Forum: Leben und Lernen
Akademisches Recylcing: Darf ich bei mir selbst abschreiben?
DPA

Ein nordrhein-westfälischer SPD-Mann steht unter Plagiatsverdacht, weil er seine Magisterarbeit zur Doktorarbeit aufgemöbelt haben soll. Aber ist akademisches Recycling und Mehrfachveröffentlichung nicht durchaus üblich?

Seite 3 von 4
rosenvater 10.01.2013, 19:30
20. Aha

Zitat von Björn Borg
Zu klären wäre ja mal, ob eine Abschlussarbeit überhaupt eine 'Veröffentlichung' darstellt. Zu meiner Zeit war das keineswegs so: Von meiner Magisterarbeit (1987) existieren, wie damals vorgesehen, nur fünf oder sechs Exemplare. Natürlich habe ich diese Prüfungsleistung in meiner Dissertation ausgschlachtet.
eben. Mal abgesehen davon: auch wenn meine Arbeit veröffentlicht ist, heißt das doch noch lange nicht, dass ich nicht die gleichen Thesen.... verwenden kann. Langsam wird es wirklich übertrieben. Es werden auch aus Artikeln Bücher, aus Büchern Artikel, aus Foren/Blog-Beiträgen Bücher usw. Solange ich selbst meine Diplom-/Doktorarbeit etc. wieder verwende und dies den Anforderungen/Wünschen/Interesse usw. entspricht, ist das doch absolout ok.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
logikprof 10.01.2013, 20:07
21. Eigenplagiate werden bei wissenschaftlichen Publikationen nicht geduldet

Ich bin Editor einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Ein Autor muss sich vor einer Publikation darin erpflichten, die Arbeit nirgendwo anders einzureichen oder eingereicht zu haben.
Bei Nichtbeachtung dieser Regel landet er auf einer black list und sein Ruf ist dauerhaft beschaedigt. Solche Faelle sind sehr selten und bei den bei mir eingereichten Arbeiten noch nie aufgetreten.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Bergunfall 10.01.2013, 20:45
22. .

Zitat von logikprof
Ich bin Editor einer wissenschaftlichen Zeitschrift. Ein Autor muss sich vor einer Publikation darin erpflichten, die Arbeit nirgendwo anders einzureichen oder eingereicht zu haben. Bei Nichtbeachtung dieser Regel landet er auf einer black list und sein Ruf ist dauerhaft beschaedigt. Solche Faelle sind sehr selten und bei den bei mir eingereichten Arbeiten noch nie aufgetreten.
Bei uns ist es so, dass man Veröffentlichungen nicht bei mehreren Zeitschriften einreichen darf, wohl aber bei einer Zeitschrift und dann bei der eigenen Diss. Letztlich fasst eine Diss nur das zusammen, was man die letzten Jahre auf dem Thema so gemacht hat, und alles nennenswerte davon hat man schon bei Zeitschriften veröffentlicht.
Im Gegenteil: Würde man was neues nur in seiner Diss veröffentlichen, würde sich jeder fragen, warum hat er das nicht auch in einer Zeitschrift veröffentlicht? Das hat zweifelsohne die größere Leserschaft. Will der Typ also was verheimlichen?

Der Ausdruck Selbstplagiat ist in etwa so unsinnig wie Eigendiebstahl oder Fremdselbstbefriedigung.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
wolfon1 10.01.2013, 21:43
23. Promotionsverfahren

Habe 1979 im Fachgebiet Pädiatrie promoviert und über ein Thema gearbeitet (postgraduell, neben dem Berufsstress, 7Jahre lang), das mir durch den Klinikdirektor vorgegeben wurde. Dazu wurde ein Doktorvater benannt und mir ein Oberarzt als Betreuer zugewiesen. Meine Untersuchungen wurden stets kritisch begleitet und ich erhielt Literaturhinweise zu dem Thema.
Nach Abschluss meiner Untersuchungen und Niederschrift
der Promotionsschrift wurde diese von 3 unabhängigen Gutachtern geprüft und schließlich anerkannt. In einem öffentlichen Rigorosum hatte ich meine Dissertation zu verteidigen. Erst danach wurde mir das Resultat ( in meinem Fall 'cum laude') eröffnet.
Es ist mir unverständlich, warum man heute bei Promotionsverfahren von dieser bewährten Vorgehensweise abgewichen ist und weiter, dass man sich
offenbar nicht nach dem eigentlichen Sinn einer 'Doktorarbeit' fragt. Von dem Doktoranden werden
keine wissenschaftlichen, neuen Erkenntnisse erwartet; vielmehr geht es einzig darum, dass der Kandidat durch seine Arbeit belegt, dass er dazu in der Lage ist, wissenschaftlich zu denken und zu arbeiten. Wenn durch seine Arbeit tatsächlich neue Erkenntnisse gewonnen werden können, ist dies ein Glücksfall. Solche Fälle sind aber Genies vorbehalten.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Canosir 10.01.2013, 22:03
24. Diese Auffassung

Zitat von wolfon1
Habe 1979 im Fachgebiet Pädiatrie promoviert .... Von dem Doktoranden werden keine wissenschaftlichen, neuen Erkenntnisse erwartet; vielmehr geht es einzig darum, dass der Kandidat durch seine Arbeit belegt, dass er dazu in der Lage ist, wissenschaftlich zu denken und zu arbeiten....
Dieser Auffassung verdanken wir, dass das European Research Council (ERC) den deutschen 'Dr. med.' nicht als echtes Doktorat anerkennt, und deswegen von der Mittelvergabe ausschliesst. Der Wissenschaftsrat schliesst sich dieser Position uebrigens an:
Promovieren in der Medizin - die Position des Wissenschaftsrates - academics.de

In der Regel muss eine Doktorarbeit naemlich sehr wohl neue Erkenntnisse beitragen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
viwaldi 11.01.2013, 23:53
25. Darf ich bei mir selbst abschreiben: JA

Zitat von sysop
Ein nordrhein-westfälischer SPD-Mann steht unter Plagiatsverdacht, weil er seine Magisterarbeit zur Doktorarbeit aufgemöbelt haben soll. Aber ist akademisches Recycling und Mehrfachveröffentlichung nicht durchaus üblich?
Im Artikel wie in den Beiträgen geht es mal wieder wild durcheinander. Natürlich darf ich bei mir selbst abschreiben (meine Genehmigung habe ich ja). Sicher ist es auch schlechter Stil, wenn ich wissenschaftliche Ergebnisse mehrmals verwurste. Etwas anderes wird es aber bei einer Promotion sein, wo man ja zumeist über eine zusätzlicher Erklärung versichern muß, das diese Arbeit original ist und noch nie vorher veröffentlicht wurde bzw. als Promotionsleistung eingereicht wurde (Wortlaut variiert von Uni zu Uni). Eine alte Diplomarbeit oder Magisterarbeit einfach mal später als Dr. einzureichen dürfte daher sehr wohl massive Probleme verursachen, wenn es rauskommt. Die zusätzliche Erklärung ist also das Problem, hier wurde dann mit Wahrscheinlichkeit gelogen. Eigene Ergebnisse rein wissenschaftlich (in Realität meist ja dann mit zusätzlichen neueren Erkenntnissen oder Untersuchungen angereichert und neu diskutiert) weiterzuverwerten halte ich für nicht relevant. Alles andere ist Korinthenkackerei.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Chyros 11.01.2013, 01:59
26. optional

"...der Versuch eines klaren Gedankens: Wissenschaftler werden von anderen Wissenschaftlern denunziert, weil erstere auf der Grundlage ihrer Arbeiten zu weiteren Erkenntnissen kommen wollen."

Leider blieb es beim Versuch: Sie werden nicht, denunziert, weil sie neue Gedanken auf ihren alten fußen wollen, sondern nur, weil sie es nicht deutlich genug kennzeichnen. Capisco?

Beitrag melden Antworten / Zitieren
inverts 11.01.2013, 06:23
27. Da gibt es Feinheiten ...

Dass M&M per copy-paste mehrfach verwertet werden ist ja klar. PCR Protokoll in neue Prosa fassen? Was für ein Schwachsinn!
Meine Diss war /- voll vorher veröffentlicht. Ist so klar in der Einführung gekennzeichnet, und erleichtert auch die Diss Prüfung, denn die papers sind schon durch peer review gekommen.
Auch was Doppelpublikation ist, ist nicht so klar. Wenn die selben Daten auf verschiedene Arten analysiert werden, dann ist das durchaus legitim. Das berüchtigte "least publishable unit" ist sicherlich ein Ärgerniss. Aber das erkennt jeder im Fachbereich. Ein CV mit zig Kleinstarbeiten mag wohl mehr Einträge haben, aber es sieht schäbiger aus als eine mit weniger umfangreiche Arbeiten. Jede Berufungskommision sieht da durch.

Fazit: die Welt ist um eine Ente/Canard reicher.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
sista72 11.01.2013, 07:05
28. Erwartungen an die Diss

Zitat von wolfon1
Von dem Doktoranden werden keine wissenschaftlichen, neuen Erkenntnisse erwartet; vielmehr geht es einzig darum, dass der Kandidat durch seine Arbeit belegt, dass er dazu in der Lage ist, wissenschaftlich zu denken und zu arbeiten. Wenn durch seine Arbeit tatsächlich neue Erkenntnisse gewonnen werden können, ist dies ein Glücksfall. Solche Fälle sind aber Genies vorbehalten.
Das ist nicht korrekt. Die Fähigkeit zur wissenschaftlichen Arbeit wird in der Abschlussarbeit nachgewiesen - danach ist durchaus zu erwarten, dass sich die Doktoranden so mit dem Forschungsgegenstand auseinander setzen (und neue Quellen finden oder neue Sichtweisen präsentieren), dass sie auf diese Weise neue Erkenntnisse bringen. Wenn es anders wäre, dann wären Dissertationen entwertet. Es braucht also kein Genie, es braucht eine gut durchdachte Fragestellung, ein erkennbar erkenntnisleitendes Interesse, eine vernünftige Methode und nicht zuletzt die mühsame, aber einzig sinnvolle Arbeit aus den Quellen.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
leser008 11.01.2013, 09:13
29. Praxisrelevant ?

Zitat von besserwespe
Das Fatale bei den ganzen Plag-Vorwürfen ist, dass es in Wahrheit keine eindeutigen Regeln gibt, was wie zu kennzeichnen ist. Es schwingen sich selbsternannte Ethik-Päpste zum akademischen Gesetzgeber, Richter und Vollstrecker in Personalunion auf - ohne jede nachvollziehbare Legitimation. Es ist absolut üblich, dass gute Masterarbeiten zu Dissertationen weiter entwickelt werden. Masterarbeiten werden häufig nicht einmal veröffentlicht. (Hat der Autor sich übrigens die Mühe gemacht, das in diesem Fall vorher zu recherchieren, bevor er den Vorwurf des "Eigenplagiats" nachschwätzt?) Die Frage ist doch eher die: Was soll man von einem Doktorvater halten, der jetzt behauptet, er habe nicht gewusst, dass vorher eine ganz ähnliche Masterarbeit geschreiben worden war. Hat er nicht mal den Lebenslauf des Doktoranden gelesen? Wenn die Diss. nicht gut genug war, weil sie keine neuen Erkenntnisse enthalten hat, wieso ist sie dann durchgekommen? Wissenschaft zeichnet sich durch oriiginelle Gedanken aus, nicht durch Fußnoten.
In den meisten Fächern ist es doch so, dass man in einem Teilbereich irgendwann so bewandert ist, dass man dort auch publiziert. Oder man wird gefragt, ob man dazu nicht mal was schreiben könne.
Und gerade für die Diss sucht man sich doch kein völlig neues Thema und legt los. Natürlich wird dann darauf hingewiesen. Mir scheint hier mal wieder eine political correctness durchgezogen zu werden, die völlig an der Praxis vorbeigeht.

Beitrag melden Antworten / Zitieren
Seite 3 von 4