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Berufsbildungs-Bericht: Deutschland gehen die Lehrlinge aus
DPA

Das Ausbildungssystem in Deutschland gerät aus den Fugen. Obwohl die Wirtschaft nach Lehrlingen ruft, bleibt eine Viertelmillion ohne Chance auf einen Platz. Die Zahl der Azubis sinkt auf einen historischen Tiefstand.

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th.enz 08.04.2014, 15:47
270. Ha! Dachdecker!

Zitat von eulenspiegel1979
Ich arbeite nicht in einer Dachdeckerfirma (nichts gegen Dachdecker) sondern in einem kaufmännischen Beruf in einem Konzern mit über 3000 Mitarbeitern.
Sie würden sich wundern in punkto Dachdeckerfirma. Der Umgangston auf dem Bau mag vereinzelt etwas rauh und blumig im Idiom sein, die Anforderungen an einen ordentlichen Dachdecker sind allerdings hoch. Täuschen Sie sich nicht:

1. Der Dachdecker arbeitet körperlich schwer. Das macht man nichtmal bis 60. Ich habe Dachdecker in der Familie und die beginnen, ab 40 sukzessive zu verschleißen und auseinanderzufallen.

2. Die intellektuellen Anforderungen sind signifkant: Dachflächen berechnen, Geometrie, Trigonometrie, Materialien (Schiefer, Dachpappe, Dachziegel etc.) und motorisches Geschick.

3. Kundenumgang: Dachdecker treffen auf den Kunden in dessen privatem Umfeld, nämlich zuhause, werden (so ist es bei uns typisch) vom Kunden zum Mittagessen eingeladen. Wer sich zu Tisch nicht benehmen kann, blamiert in Sekunden die ganze Firma, die halbe Zunft und seine Familie. Besonders im ländlichen Raum. Leserlich schreiben, Umgangsformen im Kunden- und Großhandelskaufgespräch, Kooperationsfähigkeit mit Bauingenieuren oder Statikern etc. muß ebenfalls vorhanden sein.

4. Vor allem die Ossi-Betriebe waren traditionell verwöhnt mit guten Lehrlingen, weil zu DDR-Zeiten die angesehenen Handwerksberufe (z.B. Dachdecker) nur mit dem Abschluß der POS gelernt werden durften. Das heißt überwiegend fähige, mathematisch-polyteschnisch solide ausgebildete Schüler im Alter von 16 Jahren mit einer niveauvollen Klasse-10-Schulbildung. Diese Substanz verschwand gegen Ende der 90er Jahre endgültig. Die Jugendlichen machen nach wie vor lieber rüber in den Westen, weil niemand für die geringen Löhne schwer arbeiten will (trotzdem Dachdeckerfirmen seit Jahren Mindestlohn zahlen müssen - auch im Osten - nämlich 10,50€ für Gehilfen!)

5. Im Winter ist es üblich, entlassen zu werden, um dann im Frühjahr, wenn es wieder Arbeit gibt und das Wetter besser ist, wieder eingestellt zu werden. Angesichts der katastrophal langsamen Arbeitsgeschwindigkeit der ARGE kriegen nicht wenige monatelang kein Geld. Erquicklich nenne ich andere Beschäftigungszustände!!

Insgesamt: Handwerksberufe sind nicht ohne (von den besoffenen Mäuern abgesehen die dann die Wände schief hochziehen ;-) :-P) und vor allem im Osten sind die Älteren noch immer nicht über den Schock hinweg, wie die mittlere Schulbildung seit 1989 implodiert ist und sie nicht mehr ihre interessierten, motivierten und solide ausgebildeten Schüler kriegen. Viele Handwerksmeister stellen im Osten niemanden mehr ohne Mathe 2, Deutsch 2 usw. ein, weil unter dem kein "ausbildungsfähriges Material" mehr vorliegt.

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caliper 08.04.2014, 15:58
271.

Zitat von rle
Wer hat denn die angeblich kleine Versagensquote ausgerechnet? Personalchefs, die bei über 3 Mio. +x Arbeitslosen keine geeigneten Leute finden, Banker, die in einem Run wie die Lemminge auf faule Kredite die Finanzkrise verursachen ...
Wieviel Steuern würden Sie für die Ermittlung der genauen Anzahl zur Verfügung stellen? Was würden Sie mit der Zahl anfangen?

Was man in den Medien liest ist kein repräsentativer Querschnitt. Die (vermeintlich) schlechten Entscheidungen von höchsten Führugnskräften werden thematisiert. Die anderen Entscheidungen sind nicht publikumswirksam. Und für die schlechten Entscheidungen des Lageristen interessiert sich niemanden. Für Unbedarfte kommt so der Eindruck auf, nur die DAX-Chefs und Top-Banker würden Fehler machen.

Warum sollen Führungskräfte nicht über schlecht ausgebildete Schulabgänger jammern? Wenn sich niemand zu Wort meldet, dann ändert sich auch nichts.

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rle 08.04.2014, 16:02
272. Spielt zwar keine Rolle, aber

Zitat von Steve Holmes
Wann haben sie zuletzt einen geeigneten Mitarbeiter gesucht? Nach meiner Erfahrung ist das nicht leicht.
Ist schon lange her und natürlich nicht repräsentativ.
Die Personalabteilung hat sich dabei nicht mit Ruhm bekleckert.

Inzwischen gibt es in Deutschland mehr Arbeitssuchende und einen größeren Pool an ausländischen Kandidaten - ich lese aber nur Rumgemäkel.
Und wenn sich mal jemand erlaubt, sich als qualifizierten Bewerber darzustellen, wird er gleich für dooooof erklärt - können Sie hier in vielen Beiträgen nachlesen.

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rle 08.04.2014, 17:08
273.

Zitat von caliper
Wieviel Steuern würden Sie für die Ermittlung der genauen Anzahl zur Verfügung stellen? Was würden Sie mit der Zahl anfangen?
Hat das jemand verlangt?
Sie haben einfach eine Behauptung aufgestellt, und ich habe sie bezweifelt.
Haben Sie damit ein Problem?
Zitat von caliper
Was man in den Medien liest ist kein repräsentativer Querschnitt. Die (vermeintlich) schlechten Entscheidungen von höchsten Führugnskräften werden thematisiert. Die anderen Entscheidungen sind nicht publikumswirksam. Und für die schlechten Entscheidungen des Lageristen interessiert sich niemanden. Für Unbedarfte kommt so der Eindruck auf, nur die DAX-Chefs und Top-Banker würden Fehler machen.
Einverstanden.
Allerdings sollten die Herrschaften etwas bescheidener auftreten.
Über Leute herziehen, die nur einen verschwindenden Bruchteil des eigenen Gehalts bekommen ist unanständig.
Und gerade die Vorlautesten erweisen sich oft als die größten Nieten: wenn ich da an Herrn Schmidt von der BLB oder Herrn Breuer von der Deutschen Bank denke.
Es gibt auch Bescheidenere und Seriösere, aber wie Sie schon angemerkt haben, stehen die nicht in der Zeitung.
Zitat von caliper
Warum sollen Führungskräfte nicht über schlecht ausgebildete Schulabgänger jammern? Wenn sich niemand zu Wort meldet, dann ändert sich auch nichts.
Ich habe bisher das Gejammere nicht in konstruktiver Weise erlebt.

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relief 08.04.2014, 17:24
274. Toll!

Zitat von tubaner
Wenn IHK und HWK jedes Jahr jammern, dass die meisten Hauptschüler nicht ausbildungsfähig sind, hat das mit den Gymnasien zu tun, sondern hängt tatsächlich nur mit den Hauptschulen zusammen. Und es muss nicht einmal das Niveau der Schulen gesunken sein, sie haben sich nur nicht den steigenden Ansprüchen der Jobs angepasst. Die ganz einfachen Jobs, für die Hauptschüler vorbereitet werden, gibt es heute schlicht kaum noch. Die sind automatisiert, nach Osteuropa oder in Schwellenländer verlagert worden, die verbleibenden Jobs bestehen immer mehr darin Maschinen zu bedienen und verlangen dadurch mehr Bildung: ein 300 Seiten dickes Handbuch lesen und umsetzen oder eine CNC-Fräse wirklich bedienen zu können erfordert einfach eine Bildung, die nie Ziel der Hauptschule war. Das müssten unsere Bildungspolitiker mal einsehen und die richtigen Konsequenzen ziehen. Es sollte Ziel sein, jeden Schüler mindestens mit einer mittleren Reife von der Schule abgehen zu lassen. Mir ist klar, dass das nicht alle in 10 Jahren schaffen werden, und auch nicht alle in 11 oder 12, aber mit der entsprechenden Förderung könnten es sicher viele schaffen, die heute mit Hauptschulabschluss und ohne Chance auf eine Ausbildung in „Übergangsmaßnahmen“ verwahrt werden, heiße Kandidaten für Hartz 4 und Ein-Euro-Jobs sind und damit als Versager gesehen werden und dem Staat nur Kosten verursachen.
Jeder soll mind. die Mittlere Reife bekommen. Das Scheinchen ist wichtig! Ob dahinter nur heiße Luft ist, das ist egal. Das ist genau die Denke unserer "Bildungspolitiker".

Da frage ich mich: Warum nicht gleich das Abitur? Wir sind ja schon auf dem besten Weg dahin. Mathe Abituraufgaben in NRW prüfen großteils nur das Verständnis eines Textes. Die Lösung ist bereits im Text gegeben. => Volle Punktzahl!!!

Der Abstieg Deutschlands zur Drittklassigkeit auf dem Gebiet von Bildung, Forschung und Technik ist vorhersehbar, von einigen wahrscheinlich auch gewollt.

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Steve Holmes 08.04.2014, 18:01
275.

Zitat von rle
Ist schon lange her und natürlich nicht repräsentativ. Die Personalabteilung hat sich dabei nicht mit Ruhm bekleckert. Inzwischen gibt es in Deutschland mehr Arbeitssuchende und einen größeren Pool an ausländischen Kandidaten - ich lese aber nur Rumgemäkel.
Dann muss das aber schon wirklich lange her sein. Wann war die Arbeitslosigkeit niedriger als heute?

Ich beschäftige Mitarbeiter auf Projektbasis, muss also immer neue Teams zusammenstellen. Das ist nicht einfach. Die Millionen Arbeitslosen nutzen da nicht viel wenn bestimmte Qualifikationen gefragt sind.

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rle 08.04.2014, 18:38
276.

Zitat von Steve Holmes
Dann muss das aber schon wirklich lange her sein. Wann war die Arbeitslosigkeit niedriger als heute? Ich beschäftige Mitarbeiter auf Projektbasis, muss also immer neue Teams zusammenstellen. Das ist nicht einfach. Die Millionen Arbeitslosen nutzen da nicht viel wenn bestimmte Qualifikationen gefragt sind.
Das Angebot an Arbeitskräften und Qualifikation orientiert sich naturgemäß nicht an kurzfristigen Projekten.

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wauz 08.04.2014, 18:42
277. Was allesdoch geht...

Zitat von Steve Holmes
In einer Diktatur könnten man das so machen. War das nicht in der DDR so ähnlich? In einem freiheitlichen Rechtsstaat geht das zum Glück nicht.
Das Armutsamt kann ein Hartzer-Kind dazu verpflichten, eine Ausbildung anzufangen.Per Vermittlungsvorschlag. Bei Nichtbeachtung Sanktion. Es herrscht ab 16 Arbeitspflicht in Deutschland. Und ausziehen darf der oder die erst mit 25.

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Steve Holmes 08.04.2014, 19:49
278.

Zitat von wauz
Es herrscht ab 16 Arbeitspflicht in Deutschland.
Ich kenne Akademiker in Deutschland die erst mit Mitte 20 einer beruflichen Tätigkeit nachgegangen sind. Wie ist das mit der Arbeitspflicht ab 16 zu vereinbaren?

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caliper 08.04.2014, 21:41
279.

Zitat von tubaner
Wenn IHK und HWK jedes Jahr jammern, dass die meisten Hauptschüler nicht ausbildungsfähig sind, hat das mit den Gymnasien zu tun, sondern hängt tatsächlich nur mit den Hauptschulen zusammen. Und es muss nicht einmal das Niveau der Schulen gesunken sein, sie haben sich nur nicht den steigenden Ansprüchen der Jobs angepasst.
Verbände können nicht jammern und wimmern, was man auch gelegentlich liest. Sie vertreten ihre Interessen. Sonst könnte man sie abschaffen und die Politiker könnten dann noch sinnfreiere Regelungen und Reformen aus dem Hut zaubern.

Dass Hauptschüler immer seltener ausbildungsfähig sind liegt nur teilweise an den Lehrern. Im Gegensatz zu früher gehen nur noch die untersten 10% auf die Hauptschule. Auf der anderen Seite steigen die Ansprüche an die gewerbliche Ausbildung. Statt Kfz-Mechaniker werden zunehmend Kfz-Mechatroniker gefragt.

Der Hauptschüler der über keine besondere Motivation und Glück verfügt ist eigentlich zum Hilfsarbeiter oder H4 Bezieher verurteilt.
Der Realschüler ist für die industriellen und gewerblichen Berufe geeignet. Der unterdurchschnittliche Abiturient kann begehrte oder höherwertige Berufe erlernen. Der Mittelmässige endet beim Bachelor und liegt damit - je nach Fachrichtung - nur knapp über der Qualifikation eines gewerblichen Abschlusses.

Zitat von tubaner
Die ganz einfachen Jobs, für die Hauptschüler vorbereitet werden, gibt es heute schlicht kaum noch. Die sind automatisiert, nach Osteuropa oder in Schwellenländer verlagert worden,
Der MIndestlohn wird den Rest erledigen. Zumindest in der Industrie wird man diese Jobs verlagern und vermeiden wo es geht. In der nächsten Krise wird man die H4 Sätze senken oder die Bedingungen verschärfen müssen.

Zitat von tubaner
die verbleibenden Jobs bestehen immer mehr darin Maschinen zu bedienen und verlangen dadurch mehr Bildung: ein 300 Seiten dickes Handbuch lesen und umsetzen oder eine CNC-Fräse wirklich bedienen zu können erfordert einfach eine Bildung, die nie Ziel der Hauptschule war. Das müssten unsere Bildungspolitiker mal einsehen und die richtigen Konsequenzen ziehen. Es sollte Ziel sein, jeden Schüler mindestens mit einer mittleren Reife von der Schule abgehen zu lassen. Mir ist klar, dass das nicht alle in 10 Jahren schaffen werden, und auch nicht alle in 11 oder 12, aber mit der entsprechenden Förderung könnten es sicher viele schaffen, die heute mit Hauptschulabschluss und ohne Chance auf eine Ausbildung in „Übergangsmaßnahmen“ verwahrt werden, heiße Kandidaten für Hartz 4 und Ein-Euro-Jobs sind und damit als Versager gesehen werden und dem Staat nur Kosten verursachen.
Wer für den Hauptschulabschluss mehr als zehn Jahre benötigt kann keine normale gewerbliche Lehre und keine Weiterbildung in vertretbarer Zeit absolvieren. Warum sollte ein Ausbildungsbetrieb sich sowas antun. Dann lieber die Arbeit so organisieren, dass sie auch von einem angelernten erledigbar ist.

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