Forum: Kultur
Zwiebelfisch - Ist unsere Sprache ein schwerer Pflegefall?

Sprache wandelt sich, doch Regeln sorgen für bessere Kommunikation. Die "Zwiebelfisch"-Kolumne von SPIEGEL ONLINE spießt seltsame Blüten und krasse Fehler des täglichen Sprachgebrauchs auf, klärt Fragen und informiert. Wie beurteilen Sie heute den allgemeinen Umgang mit der Sprache: Stark pflegebedürftig, oder ist er bewusster und kreativer als früher? Woran orientiert sich Ihr Sprachgefühl? Welche Sprachsünden ärgern Sie am meisten?

Seite 1330 von 2822
tanu 23.08.2007, 19:35
13290.

Zitat von schnuppe
Hallo, neu hier, eine Frage: wieso muss man sich seit Katrina das Wort "Hurrikan" um die Ohren hauen lassen? Es klingt, deutsch ausgesprochen, total behindert, eine Eindeutschung fände ich wenig gelungen. Englisch ausgesprochen klingt es so, als gäbe es kein Wort auf Deutsch für bösen, gefährlichen Sturm. Das stimmt aber doch gar nicht! Was ist mit dem guten alten "Orkan"? Ist der nicht mehr gut genug? bzw. nicht schlimm genug?
Die Wörter Hurrikan und Orkan haben die gleiche Wurzel. Ursprünglich ein Wort der Maya haben die Spanier es als huracan von den Kariben übernommen. Die Franzosen machten daraus ouragan, die Holländer orkaan und die Engländer hurrican.

Im Deutschen bedeutet Orkan - also das Lehnwort aus dem Holländischen - einen schweren Sturm, wie er in unseren Breiten aus einem Tiefdruckgebiet mit Frontensystem entstehen kann.

Ein tropischer Wirbelsturm, also ein Hurrikan, Taifun oder Zyklon, ist meteorologisch ein völlig anderes Windsystem als ein Orkan der gemäßigten Breiten. Ein Hurrikan hat keine Fronten, hat ein windstilles Auge, schüttet erhebliche Wassermassen aus und verliert über Land sofort seine Stärke, alles Eigenheiten, die ein Orkan nicht zeigt. Außerdem kann ein Hurrikan doppelt so hohe Widgeschwindigkeit haben.

Seeleute haben schon vor langer Zeit das Wort Hurrikan aus dem Englischen entlehnt und deutsch gesprochen. Wenn Journalisten jetzt wieder zur englischen Aussprache übergehen, zeigt das das gleiche Unverständnis wie die Übernahme zum Beispiel naturwissenschaftlicher Ausdrücke, für die es ebenso alte (wenn nicht ältere) deutsche Wörter gibt.

Beitrag melden
jensh 23.08.2007, 19:53
13291.

Zitat von LurchiD
Neulich sah ich zu meinem Entsetzen dies reclam-Büchlein im Buchladen stehen:
Nun, zumindest wird man gewarnt. Ist vergleichbar mit den Sprüchen auf Zigarettenschachteln.

Beitrag melden
tanu 23.08.2007, 20:15
13292.

Zitat von tok1
...Natürlich könnten wir statt „Hurrikan“ ebenso treffend Zyklon sagen
Problematisch! In der Meteorologie heißt ein Tiefdruckgebiet auf der Nordhalbkugel Antizyklone, weil der Wind gegen den Uhrzeiger weht. Entsprechend heißt ein Hochdruckgebiet auf der Nordhalbkugel Zyklone. Auf der Südhalbkugel ist es genau umgekehrt und deshalb heißen tropische Wirbelstürme im Südpazifik und im südlichen Indischen Ozean zu Recht Zyklone. Als Sammelbezeichnung für tropische Wirbelstürme würde ich das aus dem Chinesischen stammende Taifun vorziehen. Zitat von tok1
[Zyklon:] für Wirbelstürme im Indischen Ozean gebräuchlich
Dass die Bezeichnung Zyklon auf den nördlichen Indik (Golf von Bengalen) übertragen wurde, ist eigentlich eine sprachliche Fehlleistung. Zitat von tok1
Als Kinder haben wirs mit deutschem U und ansonsten wie Pelikan ausgesprochen. Hatte eigentlich den meisten Charme.
Ganz meine Meinung!

Beitrag melden
tanu 23.08.2007, 20:34
13293.

Zitat von Reklov
Dann wohl doch besser 'Wirbelsturm' oder das ostasiatische 'Taifun'. Das wird aber vergeblich sein, denn die Anbiederung ans Amerikanische ist ja schon weit fortgeschritten.
Auch Tornados und Wasserhosen sind Wirbelstürme, für eine eindeutige Bezeichnung ist das Attribut tropisch notwendig. Taifun als Sammelbezeichnung finde ich besser, weil die Taifune die schlimmsten tropischen Wirbelstürme sind und weil in dieser Bezeichnung keine Drehrichtung impliziert ist.

Die Anbiederung muß man ja nicht mitmachen, aber andererseits ist NOAA die unübertroffen beste Informationsquelle, wenn man etwas über tropische Wirbelstürme wissen will.

Beitrag melden
molinero 23.08.2007, 21:48
13294. Lengua-norma-habla

Zitat von thedirtydozen
Man kann es gar nicht oft genug sagen: Schrift und Rede sind zwei verschiedene Sprachen.
Nein. Es sind nicht verschiedene Sprachen sondern verschiedene sprachliche Normen (nach Coseriu).

Zitat von thedirtydozen
Wendungen wie und sind und bleiben falsches Deutsch.
Falsche Norm, wenn überhaupt. In einer lebendigen natürlichen Sprache liegen Fehler auf viel tieferen Ebenen.

Es ist mit immer etwas peinlich darauf hinzuweisen, aber es wäre vielleicht von Interesse, sich ein ganz klein wenig mit den Grundbegriffen der allgemeinen Sprachwissenschaft zu beschäftigen. Das geläufige Sprechen oder Schreiben in einer Sprache ist nicht ausreichend, allgemeingültige Aussagen über eine Sprache zu machen.

MfG, molinero.

Beitrag melden
molinero 23.08.2007, 22:22
13295. Alles nicht so einfach

Zitat von LurchiD
Das betrifft aber wirklich nur die gesprochene Sprache, keinesfalls die Schriftsprache. Ich weiß, daß Sie nicht glauben wollen, daß bei dieser andere Regeln gelten als bei jener, aber ein Text, in dem "dem Ralf sein Vater" oder "der Vater vom Ralf" statt "Ralfs Vater" vorkäme, wirkte schon sehr infantil.
Kommt darauf an, wer sich gerade äußert. Sagen wir einmal in einem Ruhrgebiets-Krimi im Ambiente einer alten Zechensiedlung wäre die Äußerung "Ralfs Vater" ein absolut deplazierter Stilbruch. Dort würde diese Äußerung wie das typisch hochnäsige Herunterputzen eines Menschen, der nach anderen Normen redet als nach den Normen der formellen Hochsprache.

Es gibt übrigens keine Schriftsprache. Nur eine Schriftnorm (bei Coseriu im Internet nachsehen).

MfG, molinero.

Beitrag melden
LurchiD 23.08.2007, 23:07
13296.

Zitat von molinero
Das geläufige Sprechen oder Schreiben in einer Sprache ist nicht ausreichend, allgemeingültige Aussagen über eine Sprache zu machen.
Umgekehrt ist das Machen allgemeingültiger Aussagen über eine Sprache nicht ausreichend, diese Sprache geläufig zu sprechen oder zu schreiben.

Beitrag melden
thedirtydozen 24.08.2007, 08:36
13297.

Zitat von molinero
Kommt darauf an, wer sich gerade äußert. Sagen wir einmal in einem Ruhrgebiets-Krimi im Ambiente einer alten Zechensiedlung wäre die Äußerung "Ralfs Vater" ein absolut deplazierter Stilbruch.
Natürlich sind für die wörtliche Rede andere Maßstäbe zu berücksichtigen als für den restlichen Text. Das ist hier allseits unbestritten. Aber auch die wörtliche Rede in der Prosa ist noch immer nicht die wörtliche Rede, wie sie auf den Bürgersteigen gesprochen wird.

Und ob wir hier von verschiedenen Normen oder Sprachen sprechen, ist doch letztlich unerheblich. Wenn das Geschriebene einen anderen Wortschatz kennt als das Gesprochene, eine andere Grammatik, einen anderen Satz- und Textaufbau, ist es ganz bestimmt zulässig, hierin zwei verschiedene Sprachen zu erkennen. Aber gut, wenn Sie so wollen, dann eben: Normen. Das hat zwar für mich gleich den negativen Beigeschmack eines ISO-Standards, aber meinetwegen.

Beitrag melden
tok1 24.08.2007, 08:44
13298.

Zitat von molinero
Nein. Es sind nicht verschiedene Sprachen sondern verschiedene sprachliche Normen (nach Coseriu).
Erstaunlich! Ausgerechnet der Künder der tausend Codes erhebt den eigenen zum alleingültigen und erklärt zugleich:
Zitat von molinero
… Das geläufige Sprechen oder Schreiben in einer Sprache ist nicht ausreichend, allgemeingültige Aussagen über eine Sprache zu machen.
Wenn ich beim geläufigen Schreiben kurz helfen darf, Molinero: Sie meinen, die bloße Beherrschung einer Sprache befähige noch nicht dazu, Erkenntnisse über sie zu gewinnen, richtig?

Diese Behauptung ist anmaßender Unfug. Jeder Erstkläßler kann beispielsweise die allgemeingültige Feststellung treffen: hey, deutsche Sätze verfügen gern über Subjekt und Prädikat. Daß nähere Betrachtungen sehr viel differenzierte Aussagen zulassen, ist selbstverständlich. Linguistische Termini sind dabei keineswegs unentbehrlich.

Beitrag melden
Reklov 24.08.2007, 08:44
13299.

Zitat von thedirtydozen
Natürlich sind für die wörtliche Rede andere Maßstäbe zu berücksichtigen als für den restlichen Text.
Paradebeispiel: "Das verborgene Wort" von Ulla Hahn, worin alle direkten Reden im rheinischen Dialekt wiedergegeben sind; das verführte übrigens Reich-Ranitzki zu einem völligen Verriss.

Beitrag melden
Seite 1330 von 2822
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!