Forum: Leben und Lernen
Alptraum Promotion: Doktoranden vor der Pleite

Dumpinglöhne, Selbstausbeutung und sehr viel Arbeit: Zehntausende deutsche Doktoranden leben in prekären Verhältnissen. Statt sich um den notleidenden Forschernachwuchs zu kümmern, setzen die Universitäten auf Prestigeprojekte. Jetzt regt sich Widerstand.

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falcon12 13.08.2010, 09:52
1. Eigentlich ist in unserer Geiz-ist-geil-Gesellschaft doch nichts anderes zu erwarten

Dass Doktoranden und Praktikanten als billige und willige (nur nicht unangenehm auffallen) Knechte missbraucht werden, ist ja leider nichts Neues. Aber ich finde es symptomatisch für unsere heutige Gesellschaft: Alles wollen und möglichst nichts bezahlen. Deutschland ist eine Wissensgesellschaft ? Wissen ist unser Kapital ? Wir sehen bei Pisa schlecht aus ? Sofort wird nach Geld für die Ausbildung gerufen und es gibt Aktionismus um die Schulen und die Kitas etc. zu unterstützen. Richtig ist natürlich: Ohne ausreichende Basis ist auch ein Studium nicht möglich. Auch den Hochschulen wird Geld nachgeworfen. Wir tun doch alles ! Wieso müssen dann die meisten Studierenden nebenbei jobben um überhaupt über die Runden zu kommen ? Wieso leben Doktoranden (die doch eigentlich die kommende geistige Elite darstellen, die den "Wissensstandort" Deutschland sichern sollen) am Existenzminimum ? Wie gesagt: Alles wollen und nichts dafür bezahlen. In den Augen vieler Leute sieht der ideale Akademiker wohl so aus: Das komplette Studium selbst finanzieren (wie in alten Zeiten). Wobei wir nicht von ein paar hundert Euro pro Semester reden sondern von Privatuni-Tarifen. Anschließend ein Leben lang mehr Steuern bezahlen (ich rede auch nicht von der Steuerprogression, sondern von der kranken Idee der Briten). Gleichzeitig irgendwann mal weniger Rente bekommen (man hat ja weniger Jahre "eingezahlt") und jeden Tag Demut zeigen weil einem die Gesellschaft ja großzügig das Studieren ermöglichte. (hier der Verweis auf die Aldiverkäuferin, die mit ihren Steuergeldern den Akademikern das Studium ermöglicht).

Das passt auch zu anderen Leserbriefen:
Der Handwerksmeister, der es für ungerecht hält dass seine Meisterausbildung Geld kostet, während ein Studium "kostenlos" ist. (er hat nicht zufällig während seiner ursprünglichen Ausbildung Lohn bekommen ? Und anschließend als Geselle die Gelegenheit gehabt Geld zu verdienen ?)
Der übliche Neidvorwurf dass "wir alle" den Studierenden das Studium mit "unseren" Steuergeldern ermöglichen (wie sieht es denn mit dem anschließenden höherem Einkommen aus das auch zu höheren Steuern führt ? Das wird gerne und kommentarlos akzeptiert)
Oder der Vorwurf dass diese Studierenden ja viele Jahre weniger in die Rentenkasse "einzahlen". Kann es nicht sein dass Akademiker trotz weniger Jahre, in der Summe mehr abdrücken ?

Vielleicht sollte man das ganze mal realistisch sehen:
Akademiker sind die, die das Land nachhaltig weiter bringen. Der große Wissenszuwachs (der in unserem "Wissensstandort" ja ach so wichtig ist) wird primär von Akademikern erbracht und nicht von Handwerkern.
Akademiker schaffen und sichern Arbeitsplätze in der Industrie. Wer sorgt denn für Umsatz beim "Exportweltmeister" ? Das sind die großen Konzerne, die ihren Waren ins Ausland verkaufen und nicht die Handwerksbetriebe.

Fazit: Ausbildung von Akadmikern ist Investition in die Zukunft. Wer hier nur betrachtet was es "Heute" kostet, ist schlicht und ergreifend dumm. Allerdings scheint es heutzutage normal zu sein, nur noch in Quartalen zu denken.
Und was bringen in dem Zusammenhang Germanisten, Philosophen, Sinologen und ähnliche "brotlose" Disziplinen dem Land ?

Sagen wir mal so: Goethe war kein Ingenieur, Einstein war kein Schreiner, Kant war kein Dachdecker...

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Salatsauce 13.08.2010, 10:01
2. Juhu

"Typenbildung in Theaterstücken" - wenn jemand in solchen Bereichen promoviert, sollte er sich auch für das spätere Berufsleben auf 4 Euro Stundenlohn einstellen. Und eine 1,0 sehe ich in solchen Fachgebieten auch eher gelassen.

Eine Industriepromotion in Fächern wo man einen Job bekommt wird in der Regel mit ca. 2000 Euro Netto vergütet. Dazu muss man aber ein richtiges Studium durchziehen und wirklich gut sein. Die Gehälter nach so einer Promotion sind in der Regel nochmal ein gutes Stück höher.

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rocky balboa 13.08.2010, 10:02
3. Re:

Zitat von sysop
Ver.di ermittelte im vergangenen Jahr, dass selbst Doktoranden mit einer halben Stelle am Lehrstuhl oft unter haarsträubenden Bedingungen promovieren.
Ver.di's Auftrag als Dienstleistungsgewerkschaft steht im ziemlichen Gegensatz zu dem Treiben eines Wissenschaftlers. Deren oberste Aufgabe ist es doch dafür zu sorgen, dass Angestellte, die mit 35-Stunden Verträgen ausgestattet sind, bloß nicht mal 30 Minuten mehr arbeiten. Ganz im Gegensatz dazu, wer sich einbildet eine wissenschaftliche Karriere sei als 9-to-5 Job zu bewältigen, der irrt sich gewaltig.

Und wenn für die eigene Forschung bei einem 38-Stunden-Job nur das Wochenende bleibt, dann hat man entweder ein Problem mit den Prioritäten oder mit dem Zeitmanagement. Typischer Arbeitsalltag eines exzellenten Doktoranden bei uns am Institut sieht so aus: 8:30 bis 18:30 im Büro, dann nach Hause, einkaufen und kochen, dann nochmal 1 bis 2 Stunden an die Arbeit. Hinzu kommt häufig noch Samstag Vormittag und ggf. der Sonntag Abend. Es gibt auch Leute, die es mit 9-to-5 halten, aber eine wissenschaftliche Karriere hat keiner von denen vor sich.

Zitat von
Sie müssen für die Uni durchschnittlich fast doppelt so viel arbeiten wie vertraglich vereinbart, für die eigene Forschung bleibt nur das Wochenende.
Übrigens ist das kein Phänomen, welches auf die Doktoranden beschränkt ist. Wenn ich mir die Arbeitszeiten meines Chefs so anguckt, dann sind die jenseits der 70h/Woche, mit dem Basissold ausgeglichen wie bei jedem anderen auch. Nichts anderes bei den Post-Docs.

Und wer eine Promotionsstellt mit einer Finanzierung von EUR 504,- im Semester annimmt und sich dann wundert, dass es nicht ausreicht, ist auch selbst Schuld. Es gehören immer zwei dazu, auch diejenigen, die sich ausbeuten lassen.

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prefec2 13.08.2010, 10:03
4. Was haben die Mediziner in der Statistik zu suchen?

Der Abschluss der Mediziner ist nicht wirklich im Umfang und der Art mit dem von Natur-, Ingenieur- und Gesellschaftswissenschaften zu vergleichen. Während ein Bachelor in den meisten MINT-Fächern z.B. eine 60-100 Seiten fassende Arbeit zu einem eigenen Thema verfassen muss und dafür in etwa 16-24 ECTS-Punkte erhält, entfällt vergleichbares bei Medizinern. Schaut man sich Diplom und Master an so sind dort mit 30 ECTS-Punkten für eine eigenständige Arbeit die Anforderungen nochmals deutlich höher. Ebenso darf eine solche Arbeit nicht mehr rein deskriptiv sein, sie muss auch einen echten wissenschaftlichen oder technischen Fortschritt beinhalten.

Da die meisten Doktor-Arbeiten in der Medizin nicht im Ansatz an diese Anforderungen herankommen, halte ich diese auch nicht für vergleichbar.

Und damit man mich nicht falsch versteht. Das soll nicht heißen, dass ich Mediziner geringschätze. Ganz im Gegenteil. Mir ist ein guter Arzt sehr wichtig. Ich will auch, dass er gut ausgebildet ist. Und wenn ich an meinen ehemaligen Hausarzt denke (übrigens ohne Dr.) dann hätte ich den gerne mitgenommen als ich umgezogen bin.

BTW: Ein Doktor in der Informatik dauert in etwa 3-4 Jahre Vollzeit.

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kamii 13.08.2010, 10:16
5. Geld dem...

...der eine Lobby hat. Beim Studenten mag das vll noch sein, aber zum Doktoranden hat doch Otto Normal überhaupt keinen Bezug mehr. Die heutigen Großen, die dieses Tal der Tränen durchlaufen haben, scheren sich dagegen nicht weiter drum. Wobei es wahrscheinlich so ist, dass die heutigen Großen schon große Eltern hatten und sich zu ihrer Doktorandenzeit keine Sorgen um Finanzielles machen mussten.

Ich darf nicht klagen: Meine Promotion ist gut finanziert, weil extern.

Worüber ich aber klagen darf, ist die nebulöse Zukunft. Ob der Doktortitel mehr als nur eine Türklingelschildverlängerung ist, wird sich noch zeigen. Bin leider in einem Fachgebiet, in dem er nicht wirklich von Nöten ist. Und das Argument "ich interessiere mich WIRKLICH fürs Fach" zählt scheinbar nicht... Dagegen muss man sich Vorwürfe anhören, dass man ja nur ein bisschen die lässige (lässig?) Studienzeit hinauszögern will.

Momentan kommen mir fast nur Leute unter, die mitleidig fragen "tz...wieso tust du dir das an?", statt "wow! super! viel Erfolg!". Und irgendwo haben sie recht - ich weiß nicht, wohin mich das Ganze führt; ich kann lediglich hoffen, da die Promotion zumindest eine Reihe Möglichkeiten öffnet, leider aber auch viele verschließt (sofern man sich nicht unter Wert verkaufen will). Und das ist doch das eigentlich Traurige: DIE Krönung der akademischen Laufbahn, ob der man eigentlich stolz wie Oskar durch die Lande ziehen sollte - und man erntet Mitleid. Und wie im Artikel schon anklang, führen einige ein Leben jenseits des HartzIV-Empfängers.

Also wenn die Unis tatsächlich den Leistungsindikator weiter verfolgen, sollten sie vll mal schaun, dass sie ihren Doktoranden keine zu falschen Hoffnungen machen, weder jetzt noch zukünftig.

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PeteLustig 13.08.2010, 10:19
6. .

Zitat von falcon12
Und was bringen in dem Zusammenhang Germanisten, Philosophen, Sinologen und ähnliche "brotlose" Disziplinen dem Land ?
Nichts.

Zitat von
Sagen wir mal so: Goethe war kein Ingenieur, Einstein war kein Schreiner, Kant war kein Dachdecker...
Einstein studierte und lehrte in der Schweiz und beantragte und erhielt um die damalige Jahrhundertwende auch die Schweizer Staatsbürgerschaft, wenn ich mich recht entsinne...

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prefec2 13.08.2010, 10:36
7. Warum Leute promovieren

Wie man an der im Artikel enthaltenen Statistik, verteilt sich der Promotionswunsch unterschiedlich, je nach Studienrichtung. Auch wenn dabei wieder mal ein grobes und unpassendes Raster angelegt wird, soll es mir hier vorerst genügen.
Die Promotionsbedingungen sind in Deutschland sehr unterschiedlich. Das fängt schon bei der Bezahlung an und hört noch lange nicht bei den Berufschancen auf.

So sind z.B. Informatiker in Deutschland Mangelware. Das ist auch ein globales Phänomen. Es gibt insgesamt viel zu wenige davon auf dem Globus und gute Informatiker sind noch mal um einiges seltener.
Deshalb gibt es für Informatiker oft volle Stellen, weil sonst weder Lehre noch Forschung an den Unis Mitarbeiter bekommen könnten.

Der Haken daran aber ist, dass Mitarbeiter mit vollen Stellen auch voll für die Stelle arbeiten müssen. Da die wenigsten Stellen Promotionsstellen sind sondern meist Lehr- oder Drittmittelstellen, führt das zu Zeitmangel bzw. erfordert ein besonders ausgeklügeltes Zeitmanagement.

In vielen Naturwissenschaften wie z.B. bei Umweltwissenschaftlern oder Biologen sind die Berufsaussichten ohne Doktor zudem begrenzt, weshalb hier deutlich mehr versuchen eine wissenschaftliche Karriere anzustreben. Das erhöht auch den Konkurrenzdruck mit all ihren negativen Begleiterscheinungen. Auch müssen sich die Naturwissenschaftler oft mit halben Stellen zufrieden geben oder auf spärliche Stipendien vertrauen.

Wobei das Schlimmste befristete Verträge sind, die auf Jahresbasis vergeben werden. Eine Promotion ist ein Vorhaben mit ungewissem Ausgang, schließlich sind gute Promotionen immer auch explorativ. Es soll und muss ja neues erforscht werden. Da kann auch schon mal rauskommen, dass der eigene Ansatz am Anfang falsch war. Wer zu all diesen Unwägbarkeiten nun auch noch ständig Geldsorgen hat, kann nicht anständig arbeiten. Das ist ähnlich negativ wie bei Studierenden, die ebenfalls nicht über eine gesicherte Finanzierung verfügen.

Aber egal in welchem Fach promoviert wird, die Bezahlung ist immer schlechter als in der Wirtschaft. Ergo sind die Motive zu promovieren für die meisten auch von Idealismus geprägt. Das ist auch wichtig, schließlich will ich keine Lehrende an der Uni sehen, die nur da sind wegen des Geldes.

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poppey20 13.08.2010, 10:48
8. ...

Das Doktoranden zumal mehr arbeiten müssen als sie Geld verdienen, ist bekannt, wenn auch unterschiedlich ausgeprägt an den Lehrstühlen und unter den Fachrichtungen. Jeder der promovieren will, sollte sich vorab kundig machen, worauf er sich einlässt. Auch auf die finanziellen Risiken, wenn man ohne Promotionsstelle oder Stipendium promovieren will. Klar ist es empörend, wie wenig die Unis für ihre Doks zahlen, die Vorlesungen und Seminare abhalten. Aber wer sich mit 500 Euro pro Semester abspeisen lässt, ist auch ein wenig selbst Schuld. Warum wechselt er mit einem 1,0 Abschnitt nicht die Uni, um irgendwo vielleicht doch eine Promotionsstelle zu finden? Es gibt verschiedenste Stiftungen, wo man versuchen kann, ein Stipendium einzuwerben, gerade mit dieser Note?. Klar ein Stipendium ist auch nicht üppig, und man muss sich selbst versichern, aber dann bekommt man wenigstens soviel im Monat, wie die Lehrverpflichtung im ganzen Semester einbringt. Und wenn die Entlöhnung verdoppelt werden würde...1000 Euro pro Semester, reicht das für die Miete?
Jeder muss für sich selbst entscheiden, inwieweit man sich selbst finanziell und geistig ausbeuten lassen will...

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prefec2 13.08.2010, 10:51
9. Gute Rahmenbedingungen

Die heutigen Rahmenbedingungen für Promotionswillige sind nicht gerade besser geworden. Dazu kommen komische Ideen wie Pflichtkurse für Promovierende wie sie in den USA üblich sind.

Dabei wäre es so viel einfacher den Menschen hier zu helfen.

1. Lang laufende Arbeitsverträge für Promovenden
2. Eine Bezahlung, die etwas oberhalb dessen ist was Studierende so zur Verfügung haben. Schließlich fallen in die Zeit der Promotion auch Familiengründungswünsche. Man kann natürlich auch sagen: Wer promoviert braucht nicht auch noch Kinder.
3. Bildungsangebote für Promovierende, die aber eben nicht Pflicht sind. Feste Curricula führen nur zu einer Einengung der Gedankenwelt von Promovierenden.
4. Viel wichtiger als feste Kurse für Promovierende sind gemeinsame Kolloquien gerne auch mal fachübergreifend, welche zu einer Kommunikation unter Wissenschaftlern führen.

Wenn ich mir ansehe, was ich so als Informatiker mir alles bei Sprachwissenschaftlern, Sozialwissenschaftlern, Ingenieuren und Naturwissenschaftlern so alles zusammenstehle, dann könnte das gut durch solche Kommunikation gefördert werden.

5. Die Idee, dass eine Promotion dadurch besonders gut wird, weil der Promovend diese möglichst schnell hinbekommen hat, halte ich auch für fragwürdig. Es ist zwar richtig, dass ewigwährende Promotionsvorhaben weder für den Promovierenden noch für seine Betreuer sehr sinnvoll sind, aber heute besteht oft die Gefahr aus, dass aus Zeitmangel dann eine Untersuchung zu wenig gemacht wird oder ein riskanter Ansatz überhaupt nicht untersucht wird. Deshalb sollten Hochschulen auch nicht am quantitativen Output gemessen werden. Diese Metriken sind bei allen anderen Abschlüssen an Universitäten nicht wirklich aussagekräftig. Alles was ich hierzu im Bereich Bildungsmanagement bisher gesehen habe (was ich auch studiert habe) und mehr noch was ich in der Anwendung gesehen habe, taugt nicht als Benchmark. Vielmehr sorgen diese Benchmarks für einer Niveauaufweichung und das kann nun wirklich nicht unser Ziel sein. Der Titel muss durchaus auch noch einen Inhalt repräsentieren.

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