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Zwiebelfisch - Ist unsere Sprache ein schwerer Pflegefall?

Sprache wandelt sich, doch Regeln sorgen für bessere Kommunikation. Die "Zwiebelfisch"-Kolumne von SPIEGEL ONLINE spießt seltsame Blüten und krasse Fehler des täglichen Sprachgebrauchs auf, klärt Fragen und informiert. Wie beurteilen Sie heute den allgemeinen Umgang mit der Sprache: Stark pflegebedürftig, oder ist er bewusster und kreativer als früher? Woran orientiert sich Ihr Sprachgefühl? Welche Sprachsünden ärgern Sie am meisten?

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franz auer 20.08.2007, 08:25
13220.

Zitat von Eliza
Das ist die Deskriptivitis der Duden-Redaktion, die dem Leser aus lauter Angst vor Unwissenschaftlichkeit nicht mal einen Rat zu der aus ihrer Sicht bevorzugenswerten Form gönnt.
Das Buch sagt an anderen Stellen ganz klar, dass bestimmte Formen falsch seien oder dass die eine Form weniger gebräuchlich sei als die andere. Ich schließe daraus, dass die Autoren in der Frage der Perfektbildung der Verben liegen, sitzen, stehen der Meinung sind, dass tatsächlich beide Formen gleichberechtigt sind.

Zitat von
Das ist Betrug am Benutzer, denn der wusste ja schon vorher, bevor er das Buch aufschlug, dass es beide Wendungen GIBT.
Nicht unbedingt. Das Buch ist nicht nur für solche geschrieben, die sich Hilfe bei Zweifelsfällen erhoffen, sondern vor allem für diejenigen, die von Grund auf die deutsche Grammatik kennen lernen wollen.

Zitat von
Die Auskunft, welches die unauffälligste oder beste Form ist, mit der er am wenigsten aneckt und vom Inhalt seiner Aussage ablenkt, wird ihm vorenthalten. Obwohl auch die Auskunft zu dieser Akzeptanz-Frage zu einer kompletten Beschreibung des sprachlichen Befunds gehören würde.
Ich sehe das Problem darin, dass dann nur noch ein kurzer Weg dahin ist, die ungebräuchlichere Form als falsch abzuwerten, so wie es bei der Rechtschreibung geschehen ist. Man sieht das hier ja schon bei manchen Teilnehmern des Forums, dass sie dann solche Formen nicht als Standarddeutsch gelten lassen wollen.

Und womit man aneckt, das ist eben durchaus nicht einheitlich. Ich erinnere mich durchaus, dass ich in der Vergangenheit schon manche von Norddeutschen gebrauchte Perfektbildungen mit haben als seltsam empfunden habe. (Beispiel: "Ich habe geschwommen".)

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tok1 20.08.2007, 09:45
13221.

Zitat von franz auer
Und womit man aneckt, das ist eben durchaus nicht einheitlich. Ich erinnere mich durchaus, dass ich in der Vergangenheit schon manche von Norddeutschen gebrauchte Perfektbildungen mit als seltsam empfunden habe. (Beispiel: "Ich habe geschwommen".)
„Ich habe geschwommen“ würde im Norden niemand schreiben. Nachdem ich in vielen Ecken Deutschlands Zeit verbracht habe, behaupte ich sogar, daß das auch sonstwo kaum der Fall sein dürfte. Beim Schreiben hält man sich weitgehend an die Bewegungsregel (wurde ja ausgiebig erläutert).

Daß es beim Sprechen anders aussieht, ist eine Binsenweisheit. In Hamburg würde man sagen „ich war schwimmen“ (früher: „ik weer baden west“), und wenn die Schwaben derweil g’schwomma hent, solls mir recht sein, solange sie beim Schreiben nicht ins Schwimmen kommen.

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thedirtydozen 20.08.2007, 09:59
13222.

Zitat von tok1
„Ich habe geschwommen“ würde im Norden niemand schreiben.
Ich würde es weder schreiben noch sprechen.

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thedirtydozen 20.08.2007, 10:51
13223.

Zitat von Joachim Baum
Vielleicht zur Abwechslung mal wieder was "Zwiebelfisch"mäßiges ;-): Auf dem Burgplatz oberhalb Meiß(ss?)ens ist ein Hinweisschild worauf unterhalb eines Pfeiles geschrieben steht: "Nach der Stadt".
Hier oben im Norden würde man für sowas wohl milde belächelt, aber ganz so alt kann nach der Stadt gehen nicht sein, immerhin haben noch Hesse und Kästner so geschrieben. Natürlich gibt es hier bei uns auch welche, die Komm, wir gehen nach Oma! sprechen. Das sind meist, ich sage das ohne jeden beabsichtigten Hochmut, Menschen mit eher geringem Bildungsstand. Da mußte ich neulich auf dem Spielplatz grinsen, als ich eine Mutter ihre zwei Kinder anfahren hörte: Ihr benimmt euch wie Esels!

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tok1 20.08.2007, 11:03
13224.

Zitat: "Nach der Stadt".

Zitat von thedirtydozen
Hier oben im Norden würde man für sowas wohl milde belächelt …
Stimmt. Zumindest in meiner Gegend geht man nämlich "nache Stadt hin"!

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thedirtydozen 20.08.2007, 11:17
13225.

Zitat von tok1
Stimmt. Zumindest in meiner Gegend geht man nämlich "nache Stadt hin"!
Von wo kommstn wech? Ich gehe für gewöhnlich inne Stadt.

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tok1 20.08.2007, 11:39
13226.

Zitat von thedirtydozen
Von wo kommstn wech? Ich gehe für gewöhnlich inne Stadt.
Ik bün Heidjer (allerdings zugezogen). Bei uns fährt man nach Aldi hin, und wenn man vom Einkauf zurück ist, war man nach Aldi hin.

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thedirtydozen 20.08.2007, 11:50
13227.

Zitat von tok1
Ik bün Heidjer (allerdings zugezogen). Bei uns fährt man nach Aldi hin, und wenn man vom Einkauf zurück ist, war man nach Aldi hin.
Witzig. Ich bin selbst im Landkreis Lüneburg aufgewachsen. Der hat allerdings mit der Heide soviel zu tun wie das Sauerland mit Sauerbraten. Entscheidend geprägt hat mich wohl das Lüneburgische, so es das überhaupt gibt -- was man in der Salzstadt so spricht, ist ja selbst bereits ein Amalgam aus den Mundarten der umliegenden Dörfer. Das Hanseatische hab ich mir nie angeeignet oder wenigstens teilweise absorbiert, obwohl ich jetzt seit über einem Jahrzehnt in Hamdorf wohne, vielleicht weil es einfach immer an Vorbildern gemangelt hat: echte Hamburger treffe ich nur sehr selten.

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Joachim Baum 20.08.2007, 12:12
13228.

Zitat von tok1
Ik bün Heidjer (allerdings zugezogen). Bei uns fährt man nach Aldi hin, und wenn man vom Einkauf zurück ist, war man nach Aldi hin.
Ich wohne im deutsch-niederländische Grenzgebiet, nordwestlich von Aachen. Dort würde man sagen "jahn (gehen) bei die Aldi" und in Köln, wo ich aufgewachsen bin "ich jonn (gehe) noh (nach) dem Aldi", also auch hier das "nach irgend wohin gehen". Heißt ja auch in dem bekannten Lied so: "Ich mööch zo Fooß noh Kölle jonn"

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Reklov 20.08.2007, 16:12
13229.

Zitat von Joachim Baum
Ich wohne im deutsch-niederländische Grenzgebiet, nordwestlich von Aachen. Dort würde man sagen "jahn (gehen) bei die Aldi" und in Köln, wo ich aufgewachsen bin "ich jonn (gehe) noh (nach) dem Aldi", also auch hier das "nach irgend wohin gehen". Heißt ja auch in dem bekannten Lied so: "Ich mööch zo Fooß noh Kölle jonn"
Ich vermute, dass diese zielende Bedeutung von 'nach' einmal standardsprachlich war, denn mein Großvater (1876 - 1959, Lehrer) verwendet das in seiner Familienchronik durchweg (sie gingen nach der Dammenmühle, nach dem Hohbergsee etc.). Zudem ist diese Bedeutung auch heute noch gängig, nur eben auf Länder, Städte, Dörfer im ganzen bezogen: Ich fahre, gehe nach Frankreich, England, HH, FR, Denzlingen etc.

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