.2007, 09:15
13096.

Zitat von olrik
Da knurrt der alte Schulmeister ... Und was ist mit "die Gegenwart", "die Zukunft", ;-) Oder, um wieder bei den alten Römern auf- bzw. nachzuschlagen: futurus, infinitivus, und, am allerwichtigsten, der casus Reclovi, der imperativus.
Danke für die Ehre, aber ich wüsste nicht, wie ich dazu komme. Im übrigen ging's um die aus dem Lat. übernommenen Gramm.begriffe: sie sind meist Neutra, auch das Futur (lat. futurum); 'meist' hatte ich zuvor schon gesagt, denn keine Menge ohne nicht hineinpassendes Element.

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beeblebronx 07.08.2007, 18:18
13097.

Zitat von Reklov
Danke für die Ehre, aber ich wüsste nicht, wie ich dazu komme. Im übrigen ging's um die aus dem Lat. übernommenen Gramm.begriffe: sie sind meist Neutra, auch das Futur (lat. futurum); 'meist' hatte ich zuvor schon gesagt, denn keine Menge ohne nicht hineinpassendes Element.
Lieber Reklov, ich möchte Sie hiermit einmal freundlicherweise darauf aufmerksam machen, daß es keine unangemessene Kalorienanstrengung bedeutet, einmal kurz rechts neben die Null zu hauen und so Adelung zu folgen. »dass« zu schreiben entwertet den Text, er ordnet ihn in die Kategorie Kindergarten ein. Wie Sie wissen, habe ich Ihre Texte immer sehr gerne gelesen, aber Sie müssen sich auch dessen bewußt sein, was Sie mit Ihren Texten anrichten: Sie verbreiten mit Ihrer Schreibweise das Vorurteil, Sie folgten dem Reformschrieb.

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Reklov 08.08.2007, 09:24
13098.

Zitat von beeblebronx
Lieber Reklov, ich möchte Sie hiermit einmal freundlicherweise darauf aufmerksam machen, daß es keine unangemessene Kalorienanstrengung bedeutet, einmal kurz rechts neben die Null zu hauen und so Adelung zu folgen. »dass« zu schreiben entwertet den Text, er ordnet ihn in die Kategorie Kindergarten ein. Wie Sie wissen, habe ich Ihre Texte immer sehr gerne gelesen, aber Sie müssen sich auch dessen bewußt sein, was Sie mit Ihren Texten anrichten: Sie verbreiten mit Ihrer Schreibweise das Vorurteil, Sie folgten dem Reformschrieb.
Lieber Beeblebronx, wie jeder Privatmann (und insb. Pensionär) habe ich die mir als Zwei/Drei-Finger-Schreiber günstige Gelegenheit benutzt, besonders bei 'dass' das ß zu ersetzen, liegen doch d, a, + s nebeneinander und sind daher leichter tippbar als das ß rechts oben. Es bleibt Ihnen und allen anderen unbenommen, Vorurteile zu pflegen; meine übrigen Texte sind klar für die alten Regeln, v. a. was die Getrennt- bzw. Zusammenschreibung und die Kleinschreibung von Adverbien angeht (heute morgen, im übrigen etc.) angeht.

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DarmSpiegel 08.08.2007, 13:46
13099.

Zitat von beeblebronx
Lieber Reklov... ...Sie müssen sich auch dessen bewußt sein, was Sie mit Ihren Texten anrichten...
..."bewusst" (!) sein, bitte. :o)

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