Forum: Leben und Lernen
Chancengleichheit: Chantal hat keine Lobby
DPA

Das Bemerkenswerte an der neuen OECD-Studie: Sie bescheinigt einen Missstand, der seit Jahren bekannt ist. In Deutschland hängt der Schulerfolg stark vom Elternhaus ab. Der Wille, das zu ändern, fehlt.

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Blaue Fee 24.10.2018, 23:24
130. Generationen von Meritokratie in den Schulen

Zitat von Sibylle1969
Was hat denn die Förderung von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern mit gescheiterten Sozialismusexperimenten zu tun? ... Im Übrigen bin ich entsetzt, wie viele hier im Forum biologistisch argumentieren, dass das ganze Problem rein genetisch bedingt sei und dass man daher nichts machen könne. Man stelle sich mal als Gedankenexperiment vor, im Krankenhaus würden zwei Babys direkt nach der Geburt vertauscht, so dass das Kind von zwei Akademikern als Chantal im bildungsfernen Elternhaus und das Kind der bildungsfernen Eltern als Sophie im Akademiker-Elternhaus aufwächst. Die Gene sind nur ein Teil, die Umwelteinflüsse der andere.
Wir wissen inzwischen, dass nur 20% Nurture ca. 80% Nature gegenübersteht.
In Deutschland wurde über Jahrzehnte der Notendurchschnitt (also Lernerfolg) zum Auswahlkriterium, davor war es sogar ein Aufnahmetest fürs Gymnasium. Selbstverständlich wirkt sich das auf die Intelligenz (Nature) oder auch nur die Disziplin und den Fleiss (Nurture) der Nachkommen aus.

Gerade bei ostasiatischen bildungsfernen, aber bildungsaffinen Familien wirken sich die 20% in Form des "Rote-Learning" besonders aus.
Ich habe oft mit Kindern einfacher südkoreanischer Familien zu tun und diese sind grundsätzlich sehr diszipliniert, aufmerksam und haben nur in seltenen Fällen Schulprobleme. Chinesische Familien aus der Vor-Mao-Zeit haben sich in der Diaspora auch immer ausgezeichnet, gleiches gilt für Perser, die im Gegensatz zu anderen Einwanderern, meist aus der gehobenen Schicht stammten und den Wert einer hervorragenden Bildung schätzen.

Bei westeuropäischen oder US-amerikanischen Familien ist die Disziplin selbst bei bildungsaffinen Familien laxer, aber dies machen sie durch schnelle Auffassungsgabe wett (Nature), und ebenso durch Neugier, die ihnen die Eltern beibringen. Wenn der Urgrossvater schon Ingenieur war, ist es sehr wahrscheinlich, dass man im Haushalt anders lebt, d.h. liest, isst, seine Freizeit gestaltet, und eben schon seit Generationen auch einen ähnlichen Partner bevorzugt.

Es gibt in meinem Umfeld das Sprichwort, dass Erziehung und teilweise auch Bildung mit der Muttermilch aufgesaugt wird. Selbst adoptierte Kinder in Bildungshaushalten haben oft nicht den gleichen Lernerfolg wie ihre Adoptiveltern oder -Geschwister.

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moonshiner71 25.10.2018, 01:13
131. Weshalb

sollte Chantal eine Lobby bekommen? Sitzt sie nicht im selben Klassenzimmer wie ihre Mitschüler? Hat sie andere Lehrer und andere Aufgaben? Nein, ihr wird der gleiche Unterricht zu teil, wie allen Schülern ihrer Klasse. Es gab schon immer bessere und schlechtere Schüler, auch in homogen Klassen. Das ist nun mal so. Chantal braucht keine Lobby, aber andere Eltern, doch die kann man sich leider nicht aussuchen.

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dixfaelschersohn80 25.10.2018, 03:16
132. Individuell, verschieden...

Der Artikel spiegelt nur Vorurteile wieder. Und solange sie oft genug wiederholt werden, haben Kinder aus sozial schlechter gestellten Familien eine Ausrede um ihr Gewissen zu erleichtern. Sei es ja nicht ihre Schuld, dass sie in der Schule so schlecht abschneiden. Ich halte dies, gelinde gesagt, für Blödsinn. Meine Tochter zum Beispiel hat ihr Abitur mit einem Schnitt von 1,8 gemacht und studiert jetzt. Mein Sohn ist aktuell auf einer Gesamtschule und tendiert eher Richtung qualifiziertem Hauptschulabschluss. Möglichkeit zur mittleren Reife ist noch gegeben aber seine Prioritäten sind nun einmal anders gelagert, als es bei seiner Schwester gewesen ist. Dabei spielt noch nicht einmal die geistige Kapazität eine Rolle, da beide Intelligent sind. Das Problem ist es "den Hintern hoch zu bekommen". Während seine Schwester sich engagiert hat, hat er einfach keine Lust dazu. Ich selbst habe die mittlere Reife, sozial und finanziell ist unsere Familie eher vom Übergang Unter- zur Mittelschicht angesiedelt. Auch sonst kenne ich genug Beispiele in meinem ehemaligen und auch aktuellen Umfeld, wo Kinder verschiedener sozialer Schichten unterschiedlich gute oder schlechte Leistungen erbringen. Fazit: Studien spiegeln einen sehr kleinen Schnitt der Bevölkerung wieder, der mit Bezug auf das reale Leben keine Belastbare Anwendung findet. Mich würden eher Studien mal interessieren, der das gesamte Abbild der hier lebenden Bevölkerung abbildet. Mit freundlichem Gruß dixfaelschersohn80

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Blaue Fee 25.10.2018, 05:33
133. Vielleicht, vielleicht aber auch nicht

Zitat von tyll.spiegel
Hier im Forum liest man oft sinngemäß "Chancengleichheit ist bereits gegeben, wenn Eltern und Kinder nur wirklich wollen, dann kann jeder alles erreichen." Täusche ich mich, oder enthält diese Meinung eine Prise Zynismus? Erklärt man so einer alleinerziehenden Mutter mit drei Kindern und zwei Jobs, warum ihre Kinder in der Schule nur mäßig erfolgreich sind? Warum ist diese Meinung offenbar so häufig? Zwei Thesen dazu: Diese Meinung streichelt das eigene Ego, ICH habe es geschafft, ICH hatte den nötigen Willen... Außerdem ist diese Meinung bequem und günstig. Man muss sich keine Gedanken über Bildung und Gerechtigkeit machen und kein Geld in die Hand nehmen, um die Schulen und das ganze Bildungssystem zu verbessern. Ist die genannte Haltung ein Zeichen von umfassender Bildung? Ich denke nicht...
Wenn ich mir als Alleinerziehende in leitender Position nur ein Kind leiste, dann kann ich ihm wesentlich mehr (an-)bieten - auch mehr qualitative Zeit und Zuwendung - als beispielsweise die verheiratete Nachbarin, die nach zwei Kindern im Grundschulalter schon wieder schwanger ist und ihnen auch keine extracurriculare Aktivitäten angedeihen lässt, was man am Körperbau der Kinder sehen kann.
Das ist einfache Arithmetrik.

Gerade die Disziplin und das soziale Streben ostasiatischer oder jüdischer Familien beweist ja, dass es durchaus Chancen für alle gibt und bestimmte Menschen sie auch zu nutzen wissen.

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fördeanwohner 25.10.2018, 06:33
134. -

Zitat von Sibylle1969
Was hat denn die Förderung von Kindern aus bildungsfernen Elternhäusern mit gescheiterten Sozialismusexperimenten zu tun? Die bessere Förderung dieser Kinder, die NICHTS dafür können, wenn die Eltern ihrer Verantwortung nicht gerecht werden, ist nicht nur aus Gründen der Menschlichkeit geboten, sondern auch eine ökonomische Notwendigkeit: der Arbeitsmarkt verlangt immer höhere Qualifikationen, für gering Qualifizierte wird es immer weniger Jobs geben, die zudem nicht mehr auskömmlich sind, so dass Bildungsferne mit höherer Wahrscheinlichkeit vom Staat alimentiert werden müssen. Im Übrigen bin ich entsetzt, wie viele hier im Forum biologistisch argumentieren, dass das ganze Problem rein genetisch bedingt sei und dass man daher nichts machen könne. Man stelle sich mal als Gedankenexperiment vor, im Krankenhaus würden zwei Babys direkt nach der Geburt vertauscht, so dass das Kind von zwei Akademikern als Chantal im bildungsfernen Elternhaus und das Kind der bildungsfernen Eltern als Sophie im Akademiker-Elternhaus aufwächst. Die Gene sind nur ein Teil, die Umwelteinflüsse der andere.
Rein biologistisch wird hier nicht argumentiert. Es ist aber sehr wohl ein Faktor, der einen Einfluss hat. Das darf man weder leugnen noch als Rechtfertigung fürs Nichtstun nehmen.
Jedoch ist es egal, ob genetisch bedingt oder nicht, es ist schlicht nicht möglich durch Schule eine Chancengleichheit herzustellen. Mehr Chancen, aber eben keine absolute Chancengleichheit.
Die Prägung von Kindern passiert doch lange vor dem Schuleintritt. Im Prinzip müsste der Staat die ersten Lebensjahre überwachen und nach drei-vier Jahren entscheiden, welche Kinder in eine Art Totalbetreuung, sagen wir 8 bis 12 Stunden am Tag, aber auch am Wochenende und in den Ferien, überstellt werden. Da das gegen das GG verstieße, müsste es für alle Kids gelten. Und da das niemand - verständlicherweise - mitmachen möchte, werden Kinder aus bestimmten Familie nie Chancengleichheit erfahren.
Dass es immer wieder Kinder auch schaffen, sollte uns reichen, eine möglichst weitreichende und intensive Förderung vorzunehmen. Der Kostenfaktor sollte keine Rolle spielen, da es um Menschen geht!
Aber aus einem weniger intelligenten Kind wird man niemals eine/n Akademiker/in machen können. Ja, das ist biologistisch, aber doch auch wohl schlicht und einfach eine Tatsache, oder nicht?

Was mich an dieser ganzen Diskussion bzw. Berichterstattung stört, ist, dass wir immer nur lesen in Deutschland sei es so schlimm. Das ist de facto nicht so. Oder meint hier jemand, dass es in Frankreich, GB, Polen, Honduras, China usw. wirklich besser ist?

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zeisig 25.10.2018, 08:18
135. Und an wen geht der Vorwurf?

". . . . Zu Hause gibt es wenig Geld, wenig Bildung, wenig Bücher ".
So steht's in dem Beitrag. Aber schuld ist nicht etwas das Elternhaus, nein, schuld sollen mal wieder die Politik und die Mehrheit der Gesellschaft sein. Typisch. Nur nicht die individuelle Schuld der Betroffenen sehen wollen. Doch, bei uns herrscht sehr wohl Chancengleichheit. Jeder hat das Recht, eine höhere Schule zu besuchen und zu studieren. Aber wollen und können muß man schon selbst, das kann der Staat nicht auch noch übernehmen.

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stoffi 25.10.2018, 08:31
136.

Zitat von andmy_
Die Chancen sind da, nur können die Meisten diese nicht nutzen. Ich bin ein Migrantenkind, mein Weg: keine Sprachkenntnisse -> Hauptschule 10B -> Gymnasium -> Studium -> guter Job hat auch schon vor 20 Jahren funktioniert, auch ohne Nachhilfe. Und auch bei meinen Geschwistern. Dabei sind wir wirklich keine Wunderkinder und reich waren wir auch nicht.
Danke für ihren Beitrag. Ich kann das bestätigen. Als allein erziehende Mutter mehrerer Kinder habe ich erlebt, wie viele Eltern keinen Wert auf Bildung ihrer Kinder legten. Meine Kinder haben studiert und ich habe mich gekümmert, obwohl es mit zwei Jobs nicht einfach war.
Heute versucht man oft, eigenes Versagen anderen in die Schuhe zu schieben.
Da gibts ein Sprichwort:,, jeder ist seines eigenen Glückes Schnied"
Wer will, findet auch Wege
Würde man Kinder aus den Familien nehmen und in Internate stecken, damit sie aus ihrem Milieu rau kommen, ging eine ganze Nation auf die Strasse. In asozialen Familien wird sich nichts änder und dort haben die Kinder das Nachsehen. Das ist traurig, aber nicht von aussen zu ändern.Gleiche Chansen gibt es, man muss sie nur nutzen

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Emil Peisker 25.10.2018, 10:10
137. Vorsätzlich ignorierte Genetik...

Zitat von Blenni
Natürlich ist Intelligenz zu einem gewissen Grad angeboren. Das wird schon dadurch bedingt, dass die Ausbildung der Nervenzellen durch eine genetische Wirkungskette erfolgt (Kausalität, die ihnen ja so wichtig ist). Grundsätzlich gibt es aber auch den Ansatz, dass Neugeborene wie ein leeres Gefäß sind: Mit dem Zeitpunkt der Geburt besitzt der Mensch nachgewiesenermaßen die meisten Nervenzellen - zu diesem Zeitpunkt weitestgehend unverzweigt. Mit „Lernen“ werden Nervenzellen vernetzt, und das gelingt vor allem in der Zeit bis zum 8 Lebensjahr am Besten. Nach der Pubertät nimmt die Verzweigungsgeschwindigkeit ab. Gleichzeitig sinkt die Anzahl der Neuronen. Über bleiben die durch „Erfahrung und Lernen“ stark verzweigten Gehirnareale. Wird nun ein Kind in der Kindheit nicht adäquat gefördert (oder besser: Buch vorlesen, Speiel spielen, in den Wald gehen, mit Freunden treffen, erziehen, bei den Hausaufgaben helfen...), wird das Gehirn die erforderlichen Neuronen nicht ausreichend vernetzten.
Ihr Sichtweise ist die Folge einer politisch unterstützten These, die behauptet, dass die Umwelt für die alleinige Prägung eines Individuums verantwortlich ist.
Dabei ist es wissenschaftlich untersucht und bewiesen, dass genetische Anlagen und Umwelt gemeinsam diese Wirkung erzeugen.

Beispiel: Zwillingsfoschung.

Es würde zu weit gehen, hier mit Ihnen eine sinnvolle Diskussion zu führen, denn bei ideologisch geformten Überzeugungen bleiben wissenschaftliche Erkenntnisse auf der Strecke, weil der Ideologe "glaubt" und sein Wissen nicht auf Wissenschaft aufbaut.

Ähnlich wie bei Klimawandelleugnern.

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tyll.spiegel 25.10.2018, 11:12
138. Systematik

Hier im Forum finden sich mehrere Typen von Beiträgen mit zentralen Aussagen wie:
1. Die Gene sind schuld, da ist eh´ nix zu machen.
2. Die Eltern sind schuld, da ist eh´ nix zu machen.
3. Alles kein Problem, ICH habe es doch auch geschafft!

Zu 1. mag sein, aber die Umwelt spielt auch eine Rolle.
Zu 2. mag sein, aber die sonstige Umgebung (z.B. Schule) ist doch wohl auch nicht völlig ohne Wirkung.
Zu 3. freut mich, aber es gibt eben auch reichlich Menschen, die es nicht geschafft haben, nur schreiben die selten im Spiegel-Forum.

Bei all´ diesen Beiträgen verstehe ich aber nicht, wo da das Argument ist. Es geht hier um die Verbesserung des deutschen Bildungssystems, das ja ganz offensichtlich nicht so gut ist wie es sein sollte. Inwiefern stellen die oben genannten "Einwände" denn sachhaltige Argumente gegen die Forderung "Deutschlands Schulen müssen besser werden" dar? Was spricht dagegen, endlich das deutsche Bildungssystem zu verbessern? (Aus meiner Sicht ist die interessante Frage die nach dem "Wie?"!)Anschließend kann man dann ja überprüfen, ob es was gebracht hat, aber von vornherein dringend nötige Veränderungen mit Bedenken abwürgen, das erinnert wirklich an die Klimawandel-Leugner...

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Kurt-C. Hose 25.10.2018, 11:27
139. Chantal

Chantal hats nicht schwer, weil sie nicht die gleichen Chancen hätte, sondern weil ihre Eltern sie ihr verbauen. Ein schlechtes Elternhaus kann der Staat nicht ausgleichen. Und das muss er auch nicht. Bildungschancen müssen auch genutzt werden. Das Problem sind nicht ungleiche Chancen, sondern eine weit verbreitete Bildungsverachtung. Die Schule ist kein Reparaturbetrieb für alles, was ansonsten in der Gesellschaft und in den Elternhäusern schiefläuft. Irgendwo sind auch mal die Eltern gefragt - das nennt man Eigenverantwortung.

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