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Anonymes Lehrergeständnis: Mein schlechtes Gewissen beim Schüleraustausch
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Beim Schüleraustausch freuen sich deutsche Lehrer über die Gastfreundschaft in England oder Frankreich. Kommt der Gegenbesuch, wird es schnell peinlich, berichtet ein Hamburger Lehrer: Er kann Gäste nur auf eigene Kosten bewirten.

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markus_wienken 10.06.2019, 17:56
110.

Zitat von Tina123
Es mag sicher so sein, daß Bewirtungskosten nicht budgetiert sind, was mehr als übel ist, da Bewirtung einfach ein "must-do" ist. Gleichzeitig frage ich mich aber auch, ob unseren doch eigentlich recht gut bezahlten Lehrkräften eine solche Ausgabe nicht auch zumutbar ist. Ich bekomm' dafür auch keinen Cent vom Arbeitgeber, und setze diese Kosten dann bei der Steuer an....
Aus welchen Grund soll ein abhängig Beschäftigter (egal ob angestellt oder verbeamtet) gleich welcher Gehaltsklasse Ausgaben des Arbeitgebers übernehmen?
Wenn Sie das tun ist das Ihr "Privatvergnügen", bei rein beruflichen Kontakten kommt das für mich nun wirklich nicht in Frage.

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StefanieTolop 10.06.2019, 18:46
111. Mit ein bißchen Kreativität kann es klappen.

In vielen Kommunen gibt es überbordende Kulturbudgets. Gerade in kleineren Gemeinden wird der Schüleraustausch auch als kulturelles Event betrachtet. Es spricht also nichts dagegen, einmal bei der Gemeinde anzufragen, ob man eine sanfte Bewirtung über das Kulturbudget organisieren kann. Ein Besuch bei Christian Rach wird vermutlich nicht drin sein, aber a gscheiter Schweinsbraten beim Ortswirt sollte gehen.

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jschm 10.06.2019, 19:43
112. Unverständlich

Zitat von prof.k
Sind Sie sicher, dass auf französicher Seite wirklich die Schule zahlt? Ich arbeite an einer deutschen Uni, wo wir (natürlich) auch keinerlei Budget haben, um Gastwissenschaftler oder Seminarsprecher zum Essen einzuladen. Da solche Einladungen jedoch ein absolutes Muss sind, zahlen wir also aus eigener Tasche. Aber natürlich sagen wir dem Gast, dass das Geld von der Uni kommt - die sollen ja kein schlechtes Gewissen bekommen. Ich könnte mir vorstellen, dass das in Frankreich vielleicht auch so läuft.
in jedem Unternehmen ist es absolut üblich Geschäftspartner in einem Rahmen einzuladen und die Quittungen dann abzurechnen. Wenn das transparent und offen geschieht ist das kein Problem. Die Kosten sind sogar als Betriebsausgabe steuerlich abzugsfähig. Warum geht so etwas nicht in Schulen oder Unis und warum müssen Lehrer und Profs das aus eigener Tasche zahlen. Das grenzt schon an Unverschämtheit.

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jschm 10.06.2019, 19:44
113. Peinlich!

Zitat von Tom82
Das ist nicht notwendig, also darf es in Deutschland keine Steuergelder dafür geben. Richtig so!
Das ist peinlich aber passt zur deutschen Kleinbürger Mentalität.

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brohltaler 10.06.2019, 19:59
114. Nicht gut, aber "angemessen"!

Solange hierzulande Hartzern und Aufstockern sogar die winzigen "Ersparnisse" durch "Tafel"- Einkäufe von den Bezügen abgezogen werden, und solange es Kinder aus diesen Familien nicht wagen z.B. Weihnachtsgeschenke der Großeltern mit nach Hause zu nehmen, weil sie fürchten müssen, dass die Schnüffler vom Amt ihre Schränke durchwühlen, solange ist kein staatlicher Cent für solche Zwecke zu rechtfertigen!
Die von dem Lehrer geschilderte Vorgehensweise staatlicher Bezuschussung für Bewirtung ausländischer Gäste, ist nichtsdestoweniger mehr als unhöflich in einem wohlhabenden Land, keine Frage. Das skandalöse Schikanieren von Menschen "ganz unten" allerdings ist erbärmlich! Der Göttin "schwarze Null" fordert ihren Tribut, und macht unser Land für Gäste und eigene Leute widerwärtig!

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oberfrange 10.06.2019, 20:54
115.

Bin selbst seit einigen Jahren in die Organisation eines Austausches mit einem polnischen Lyzeum involviert. In Polen stellt die Gemeinde unkompliziert z.B. ein ÖPNV Wochenticket für die dt. Austauschschüler. Jedes Jahr werden unsere Schüler dort im Rathaus empfangen, was sie immer sehr aufregend finden. Hier in D interessiert der Gegenbesuch so ziemlich genau niemand, geschweige denn den Bürgermeister.
Bin schon mal fast vor Scham im Boden versunken, da mein Schulleiter (A15!) seine polnische Kollegin nicht mal auf ein Schnitzel und ein Bier einladen wollte und auf getrennten Rechnungen bestand. Hab ich halt dann bezahlt.
Die Haupt"last", wenn man es denn so nennen will (so ein Austausch macht neben viel Arbeit auch viel Freu(n)de) tragen aber immer die Familien und Lehrer, die Austauschschüler und -kollegen privat neben ihrem normalen Alltag beherbergen.
Es gibt Zuschüsse vom dt polnischen Jugendwerk aber die Bürokratie und der Papierkram sind unglaublich.
Als Begleitlehrkraft ist man dann auch quasi 24/7 im Dienst... Da passt die Familie nicht, manchmal wird auch seitens der Familien kurzfristig abgesagt... Ach es gibt immer wieder Probleme und man läuft während der Woche dauernd unter Hochstrom, ob denn auch alles klappt... Überstunden gibt es dafür nicht.
Hab meine Konsequenzen gezogen. Fahr demnächst privat auf eigene Kosten und ohne Schüler im Anhang nach Polen. Sollen andere sich um den Austausch kümmern.

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Bilcore 10.06.2019, 22:17
116. Austausch

Hallo? Es geht um den Austausch, um
Kommunikation, die Aufrechterhaltung gemeinsamer Werte! Und das hängt immer eng zusammen mit dem Engagement einzelner Personen, ja Lehrer. Was das mit der Verschwendung von Steuermitteln zu tun haben soll, wird mir nicht klar. Einige Foristen hier sollten sich schämen für ihre Beiträge.

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uhligfd 10.06.2019, 22:26
117. Ganz einfach: Gäste mit nach hause nehmen und gutes Essen geniessen.

Ich bin auch Prof in einem armen Staat eines armen trumpie Landes (USA). Und seit ewig nehme ich immer alle meine Gäste mit nach hause, nach dem Vortrag hier, nach der Konferenz, ... . Dort machen wir tolles Essen und Trinken. Das ist Spass und gilt alle Gastgeschenke, wenn ich andere besuche, gleich mit ab. So sehe ich andere Kulturen in 40 Staaten alle von innen und lerne z. B. die Enkel meiner Kollegen 20000 km weit weg kennen. Es gibt von uns viele, viele Anekdoten über was man hier so alles mit uns, bei uns erlebt. Schlangen inklusive, verlorene Autoschlüssel, Tornados usf ...

Und die Gastfreundschaft ist damit hier und da gleich, nur eben eine bisschen gleicher in meiner Familie und als sonst an dieser Uni oder diesem 'Staat' ohne Geld fuer Lehre. Macht nichts, 4 Wochen in Übersee für eigene 300 $ sind doch auch gut, oder nicht?

Probiert das doch einmal aus, nur Mut, das persönliche Näherkommen. Wer hat schon nicht alles bei uns zu Hause geschlafen, die ganze Herausgebermannschaft unserer Literatur inklusive ... Und richtig arm sind wir dadurch noch nicht geworden, sondern reich an Einsicht, an Freunden, im Leben.

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Lehrerin987 11.06.2019, 02:09
118. Schulen haben kein Budget

Zitat von enfield
Ich verstehe nicht ganz, was dagegen spräche bzw. spricht, wenn Schulen jeweils ein Spesenbudget in ihrer Finanzplanung veranschlagen und das dann jeweils davon abzweigen. Sowas lässt sich ja eigentlich ziemlich leicht planen, da die meisten derartigen Gelegenheiten ja auch turnusmäßig in planbaren Rahmen stattfinden und ein bisserl Reserve kann ja auch noch drauf. Weiß jemand, warum das nicht geht bzw. offenbar nicht gemacht wird? Ist es tatsächlich eine allgemeine Unzulänglichkeit unseres Staatsapparates oder haben Schulen/Institute doch Möglichkeiten, die einfach ungenutzt bleiben, weil sich die Schulleitung nicht kümmern will?
Dass Schulen kein Spesenbudget veranschlagen, liegt daran, dass Schulen (zumindest die öffentlichen) überhaupt kein eigenes Budget und keine eigene Verantwortung für Finanzen haben. Eine Schule darf noch nicht einmal ein Konto besitzen! (Konten für den Förderverein, die SMV, Klassenkonten, etc. gehen, aber kein Konto der Schule allgemein.) Das (schmale) Budget der Schule wird tatsächlich von der Gemeinde verwaltet. Wenn die Schule irgendetwas kauft, wird die Rechnung an die Gemeinde geschickt. Viel ist da aber nicht drin. Wenn es mal ein besonderes Projekt sein soll, muss unser Schulleiter bei den "Bildungspartnern" (= lokale Firmen) betteln gehen. Das ist wirklich hochgradig peinlich. Von "Partnerschaft" kann da keine Rede sein. Dass die Gemeinde nicht für Bewirtung von Gästen zahlt, ist ja klar. Die zahlen ja auch nicht für eine zeitgemäße Ausstattung von Schulen.

Die Lösung, dass Eltern / der Förderverein für solche Essen zahlen sollen, funktioniert leider nicht. Der Förderverein hat strenge Regeln, dass das Geld nur Schülern zugute kommen soll. Und eine private Geldsammlung von Eltern würde dem Lehrer, der das annimmt, als Vorteilsnahme / Bestechlichkeit angerechnet werden.

Auch bei anderen Anlässen zahlt man als Lehrer übrigens immer drauf, was es in der Form nirgends gibt: Wir zahlen unsere eigenen Bahntickets und Eintrittskarten, wenn wir mit Schülern einen Ausflug machen, wir backen selbst Kuchen und belegen Brötchen, wenn auswärtige Kollegen für die Abnahme des mündlichen Abiturs kommen und verpflegt werden müssen, wir zahlen selbst, wenn wir am Elternsprechtag für eine angenehme Atmosphäre sorgen wollen, indem wir Getränke und Kekse auf den Tisch stellen, etc. Von den Büchern und sonstigen Materialien, die wir regelmäßig aus der eigenen Tasche zahlen müssen, ganz zu schweigen.

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enfield 11.06.2019, 08:36
119. Interessant

Zitat von Lehrerin987
Dass Schulen kein Spesenbudget veranschlagen, liegt daran, dass Schulen (zumindest die öffentlichen) überhaupt kein eigenes Budget und keine eigene Verantwortung für Finanzen haben. Eine Schule darf noch nicht einmal ein Konto besitzen! (Konten für den Förderverein, die SMV, Klassenkonten, etc. gehen, aber kein Konto der Schule allgemein.) Das (schmale) Budget der Schule wird tatsächlich von der Gemeinde verwaltet. Wenn die Schule irgendetwas kauft, wird die Rechnung an die Gemeinde geschickt. Viel ist da aber nicht drin. Wenn es mal ein besonderes Projekt sein soll, muss unser Schulleiter bei den "Bildungspartnern" (= lokale Firmen) betteln gehen. Das ist wirklich hochgradig peinlich. Von "Partnerschaft" kann da keine Rede sein. Dass die Gemeinde nicht für Bewirtung von Gästen zahlt, ist ja klar. Die zahlen ja auch nicht für eine zeitgemäße Ausstattung von Schulen. Die Lösung, dass Eltern / der Förderverein für solche Essen zahlen sollen, funktioniert leider nicht. Der Förderverein hat strenge Regeln, dass das Geld nur Schülern zugute kommen soll. Und eine private Geldsammlung von Eltern würde dem Lehrer, der das annimmt, als Vorteilsnahme / Bestechlichkeit angerechnet werden. Auch bei anderen Anlässen zahlt man als Lehrer übrigens immer drauf, was es in der Form nirgends gibt: Wir zahlen unsere eigenen Bahntickets und Eintrittskarten, wenn wir mit Schülern einen Ausflug machen, wir backen selbst Kuchen und belegen Brötchen, wenn auswärtige Kollegen für die Abnahme des mündlichen Abiturs kommen und verpflegt werden müssen, wir zahlen selbst, wenn wir am Elternsprechtag für eine angenehme Atmosphäre sorgen wollen, indem wir Getränke und Kekse auf den Tisch stellen, etc. Von den Büchern und sonstigen Materialien, die wir regelmäßig aus der eigenen Tasche zahlen müssen, ganz zu schweigen.
Danke für die Aufklärung. Also liegt es letztendlich bei der jeweiligen Kommunalverwaltung - wie und ob diese Haushalte für Ihre Schulen planen? Ich denke, da gibt es dann mehr od. weniger große Unterschiede, je nach Kommune? Wenn die Schulen keine eigene Finanzplanung haben, verwalten dann auch die Kommunen die Leistungen vom jeweiligen Bundesland?

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