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Berufliche Weiterbildung: Kurse außer Kontrolle
DPA

Die Arbeitsagentur gibt jährlich Milliarden für berufliche Weiterbildungen aus. Doch was ist, wenn die Kurse nichts taugen? Ein Beispiel aus Sachsen.

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mueller23 03.05.2017, 20:21
20. Bevor einer eine Ausbildung beginnt

sollte er/sie die Qualität des ausbildenden Instituts prüfen.
Ich habe mir selbst zwei Jahre (2001-2003) den Arsch platt gesessen und hatte nach der Bildungsmaßnahme nicht viel bessere Perspektiven.
Ich darf mich seitdem Fachinformatiker für Anwendungsentwicklung nennen, bin bei der IHK eingetragen.
Nach etwa 100 Bewerbungen habe ich aufgehört, mit dem Gefühl: wer bei dem Institut ausgebildet worden ist, der kann nix.
Ich hatte im Vorfeld das Fachabitur am Abendgymnasium gemacht und war als Gasthörer bei der Fern-Uni Hagen registriert, Kurse in Mathematik und Englisch für Informatiker abonniert. Ich dachte, jetzt wird es ernst, da kommen Anforderungen auf mich zu und ich will es schaffen.

Die Ausbildung begann mit 25 Teilnehmern, 23 davon wurden von Arbeitsagentur/Jobcenter bezahlt. Die zwei, die es selbst finanziert hatten tun mir heute noch leid.

Die Räumlichkeiten kosten immer das selbe, die Dozenten sowie die Verwaltung auch, egal ob 25 Teilnehmer oder nur noch 12.
Also wird nicht gefiltert, völlig ungeeignete Personen nehmen weiterhin an der Ausbildung teil, obwohl jedem klar ist: er/sie kann es nicht und wird es auch niemals können.
Und diese behindern den Fortschritt, wissen womöglich selber, dass sie in der falschen Maßnahme gelandet sind, kommen aber nicht da raus, weil sie Angst vor Repressalien seitens der Agentur haben.
Die Karawane kommt nur so schnell voran wie das langsamste Kamel.
Für den Englischunterricht hatte ich mein Material von der Fern-Uni Hagen mitgebracht, die Englisch-Dozentin war völlig überfordert.
Nach drei Monaten hatte ich den Dozenten für Programmierung gefragt, wie lange er noch die if und else Schleife durchkauen will.
Antwort: es ist noch zu früh, Teilnehmer nach hinten abkippen zu lassen.

Niemand wurde aus der Maßnahme entlassen, das Institut, bfw in Köln, brauchte die Kohle von möglichst allen Teilnehmern.
Das letzte halbe Jahr wurden überwiegend IHK-Prüfungen aus den letzten Jahren durchgekaut, die Fragestellungen wiederholen sich alle Jahre wieder, wenn man die alle kennt kommt man einfacher auf die benötigten 50 Punkte.
Letztendlich haben fünf bis sieben, maximal acht (hatte keine Rückmeldung erhalten) die Prüfung geschafft, von 25 angetretenen.
Zwei oder drei arbeiten heute als Informatiker, einer von denen hatte die Prüfung nicht geschafft, wurde aber von der Firma, bei der er sein Praktikum gemacht hatte, eingestellt.

Alles in allem eine grottenschlechte Bilanz. Etwa 625000 DM (25x25000) wurden investiert, um zwei oder drei Teilnehmer in Arbeit zu bringen.
Natürlich sind in dem Betrag auch die Kosten enthalten, das Institut am Kacken zu erhalten, da hängen ja auch ein paar Arbeitsplätz dran.

Das kann man mit Sicherheit besser machen und ich sehe da auch schon Fortschritte, weg vom Giesskannenprinzip hin zu individueller Ansprache.
Ich arbeite heute für eine gemeinnützige Organisation und habe regen Kontakt zu Mitarbeitern im Jobcenter.

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genugistgenug 03.05.2017, 20:23
21. Sozialmafia - seit 1992 hat sich NICHTS geändert

Damals kam ich in den Genuss eines dreiwöchigen Bewerbungstrainings - Teilnehmer bunt gemischt, Verkäuferin, Ungelernte, Doktorand Biologie, ich IT, Schreiner, usw. - und so ein Hampelpäärchen veruschte die universelle Bewerbung für alle Berufe zu entdecken - Querdenken unerwünscht - als ich von Vorstellungsgesprächen inkl. Mittag-Abendessen erzählte oder einem vierstündigen Gespräch (Samstag) mit dem Firmenchef das in der Kaffeeküche begann (er hat grade die Spülmaschine ausgeräumt und während die Kaffeemaschine lief, trockneten wir ab - Arbeit erkannt und getan) wurde als 'gibt es nicht' abgetan. Verhandlungsmethoden oder Verpackung der Wünshe (Firmenwagen, usw.) waren auch völlig unbekannt/unerwünscht - Zielsetzung war 'Hauptsache sie sind drin und dann können sie ja um mehr Gehalt bitten' und das für eine Führungsstelle!
Abkassiert haben die damals schon dicke - unser Fazit war 'Jetzt wissen wir genau, wie wir es nicht machen sollen'.
Natürlich haben wir uns auch gefragt, wieso sich die beiden Dozenten sich so billig verkaufen, wenn sie angeblich im Bewerbungsmetier firm sind, also ganz einfach eine eigene Stelle finden könnten.

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janwilhelmine 03.05.2017, 20:27
22. Fehlende Überprüfung

Ähnliche Zustände gibt es auch in der Beruflichen Bildung junger Arbeitsloser bei Bildungsträgern. Das Arbeitsamt geht wie auch hier beschrieben, von der Richtigkeit eines bewilligten Konzepts aus. Tatsächli h sind dann aber während der Laufzeit weder die Fachdozenten vorhanden noch die pädagogischen Fachkräfte in der bewilligten Anzahl und Kontinuität da. Warum? Kaum Fachdozenten arbeiten für 15-25 ? brutto. Und durch den Einsatz von 1 Fachkraft in 2 Maßnahmen kassiert der Bildungsträger doppelt, zahlt aber nur einfach. Leidtragende dabei sind die Auszubildenden.

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halbtagsgott 03.05.2017, 20:33
23. trotz oder durch AZAV?

Wer je an einer Kurszertifizierung teilgenommen hat, wundert sich nicht.
Das Thema des Artikels geht leider an einer Ursache komplett vorbei:
Gibt es diese Probleme trotz der Zertifizierung nach AZAV oder eben genau durch die Zertifizierung?
Was sich da Qualitätsmanagement nennt ist der größte Blödsinn, den man sich denken kann. Vollkommen praxis- & realitätsferne Ansprüche an die Kurse, dafür Bürokratie bis zum Erbrechen. Inhalte komplett irrelevant, Dokumentation erhält dafür nahezu religionsgleiche Wertigkeit.
Das ist so was von typisch deutsch!

Eine andere Ursache wird zumindest kurz angesprochen:
die Personalauswahl.
Bei dem Entgeld das der Träger bekommt hat er nur eine Chance damit über die Runden zu kommen: mögliche Vollauslastung und dazu das billigste Personal, welches er finden kann. Dies kommt i.d.R. frisch von der Uni, hat somit keinerlei Praxis- und schon gar keine Lebenserfahrung.
Die guten unter diesen Kräften nutzen diese Jobs als Sprungbrett in die nächste, besser bezahlte Tätigkeit.
Ständiger Personalwechsel und Ausfälle sind natürlich die Folge.

Was ändern?
Mir graut vor der nächsten Verschlimmbesserung durch dieselben Schreibtischtäter.

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capote 03.05.2017, 20:36
24. Fortbildung

An meinen Betrieb ist so eine Schule für Erwachsenenbildung (nein, nichts mit Arbeitsamt, freiwillig) herangtreten, weil man händeringend einen Dozenten für Regelungstechnik suchte. Der Kontakt mit mir wurde hergestellt und ich bekam ein Mail vom Leiter der Schule, ich solle hn unbedingt DIESE Woche anrufen. Also angerufen, der automatische Anrufbeantworter verkündete, dass der Schulleiter bis einschliesslich nächste Woche Dienstag nicht zu erreichen sei.

Ich war am überlegen, wie ich mich organisiere, Mittwochs und Samstags Abends Schule, heisst, Dienstags und Freitags muss ich überlegen, was ich da vortragen soll, 4 Tage die Woche keine Zeit, ohne Prüfungen und Klausuren korrigieren. Der Termin kam dann doch noch zustande. Der Schulleiter betonte mehrfach, er wolle nur Dozenten, die den Job unbedingt wollen, was ich geflissentlich überhört habe. Etwa 16 Teilnehmer pro Klasse, die fürs 1/2 Jahr 1000,- bezahlen müssen, wenns hochkommt, bekomme ich davon die Hälfte, also 8000,- . Ich weiss es nicht, aber nehme mal an, 4 Stunden Mittwochs und 6 Stunden Samstags, sind 10 Stunden, nochmal mindestens das Gleiche an Vorbereitungszeit + Klausuren nachsehen, sind das 25 Stunden die Woche, nehmen wir mal an, 20 Wochen in Semester, sind 500 Stunden Zeitaufwand, sind 16,- Stundenlohn und das für einen doppelt studierten (beides mit Diplom) Akademiker, so super attrektiv fand ich das nicht, schon mal gar nicht nach Steuern.

Anyway, der Schulleiter wollte mich in der Woche darauf zurückrufen, hat sich aber nie mehr gemeldet. Als ich unserer Personalchefin die Story erzählte, hat die nur mit dem Kopf geschüttelt, unverständlich. Ich verstehe es inzwischen, ich war (Schreck lass nach !) über 50 Jahre alt, das geht natürlich nicht, so jemanden zum Dozenten zu machen, auch wenn der für ein 700-Mann Unternehmen der Chefmathematiker ist und die Regelungstechnik macht, also wahrscheinlich der Kalk noch nicht aus den Hosenbeinen rieselt. Wir werden nicht für unsere Arbeit, sondern für Jung-sein bezahlt. Da wundert sich doch wohl keiner, dass die Fortbildungskurse nichts taugen?

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ansv 03.05.2017, 20:38
25.

Zitat von Fehrmann10
Sie haben ohne jeden Kurs, nur bei der Arbeit mit Ihren Kollegen Deutsch gelernt. Innerhalb eines Jahrenkonnte man sich mit Ihnen gut unterhalten. Was für ein Theater machen wir heute?
Genau. So ein Theater. Da kommen die Menschen und wollen doch tatsächlich ihre Ausbildung anerkannt bekommen. Sollen sie doch wie früher einfach mit ein paar Brocken Deutsch Jobs am Band von Boschdaimlervwmüllabfuhrundwiesiealle heißen machen. Ach - so was dummes - diese Jobs gibts ja in Deutschland kaum noch. Dann doch lieber weiter vom Staat leben, oder?

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shardan 03.05.2017, 20:53
26. Beim besten Willen: Nichts neues.

Ein Freund von mir - Hartz-IVler. Er besucht als Kaufmann eine Fortbildung, gezwungenermaßen. Das Jobcenter zwingt ihn per massiver Drohung ("Sie verlieren ihre gesamten Bezüge, wenn...") zum 5. Mal in den gleichen Schreibmaschinenkurs! Der kann Schreibmaschine perfekt, schon von seiner Ausbildung her. Nötige Weiterbildung in einigen Bereichen - Fehlanzeige. Wem das hilft - außer der schöngelogenen Statistik, natürlich - erschließt sich wohl nur dem Jobcenter. Unsinniger kann man Geld nicht aus dem Fenster werfen. Um diesen Blödsinn zu finanzieren, müssen die Arbeitnehmer Arbeitslosenversicherung bezahlen und ggf. werden eben die Beiträge erhöht..... die Quadratur des Schwachsinns.

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helisara 03.05.2017, 20:55
27.

Prinzipiell sind Weiterbildungskurse für Arbeitslose sinnvoll. Wenn es denn die richtigen Kurse sind und das ist eher selten der Fall. Als ich in den neunziger Jahren einmal arbeitslos wurde, beantragte ich beim Arbeitsamt einen Kurs in "Businessenglisch". Praktisch, daß dort gerade so ein Kurs angeboten wurde. Im Einführungsgespräch wurde mir gesagt, Englischkenntnisse würde vorausgesetzt. Als der Kurs dann anfing erfuhr der, durchaus fähige und hochmotivierte Sprachdozent, daß die Hälfte der Kursteilnehmer kein Wort Englisch sprach. Es handelte sich dabei um schon ziemlich ältere Langzeitarbeitslose die noch die Zeit bis zum Renteneintritt überbrücken mußten. Eine Bürokauffrau die ich kenne, bekam einen Kurs (als ABM), mit Ausbildung zur "Bürohilfskraft". Die Fächer: Deutsch, Informatik, Mathematik, Physik und Elektronik. Laut Aussage der Bekannten, wurde die Kolbenpumpe sehr intensiv durchgenommen. Auf die Frage, was dies mit Büroarbeit zu tun habe, sagte man ihr, das würde unterrichtet, weil man diesen Dozenten nun einmal habe und beschäftigen müsse.
Die Bewerbungskurse, bei denen man gesagt bekommt, daß man sich in einem Bewerbungsschreiben bitte keine Rechtschreibfehler leisten sollte, sowie pünktlich und ohne Schnapsfahne zum Vorstellungsgespräch erscheinen soll, sind sowieso ein Witz (ich bezweifle nicht, daß es Kandidaten gibt, die sturzbetrunken zum Vorstellungsgespräch erscheinen, aber bei denen bringt ein Belehrungskurs auch nichts.)
Die Kurse dienen in erster Linie dazu, die Arbeitslosenstatistiken zu schönen. Wer ein Jahr an einem solchen Kurs teilnimmt, taucht in dieser Zeit nicht in der Statistik auf. Dann gibt es natürlich auch die "Kursindustrie" mit guten Kontakten zu den Jobcentern. Aber wehe, ein Arbeitsloser sucht sich selbst eine (sinnvolle) Aus- oder Weiterbildung: dann kann er mit dem Jobcenter um die Bewilligung und die Bezahlung kämpfen!

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manicmecanic 03.05.2017, 21:02
28. Kommentar 10 triffts exakt

Das ganze System stinkt zum Himmel.Ich war so dumm Facharbeiter zu werden,bin leider zur miesen Zeit vom Gymnasium abgegangen und habe daher oft mit dem Arbeitsamt zu tun gehabt.Auch einige sogenannte Maßnahmen mit gemacht.Bei mir wie der Mehrzahl der Teilnehmer hat das nichts genutzt,gelohnt hat sich das nur für die Anbieter und die Statistik,denn schon damals war man dann nicht mehr in der Arbeitslosenzahl drin.Die letzte Maßnahme,die ich mir habe aufs Auge drücken lassen war eine Umschulung.Das lief dann exakt nach Kommentar 10,in meinem eigentlichen Job wollte mich mit biblischen 38 Jahren keiner mehr fest einstellen,also hab ich ohne große Hoffnung den Quatsch mitgemacht.Sehr teure Zeitverschwendung die 2 Jahre.Mit dem 2.Gesellenbrief habe ich nicht EINEN TAG gearbeitet!Mittlerweile 40,im neuen Job Anfänger,man kann sich die Resonanz der Arbeitgeber sicher vorstellen.

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hellas16 03.05.2017, 21:14
29. Es geht doch nur um Geld!

Syrischer Zahnarzt aus Aleppo, kaputte Kiefer operiert! Verdammt, er könnte ja Konkurrenz sein oder sogar besser! Also schraubt die Ärztekammer die Anforderungen bis in die Himmel, die niemand nachvollziehen kann. Wo ist die Zahnärztelobby, die dann einen Kurs anbietet? Nein, dass soll natürlich die Arbeitsagentur machen. Also die Beitragszahler. Keine Ärztekammer weit und breit zu sehen, denn es könnte ja Geld kosten. Resultat: Agentur hilflos, syrischer Zahnarzt verweifelt und Lobby zufrieden. Patient? Na ja, Du bist ja egal.

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