Forum: Leben und Lernen
Anonymes Lehrergeständnis: Bin ich der Glasbläser des Bildungssystems?
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Stell dir vor, es wird Französisch angeboten, aber keiner geht hin. So erlebt es dieser Lehrer aus Hamburg in der Oberstufe. Nur wenige Mädchen haben sich für seinen Kurs angemeldet. Woran liegt das?

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Sibylle1969 21.09.2019, 20:42
20.

Ich war auf einem altsprachlichen Gymnasium, wo man nach Englisch als 1. Fremdsprache und Latein als zweiter in Klasse 9 zwischen Französisch und Altgriechisch wählen musste. Ich habe mich für Französisch entschieden, und ich muss sagen, das war eine der besten Entscheidungen meines Lebens. Französisch hat mein Leben in vielerlei Hinsicht stark bereichert. In meiner Schule gab es aber etliche Schüler, die nur Französisch gewählt hatten, weil es das geringere Übel im Vergleich zu Altgriechisch war. Nach 2 Jahren wählten diese Schüler alle Französisch ab. An unserer Schule kam der Französch-Leistungskurs so gerade eben zustande, einen Französisch-Grundkurs hatten wir nicht mehr in der Oberstufe. Durch den Schüleraustausch mit der Partnerschule in der Bretagne habe ich so gut Französisch gelernt, dass ich noch heute davon profitiere. Zu meiner damaligen Austauschpartnerin habe ich noch heute Kontakt und besuche sie alle 1-2 Jahre. Der schlechte Ruf von Französisch als Schul-Fremdsprache ist mir unverständlich. Spanisch ist nicht leichter als Französisch.

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meinung4711 21.09.2019, 21:01
21. Regionale Unterschiede

Hamburg war nie ein frankophiles Pflaster. Wenn ich in der Hansestadt bin, fällt mir z.B. auf, dass man dort kaum französische Autos sieht. Eine Klassenkameradin von mir hat ihr Oberstufen-Französisch nach einem Umzug nach Hamburg verlernt. Quel gâchis! Das ist zum Glück nicht überall in Deutschland so. Im Südwesten gibt es schon starke Bezüge und einen intensiven Austausch. In den Mannheimer Schulen, wo ich einen Französischlehrer kenne gibt es dieses Phänomen mit den rückläufigen Schülerzahlen z.B. nicht.
Ich kann aber auch verstehen, dass man vielleicht doch auf den LK Franz verzichtet, denn alle wollen heute ja im Abi eine 1,0 und da ist das passé simple vielleicht doch ein Hindernis.

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Dromedar 22.09.2019, 23:22
22. Ich bin nach der Schule vor 20 Jahre

Davon ausgegangen nicht mehr Französisch zu begegnen, auch wenn ich es damals besser als Englisch konnte. Das erfüllte sich auch (leider), ich habe aber mit Verwunderung und Freude in den letzten Jahren festgestellt, dass es immer häufiger in Berlin gesprochen. In meinem letzten Job konnte ich es schon wieder ab und zu nutzen, da das mittlerweile im Büro zumindestens schon wieder in den Pausen dank der vielen Mutter- und Zweit-Sprachler (aus dem spanischen/südamerikanischen/arabischen/afrikanischen) Raum üblich ist. Freilich Firmensprache ist natürlich Englisch.
Trotzdem ist dieses überall vorhanden Sein von Französisch in Berlin erfreulich.
Allerdings liegt das eher daran, das Deutschland als Arbeitsmarkt für so viele junge Leute (even auch auch Frankreich) sehr attraktiv ist.
Umgedreht gilt das eben nicht, deswegen sind die Jugendlichen schon verständlich, nicht mehr so oft wie früher Französisch zu wählen.
Wichtig ist halt in erster Linie Englisch. Und ansonsten vielleicht eher Russisch, Chinesisch oder Koreanisch für die Zukunft. Französisch wird erst richtig interessant, wenn Frankreich wirklich Reformen macht oder Afrika in Schwung kommt ...

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matthias.ma 22.09.2019, 00:19
23. Die Diskussion wird noch witzig

... denn warum sollte nach dem Breit denn Englisch eine EU-Sprache bleiben? Es gibt dann niemanden mehr in der EU, der die Sprache als Muttersprache spricht. Theoretisch müsste man Englisch hier durch Deutsch ersetzen, dass immerhin fast 100 Mio in der EU als Muttersprache verwenden. Zumindest, wenn ich die Vereinigten Staaten von Europa als Ziel habe. Da können doch nicht alle mit einer Fremdsprache zum Amt rennen. Das frühe Mittelalter, wo man das mit Latein versucht hat, ist vorbei.

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Berufsschullehrer 22.09.2019, 07:54
24.

Ich habe in der Schule vier Jahre Französisch gelernt. Ich habe mit viel Enthusiasmus begonnen (meine Eltern lieben Frankreich und wir waren jeden Sommerurlaub dort) und habe dann doch nach den vier Pflichtjahren dankend abgewählt. Was weniger mit der Sprache als mit den Lehrern zusammen hing. Während ich beide menschliche mochte, konnte ich ihrem Unterricht nur schlecht folgen (wie die meisten anderen auch). Natürlich könnte man mir Faulheit oder sprachliches Unvermögen unterstellen. Aber in Englisch stand ich immer zweischen eins und zwei. Völlig unbegabt war ich offensichtlich also nicht.

Ich habe der Sprache dann an der Uni noch eine zweite Chance gegeben. Und siehe da, ich kann doch ganz passabel Französisch lernen. Auch dank einer Lehrkraft, mit der ich gut klar kam.

Manchmal muss man sich als Lehrer wirklich an die eigene Nase fassen... Ich unterrichte Mathe, das finden die meisten meiner Schüler zu Beginn auch nicht so geil. Aber die meisten bekomme ich im Laufe des Jahres doch noch dazu, dass es nicht mehr ihr Hassfach ist...

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binnurlaie 22.09.2019, 08:31
25. An den Lehrenden selbst

Sowohl mir, vor 35 Jahren, als auch meinen Kindern wurde das Lernen der französischen Sprache durch unfähige Lehrer verleitet.

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MDen 22.09.2019, 08:36
26. Auch die Bildungsschere klafft immer weiter auseinander

Während die Eliten und die ambitionierte Mittelschicht schon dafür sorgen, dass ihr Nachwuchs Fremdsprachen lernt, weil es in einer globalisierten Welt extrem hilft, und wie eine entsprechende Bildung in z.B. Kunst und Musik dazu gehört, lehnt sich der deutsche Durchschnittsbürger zurück, jammert über all die vermeintlich nutzlosen Anforderungen und will mit dem Minimum durchkommen, und auch das am besten *mundgerecht vorgekaut* ohne große eigenen Anstrengung. Im Zweifelsfall war immer die Lehrkraft schuld, warum es bei einem nicht geklappt hat. Und bei Fremdsprachenkenntnissen ist der Durchschnittsdeutsche faul und anspruchslos. Kaum jemand findet es peinlich, kaum Englisch und sonst gar keine Fremdsprache zu beherrschen.
Natürlich kann man heute auch für Fremdsprachen schon alles von Google machen lassen. Und es wird automatisierte Simultanübersetzung geben. Aber die eigentliche intellektuelle Fähigkeit, Zusammenhänge und Bezüge zu erkennen, und auf der Basis von Wissen zu neuen Erkenntnissen gelangen, ist nur möglich, wenn ich eben dieses Wissen im Gedächtnis habe. Gerade Sprachen lehren einen, dass die darin enthaltenen und dahinterstehenden kulturellen Zusammenhänge mit gedacht werden müssen.
Französisch könnte angesichts von Brexit und US-amerikanischem National-Populismus à la Trump für uns Europäer wieder wichtiger werden. Denn, was viele vergessen, ist, dass uns Europäer, so viel mehr verbindet, als uns trennt. Zum Beispiel das Beharren auf der eigenen Kultur, der eigenen Sprache, der eigenen Bedeutung. Global gesehen hat Europa aber nur als Staatenbündnis eine Bedeutung, weswegen alle Kräfte außerhalb der EU die Spannungen innerhalb der EU nur forcieren. Deswegen müssen wir das gegenseitige Verständnis und Wissen über die anderen europäischen Länder und Kulturen pflegen und vergrößern. Zum Beispiel in dem wir Französisch lernen.

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michaelXXLF 22.09.2019, 09:13
27. Französisch vs. Spanisch + Italienisch

Franzosen sprechen Französisch und wenn man nach Frankreich kommt spricht man natürlich auch Französisch - so sehen das zumindest die Franzosen. Das ist keinen Kommentar seitens der Franzosen wert, man gibt sich auch keine Mühe, besser verstanden zu werden, wenn das Gegenüber Schwierigkeiten hat.


Spanier und Italiener sind begeistert, wenn ein Tourist ein paar Brocken der Sprache kann und bringen das deutlich zum Ausdruck. Sie geben sich dann auch Mühe verstanden zu werden.


Frankreich ist teuer, Spanien eher günstig. Frankreich ist katholisch und die Franzosen sind zurückhaltend bis abweisend Fremden gegenüber. Spanien ist im Alltag deutlich entspannter (Trotz Katholizismus!). Wenn ich 16 bin und mit meinen Freunden für 300 mühsam ersparte Euro Urlaub machen will, fahre ich dann in die Bretagne wo ich mir ein paar alte Steine bei Regen anschauen kann oder nach Malaga, wo auch nach 19 Uhr noch was los ist?
Also.


PS: Bin selber Französischlehrer und kann dem geschriebenen - leider - voll zustimmen. Manche meiner Aussagen oben waren aus Gründen der Deutlichkeit etwas plakativ.

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adorfer 22.09.2019, 09:17
28. dem Französischunterricht geht's wie dem Latein

Natürlich gibt es viele Gründe, dass man anhand einer Sprache das Logische Denken, die fremde Kultur inkl. Geschichte, Literatur und Philosophie, somit die gesamte Weltsicht der Heranwachsenden schärfe.
Die Zeit, die dem Lehrbetrieb mit den Kindern und Jugendlichen zur Verfügung steht, die ist begrenzt.
Und im Hintergrund stehen dann die Menschen, die die Kinder gern nicht nur "für's Leben", sondern konkret "für den Arbeitsmarkt" vorbereitet sehen möchten.
Unter dem Blickwinkel wären mehr Mandarin-Klassen deutlich sinnvoller als frankophone Kulturpflege.
(Schreibt jemand, der mit Französisch als 3. Fremdsprache wählte und sich dann Frankreich bei einem Industriekonzern wiederfand.)

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Tom77 22.09.2019, 09:38
29. Französisch ist nutzlos

Ich selbst hatte Französisch in der Schule, hatte sogar mit einer 1 abgeschlossen. Und kann ich die Sprache heute noch sprechen? Nein. Denn erstens wurde in der Schule hauptsächlich auf Grammatik rumgeritten und zweitens braucht man Französisch im privaten und beruflichen Leben einfach nicht. Wenn man in den Urlaub fährt, kommt man überall mit Englisch ganz gut zurecht (außer in Madrid). Im Beruf habe ich viel mit Dienstleistern zu tun, die nicht in Deutschland beheimatet sind. Mit denen spricht man natürlich Englisch. Selbst mit Franzosen, mit denen ich auch während meiner beruflichen Laufbahn zu tun hatte, sprach ich Englisch. Wenn man im Internet surft, YouTube schaut, Fachtexte liest oder einfach nur Fanseiten über Filme, Musik und Games - alles in Englisch (oder eben Deutsch). Seien wir doch mal ehrlich: Außer in Frankreich selbst wird Französisch in kaum einem wirklich wichtigen Land gesprochen) - nur die EU hat Französisch auf einen Sockel gehoben, der objektiv betrachtet überhaupt keinen Sinn macht. Wenn man Fremdsprachen wirklich als nützliche Hilfe für die berufliche Zukunft sehen möchte, müsste man Chinesisch lernen. Denn das wird mehr und mehr an Bedeutung gewinnen - zumal viele Chinesen noch kein Englisch sprechen können. In vielen afrikanischen und arabischen Ländern lernen Kinder schon Chinesisch in der Schule, da die Chinesen dort nicht nur Schulen bauen, sondern auch Krankenhäuser, Straßen und Fabriken. Und da ist man eben als junger Mensch gut beraten, Chinesisch sprechen zu können, um beruflich erfolgreich zu sein. Französisch als Fremdsprache zu sprechen ist ein Relikt vergangener Tage. Nur weil uns Deutsche mit den Franzosen eine "Freundschaft" verbindet, muss man die Sprache nicht sprechen. Dann könnte man auch Polnisch lernen. Auch das sind unsere Freunde.

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