Forum: Kultur
Zwiebelfisch - Ist unsere Sprache ein schwerer Pflegefall?

Sprache wandelt sich, doch Regeln sorgen für bessere Kommunikation. Die "Zwiebelfisch"-Kolumne von SPIEGEL ONLINE spießt seltsame Blüten und krasse Fehler des täglichen Sprachgebrauchs auf, klärt Fragen und informiert. Wie beurteilen Sie heute den allgemeinen Umgang mit der Sprache: Stark pflegebedürftig, oder ist er bewusster und kreativer als früher? Woran orientiert sich Ihr Sprachgefühl? Welche Sprachsünden ärgern Sie am meisten?

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FrankK 23.08.2007, 14:16
13280. Hafen oder Haven

Zitat von thedirtydozen
Kuxhafen liegt offenbar an der Elbe
Und eine Google-Suche nach

Wilhelmshafen

ergibt ungefähr 51.100 Treffer.

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LurchiD 23.08.2007, 14:29
13281.

Zitat von thedirtydozen
Reizend. Oder nehmen wir Michael Ende: Da wurde aus flugs Ganz schlimm finde ich auch den Neu-Kafka Da habe ich schon gleich nach dem Titel genug und möchte gar nicht erst wissen, welches Unheil da noch so im Text lauert.
Dadurch, daß die Schüler in Neuschreibung unterrichtet und so an das entsprechende Schriftbild gewöhnt (angefixt) werden, kann schön sichergestellt werden, daß von der überwiegenden Mehrzahl der Schüler wirklich nur die für den Schulgebrauch konvertierten Bücher gelesen werden und nicht heimlich irgendwas anderes.

So läßt sich der unproduktiven und kontrakonsumistischen Leseratterei prima Herr werden.

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molinero 23.08.2007, 14:43
13282. Et kütt wie et kütt

Zitat von tok1
Ich wußte doch, daß das Wort "elaboriert" Sie umgehend auf den Plan rufen würde. Brav. Aber die sinnvolle Anwendung des Genitivs üben wir noch ein wenig, nicht wahr? Derart restringiert dahergewuselt funktioniert er nun mal nicht.
Klar, war ja eine offensichtliche Jux-Übertreibung, aber ich fürchte, da liegt der Hund begraben: der Genitiv, und in seinem Fahrwasser der Dativ, haben im alltäglichen Sprachgebrauch mündlich wie schriftlich die Klinke in der Hand. Sprachliche Änderungen beginnen der historischen Erfahrung nach auf unterster Ebene, in der Volkskultur, und schaukeln sich im Verlauf der Zeiten, das kann lange dauern, bis in die Sprache der hohen Kultur hinauf. Heutzutage startet das oft über die Sprache der Kabarettisten, in früheren Zeiten, und sogar schon im Alten Rom, über Figuren des Theaters, heute oft über literarische Figuren, die ihre eigentümliche Sprache mitbringen. Ich glaube, dass es keinen großen Zweck hat, ein gewaltiges Zeter und Mordio zum Thema zu erheben. "Et kütt wie et kütt" sagt man bei solchen unaufhaltsamen Entwicklungen im alten Köln, ein weiser Ausspruch, was die Sprachentwicklung betrifft. Denn was könnte man schon unternehmen, um die beiden Fälle zu retten? Eine Sprachverkehrsordnung mit Strafmandaten? Und was, wenn sich eine Bürgerinitiative gegen die Belästigung durch den Genitiv gründete? Und warum eigentlich hat der Genitiv sich den Ruch der Hochnäsigkeit eingehandelt, der ihm anhängt wie der Geruch am Fisch? Wenn man das Deutsche von einer anderen Sprache aus angeht, bekommt man das sehr schnell mit.

MfG, molinero.

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LurchiD 23.08.2007, 15:32
13283.

Zitat von molinero
Und warum eigentlich hat der Genitiv sich den Ruch der Hochnäsigkeit eingehandelt, der ihm anhängt wie der Geruch am Fisch?
Das betrifft aber wirklich nur die gesprochene Sprache, keinesfalls die Schriftsprache.

Ich weiß, daß Sie nicht glauben wollen, daß bei dieser andere Regeln gelten als bei jener, aber ein Text, in dem "dem Ralf sein Vater" oder "der Vater vom Ralf" statt "Ralfs Vater" vorkäme, wirkte schon sehr infantil.

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tok1 23.08.2007, 15:55
13284.

Zitat von molinero
Klar, war ja eine offensichtliche Jux-Übertreibung, aber ich fürchte, da liegt der Hund begraben: der Genitiv, und in seinem Fahrwasser der Dativ, haben im alltäglichen Sprachgebrauch mündlich wie schriftlich die Klinke in der Hand. Sprachliche Änderungen beginnen der historischen Erfahrung nach auf unterster Ebene, in der Volkskultur, und schaukeln sich im Verlauf der Zeiten, das kann lange dauern, bis in die Sprache der hohen Kultur hinauf. Heutzutage startet das oft über die Sprache der Kabarettisten, in früheren Zeiten, und sogar schon im Alten Rom, über Figuren des Theaters, heute oft über literarische Figuren, die ihre eigentümliche Sprache mitbringen. Ich glaube, dass es keinen großen Zweck hat, ein gewaltiges Zeter und Mordio zum Thema zu erheben. "Et kütt wie et kütt" sagt man bei solchen unaufhaltsamen Entwicklungen im alten Köln, ein weiser Ausspruch, was die Sprachentwicklung betrifft. Denn was könnte man schon unternehmen, um die beiden Fälle zu retten? Eine Sprachverkehrsordnung mit Strafmandaten? Und was, wenn sich eine Bürgerinitiative gegen die Belästigung durch den Genitiv gründete? Und warum eigentlich hat der Genitiv sich den Ruch der Hochnäsigkeit eingehandelt, der ihm anhängt wie der Geruch am Fisch? Wenn man das Deutsche von einer anderen Sprache aus angeht, bekommt man das sehr schnell mit.
Im Grunde hatten wir das alles schon mal; trotzdem eine Antwort. Klar doch, alle sprachliche Änderungen gehen vom Volke aus, und in früheren Zeiten fanden sie jeweils Eingang in den Schriftgebrauch, wenn ihnen literarischer Belang zukam. Heute indessen werden sie schon vom Duden aufgesogen, wenn ein Nachrichtensprecher dem Teleprompter nicht recht folgen kann oder auf einem Ich-will-fiken-T-Shirt das C vergessen wurde. Da ist es schon albern, die Einflüsse, welchen die Sprache heute unterliegt, mit jenen im alten Rom gleichzusetzen. Was sagen Sie – der Genitiv klingt hochnäsig? Für wen? Für Leute im Ich-will-fiken-T-Shirt? Gern geschehen!

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thedirtydozen 23.08.2007, 15:57
13285.

Zitat von LurchiD
Das betrifft aber wirklich nur die gesprochene Sprache, keinesfalls die Schriftsprache.
Man kann es gar nicht oft genug sagen: Schrift und Rede sind zwei verschiedene Sprachen. Sie sind beide deutsch und bedingen einander, doch sie gehorchen unterschiedlichen Gesetzen. Wer das nicht einsehen will, mag eben so schreiben, wie er spricht, und sich mit primitiven Ergebnissen begnügen.

Das sähe dann vielleicht so aus:

Das kann man ja auch gar nicht oft genug sagen, nämlich, Schrift und Rede, das sind zwei verschiedene Sachen. Beides ist deutsch, und das eine hat natürlich auch mit dem andern was zu tun und umgekehrt, aber es ist eben nicht dasselbe. Wer das nicht versteht, kann ja einfach mal ausprobieren, so zu schreiben, wie er spricht, dann sieht er schon, wo er landet. Würde ich jetzt vielleicht sagen oder so. Was meinen Sie?

*

Noch ein Nachtrag zu meiner obigen Antwort an molinero mit Sombrero: daß das Genitiv-s in manchen Fällen entfallen kann, bedeutet natürlich nicht, daß es völlig entbehrlich wäre oder daß Sie sich sein Verschwinden wünschen sollten. Wer auf unserem Planet wandelt, seinen Kaffee auf dem Automat abstellt und seinen Präsident zum Teufel wünscht, hat die deutsche Sprache nicht mehr uneingeschränkt zum Verbündeten. Wendungen wie des Vater, des Buch und des Bürger sind und bleiben falsches Deutsch.

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tok1 23.08.2007, 16:14
13286.

Zitat von schnuppe
Hallo, neu hier, eine Frage: wieso muss man sich seit Katrina das Wort "Hurrikan" um die Ohren hauen lassen? Es klingt, deutsch ausgesprochen, total behindert, eine Eindeutschung fände ich wenig gelungen. Englisch ausgesprochen klingt es so, als gäbe es kein Wort auf Deutsch für bösen, gefährlichen Sturm. Das stimmt aber doch gar nicht! Was ist mit dem guten alten "Orkan"? Ist der nicht mehr gut genug? bzw. nicht schlimm genug?
Orkan ist nicht schlimm genug, liegt nur bei Windstärke 12. Ein „Hurrikan“ ist außerdem immer ein Wirbelsturm (im westlichen Pazifik Taifun genannt). Natürlich könnten wir statt „Hurrikan“ ebenso treffend Zyklon sagen (für Wirbelstürme im Indischen Ozean gebräuchlich), aber damit brächten wir uns ja gerade um das Vergnügen an den diversen deutschen Hurricane-Stammelstufen: „Hörricken“, „Herricken“, „Hörricäin“.

Als Kinder haben wirs mit deutschem U und ansonsten wie Pelikan ausgesprochen. Hatte eigentlich den meisten Charme.

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thedirtydozen 23.08.2007, 16:16
13287.

Zitat von thedirtydozen
Wendungen wie und sind und bleiben falsches Deutsch.
Hehe, [i]des Vater Nikolai[i] wäre wohl eine denkbare Ausnahme. Ganz sicher bin ich mir da aber nicht. Wo ist Reklov, wenn man ihn braucht . . .

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Reklov 23.08.2007, 18:12
13288.

Zitat von schnuppe
Hallo, neu hier, eine Frage: wieso muss man sich seit Katrina das Wort "Hurrikan" um die Ohren hauen lassen? Es klingt, deutsch ausgesprochen, total behindert, eine Eindeutschung fände ich wenig gelungen. Englisch ausgesprochen klingt es so, als gäbe es kein Wort auf Deutsch für bösen, gefährlichen Sturm. Das stimmt aber doch gar nicht! Was ist mit dem guten alten "Orkan"? Ist der nicht mehr gut genug? bzw. nicht schlimm genug?
Dann wohl doch besser 'Wirbelsturm' oder das ostasiatische 'Taifun'. Das wird aber vergeblich sein, denn die Anbiederung ans Amerikanische ist ja schon weit fortgeschritten.

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Reklov 23.08.2007, 18:19
13289.

Zitat von thedirtydozen
Hehe, [i]des Vater Nikolai[i] wäre wohl eine denkbare Ausnahme. Ganz sicher bin ich mir da aber nicht. Wo ist Reklov, wenn man ihn braucht . . .
Da! Nein, nein, nein: Nur: 'des Vaters Nikolai'!

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