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Ende einer Kult-Kneipe: Servus, ranziges München

Sie ist mit das letzte schmutzige*Stück*München: Der Kultkneipe Schwabinger 7 droht die Abrissbirne. Drei Münchner Studenten versuchten, das Bierlokal zu retten - und legten sich mit dem Oberbürgermeister an. Beistand kam ausgerechnet von der ordnungsliebenden CSU, am Ende half alles nichts.

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RobWe 30.06.2011, 11:59
40. ...

Zitat von plietsch
Nur weil man derzeit jede nachvollziehbare Veränderung ablehnt, sollte man geistig zumindest so weit sein, daß man sich vorstellen kann, daß die Welt vor (bzw. Stadt) vor 60 Jahren eine andere war. Kleine Exkursion gefällig, um den Trugschluß mal genauer zu betrachten? ...
Da ist Ihnen eine durchaus stimmige Zusammenfassung gelungen.

Veränderungen sind eben Bestandteil und Voraussetzung für die Entwicklung dynamischer Städte, das bedeutet aber eben leider auch, dass sich nicht immer alles zum Besseren entwickelt.

Nebenbei bemerkt, Stadtviertel (selbst in München) verändern sich nicht ausschließlich deswegen, weil renditesüchitge Immobilienhaie neue Shops, Büros und Wohnungen für Krawattenträger hochziehen wollen, sondern im Regelfall geht dieser Form von Gentrifizierung eine bestimmte Entwicklung voran. Immer wenn sich in einem Stadtviertel eine eigene, von einer Vielzahl von Menschen als interessant erachtete Szene entwickelt, zieht das auch viele eigentlich szenefremde Menschen an. Schön zu beobachten an der Entwicklung auf der Schanze/Hamburg, die ab einen gewissen Zeitpunkt eine Menge selbsternannter Szenegänger (vornehmlich aus dem Umfeld der in Hamburg reichlich vertretenen Werbeagenturen ) angezogen hat. Im Münchner Glockenbachviertel waren es auf einmal die alternativ angehauchten, aber durchaus gut verdienenden Familien, die es ganz toll und chic fanden, sich im Umfeld der als besonders kreativ geltenden Homosexuellen-Szene niederzulassen. Berlin-Kreuzberg wird gerade auf ganz ähnliche Weise „zu Tode geliebt“. Die Renditespezialisten werden meistens erst dann auf den Plan gerufen, wenn diese Stufe der Entwicklung bereits vollzogen ist. So gesehen steckt in der ganzen Gentrifizierungsdebatte auch eine ganze Menge an Scheinheiligkeit.

Stadtviertel in Großstädten verändern im Laufe der Jahre ihr Gesicht, das ist nicht aufzuhalten und geschieht auch in Manhatten, Paris, London, usw. Wem das in München, Hamburg oder Berlin zu schnell geht, der kann ja auf Freiburg, Rosenheim, Münster, etc. ausweichen, obgleich man auch dort von dynamsichen Veränderungen nicht verschont bleibt - nur halten sich bestimmte Zustände in kleineren Städten (manchmal) eben länger.

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moex 30.06.2011, 12:43
41. .

Ich geh zwar eher ins Abseits,aber ist trotzdem schade um die Schwasi,sie hatte einen besonderen Charme.Das Viertel um die Feilitzstraße ist eines der wenigen,das bisher von den typischen BWLer Yuppies eher verschont blieb.Aber nicht verwunderlich in München,die Stadt wird zunehmend künstlicher...

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guhgsiök 30.06.2011, 12:44
42. zwei hard facts dazu,

die die diskussion zumindest in bezug auf die schwasi etwas obsolet machen:
1. der standort der schwabinger 7 ist eh schon der zweite, ursprünglich war sie in der occamstrasse.
2. draussen hängt jetzt ein schild, daß sie in ein paar tagen 100 meter weiter rechts wiedereröffnet... (schwarz angestrichen ist schnell, ob sie dann erfolgreich weiterexistiert, liegt einzig im verhalten ihrer szene)

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a.weishaupt 30.06.2011, 15:16
43. Nur ein Witz

Zitat von bicyclerepairmen
Und das ist in HH genau nicht geschehen, basierend auf den Witz das nach dem WK mehr historische Bausubstanz verloren gegangen ist als dato durch Bomberharris.
Das allerdings ist wirklich nur ein Witz und hat mit der Realität nichts zu tun. Das muss einem schon klar werden, wenn man die Riesenmasse der 50er-Jahre-Backsteinblöcke im Osten sieht, deren Bau Anfang der 50er die größte Baumaßnahme der Welt. In Hammerbrook, jetzt ein ödes Industriegebiet, waren die am dichtesten besiedelten Bereiche Hamburgs. An Wohnbauten wurde 80-90% des Bestandes zerstört, und da sind die verschonten Teile im Westen mit eingerechnet.
Man kann sagen, dass die Stadt vernichtet wurde und es bis heute geblieben ist. Ein paar Reste in Winterhude, St. Georg und im Westen durch den gescheiterten letzten Angriff ändern daran nichts. Das gilt für fast alle deutschen Großstädte und alle Millionenstädte außer Leipzig.

Zitat von
Und schöne Grüsse aus Barmbek - wo übrigens, wenn dieses Gebaüde in Eppendorf stehen würde, wohl nicht demnächst abgerissen werden würde...
Wo genau steht denn das? Links hinter Wandsbek Markt am Hotel war ja auch ein sehr schicker Altbau, wohl noch vor der Kaiserzeit entstanden, der einfach abgerissen wurde.

Und zum Thema Veränderung, natürlich verändern sich auch Städte anderswo. Aber sie haben nicht auf einen Schlag ihren Charakter verloren und sind nicht zum Gegenstand von durch Utopien geleitetem baulichem Wahnsinn geworden. Die Zerstörungen kamen leider genau zum richtigen Zeitpunkt, um die Basis für eine unglaubliche Fehlentwicklung zu legen.
In Deutschland wohnt man heute besser auf dem Land.

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a.weishaupt 30.06.2011, 15:23
44. Nicht ganz

Zitat von RobWe
Schön zu beobachten an der Entwicklung auf der Schanze/Hamburg
Schön zu beobachten ist dort nur, dass der völlig verfehlte "Wiederaufbau" langweilige und hässliche Schlafviertel geschaffen hat, sonst würde sich das alles nämlich entzerren, weil man neben der Schanze noch weitere 60-80 km² an ähnlichen Vierteln zur Auswahl hätte.

Zitat von
Stadtviertel in Großstädten verändern im Laufe der Jahre ihr Gesicht, das ist nicht aufzuhalten und geschieht auch in Manhatten, Paris, London
In Manhattan oder London war ich nicht, aber Paris sieht heute noch im Wesentlichen wie Mitte-Ende des 19. Jahrhunderts aus. Weil es sich dauernd und ständig verändert hat. Ist klar. ;)
Paris zeigt übrigens eindrucksvoll, dass die klassische Siedlungsbauform zeitlos ist und sich nicht umsonst über lange Zeit zu dieser Form entwickelt hat. Sie passt sich der aktuellen Zeit mit gewissen Änderungen (z.B. U-Bahn-Bau, Hinterhoffabriken zu Künstlerateliers) problemlos an.

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bicyclerepairmen 30.06.2011, 17:10
45. Freie und Abrissstadt Hamburg

Zitat von a.weishaupt
Das allerdings ist wirklich nur ein Witz und hat mit der Realität nichts zu tun. Das muss einem schon klar werden, wenn man die Riesenmasse der 50er-Jahre-Backsteinblöcke im Osten sieht...
Sicher war das ein Joke, nur hat sich die Stadt, deren Planer und Investoren über Jahre einen Dr... um den Erhalt alter Bausubstanz geschert die der Krieg übrig gelassen hat.

Man könnte ja nachvollziehen das im Nachkriegs Hamburg oder max. 10-15 später andere Prioritäten vorlagen - nur war der Neusprech Approach noch in den 80er Jahren exakt der Gleiche, eigentlich bis Heute.

Und das natürlich verstärkt in Stadteilen wie Altona, St. Pauli etc.und das ist nun mal Fakt - aber selbet in der City, siehe Abriss der Hallerbauten in der Innenstadt http://de.wikipedia.org/wiki/Europa_Passage, oder die Reste Neumühlens http://www.bildarchiv-hamburg.de/suche/Neum%C3%BChlen 41/257_3932+Historische+Bebauung+an+der+Elbtreppe+-+im+Hintergrund+ein+moderner+B%C3%BCroklotz deren Erehalt hoffentlich jetzt feststeht.

Hier eine ältere, kleine aber nette Zusammenfassung der "Bebauungsethik" in Hamburg
http://www.welt.de/print-welt/articl...t_Hamburg.html

Zitat von a.weishaupt
Wo genau steht denn das? Links hinter Wandsbek Markt am Hotel war ja auch ein sehr schicker Altbau, wohl noch vor der Kaiserzeit entstanden, der einfach abgerissen wurde.
Fuhlsbütteler Str. Höhe ca. Nr.334...


Zitat von a.weishaupt
Und zum Thema Veränderung, natürlich verändern sich auch Städte anderswo. Aber sie haben nicht auf einen Schlag ihren Charakter verloren und sind nicht zum Gegenstand von durch Utopien geleitetem baulichem Wahnsinn geworden...
Sicher, ich bin auch kein Anhänger irgend eines konservierten Disneylands. Allerdings wären Städte wie etwa Strassburg etc. niemals in dem Stand wie heute hätten hier Hamburger Pfeffersäcke und/oder die heutigen globetrottenen Lifestyler das Sagen gehabt.

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RobWe 30.06.2011, 18:35
46. Paris

Zitat von a.weishaupt
... In Manhattan oder London war ich nicht, aber Paris sieht heute noch im Wesentlichen wie Mitte-Ende des 19. Jahrhunderts aus. Weil es sich dauernd und ständig verändert hat. Ist klar. ;) ...
Paris? Wie schön das Sie das erwähnen, da verbringe ich beruflich bedingt sehr viel Zeit. Eine wirklich faszinierende Stadt. Ihre Aussage dass die Stadt heute noch im Wesentlichen wie Mitte-Ende des 19. Jahrhunderts aussieht halte ich allerdings für sehr gewagt. Diesen Eindruck kann man vielleicht bekommen wenn man sich ausschließlich im Quartier Latin und vergleichbar touristisch herausgeputzten Ecken aufhält und sonst fest die Augen zukneift ;-) Haben Sie z.B. schon mal vom Triumphbogen in Richtung La Défense geschaut …

Allerdings lässt sich tatsächlich nicht leugnen, dass es für die städtebauliche Entwicklung von Paris klare politische Vorgaben gibt, die allerdings ebenfalls nicht in der Lage waren und sind, Exzesse auf dem Immobilienmarkt zu verhindern.

Noch ein weiterer kleiner Hinweis: Hamburg und Paris lassen sich städtebaulich nicht wirklich vergleichen, da Paris immer eine Residenzstadt war, wohingegen Hamburg immer eine freie Bürgerstadt war. Das schlägt sich auch in unterschiedlichen Ansätzen bei der Stadtentwicklung nieder.
Bei aller Unterschiedlichkeit gibt es aber auch eine große Gemeinsamkeit: Das Thema Gentrifizierung wird in Paris genauso heiß diskutiert wie in Hamburg, München und Berlin - weshalb wohl?

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RobWe 01.07.2011, 09:50
47. soziale Brennpunkte

Zitat von bicyclerepairmen
... Allerdings wären Städte wie etwa Strassburg etc. niemals in dem Stand wie heute hätten hier Hamburger Pfeffersäcke und/oder die heutigen globetrottenen Lifestyler das Sagen gehabt.
Sie meinen, dann würde es keine "sozialen Brennpunkte" in den Banlieus mehr geben und deren Bewohner könnten sich die hübschen, innenstadtnahen Wohnungen mit Blick auf das Münster leisten?
Na, soviel traue die den Hamburger Pfeffersäcken dann auch wieder nicht zu ;-)
Ich glaube Sie reduzieren Stadtentwicklung gerade auf die bauliche Stadtplanung.

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bicyclerepairmen 01.07.2011, 10:19
48. ..

Zitat von RobWe
Sie meinen, dann würde es keine "sozialen Brennpunkte" in den Banlieus mehr geben und deren Bewohner könnten sich die hübschen, innenstadtnahen Wohnungen mit Blick auf das Münster leisten?
Wie kommen Sie darauf das ich diese negiere ? Ob nun in F oder in D und hier HH kennt keiner der Politiker oder generell der Entscheider die sozialen Brennpunkte. Das ist doch klar.
Es geht auch überhaupt nicht um "hübsche", innenstadtnahen Wohnungen...
Zitat von RobWe
Na, soviel traue die den Hamburger Pfeffersäcken dann auch wieder nicht zu ;-)
Da wäre ich mir an Ihrer Stelle nicht so sicher.

Zitat von RobWe
Ich glaube Sie reduzieren Stadtentwicklung gerade auf die bauliche Stadtplanung.
Warum nicht. Der Ölschock z.B. hat in den 70er Jahren in Hamburg die angedachte, durch Stadteile sich schneidenen Schnellstraßen verhindert. Ein Segen für "minderbemittelte" Bezirke wie Altona, Ottensen, St. Pauli die hier am meisten betroffen gewesen wären.

Übrigens, die Stadteile, resp. Wohnorte der "Hamburger Pfeffersäcke" wurden schon Anfang der 1950er Jahre baulich als besonders Schützenswert eingestuft.
Kein Wunder, hatten Sie doch im Krieg am wenigsten zu leiden. ( Elbchaussee, 8.5 Km lang, 2 einzige Volltreffer..)

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RobWe 01.07.2011, 11:46
49. Milieuschutz

Zitat von bicyclerepairmen
... Übrigens, die Stadteile, resp. Wohnorte der "Hamburger Pfeffersäcke" wurden schon Anfang der 1950er Jahre baulich als besonders Schützenswert eingestuft...
Und hat diese Massnahme dazu beigetragen erschwinglichen Wohnraum zu erhalten, oder auch nur eine enzige Schließung einer Kultkneipe verhindert - sofern es so etwas am Mittelweg überhaupt jemals gab ;-)
Sehen Sie, der Punkt ist doch folgender: Sicherlich ist es richtig schützenswerte und für ein Stadtviertel typische Bausubstanz zu erhalten, oder dies zumindest zu versuchen. Das verhindert aber leider trotzdem nicht, dass bestimmte Stadtviertel Ihr Gesicht und die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung verändern und bestimmte "Szenen", samt der zugehörigen Kneipenkultur verschwinden.

Mitunter führt der "Bewahrungsversuch" sogar erst recht dazu, dass die Immobilienpreise explossionsartig steigen, wenn der Zuzug in ein bestimmtes "In-Viertel" dauerhaft weiter anhält und eben nicht genug Wohnraum vorhanden ist - siehe Gärtnerplatzviertel in München. Gerade in München hat man in der Vergangenheit (was ich persönlich auch sehr begrüße) vielfach von dem Instrument der Erhaltungssatzung (http://de.wikipedia.org/wiki/Erhaltungssatzung) Gebrauch gemacht, was letztlich zwar die städtebaulichen Eigenarten z.B. im Lehel, oder der Maxvorstadt geschützt hat, aber zum sog. Milieuschutz nichts beitragen konnte.

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