Forum: Leben und Lernen
Anonymes Lehrergeständnis: Bin ich der Glasbläser des Bildungssystems?
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Stell dir vor, es wird Französisch angeboten, aber keiner geht hin. So erlebt es dieser Lehrer aus Hamburg in der Oberstufe. Nur wenige Mädchen haben sich für seinen Kurs angemeldet. Woran liegt das?

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aggro_aggro 21.09.2019, 11:11
1. Fremdsprachen sind anstrengend

Englisch ist etwas auszunehmen von der Bezeichnung als Fremdsprache, Englisch ist Weltsprache, Allgemeinsprache und wird (zumindest auf niedrigem Niveau) heute vorausgesetzt in der westlichen Welt, und zunehmend weltweit.
Wirkliche Fremdsprachen kann man umgehen indem man englisch mit den Menschen spricht oder google translate benutzt.
Das Lernen von Fremdsprachen ist tatsächlich an deutschen Schulen mittlerweile exotisch, nicht nur Schüler, auch "Bildungswissenschaftler" und das gesamte System hasst (!) Auswendiglernen. Das kleine Einmaleins und ein Gedicht im Jahr sind okay, alles was darüber hinausgeht ist Qual, Sinnlos, Falsch, veraltet und autoritär. Sagt man. Tausende Vokabeln auswendig zu lernen ist da nur noch wenigen Schülern die Anstrengung wert.
Ich habe Spanisch-Wahlkurse gesehen, in denen die Schüler freiwillig (!) sind und die mit 6 auf dem Zeugnis enden, weil zehn oder zwanzig Vokabeln in der Woche nicht gelernt werden. Das Problem strahlt mittlerweile auch auf die Naturwissenschaften aus, Physik und Chemie setzen auch voraus, dass man "Vokabeln" kennt, um überhaupt einfachste Texte und Anweisungen verstehen zu können ("Stoff", "Leiter" und "Gefäß" bedeuten in Chemie, Physik und Biologie etwas anderes als im Haushalt).
Ich gebe zu, dass viel Wissen (inklusive Vokabeln) mittlerweile per Handy in der Hosentasche steckt. Aber das Verteufeln von Auswendiglernen führt zum Absinken des Bildungsniveaus.

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freierwille77 21.09.2019, 11:24
2. Eine gewagte These

Vielleicht steht der Übeltäter ja neben Ihnen ;-)
Meiner Tochter (Gymnasium Bayern) wurde in der 5. Klasse die Lust auf Französisch als zweite Fremdsprache durch die überzogenen Anforderungen Ihres Lehrers im Englischunterricht erheblich verdorben. Man hatte das Gefühl, hier sollte bewusst ausgesiebt werden. Das Leistungsbild unterschied sich erheblich von dem in allen anderen Fächern. Dies betraf fast alle Kinder ihrer Jahrgangsstufe. Der Tip eines erfahreneren Elternteils war, dass wir uns in den Ferien vor dem Übertritt möglichst intensiv vorbereiten sollen. So erfolgreich geschehen bei der zweiten Tochter. Die logische Konsequenz war jedoch ein ausgeprägter Fluchtinstinkt bei meiner Großen als die Wahl der zweiten Fremdsprache anstand. Trotz massiver Werbeversuche des Französischlehrers wurde es nun das vermeintlich leichtere Latein und später die naturwissenschaftliche Ausrichtung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt im Lande der Autobauer ;-)

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eMaX 21.09.2019, 11:34
3. Lernt mehr Fremdsprachen!

Es sind nicht nur die Sprachen, sondern der Austausch mit der jeweiligen Kultur, der damit verbunden ist. Nur wenn man die Sprache lernt, lernt man wirklich etwas über das Denken. Ich sehe die Verantwortung bei den Eltern - wenn es selbstverständlich ist, in der Familie mehrsprachig zu sein, dann lernen auch die Kinder. Unsere Tochter spricht vier Sprachen fliessend - Deutsch, Französisch, Polnisch, Englisch - seit Geburt an hat sich bewährt, eine Person und ein Kontext pro Sprache. Die Mutter ist Polin, daher das Polnische als Muttersprache. Ich bin Deutscher, aber habe mit der Tochter nur Englisch geredet. Meine Frau und ich reden Deutsch miteinander. Und wir leben in einem französissprachigen Umfeld, d.h., die Tochter ging auf einen Kindergarten, und später auf die Schule, wo man Französisch sprach. Da sie nur einen Gesprächspartner hatte (mich), der Englisch redete, sind wir jetzt, wo sie sieben Jahre alt ist, in England, wo sie auf einem Englischen Mädcheninternat als "Day Girl" ist und gezwungen ist, Englisch zu reden. Und das läuft auch bereits prima. Natürlich spreche ich auch fliessend Polnisch - nicht ganz so gut wie meine Tochter - und meine Frau und ich sprechen fliessend Französisch - d.h., wir zeigen dem Kind auch durch eigene Anstrengung, wie wichtig uns die anderen Sprachen sind.

Leute, tut etwas mit Eurem Hirn! Es ist an uns "Grossen", den "Kleinen" gute Beispiele zu sein.

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ryo_de_paris 21.09.2019, 12:07
4. Très dommage!

Das Frau Merkel während ihrer gesamten Kanzlerschaft die Europäische Idee so sträflich vernachlässigt hat ist ihr größter Fehler und rächt sich seit Jahren bitter.
Anhand ihrer Herkunft hat sie leider die Bedeutung von Europa nicht verstanden.
Leider hat sich in Deutschland eine seltsame unterwürfigkeit der englischen Sprache gegenüber breitgemacht. Ich bemerke es oft in Gesprächen, sobald etwas vermeintlich in einer Fremdsprache ist, wird krampfhaft versucht es auf englisch auszusprechen. Dies geschieht mit einfachen Fremdwörtern die seit jeher in der deutschen Sprache verwendet werden (Detail, Typ, etc), als auch mit, für die Sprecher, Wörtern unbekannter Herkunft.
Besonders peinlich ist es wenn Journalisten ihren eigenen Beruf mit Dschungel "J" aussprechen, ohne zu verstehen woher das Wort Journal überhaupt herkommt.
Ich saß mal in Frankreich im Zug, neben mir ein deutsches Paar, als sie ein Schild mit der Aufschrift "Danger" bemerkten, sagte die Frau zu ihrem Mann: "Sieh nur, die sagen hier auch "Danger" (englisch)".
Da Englisch sowieso zu mindestens 50 Prozent aus französisch besteht, kann man wohl sagen das die meisten wohl wenigstens ein wenig französisch lernen, auch wenn sie das nicht realisieren.

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Sleeper_in_Metropolis 21.09.2019, 12:08
5.

Naja, nachdem von den jüngeren Menschen in Europa ja der Großteil mindestens ausreichend englisch sprechen und dadurch kommunizieren kann, hat sich die Notwendigkeit des Beherrschens einer weiteren Fremdsprache als reines Werkzeug eben erledigt. Und sich nur aus Spaß an der Freude mit dem erlernen einer weiteren Fremdsprache rum zuplagen, dafür können sich verständlicher Weise eben nicht allzu viele Leute erwärmen. Ist ja auf der französischen Seite in Bezug auf die deutsche Sprache auch nicht anders. Sind halt nicht alle Menschen solche Frankreichbegeisterten wie der Lehrer aus dem Artikel.

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freigeistiger 21.09.2019, 12:16
6. Auch Leher/innen sind nicht perfekt

Zitat von freierwille77
Vielleicht steht der Übeltäter ja neben Ihnen ;-) Meiner Tochter (Gymnasium Bayern) wurde in der 5. Klasse die Lust auf Französisch als zweite Fremdsprache durch die überzogenen Anforderungen Ihres Lehrers im Englischunterricht erheblich verdorben. Man hatte das Gefühl, hier sollte bewusst ausgesiebt werden. Das Leistungsbild unterschied sich erheblich von dem in allen anderen Fächern. Dies betraf fast alle Kinder ihrer Jahrgangsstufe. Der Tip eines erfahreneren Elternteils war, dass wir uns in den Ferien vor dem Übertritt möglichst intensiv vorbereiten sollen. So erfolgreich geschehen bei der zweiten Tochter. Die logische Konsequenz war jedoch ein ausgeprägter Fluchtinstinkt bei meiner Großen als die Wahl der zweiten Fremdsprache anstand. Trotz massiver Werbeversuche des Französischlehrers wurde es nun das vermeintlich leichtere Latein und später die naturwissenschaftliche Ausrichtung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt im Lande der Autobauer ;-)
Bei Lehrenden passiert es schon einmal, dass sie nicht das Vermögen ihrer Schüler berücksichtigen, sondern ihr eigenes Wissen als Maßstab nehmen. Damit sind Anfänger/innen natürlich überfordert, und der Frust auf beiden Seiten. In der geschilderten Version ist es möglicherweise ein Lehrerfehler.

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cosmose 21.09.2019, 12:42
7.

Obwohl mir Fremdsprachen sehr liegen war ich heilfroh, dass ich "nur" vier Jahre Französisch in der Mittelstufe lernen musste.
Die insgesamt 4 Wochen Schüleraustausch in der Bretagne haben auch nicht wirklich geholfen...
Ich denke mit Grauen an die Kommunikation mit der französischen Tochterfirma in meiner Ausbildung zurück. Auf englische Mails
kamen französische zurück.
Immerhin sind auch die Franzosen mittlerweile soweit, dass sie größtenteils Englisch reden "wollen", und Deutsch im globalen Zusammenhang eher unwichtig ist.

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FrankDunkel 21.09.2019, 12:43
8.

Zitat von ryo_de_paris
Das Frau Merkel während ihrer gesamten Kanzlerschaft die Europäische Idee so sträflich vernachlässigt hat ist ihr größter Fehler und rächt sich seit Jahren bitter. Anhand ihrer Herkunft hat sie leider die Bedeutung von Europa nicht verstanden. Leider hat sich in Deutschland eine seltsame unterwürfigkeit der englischen Sprache gegenüber breitgemacht. Ich bemerke es oft in Gesprächen, sobald etwas vermeintlich in einer Fremdsprache ist, wird krampfhaft versucht es auf englisch auszusprechen. Dies geschieht mit einfachen Fremdwörtern die seit jeher in der deutschen Sprache verwendet werden (Detail, Typ, etc), als auch mit, für die Sprecher, Wörtern unbekannter Herkunft. Besonders peinlich ist es wenn Journalisten ihren eigenen Beruf mit Dschungel "J" aussprechen, ohne zu verstehen woher das Wort Journal überhaupt herkommt. Ich saß mal in Frankreich im Zug, neben mir ein deutsches Paar, als sie ein Schild mit der Aufschrift "Danger" bemerkten, sagte die Frau zu ihrem Mann: "Sieh nur, die sagen hier auch "Danger" (englisch)". Da Englisch sowieso zu mindestens 50 Prozent aus französisch besteht, kann man wohl sagen das die meisten wohl wenigstens ein wenig französisch lernen, auch wenn sie das nicht realisieren.
Frau Merkel hat da wirklich viel versäumt, das dürfte ihrer Herkunft geschuldet sein. Viele Ostdeutsche können mit der deutsch-französischen Freundschaft nicht viel anfangen. Wie bedeutsam die Überwindung dieses lang währenden sinnlosen Konflikts zwischen Franzosen und Deutschen für den Frieden in Europa ist, schätzen sie meist gering. Aber auch für die östlichen Nachbarn, insb. die Polen bringen sie nicht viel Sympathie auf. In der ehemaligen DDR wurde viel und formelhaft über Völkerfreundschaft schwadroniert, ohne diesem an sich schönen Begriff inhaltliche Bedeutung zu verleihen.
Was die Unterwürfigkeit gegenüber dem Englischen angeht, stimme ich inhaltlich zu, würde aber eher von einem nachhaltigen Modetrend als von Devotheit sprechen. Wir Deutschen sind gut darin, für alle möglichen Dinge und Sachverhalte pseudo-englische Vokabeln zu erfinden wie z. B. Handy, Smoking oder Showmaster. Diese Begriffe gibt es im Englischen gar nicht. Klingen aber so schön modern.

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grotefend 21.09.2019, 12:51
9. In der Tat gewagt...

Zitat von freierwille77
Vielleicht steht der Übeltäter ja neben Ihnen ;-) Meiner Tochter (Gymnasium Bayern) wurde in der 5. Klasse die Lust auf Französisch als zweite Fremdsprache durch die überzogenen Anforderungen Ihres Lehrers im Englischunterricht erheblich verdorben. Man hatte das Gefühl, hier sollte bewusst ausgesiebt werden. Das Leistungsbild unterschied sich erheblich von dem in allen anderen Fächern. Dies betraf fast alle Kinder ihrer Jahrgangsstufe. Der Tip eines erfahreneren Elternteils war, dass wir uns in den Ferien vor dem Übertritt möglichst intensiv vorbereiten sollen. So erfolgreich geschehen bei der zweiten Tochter. Die logische Konsequenz war jedoch ein ausgeprägter Fluchtinstinkt bei meiner Großen als die Wahl der zweiten Fremdsprache anstand. Trotz massiver Werbeversuche des Französischlehrers wurde es nun das vermeintlich leichtere Latein und später die naturwissenschaftliche Ausrichtung. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt im Lande der Autobauer ;-)
Ich bin selbst Englischlehrer in Bayern und glauben Sie mir, es gibt von oben da gar keinen Druck, das Niveau künstlich anzuheben, damit die Schüler in den naturwissenschaftlichen Zweig gehen. An meiner Schule besuchen übrigens mehr Schüler den neusprachlichen als den naturwissenschaftlichen Zweig, weil er eben von Eltern und Schülern als „einfacher“ wahrgenommen wird.

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