Forum: Leben und Lernen
Ende einer Kult-Kneipe: Servus, ranziges München

Sie ist mit das letzte schmutzige*Stück*München: Der Kultkneipe Schwabinger 7 droht die Abrissbirne. Drei Münchner Studenten versuchten, das Bierlokal zu retten - und legten sich mit dem Oberbürgermeister an. Beistand kam ausgerechnet von der ordnungsliebenden CSU, am Ende half alles nichts.

Seite 1 von 6
feuercaro1 29.06.2011, 13:24
1.

Ja, es ist eine Schande.
Die gleiche Schande, die sich Hamburg gerade mit dem Schanzenviertel leistet und sich auf der Fleetinsel bereits geleistet hatte.
Berlin kommt auch noch dran - allein die schiere Größe und die Mittelverdichtung hat das bislang einigermaßen verhindert.
Und wer bitte hat das Märchen aufgebracht, die SPD würde die Gentrifizierung nicht fördern?
In Hamburg haben 44 Jahre SPD mehr Vernichtung historischer Bauten und damit auch Atmosphäre verursacht, als man sich vorstellen kann. Die paar Jahre CDU danach haben den sozialen Wohnungsbau auf nahe Null gebracht - prima. Das Ergebnis ist akute Wohnungsnot und verzweifelte innerstädtische Bewohner, die erbittert darum kämpfen, in ihren alten Vierteln wohnen bleiben zu können.

Die Vorstellung, das Leute mit kleinerem Einkommen in die Schlafstädte am Stadtrand ziehen müssen, während die akademisch gebildeten Besserverdiener sich deren alte Stadtviertel krallen, weil es dort so schön kreativ und original basic duftet, ist leider Wirklichkeit geworden.

Der Duft wird verfliegen, Schickiladen für Schickiladen.

Es ist eine SCHANDE!

Beitrag melden
RobinB 29.06.2011, 13:27
2. .

Schade, Profitgier hat wieder gegen die Anwohner gewonnen!

Ich habe das jetzt schon zweimal selber mitgemacht: nachdem man ueber 10 Jahre wo wohnt und sich an die schrulligen Einzigartigkeiten des Stadtteils gewoehnt hat, kommt irgendein Investor, reisst alles nieder und baut Spekulationsobjekte mit ein Paar "Starbucks" dazwischen. Und schon sieht alles aus, wie ueberall sonst auch.

Die Mittel hierzu sind oft sehr dubios. "Denkmalgeschuetzte" Bauten kann man zum Beispiel einfach verrotten lassen, bis man "aus Sicherheitsgruenden" zum Abriss "gezwungen" ist. Einzelne Widerspenstige koennen "zum Wohle der Gemeinschaft" enteignet werden. Die Anwohner werden jedenfalls selten gefragt, was sie gerne haetten.

Zeit zu verschwinden!

Beitrag melden
README.TXT 29.06.2011, 13:32
3. Verfilzete Kneipe erhaltenswert?

Nur weil ein paar Dauerstudenten ihr Wohnzimmer genommen wird und sie jetzt als Alternative mal nicht in der Kneipe rumgammeln sondern sich z.B. in der Bib die Nächte um die Ohren hauen könnten? Nur weil ein paar alte Promis dort vor 30 Jahren sich die Birne vollgedröhnt haben? Und sowas wird als erhaltenswerte Kultur verkauft? Ja wo samma denn?

Weg mit dem versyphten Ding, ein echter Schandfleck ist das.

Beitrag melden
LurchiD 29.06.2011, 13:49
4. Feilitzschstraße 7

Zitat von feuercaro1
Die Vorstellung, das Leute mit kleinerem Einkommen in die Schlafstädte am Stadtrand ziehen müssen, während die akademisch gebildeten Besserverdiener sich deren alte Stadtviertel ......
Die Schwabinger Sieben war aber nie etwas "altes".

Sie war ein provisorischer Schuppen in einer Brache, die der Weltkrieg geschlagen hatte, und ebenso provisorisch sahen in den guten alten Achzigern die zahnluckerten, aus den drogenhaltigen Siebzigern übriggebliebenen Stammgäste mit dem glasigen Blick denn auch aus. Das Klo war oft verstopft, und dann hat man sich halt in den Hof entleert. Die Musik war laut, und zu trinken gab es statt einem anständigen Bier Löwenbräu.

Später wurden dann die Studenten und auch die Gäste der Schwabinger 7 wieder so gesittet wie vor '68 (siehe das Foto Nr.1 über dem Artikel); der Zauber des Wilden und Unbürgerlichen war dann schon vor zehn Jahren vorbei, und der Kenner fragt sich, was man denn da heutzutage noch schützen will, ist doch der Zeitgeist der Siebziger und Achziger ja schon längst in alle Winde verflogen.

Beitrag melden
a.weishaupt 29.06.2011, 13:59
5. Ein Lösungsansatz

Das Gebäude wurde vermutlich mal als (Bomben-)Lückenfüller auf einem Trümmergrundstück gebaut.

Also warum nicht folgendes: alte Archivfotos herausgekramt und der ursprüngliche Bau, vermutlich aus der Gründerzeit, wieder aufgebaut. Die Kneipe kann wieder ins Erdgeschoss einziehen, und für den Investor sollten die Wohnungen darüber und im Hinterhaus die gewünschte Rendite abwerfen.

Wahrscheinlich wird aber wieder einer dieser gesichtslosen Glaskästen hingeklotzt.

Zum Thema Gentrifizierung: man muss sich nicht wundern über überfüllte Altbauviertel, wenn 90% davon zerstört und nicht wieder aufgebaut wurden. Hammerbrook und selbst Rothenburgsort wären heute in Hamburg wohl angesagte Viertel, wenn sie nicht abgebrannt wären. Statt dessen schlagen sich die Leute auf der Ostseite um ein paar kümmerliche Reste in Winterhude und Hohenfelde. Der Rest besteht aus zu Rennstrecken ausgebauten Hauptstraßen und hellhörigen, hässlichen und nierigen 50er-Jahre-Backsteinbauten. Ab und zu erinnert mal ein wie ein Turm herausstehender Altbau an die ehemalige Pracht in Wandsbek, Eilbek und sogar Hamm oder Horn.

Beitrag melden
Der Markt 29.06.2011, 14:07
6. .

Das ist schade. Die 7 ist einer der wenigen ertragbaren Läden in der Schicki-Micki Stadt München. Habe da manchen Krug gestemmt. Na ja, alles was anderes ist, wird niedergemacht und dem Mainstream angepasst. Es lebe der Einheitsbrei.

Beitrag melden
feuercaro1 29.06.2011, 14:16
7. Klarstellung

An die Foristen, de hier schreiben, dass die "Schwasi" nicht "alt" und deshalb auch nicht erhaltenswert ist:
Ich hab mir die Fotos angesehen. Sicher ist der Bau nciht alt und über Schönheit läst sich sreiten.
Mein Punkt ist aber ein anderer:
Wenn Menschen aus einem Viertel ihr Viertel beleben, indem sie dort Nischen fördern, in denen sich ungenormtes Leben entfalten kann, so ist dies etwas, was das Viertel lebenswert macht.

In Hamburg gibt es z.b. den Club "Waagenbau", der sich in einer alten Eisenbahnbrücke etabliert hat, oder das "logo" in einem hässlichen 60er Jahre Bau...Das "Machwitz" und das alte "Molotow" sind bereits Geschichte.
Es kommt nicht auf das Alter der Gebäude oder ihre Ästhetik an. Allein ausschlaggebend ist der vierteltypische Charakter des Etablissements dort und sein Wert für die dort ansässige Szene. In genau dem Moment, indem die Menschen sich vehement für den Erhalt einsetzen, ist die Daseinsberechtigung nachgewiesen.

Beitrag melden
RobWe 29.06.2011, 14:27
8. ...

Zitat von LurchiD
... Später wurden dann die Studenten und auch die Gäste der Schwabinger 7 wieder so gesittet wie vor '68 (siehe das Foto Nr.1 über dem Artikel); der Zauber des Wilden und Unbürgerlichen war dann schon vor zehn Jahren vorbei, und der Kenner fragt sich, was man denn da heutzutage noch schützen will, ist doch der Zeitgeist der Siebziger und Achziger ja schon längst in alle Winde verflogen.
Nun, im Grunde haben Sie zwar Recht, der Versuch ein bestimmtes Lebensgefühl zu konservieren geht sowieso meißtens gründlich schief - siehe Hamburger Hafenstraße, die mittlerweile den Charme eines niederbayerischen Freiluft-Bauernmuseums ausstrahlt. In München haben wir aber ein besonderes Problem. Während in anderen Städten, wie in Berlin und sogar noch Hamburg, die Szene in andere Viertel ausweichen kann, gibt es in München keine "günstigen" Stadtteile mehr und genau deshalb kann man schon wehmütig werden, wenn man sieht was in Schwabing oder dem Glockenbachviertel gerade geschieht.

Beitrag melden
everlast_11 29.06.2011, 14:33
9. Blödsinn

Zitat von README.TXT
Nur weil ein paar Dauerstudenten ihr Wohnzimmer genommen wird und sie jetzt als Alternative mal nicht in der Kneipe rumgammeln sondern sich z.B. in der Bib die Nächte um die Ohren hauen könnten? Nur weil ein paar alte Promis dort vor 30 Jahren sich die Birne vollgedröhnt haben? Und sowas wird als erhaltenswerte Kultur verkauft? Ja wo samma denn? Weg mit dem versyphten Ding, ein echter Schandfleck ist das.
So eine alte, abgefuckte Kneipe, in der ich ein anständiges Bier bekomme, ist mir allemal lieber als Latte Macchiato Frappucchino Karamel sonst was trinkende Snobs in einem Starbucks, wie ich es mittlerweile an jeder Ecke finde!
Und nein, Student bin ich schon lange nicht mehr!

Beitrag melden
Seite 1 von 6
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!