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Zwiebelfisch - Ist unsere Sprache ein schwerer Pflegefall?

Sprache wandelt sich, doch Regeln sorgen für bessere Kommunikation. Die "Zwiebelfisch"-Kolumne von SPIEGEL ONLINE spießt seltsame Blüten und krasse Fehler des täglichen Sprachgebrauchs auf, klärt Fragen und informiert. Wie beurteilen Sie heute den allgemeinen Umgang mit der Sprache: Stark pflegebedürftig, oder ist er bewusster und kreativer als früher? Woran orientiert sich Ihr Sprachgefühl? Welche Sprachsünden ärgern Sie am meisten?

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Reklov 23.08.2007, 10:31
13270.

Zitat von thedirtydozen
Ah ja. Sehen wir uns doch einmal an, was den nichtspezialisierten Ratsuchenden erwartet, wenn er im Wörterverzeichnis des Rates sucht. Da findet er nämlich eine Fülle von gleichberechtigten Varianten: ... -- ...
Gerade diese Wahlempfehlung zeigt, dass der Rat mindestens auf diesem Auge völlig blind war/ist, denn er unterscheidet die beiden sich ausschließenden Bedeutungen von 'wohl' nicht:

1) verstärkend (dann muss zusammengeschrieben werden),

2) bezweifelnd (dann muss getrennt geschrieben werden).

Diesem Unterscheidungsdefizit leisten natürlich die eigentlich einander widersprechenden §§ 36 (2.1) und 36 (1.5) vorschub, denn was unterscheidet funktionell ein adjektivisch gebrauchtes Partizip von einem Adjektiv? Ich meine doch nichts! Also bei 1) in allen Adjektiv/Adverbfällen zusammenschreiben!

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tok1 23.08.2007, 11:04
13271.

Zitat von Reklov
… Die neue DuGra weicht das aber inzwischen gewaltig auf, der Schurnalistenspreche/schreibe (leider) folgend; die geht ja inzwischen soweit, dass das s fehlt, wenn nur schon der Artikel oder die Adjektivendung den Gen. erkennen lässt: des *König*, *Bauer*, *Vater*, *Bruder* etc. *schüttel, schüttel*.
Ist das wahr? Die neue DuGra erlaubt ausdrücklich Formen wie „des König, des Bauer, des Vater, des Bruder“ etc.? Das träfe mich sehr. Ernsthaft.

Die Medien und unser tägliches Leben sind bereits in schwer erträglichem Maße von Oberflächlichkeiten, von Geschmacklosigleiten und Primitivismen bestimmt; in Politik und Unterhaltung haben dumpfe Slogans und Klischees ganz selbstverständlich elaborierte Formulierungen verdrängt, meine Kinder werden gegen meinen Willen mittels staatlich verordneter Deppenrechtschreibung auf diese Tendenz verpflichtet, die Pisa-Generation, längst auch in der Dudenredaktion angekommen, arbeitet der eigenen Verblödung willig zu.

Das erklärt andererseits den Zulauf, den Bastian Sick genießt. Sprache und Denken hängen nun einmal eng zusammen. Neben einer Gefährdung ihrer sprachlichen und geistigen Freiheit dürften viele Menschen auch einen Angriff auf ihre kulturelle Identität empfinden, die nun einmal auf einer großen Sprachtradition beruht. Manchen mag es leichtfallen, mal eben das Genitiv-S zur Disposition zu stellen – für andere bedeutet es ein Antasten ihrer Person.

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LurchiD 23.08.2007, 11:40
13272.

Zitat von thedirtydozen
Wer da noch von einem wohldurchdachten und ausgereiften, zumindest aber von einem akzeptablen Regelwerk und Wörterverzeichnis spricht, ist entweder Opfer formvollendeter Selbsttäuschung oder hat, salopp gesagt, einfach nicht mehr alle Tassen im Schrank.
Neulich sah ich zu meinem Entsetzen dies reclam-Büchlein im Buchladen stehen:

Droste-Hülshoff, Annette von
Die Judenbuche
(Text in neuer Rechtschreibung)


Das bedeutet also, das der Leser nicht mehr wissen wird, was Droste-Hülshoff wirklich geschrieben hat - und das betrifft nicht nur die Verhäßlichung des Textes durch das ss-Gewimmel und die Konsonantentripel.

Vielleich schreibt die Autorin nämlich irgendwo: "furchteinflößend", woraus "Furcht einflößend" wird, oder gar: "wohlbekannt", das der sardonisch grinsende Fledderer in das falsche "wohl bekannt" transformiert? Weiß man es?

Schöne neue Welt.

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thedirtydozen 23.08.2007, 11:54
13273.

Zitat von LurchiD
Neulich sah ich zu meinem Entsetzen dies reclam-Büchlein im Buchladen stehen:
Die Verhunzung von in normaler Rechtschreibung verfaßten Texten ist ohnehin eine einzige Sauerei und Geldschneiderei, die sofort gestoppt werden sollte. Man stelle sich nur einmal vor, was alles so passieren kann, wenn Sekundäranalphabeten Hand an die Texte Thomas Manns oder Hermann Hesses legen. Wer will denn diesen Quark noch lesen?

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LurchiD 23.08.2007, 12:40
13274.

Zitat von thedirtydozen
Man stelle sich nur einmal vor, was alles so passieren kann, wenn Sekundäranalphabeten Hand an die Texte Thomas Manns oder Hermann Hesses legen.
Da wird dann aus:

Meiner Heimat Namen soll ich sagen?
Irgendeinen andern mußt du fragen,
Dem des Sternenhimmels weite Räume
Wohlbekannt sind und das Land der Träume.

(aus: Hermann Hesse, Venezianische Gondelgespräche)


sowas:

Meiner Heimat Namen soll ich sagen?
Irgend einen Andern, mußt Du fragen,
Dem des Sternenhimmels weite Räume
Wohl bekannt sind und das Land der Träume.


Hübsch, nicht?

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molinero 23.08.2007, 13:05
13275. Des Genitivs Genitiv

Zitat von tok1
Ist das wahr? Die neue DuGra erlaubt ausdrücklich Formen wie „des König, des Bauer, des Vater, des Bruder“ etc.? Das träfe mich sehr. Ernsthaft.
Soweit bekannt, erlaubt die Duden-Grammatik überhaupt nichts. Sie stellt ihrerseits nur fest, wessen Sprachnorm wie benutzt wird, und des Faktums ist, dass des Genitivs und seines Eses Zeiten wohl in den Bereich des Vergessens seitens der Sprecher eingetreten ist. Es wäre vielleicht des Interesses, ob des Genitivs so schlechten Rufes nachzufragen.

Zitat von tok1
Manchen mag es leichtfallen, mal eben das Genitiv-S zur Disposition zu stellen – für andere bedeutet es ein Antasten ihrer Person.
Es ist der Untersagungen keine bekannt, mit dem Fall des Genitivs und des dazugehörigen Eses nach Lust und Laune und des sprachlichen Wesens halber um sich zu werfen, aber betrachten wir die Antastung des Persönlichen von ihrer anderen Seite. Man könnte es auch als einen ebensolchen Fall der Antastung betrachten, wenn sich jemand mittels des selbigen Genitivs und seines Eses penetrant belästigt fühlte. Des gleichen Rechtes für alle, oder?

MfG, molinero.

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thedirtydozen 23.08.2007, 13:07
13276.

Zitat von LurchiD
Da wird dann aus: [. . .] Hübsch, nicht?
Reizend. Oder nehmen wir Michael Ende: Da wurde aus Jacob bettelte, dabeibleiben zu dürfen. flugs Jacob bettelte dabei bleiben zu dürfen.

Ganz schlimm finde ich auch den Neu-Kafka Das Schloss. Da habe ich schon gleich nach dem Titel genug und möchte gar nicht erst wissen, welches Unheil da noch so im Text lauert.

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tok1 23.08.2007, 13:18
13277.

Zitat von molinero
… Sprachnorm … des Genitivs so schlechten Rufes nachzufragen …
Ich wußte doch, daß das Wort "elaboriert" Sie umgehend auf den Plan rufen würde. Brav. Aber die sinnvolle Anwendung des Genitivs über wir noch ein wenig, nicht wahr? Derart restringiert dahergewudelt funktioniert er nun mal nicht.

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thedirtydozen 23.08.2007, 13:29
13278.

Zitat von molinero
Soweit bekannt, erlaubt die Duden-Grammatik überhaupt nichts. Sie stellt ihrerseits nur fest, wessen Sprachnorm wie benutzt wird, und des Faktums ist, dass des Genitivs und seines Eses Zeiten wohl in den Bereich des Vergessens seitens der Sprecher eingetreten ist. Es wäre vielleicht des Interesses, ob des Genitivs so schlechten Rufes nachzufragen.
Ich bin mir nicht sicher, ob es hier überhaupt in den letzten beiden Jahrhunderten eine sprachliche Veränderung gegeben hat. Der Gebrauch des Genitiv-s' ist, soweit ich das übersehen kann, schon seit langer Zeit schwankend. Die einen sprechen des Vatikans, die anderen des Vatikan, und beides muß wohl als richtig gelten, auch wenn auf www.duden.de, wie ich gerade sehe, hier das Genitiv-s als unverzichtbar angeführt wird. Vielleicht gibt es hier auch ein Nord-Süd-Gefälle; ich spreche das s jedenfalls so gut wie immer mit.

In vielen Fällen ist das Genitiv-s fakultativ; das alles ist ein alter Hut und kein Anlaß für Sie, hier ob eines weiteren Deklinationswegfalls zu frohlocken. Überhaupt ist mir schleierhaft, warum Sie jede Verarmung unserer Grammatik stürmisch begrüßen. Ist das eine angemessene Haltung für einen studierten Sprachwissenschaftler?

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schnuppe 23.08.2007, 14:13
13279. Orkan

Hallo, neu hier, eine Frage:
wieso muss man sich seit Katrina das Wort "Hurrikan" um die Ohren hauen lassen? Es klingt, deutsch ausgesprochen, total behindert, eine Eindeutschung fände ich wenig gelungen. Englisch ausgesprochen klingt es so, als gäbe es kein Wort auf Deutsch für bösen, gefährlichen Sturm. Das stimmt aber doch gar nicht! Was ist mit dem guten alten "Orkan"? Ist der nicht mehr gut genug? bzw. nicht schlimm genug?

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